Sächsische
Zeitung
Mittwoch, 26. Februar 2003
Rechte Szene im Pirnaer Friedenspark:
Einige Laken entzaubern das Engagement gegen den Krieg. (Foto
siehe ganz oben)
Saddams Sympathisanten
Im Irak-Konflikt stehen Rechtsextremisten fest an des Diktators
Seite - die Solidarität verstört Friedensaktivisten,
hat aber eine lange Geschichte
Von Thomas Schade
Ort und Zeit sind gut gewählt für
das Anti-Kriegs-Bekenntnis in Pirna. Der Friedenspark, um
fünf vor zwölf. Oberbürgermeister Markus Ulbig
ist sichtlich froh: Weit über 500 Bürger haben sich
vergangenen Sonnabend versammelt, um "Nein" zu sagen
zu einem drohenden Militärschlag gegen den Irak. Junge
und Alte, Familien mit Kindern sind gekommen. Neugierige Passanten
bleiben stehen, nehmen sich Zeit und halten inne.
Ursprünglich wollte an diesem sonnigen
Wintertag ein ganz anderes Klientel in der Stadt aufziehen,
und der bekannte Rechtsextremist Steffen Hupka war als Hauptredner
avisiert worden. Stadtrat und andere gesellschaftliche Kräfte
ergriffen jedoch rechtzeitig selbst die Initiative und organisierten
ihre Kundgebung für Frieden und Toleranz. Etwas abseits
stehen dann schließlich auch etwa 50 Neonazis im hinteren
Drittel der Teilnehmer. Einige von ihnen tragen grelle orange-schwarze
Schilder zur Schau. "Kein Irak-Krieg!", steht darauf,
aber auch Werbung für die rechtsextremistische NPD. Andere
entrollen diverse eigene Spruch-Kreationen auf weißen
Laken.
Jugendliche Kahlköpfe in Springerstiefeln
werden da ebenso zu Friedenskämpfern wie gestandene Aktivisten
der inzwischen verbotenen Skinheads Sächsische Schweiz,
die derzeit vor dem Dresdner Landgericht stehen. Doch der
Schein trügt, wenn das rechtsextremistische Lager in
diesen Wochen den Konsens sucht mit der wieder erstarkten
Friedensbewegung der Republik. Neonazis stehen aus ganz eigenen
Gründen auf der Seite der Kriegsgegner - vielmehr an
der Seite des irakischen Diktators Saddam Hussein. Ihr Friedensengagement
ermöglicht ihnen vor allem eines: Sie können gegen
zwei erklärte Feinde der "Bewegung" wettern:
gegen die USA und gegen Israel - oder "gegen USraelischen
Imperialismus", wie es auf einem der Tücher im Pirnaer
Friedenspark heißt.
Drahtzieher rufen zu Aktionswochen auf
Schon Tage vorher hatte die örtliche
Internetseite der rechten Szene zur Teilnahme getrommelt.
Sprachkundigen Kameraden bietet sie sogar den direkten Klick
zur Internetpräsenz der irakischen Nachrichtenagentur
INA, die den irakischen Diktator in monotoner Einfalt als
Friedensengel preist.
Aktionen, wie die am Wochenende in Pirna,
sind derzeit in vielen Orten zu beobachten. Auch in Halle
zum Beispiel standen unlängst Neonazis auf der Rathaustreppe
mit der Losung: "Kein deutsches Blut und Geld für
fremde Interessen." Vorwiegend über das Internet
rufen regionale Neonazi-Organisationen zu Aktionswochen auf.
Dabei sollten die Kameraden, so die Drahtzieher der Kampagne,
"jede sich bietende Gelegenheit nutzen". Erlaubt
sei "alles, was dem Zweck dient".
Das sagte sich am 13. Februar auch der
NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt. Er vereinnahmte das Gedenken
an die Zerstörung Dresdens für eine Tirade gegen
die Bundesregierung ("Schröder lügt, wenn er
behauptet, dass sich Deutschland nicht am Krieg beteiligen
wird"), gegen die USA und England ("Wer deutsche
Städte bombardieren konnte, hätte auch die Bahnverbindungen
nach Auschwitz unterbrechen können, warum taten sie dies
nicht?"). Der "Bush-Krieg" werde nicht für
Freiheit, Gerechtigkeit und zur Einhaltung des Völkerrechts
geführt, sonst müsse er "auch gegen Israel
gehen", wetterte NPD-Chef Voigt in der sächsischen
Landeshauptstadt vor rund eintausend Anhängern und forderte
sie auf, auch zur großen Friedenskundgebung nach Berlin
zu fahren.
Der antiamerikanische Protest, so treibt
das in der rechten Szene bekannte Aktionsbüro Norddeutschland
an, müsse "einen immer größeren Eingang
in den politischen Kampf des nationalen Widerstandes"
finden. Die Drahtzieher planen bereits die Kampagne für
die Zeit nach dem "Tag X", wie der Beginn eines
Militärschlages genannt wird. Amerikanische Fast-Food-Ketten,
deutsche Parteibüros oder Einrichtungen der etablierten
Medien seien dann Orte, "wo der Protest ansetzen sollte".
Historische Wurzeln bis ins Nazi-Deutschland
Entsprechend freundschaftlich entwickeln
sich die Kontakte zum Regime Saddam Husseins. So beobachtet
der nordrhein- westfälische Verfassungsschutz den 1999
gegründeten Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS) und
hält ihn wegen seiner antiisraelischen und antisemitischen
Äußerungen für verfassungsfeindlich. Die Behörde
bestätigt, dass KDS-Vertreter erst in Bonn, später
in Berlin in der irakischen Botschaft ein- und aus gingen.
Saddam Hussein sei "groß und bewundernswert",
weil er es geschafft habe, "wie unser Führer Adolf
Hitler, sein Volk hinter sich zu bringen", bekannte KDS-Vertreter
Axel Reiz in der Fernsehsendung "Frontal 21". Der
Irak sei die "orientalische Variante des nationalsozialistischen
Volksstaates". Dem Geschäftsträger der irakischen
Botschaft überreichten KDS-Vertreter ihre Ehrennadel.
Historische Wurzeln dieser Verbundenheit
im Ungeist reichen zurück bis ins Nazi-Deutschland vor
1945. Als treuester Verbündeter Hitlers im Orient galt
nach Ansicht des Publizisten Anton Maegerle der Großmufti
von Jerusalem, Mohamed Amin al-Husseini (1895-1974). Auf einem
Empfang bei Hitler am 30. November 1941 bezeichnete der Großmufti
die Araber als "die natürlichen Freunde Deutschlands",
weil sie die gleichen Feinde hätten, "nämlich
die Engländer, die Juden und die Kommunisten". Vor
1945 habe der Großmufti in Bosnien versucht, eine muslimische
SS-Division "Hanjar" (Schwert) zu rekrutieren, fand
Anton Maegerle heraus. Später fanden SS-Bonzen wie Alois
Brunner im syrischen Damaskus Asyl. Ein Neffe des Großmuftis
ist heute unter dem Namen Jassir Arafat bekannt.
In dessen PLO tummelte sich zeitweilig
ein Deutscher namens Karl Heinz Hoffmann, dessen Wehrsportgruppe
1980 wegen ihrer rechtsextremistischen Umtriebe verboten wurde.
Im November 1997 verhafteten israelische Behörden den
Deutschen Steven Smyrek bei der Einreise. Der zum Islam übergetretene
junge Mann stand im Verdacht, ein Selbstmordattentäter
der proiranischen Organisation Hizb Allah zu sein. Nach Smyreks
Verhaftung rief die rechtsextremistische "Hilfsgemeinschaft
für nationale politische Gefangene und deren Angehörige"
(HNG) zur Solidarität mit dem Deutschen auf, der sich
"in den Fängen der israelischen Terrorjustiz"
befände.
Bei diversen Großveranstaltungen
und in Schulungen wird die Szene auf die geistige Verwandtschaft
mit fundamentalistischen Strömungen des Islam eingestimmt.
So war der in der Schweiz lebende Islamist Ahmed Huber am
8. September 2001 Gast beim NPD-Pressefest im sächsischen
Grimma. Zu Themen wie "Islam und Neue Rechte" referiert
Huber auch in rechten Jugendorganisationen. Dem Schweizer
"Blick" zufolge soll Huber in Beirut sogar Kontakte
zu Personen aus dem Umfeld des Osama bin Laden gehabt haben.
So saß Huber wohl nicht zufällig auch im Aufsichtsrat
des internationalen Finanzdienstleisters "Al Taqwa"
(Gottesfurcht), der nach dem 11. September in den USA auf
einer Liste terrorverdächtiger Organisationen landete.
Kein Applaus für Frieden und Toleranz
Am vergangenen Sonnabend, fünf
vor zwölf im Pirnaer Friedenspark, entzaubern einige
Laken das merkwürdige Friedensengagement des selbst ernannten
nationalen Widerstandes. Als OB Ulbig allen dankte, die an
diesem Tag und auch in Zukunft für Frieden und Toleranz
eintreten wollten, da war es der nationale Widerstand, der
nicht applaudieren wollte.
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