23. August 2004,
Frankenpost
Musik, Konfetti
und Luftballons
„WUNSIEDEL IST BUNT“
von P. Biczyskop
"Wunsiedel ist bunt, nicht braun" - mit lautstarken und
friedlichen Aktionen brachten rund 1000 Bürger und vor allem
die Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus ihren Unmut über
den Aufmarsch der Neonazis in der kleinen Fichtelgebirgsstadt zum
Ausdruck. "Mit Wegschauen werden wir dieses Problems in dieser
Dimension nicht mehr Herr", verdeutlichte Diakonin Andrea Heußner,
der Kopf der Jugendinitiative.
Während sich die Stadt schon am frühen
Vormittag mehr und mehr mit Neonazis aus über 20 Nationen füllte,
lauschten etwa 50 Besucher den Ausführungen von Michel Reuillon
aus Mende vom französischen Franz-Stock-Komitee in der Fichtelgebirgshalle.
In seinem Vortrag "Abbé Franz Stock - der Seelsorger
in der Hölle" berichtete er von den Greueltaten während
des Nazi-Regimes.
Von den Greueltaten selbst konnten sich die
vielen Besucher eines Open-Air-Gottesdienstes auf dem Jean-Paul-Platz
ein Bild machen. Rund um den Platz hingen an Kirche und evangelischem
Gemeindehaus erschreckende, großformatige Fotos, die an die
Verbrechen der Nazis erinnerten.
Unter diesen Bildern zelebrierten die Pfarrer
Jürgen Schödel und Günther Vogel zusammen mit Andrea
Heußner den Gottesdienst "Frieden ist Tat-Sache",
an dem etwa 500 Menschen teilnahmen. "Noch immer dürfen
Täter verherrlicht und Opfer verspottet werden", klagten
die Geistlichen an, während über ihren Köpfen donnernd
der Polizeihubschrauber kreiste. Auch als strömender Regen
einsetzte, beteten die Gottesdienstbesucher darum, dass der braune
Spuk endlich ein Ende haben möge. Getreu dem Veranstaltungsmotto
ließen sie abschließend 3000 bunte Luftballons gen Himmel
steigen.
Nach der Musik der Gruppe "Olduwai"
ging es mit Musik auf dem Marktplatz weiter, wo die Gruppe "Chicken
Hot Pot" aufspielte. Hier warteten bereits zahlreiche Bürger
auf die Kundgebung gegen die braune Besetzung der Stadt. Auch hier
trotzten die Menschen - es zeigten sich auch viele Besucher aus
der Region solidarisch - dem Regenguss. Viele flüchteten sich
ins Rathaus, wo, wie gewohnt, die Samstagsaktion "Mittag am
Markt" über die Bühne ging.
"Wunsiedel ist bunt" - das bekamen
die Rechtsradikalen bei ihrem Marsch nach der Protestkundgebung
auf dem Marktplatz hautnah zu spüren. Zahlreiche Transparente
hoch über den Köpfen der Heß-Anhänger signalisierten
in bunten Lettern "Nazis sind Narren" und "Nazis
raus". Eine Kanone spuckte aus einem Dachfenster unter dem
Beifall der von der Polizei abgeschotteten Gegendemonstranten pausenlos
buntes Konfetti auf die Neonazis, als diese den Markplatz passierten.
Als der Spuk vorbei war, machten sich
20 Jugendliche, bewaffnet mit Besen und in Straßenfegeruniform,
auf, "den braunen Dreck symbolisch aus der Stadt hinauszufegen"
up
23. August 2004, Frankenpost
Massiver Widerstand gegen Nazi-Aufmarsch
und 118 Festnahmen
von P. Biczyskop
"Zum ersten Mal in Deutschland ist es gelungen, die europäische
Jahreshauptversammlung der Rechtsextremen’ wirkungsvoll zu
stören." Dieses Fazit zog Wunsiedels Bürgermeister
Karl-Willi Beck am Samstagabend, nachdem der braune Spuk vorbei
war. Er selbst hatte sich zusammen mit rund 200 Wunsiedlern dem
Umzug der rund 4500 Neonazis in den Weg gesetzt. Eine gute halbe
Stunde blockierten Beck, der Stadtrat, Vertreter der Kirche und
die Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus den Nazi-Marsch vor
dem Landratsamt mit dem unentwegten Ruf "Wo Unrecht zu Recht
wird, wird Widerstand zur Pflicht". Unter Androhung rechtlicher
Konsequenzen räumte der bürgerliche Widerstand das Feld.
Abgeschirmt von großem Polizeiaufgebot protestierte auch die
"Antifa" gegenüber dem Marktplatz gegen den Aufmarsch
der Neonazis in Wunsiedel. Vereinzelte Auseinandersetzungen zwischen
"Rechten" und "Linken" konnten laut Polizei
bereits im Anfangsstadium durch den schnellen Einsatz der zirka
1500 Einsatzkräfte der Polizei unterbunden werden. "Die
Einsatzphilosophie ,Deeskalation durch Stärke’ ist voll
aufgegangen", resümierte Pressesprecherin Beate Weiß.
Während des gesamten Einsatzes am Samstag war es zu 118 Festnahmen
(Bild rechts entstand in der Maximilianstraße) gekommen; die
Mehrzahl war laut Polizei der rechten Szene zuzuordnen.
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23.8.2004, taz
CSU macht
Straßensperre gegen rechts
Im fränkischen Wunsiedel waren Neonazis aus ganz Europa wieder
zum Rudolf-Heß-Gedenkmarsch unterwegs.
Diesmal demonstrierte neben dem Bündnis für Demokratie
und Toleranz auch der CSU-Bürgermeister gegen die Rechten
HEIKE KLEFFNER UND CHRISTIANE JENDRAL
Am frühen Samstagmorgen scheint es so,
als sei die fränkische Kleinstadt Wunsiedel wie jedes Jahr
zum "Rudolf-Heß-Gedenkmarsch" fest in der Hand von
Neonazis.
Sie sitzen im Garten der "Sechs-Ämterland-Klause"
und stimmen sich mit Bier und Bratwurst auf den Beginn des europaweit
größten Neonazi-Schaulaufens ein. Schwarz vermummte Neonazis
greifen auf dem Marktplatz autonome Antifaschisten an. Am Stadtrand
räumt die Polizei die Güllewagen weg, die Bauern aufgefahren
hatten, um den Sammelpunkt der Neonazis zu blockieren. Inmitten
von rechten Familienclans, wo Kleinkinder und Großeltern Buttons
mit dem Konterfei des NS-Kriegsverbrechers Heß tragen, steht
Matthias Popp, stellvertretender Bürgermeister der 10.000-Einwohner-Stadt,
und sagt: "Wir werden es den Neonazis in diesem Jahr so unbequem
wie möglich machen."
Mittags bekräftigt dies CSU-Bürgermeister
Karl-Willi Beck, unterstützt vom "Bündnis für
Demokratie und Toleranz". "Wegschauen ist der Nährboden
des Nationalsozialismus", sagt Beck. Und weil der Bayerische
Verwaltungsgerichtshof den Heß-Marsch gegen den Willen des
Bürgermeisters erneut erlaubt hat, sitzt Beck drei Stunden
später mit seinem Stellvertreter, rund 20 Stadträten und
über 100 Wunsiedlern auf der Straße. Beck und sein Stellvertreter
halten ein Transparent: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand
zur Pflicht" steht darauf.
Das rufen sie auch, als die Polizei aufzieht,
und dahinter die Neonazis. Rund viertausend sind es in diesem Jahr:
der NPD-Parteivorstand, der "Reichsbürger" Horst
Mahler ebenso wie die Freien Kameradschaften aus ganz Deutschland
und Naziskinheads aus der Schweiz, Kroatien, Spanien, Skandinavien
und Großbritannien. Vorneweg Jürgen Rieger, Anwalt und
Anmelder des Aufmarschs. Drei Jahre lang sei man in Wunsiedel mit
viel Sympathiebekundungen aufgenommen worden, warben Neonazis im
Vorfeld. Mit Straßenblockaden durch CSU-Bürgermeister
hat niemand gerechnet. Weder die internationalen Fernsehteams noch
die Rechten. Deshalb stürmt Rieger zur Einsatzleitung der Polizei
und droht: Wenn die Beamten nicht in der Lage seien, die "Straftat
zu beenden", dann würden seine Leute die Straße
eben selber räumen. Derweil rufen Bürgermeister und Bürger:
"Rieger Raus! Nazis Raus!". Als die Blockierer nach der
zweiten Aufforderung der Polizei die Straße räumen, ziehen
4.000 Neonazis triumphierend am Bürgermeister vorbei: Mittendurch
zwischen rund 500 wütenden Bürgern auf der einen Seite
der Straße und lauter Punkmusik von 300 Autonomen auf der
anderen Straßenseite. Von oben regnet es Konfetti auf Glatzköpfe.
Am Straßenrand sagt ein erschöpfter
Bürgermeister: "Es gab viele Bürger, die mir gesagt
haben, dass wir das Richtige tun." Michael ist stolz auf den
Bürgermeister; seine Freunde von der "Jugendinitiative
gegen Rechtsextremismus" haben die Transparente gemalt, "Nazis
sind Narren", die über die Hauptstraße gespannt
sind, auf der die Neonazis marschieren. Ein Polizeihauptmeister
sagt offen: "Wenn ich Bürgermeister von Wunsiedel wäre,
würde ich mich auch auf die Straße setzen." Dass
Wunsiedel Flagge zeigt gegen rechts gefällt nicht allen: "Wenn
der Bürgermeister nicht auf der Straße sitzen würde,
hätten wir längst wieder unsere Ruhe", kritisiert
ein 67-jähriger Landwirt. Die Bilanz am Ende des Tages: Ein
zufriedener Bürgermeister, der auf die Änderung des Versammlungsrechts
hofft und so lange nicht locker lassen will - und über 100
Festnahmen.
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23. August 04, Frankfurter Rundschau
JAHRHUNDERTHALLE
Neun Autos von Neonazis auf Parkplatz
demoliert
Frankfurt • 22. August • ric •
Mindestens neun von Neonazis abgestellte Autos sind am Wochenende
in Höchst stark beschädigt worden. Wie die Polizei am
Sonntag mitteilte, waren die Fahrzeuge auf dem Parkplatz der Jahrhunderthalle
abgestellt worden. Die Rechtsradikalen hatten dann ihre Fahrt ins
oberfränkische Wunsiedel per Bus fortgesetzt. Dort demonstrierten
sie am Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß.
Den Schaden nahm ein Streife am Samstag
um 17.30 Uhr auf. Unbekannte Täter hatten die Fahrzeuge offenbar
aus politischen Gründen demoliert. Die Autos wurden mit einer
ätzenden Flüssigkeit übergossen, die Reifen zerstochen
und Bauschaum in die Aufpuffrohre eingesprüht. Böse Überraschung
für die Besitzer dann, als sie bei ihrer Rückkehr den
Schaden entdeckten. Doch nicht sie, sondern ein Abschleppunternehmer
rief die Polizei.
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22. August 2004, ddp-bay
Polizei zieht positive Bilanz zum Wunsiedel-Einsatz
Wunsiedel (ddp-bay). Die Polizei hat eine
positive Bilanz nach ihrem Einsatz in Wunsiedel beim «Gedenkmarsch»
von Neonazis zum 17. Todestag des früheren Hitler-Stellvertreters
Rudolf Heß gezogen. Ein Sprecher sagte am Sonntag auf ddp-Anfrage,
die Strategie einer «Deeskalation durch Stärke»
habe sich bewährt. Die Polizei sei am Samstag in der oberfränkischen
Stadt «massiv» vor Ort gewesen. Eine genaue Zahl wollte
der Sprecher nicht nennen.
An dem «Gedenkmarsch» nahmen
den Angaben zufolge rund 4000 Neonazis teil. Größere
Zusammenstöße mit Gegendemonstranten gab es nicht. Insgesamt
wurden 118 Personen vorläufig festgenommen. Die meisten davon
stammten aus den Reihen der Neonazis. Grund war unter anderem unerlaubter
Waffenbesitz.
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22. August 2004, Sueddeutsche-online
Neonazi-Demonstration
Über 100 Festnahmen bei "Heß-Gedenkmarsch"
Rund 3000 Neonazis haben in Wunsiedel dem
früheren Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gedacht. Viele
waren mit Tränengas oder Reizgas bewaffnet und trugen rechtsextreme
Abzeichen. Das massive Polizeiaufgebot hatte Mühe, die bis
zu 800 Gegendemonstranten von den Neonazis fern zu halten.
Jugendliche hatten in den Straßen der nordbayerischen Kreisstadt
zudem mit einer Freiluft- Ausstellung über die Gräueltaten
des Nazi-Regimes informiert. Auf den Aufmarsch von fast 3000 Neonazis
aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern reagierten
sie mit einem Pfeifkonzert und Buh-Rufen.
Die Demonstrationen verliefen ohne größere
Zwischenfälle. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, wurden
in Wunsiedel zwischenzeitlich insgesamt 118 Demonstranten festgenommen,
die Mehrzahl von Ihnen aus dem rechtsextremen Spektrum. Die meisten
hatten verfassungsfeindliche Abzeichen getragen oder waren mit Tränengas
oder Reizgas bewaffnet.
Einige hatten auch gegen das Vermummungsverbot
verstoßen. Im Vorfeld des Neonazi- Aufzugs war es nach Polizeiangaben
wiederholt zu kleineren Rangeleien zwischen rechten und linken Demonstranten
gekommen. Die Polizei habe die Gruppen aber rasch getrennt.
Die Lage hatte sich lediglich am Nachmittag
kurzzeitig zugespitzt, als der Wunsiedeler Bürgermeister Karl-Willi
Beck gemeinsam mit Stadträten und einigen Bürgern den
Neonazi-Zug mit einer Sitzblockade zu stoppen versuchten. Erst als
die Polizei mit einer Räumung drohte, gaben die Gegendemonstranten
wieder die Straße für den Zug der Neonazis frei.
Mit ihren Protesten wandten sich die Bürger
zugleich gegen den Versuch, Wunsiedel auf Dauer zu einem „Wahlfahrtsort“
rechtsextremer Gruppen zu etablieren. Bürgermeister Beck sagte
bei einer Kundgebung: „Wunsiedel ist bunt - nicht braun“.
Irritiert zeigte er sich über den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof,
der in der vergangenen Woche ein städtisches Verbot des Neonazi-Aufmarsches
aufgehoben hatte.
„Diese Entscheidung ist unterbelichtet“,
sagte Beck. Eine örtliche „Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus“
versuchte vor allem mit lebensgroßen Clown-Attrappen entlang
der Demonstrationsroute den „Gedenkmarsch“ lächerlich
zu machen. Aus Kassettenrekorder sollte beim Vorbeimarsch der Rechten
Hohngelächter ertönen.
„Leider hat die Polizei die Kabelanschlüsse
zu den Geräten durchgeschnitten“, bedauerte eine Sprecherin
des Jugend-Bündnisses. Zudem verhinderten die Ordnungshüter
eine geplante Konfetti-Aktion und entfernten mehrere Güllefässer,
die von Landwirten vor der Kundgebung entlang der Strecke aufgestellt
worden waren.
Heß war nach seinem Selbstmord am 17.
August 1987 im alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnis Berlin-Spandau
in Wunsiedel beigesetzt worden. Seitdem treffen sich alljährlich
Neonazis zum Heß-Todestag in der nordbayerischen Stadt.
Bayerns Innenmister Günther Beckstein
(CSU) forderte unterdessen eine Verschärfung des Versammlungsrechts.
Er gehe davon aus, dass „dieses unerträgliche Schauspiel
der Ewiggestrigen in Wunsiedel bereits nächstes Jahr der Vergangenheit
angehört.“
Der tschechische Verteidigungsminister Karel
Kühnl sagte, er sei „sehr traurig, dass es Menschen gibt,
die diesen Tag zu einer Gedenkfeier für Rudolf Heß missbrauchen“.
Die Tschechen gedächten jedes Jahr am 21. August dem Einmarsch
der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei 1968.
(dpa)
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21. August2004, taz
Wunsiedel
wehrt sich gegen Nazi-Gedenken
Heute marschieren Fans des NS-Verbrechers
Heß durch Wunsiedel. Allein bleiben werden sie diesmal nicht
Philipp Gessler
BERLIN taz Sie sind wieder da, die Kameraden
mit den "Thule"-T-Shirts. In kleinen Gruppen laufen sie
durch Wunsiedel. Der Kampf um das oberfränkische Städtchen
geht morgen in eine neue Runde.
Wie jährlich seit 2001 werden auch in
diesem Jahr wieder mehrere tausend Neonazis in der 7.000-Seelen-Gemeinde
erwartet. Angemeldet ist ein Trauermarsch für den hier im Familiengrab
beigesetzten "Führer-Stellvertreter" Rudolf Heß,
der am 17. August 1987 starb. Noch bis 2001 war der Marsch seiner
braunen Fans verboten worden. Doch das Landratsamt Wunsiedel scheiterte
auch in diesem Jahr mit seinem Verbotsantrag. Am Dienstag genehmigte
der Bayerische Verwaltungsgerichtshof den braunen Aufzug.
Mit einem Aktionstag wollen sich die Wunsiedeler
ihre Stadt zurückerobern, wie Breschkai Ferhad es sagt. Die
41-Jährige ist Mitarbeiterin des "Bündnisses für
Demokratie und Toleranz", das nach dem "Aufstand der Anständigen"
vor vier Jahren gegründet wurde. Seit Ende Juli versucht sie,
die Nazigegner in der Stadt zu vernetzen. Neue Ideen brachte die
Berlinerin ein, half, Gesprächsbarrieren zwischen Jung und
Alt, links und rechts abzureißen - denn das Ziel war ja allen
gemeinsam: "die Stadt wieder zurückzuhaben".
Zusammen mit dem Ersten Bürgermeister
Wunsiedels, Karl-Willi Beck (CSU), dem Stadtrat und der Bürgerinitiative
"Wunsiedel ist bunt" will eine Jugendinitiative gegen
den Aufmarsch den Aktionstag nach einer Pressekonferenz mit einer
Ausstellung "Heß - wir klagen an" eröffnen.
Es folgen ein ökumenischer Open-Air-Gottesdienst, eine Kundgebung
auf dem Marktplatz und schließlich mit Beginn des braunen
Marsches ab 16 Uhr verschiedene Protestformen der Wunsiedeler -
was genau geschieht, bleibt eine Überraschung. Nach dem braunen
Aufmarsch werden die Nazigegner im Müllmänneraufzug "den
braunen Dreck wegkehren", erklärt die Diakonin Andrea
Heussner, eine der Initiatorinnen der Protestaktionen.
Besondere Brisanz könnte der Protest
in diesem Jahr gewinnen, weil Nazigegner und Stadt es den Heß-Fans
möglichst ungemütlich machen wollen. Statt auf dem Festplatz
müssen sie ihre Trauerkundgebung in einer ziemlich engen Straße
abhalten. Die Polizei sei darüber nicht sehr glücklich,
berichtet Ferhad. Eine in einer Straße zusammengepferchte
Gruppe sei aggressiver und könne weniger gut überwacht
werden. Neben etwa 3.000 Neonazis werden die rund 1.000 Polizisten
auch noch einige hundert Antifas erwarten.
Die Rechten machen ihren Gegnern ebenfalls
das Leben schwer: Neonazis pöbeln Jugendliche an, fotografieren
jeden, der sich bei Diskussionen zu Wort meldet, und hetzen über
die Jugendinitiative im Internet. Neulich, erzählt Heussner,
waren Rechte auch in der Gemeinde und fotografierten die jungen
Leute, die gerade Transparente gegen den Naziaufmarsch anfertigten.
Vertrieben werden konnten sie erst, als sie selber fotografiert
wurden.
Bürgermeister Beck möchte
das Problem lieber von oben gelöst sehen: Er hofft wie Bayerns
Innenminister Günther Beckstein (CSU) auf eine Novellierung
des Versammlungsrechts. Die aber griffe in die Versammlungsfreiheit
ein - und wäre wohl ein Fall für das Verfassungsgericht.
Und nicht nur Andrea Heussner bezweifelt, dass dies der richtige
Weg ist. Zunächst wird es dabei bleiben, dass Menschen wie
sie den Rechten entgegentreten. Sie studiert eigentlich schon länger
in Würzburg. Weil sie aber mithelfen wollte beim Protest, ist
sie seit Wochen wieder in der Stadt. Der Protest sei schließlich
"mein Kind" gewesen, sagt sie. Da wolle sie nicht zusehen,
wie es langsam stirbt. "
up
21. August 2004, ddp
Neonazi-Marsch in Wunsiedel durch
Sitzblockade gestoppt
Wunsiedel (ddp-bay). Der «Gedenkmarsch» von rund 2000
Neonazis in Wunsiedel zum Todestag des einstigen Hitler-Stellvertreters
Rudolf Heß ist am Samstagnachmittag vorübergehend durch
eine Sitzblockade von Bürgern der oberfränkischen Stadt
gestoppt worden. An ihr beteiligte sich auch Bürgermeister
Karl-Willi Beck (CSU). Die insgesamt rund 100 Blockierer riefen
unter anderem: «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand
zur Pflicht.»
Nach rund einer halben Stunde wurde die Sitzblockade
beendet. Zuvor hatte die Polizei drei Mal dazu aufgefordert, die
Straße zu räumen. Im Zug der Neonazis wurden Bilder von
Heß getragen. Auf Schildern hieß es unter anderem: «Ewig
lebt der Toten Tatenruhm.»
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof
hatte am Dienstag eine Beschwerde des Freistaats Bayern gegen die
Zulassung des Marsches zurückgewiesen. Heß ist in Wunsiedel
begraben. Der frühere Stellvertreter Adolf Hitlers hatte sich
am 17. August 1987 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau
das Leben genommen und wird seitdem von Rechtsextremen als «Märtyrer»
gefeiert.
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