Jungle
World, 19.08.2001
Dem Märtyrer folgen
Erstmals seit
Jahren planen Neonazis eine Großdemonstration zum Todestag
des Hitler-Stellvertreters
Rudolf Heß. von korinna klasen
Als sich Rudolf Heß am 17. August 1987
im Kriegsverbrecher-Gefängnis der Alliierten in Berlin-Spandau
nach 46jähriger Haftzeit das Leben nahm, setzte sofort die
Legendenbildung um den ehemaligen Stellvertreter Adolf Hitlers ein.
Der »Mythos Heß« geistert seither durch die deutsche
Neonazi-Szene: »Rudolf Heß - Das war Mord«, »Märtyrer
für den Frieden«, »deutscher Märtyrer«;
derartige Propaganda-Parolen verbreiten extreme Rechte bis heute
an Heß' Todestag in vielen Orten Deutschlands.
Auch in diesem Jahr machen die deutschen Neonazis
aus diesem Anlass mobil. Am 18. August planen sie einen Aufmarsch
in der bayerischen Kleinstadt Wunsiedel, dort, wo Heß nach
seinem Selbstmord begraben wurde. Zuletzt waren 1991 rund zweitausend
Alt- und Neonazis »zum Gedenken« durch die Stadt marschiert.
In der vergangenen Woche jedoch hat der sozialdemokratisch
regierte Landkreis Wunsiedel die vom Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen
Rieger angemeldete Gedenkkundgebung und den anschließenden
»Trauermarsch« verboten. Die Behörden argumentieren
mit einer antifaschistischen Demonstration, zu der unter anderem
die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und unabhängige
Antifa-Gruppen aufrufen. In der Kleinstadt im Fichtelgebirge könne
ein Zusammentreffen beider Demos nicht verhindert werden. Außerdem
würde mit dem rechten Aufmarsch nationalsozialistisches Gedankengut
verbreitet.
In Mecklenburg-Vorpommern hingegen scheinen
die zuständigen Behörden im tiefsten Sommerloch zu schlummern.
Eine von Freien Kameradschaften angemeldete Ausweichdemonstration
in Hagenow, die ebenfalls am 18. August unter der unverfänglichen
Parole »Meinungsfreiheit statt politische Verfolgung«
angemeldet wurde, ist nach wie vor genehmigt.
Im Landratsamt Wunsiedel gibt man sich derweil
optimistisch, dass das Verbot auch vor Gericht Bestand haben wird.
Das war nicht immer so. Das Bayreuther Verwaltungsgericht und der
Bayerische Gerichtshof hatten 1988 ein Verbot des ersten Heß-Aufmarsches
wieder aufgehoben. Damals waren nur 150 Nazi-Kader aus Westdeutschland
unter großem Medieninteresse durch den Ort gezogen. Schon
im folgenden Jahr gingen rund 1 000 Neonazis aus Ost- und Westdeutschland
durch die engen Straßen Wunsiedels, 1991 schafften es doppelt
so viele in den Ausweichort Bayreuth.
Die autonome Antifa brachte zwar in beiden
Jahren viele Gegendemonstranten auf die Straße, doch sie wurden
von der Polizei bedrängt. 1992 konnten auf dem Höhepunkt
der ersten Welle neonazistischer Gewalt in Deutschland 2 000 Neonazis
im nahe gelegenen thüringischen Rudolstadt unter der wohlwollenden
Aufsicht eines Dutzend Streifenbeamter für Hitlers Stellvertreter
demonstrieren, während das bayerische USK (Unterstützungskommando)
in Hof die antifaschistische Demonstration angriff.
Auch in den folgenden Jahren gehörte
zu den Heß-Mobilisierungen, die immer mehr zu einer Schnitzeljagd
zwischen Neonazis, Antifas und Polizisten wurden, ein gehöriges
Maß an Kumpanei zwischen Rechtsextremisten und den örtlichen
Polizeibehörden. So musste der damalige Innenstaatsekretär
von Hessen 1993 seinen Hut nehmen, weil die hessische Polizei einen
Aufmarsch in Fulda mit 500 Neonazis nicht nur geduldet, sondern
die Anführer regelrecht hofiert hatte. Auch bei den Neonazi-Aufmärschen
1996 im rheinland-pfälzischen Worms und im sachsen-anhaltinischen
Merseburg schaute die Polizei dezent zur Seite. 1994 und 1995 wichen
deutsche Neonazis ins dänische Roskilde aus - zur Freude dortiger
AntifaschistInnen und auch einiger BürgerInnen, die den internationalen
Neonazi-Aufmarsch verhindern konnten.
Erst Ende der neunziger Jahre schien das Gedenken
angesichts zahlreicher Versammlungsverbote erstmals seine Attraktivität
für die Szene verloren zu haben. Regionale Kleinaufmärsche
um Mitternacht, Holzkreuze an verlassenen Landstraßen oder
Plakatklebeaktionen waren alles, was die Neonazis zustande brachten.
Selbst zu Ausweichveranstaltungen in Skandinavien ließ sich
nicht einmal mehr der harte Kern der Neonazi-Szene mobilisieren.
Doch in diesem Jahr soll alles anders werden.
Die Internetseiten der Freien Kameradschaften sind voller Heß-Fotos,
auch Aufrufe zur Demonstration in Wunsiedel finden sich dort. Um
die staatlichen Verbotsmaßnahmen zu umgehen, wird zu Spontankundgebungen
und Plakataktionen aufgerufen. Außerdem werden die Kameraden
aufgefordert, einen Anzeigentext, den Wolf-Rüdiger Heß,
ein unermüdlicher Vertreter der These vom Mord an seinem Vater,
verfasst hat, in Regionalzeitungen zu schalten.
Der Grund für die erneute Großmobilisierung
ist offensichtlich: Seit über einem Jahrzehnt werden die Aktionen
vom immer gleichen Personenkreis aus der Struktur der NS-Vorfeldorganisation
Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) organisiert. Dazu
gehören die Hamburger Neonazikader Christian Worch und Thomas
Wulff, die heute als führende Köpfe der so genannten Freien
Kameradschaften fungieren.
In dem sich zuspitzenden Machtkampf zwischen
den Freien Kameradschaften und der NPD wollen die »Freien«
die Oberhand behalten. Und das scheint ihnen momentan auch zu gelingen.
Den Streit um die Neonazimobilisierungen zum 1. September in Greifswald
und Leipzig, mit denen der Wehrmachtsangriff auf Polen und die Kriegsschuld
Nazideutschlands geleugnet werden sollen, haben die Kameradschaften
bereits gewonnen. Die NPD hat eine eigene Kundgebung in Weimar mittlerweile
abgesagt und will ebenfalls in Leipzig demonstrieren. Dort wollen
Christian Worch, der ehemalige NF-Aktivist Steffen Hupka und zwei
ehemalige Waffen-SS-Mitglieder mal wieder am Völkerschlachtdenkmal
demonstrieren.
Den Anfang der diesjährigen Aktivitäten
zum Gedenken an Heß machte derweil die selbst ernannte Neonazi-Avantgarde
im dänischen Hillerød. Dort marschierten Mitglieder
des internationalen Blood & Honour (B & H)-Netzwerks in
der vergangenen Woche auf. Ganz vorne mit dabei: Die deutschen B&H-Kameraden,
deren Organisation nach Angaben von Bundesinnenminister Otto Schily
gar nicht mehr existieren dürfte.
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