| Neo-Nazi-Terror gegen Antalya
Grill in Pirna
| 12. juni 2002, jungle world:
Wieder ganz normal leben - Sechs Jahre Pirna sind genug.
Die Familie Sendilmen ist wegen ständiger rechtsextremistischer
Übergriffe, Pöbeleien und Bedrohungen nach Berlin gezogen.
> jungle Bericht |
| 14. maerz 2002, junge welt - Der
Schwindel von der aggressiven "Türken-Gang" in Pirna ist
geplatzt > jw-Bericht |
| 13. maerz 2002, Frankfurter Rundschau
- Als Zeugen gegen eine türkische Familie sollten lauter
Neonazis auftreten > FR-Bericht |
| 12. maerz 2002, die tageszeitung,
> taz Bericht |
| 20. februar 2002, Jungle World
- Pirna schlägt zu > jungle Bericht |
jungle world 12. juni 2002
Wieder ganz normal leben
Sechs Jahre Pirna sind genug.
Die Familie Sendilmen ist wegen ständiger rechtsextremistischer
Übergriffe, Pöbeleien und Bedrohungen nach Berlin gezogen.
von jan süselbeck
Die fünfköpfige türkische Familie Sendilmen
lebt beengt in einer Zweizimmerwohnung in Berlin-Wedding.
Selda, der 21jährigen Tochter, merkt man die Erleichterung
an, nach sechs Jahren in Pirna hierher gekommen zu sein, in
eine Umgebung, die alles andere als idyllisch ist. Jetzt könne
sie wieder ruhig schlafen und abends mit ihrem Vater spazieren
gehen, "ganz ohne Angst". In Berlin sprächen die Leute auf
der Straße mit ihr. Neulich habe ihr sogar eine Frau in der
U-Bahn Mut gemacht, die gerade einen Zeitungsartikel über
die Sendilmens las und der sich Selda zu erkennen gab. Dass
es so etwas in Deutschland noch gibt, hatte die Familie in
Pirna schon fast vergessen.
Mit dem Umzug der Sendilmens ist Pirna, die kleine Stadt bei
Dresden, dem Zustand der "national befreiten Zone" wieder
einen Schritt näher gekommen. Wer dort in den letzten Monaten
nach Hinweisen auf Zivilcourage und Toleranz suchte, fand
Ladenschilder mit der Aufschrift "Ausländer haben hier zu
warten!" oder konnte Skinheads beim "friedlichen Spaziergang"
beobachten. Nach Berichten der Dresdner Neuen Nachrichten
sind allein seit Mitte April in Pirna und Umgebung 28 Jugendliche
zu Opfern rechter Gewalt geworden.
Die Geschehnisse um die türkische Familie sind bezeichnend
für die Verhältnisse in der Stadt. Die Sendilmens versuchten
dort mehr als sechs Jahre lang, einen Döner-Imbiss zu unterhalten
und sich nicht von den täglichen Bedrohungen und Angriffen
der Neonazis einschüchtern zu lassen. Für die Verteidigung
ihrer Existenz aber wurden sie von der Staatsanwaltschaft
Dresden angeklagt. Im März begann der Prozess, acht Fälle
von gefährlicher gemeinschaftlicher Körperverletzung werden
der Familie vorgeworfen. Die Sendilmens sollen auf Rechtsextreme
losgegangen sein, die sich vor ihrem "Antalya Grill" versammelt
hatten, darunter einige mutmaßliche Mitglieder der neonazistischen
Skinheads Sächsische Schweiz (SSS). Die Verhandlung ist derzeit
unterbrochen.
Aber am vorigen Mittwoch begann ein weiteres Verfahren gegen
den Vater und einen der Söhne, denen vorgeworfen wird, zwei
Jugendliche "grundlos" verprügelt zu haben. Ein rechtsextremer
Hintergrund dieses Sachverhalts wird bislang von den Anklägern
geleugnet.
Kein Thema ist es in der sächsischen Idylle, dass die Neonazis
systematisch gegen die türkische Familie vorgingen. Sie beobachteten
die Umgebung und die Kundschaft, schossen Fotos und zogen
täglich pöbelnd an dem Laden vorbei. Die türkische Familie
sollte endlich verschwinden. Das haben sie jetzt erreicht.
Die Sendilmens waren in der Stadt auf sich allein gestellt.
Von wem sollten sie Hilfe erwarten in einer Region, von der
selbst der ehemalige Polizeichef Pirnas, Helmar Leo Blech,
sagt, dass der "Rechtsextremismus hier aus der Mitte der Gesellschaft
kommt"?
Doch nun stehen nicht etwa die "Verhältnisse in Pirna, die
Söhne Pirnas, die Fremdenfeindlichkeit bzw. die Angst und
das Recht, sich zu verteidigen, wenn niemand anderes einen
schützt", wie die Anwältin Christina Clemm treffend zusammenfasst,
im Mittelpunkt des Verfahrens, sondern die Vorwürfe gegen
die Familie. Jeden noch so kleinen Schmerz, den die Familie
den zarten Skinheads in ihrer Not angeblich zugefügt haben
soll, bauschte die Anklage zu einem Amoklauf mit gewetzten
Dönermessern auf (Jungle World, 13/2002).
Dass vor allem die Mutter Verletzungen durch mehrere Naziüberfälle
davongetragen hat, stand in der juristischen Betrachtung des
Sachverhaltes ebenfalls noch nicht zur Debatte. Anfang des
Jahres wurde Frau Sendilmen von Skins am Bein verletzt, war
sechs Wochen bettlägerig und erlitt eine Thrombose, die gesundheitliche
Schäden hinterlassen hat.
Jahrelang wurde die Familie immer wieder zum Opfer solcher
Übergriffe und musste erfahren, dass die örtliche Polizei
entweder gar nicht oder nur mit skandalöser Verspätung auf
ihre Hilferufe reagierte. Absurd klingt auch die Version des
Tathergangs, nach der eine Gruppe von 15 Skins "friedlich"
durch die Straße der Sendilmens flanierte und von der damals
18jährigen Selda und ihrer Familie durch die halbe Stadt gejagt
worden sein soll.
Selda berichtet, sie habe in den letzten fünf Jahren in Pirna
aus Existenzangst keinen einzigen Spaziergang mehr unternommen.
Über Jahre konnte sie vor Angst kaum noch Schlaf finden. Ihr
Leben spielte sich fast ausschließlich im elterlichen Imbiss
und in der darüber gelegenen Wohnung ab. Deutsche Freunde
habe sie in Pirna nicht gewinnen können. Zuletzt kam auch
keine Kundschaft mehr zum "Antalya Grill".
Das laufende Gerichtsverfahren empfindet Selda als Hohn, da
nicht ihre Peiniger, sondern sie selbst und ihre Familie auf
der Anklagebank sitzen. Der Verteidiger Ulrich von Klinggräff
äußert sich empört über die Strategie der sächsischen Behörden,
den rechtsextremen Hintergrund des Verfahrens herunterzuspielen.
Ein Beweis für die Verharmlosung sei der irrwitzige Versuch
des Landgerichts Dresden gewesen, den Fall an einem einzigen
Verhandlungstag mit maximal 15 Minuten Verhörzeit pro Zeuge
zu erledigen. Man tat so, als handele es sich um eine Lappalie,
um einen langwierigen Indizienprozess zu vermeiden, so Klinggräff.
Dass der Fall nicht nur die Dominanz der SSS und damit die
vorhandene neonazistische Bedrohung in der Gegend deutlich
macht, sondern auch katastrophale Versäumnisse der örtlichen
Polizei und der Pirnaer Öffentlichkeit dokumentiert, soll
gar nicht erst publik werden. Denn Pirna hofft auf den Wirtschaftsfaktor
Tourismus.
Klinggräff ist optimistisch, was den Prozess angeht. In Erwartung
zurückgehaltener Akten der Dresdner Staatsanwaltschaft rechnet
er mit der Möglichkeit, die nach seiner Auffassung fast ausschließlich
in der SSS organisierten Zeugen als Nazis zu enttarnen. Man
wolle Beweise sammeln, die das Gericht "zwingen werden, zur
Kenntnis zu nehmen, von welchem Kaliber diese Männer sind
und dass sie alle lügen, bis sich die Balken biegen". Klinggräff
prophezeit damit den langen Prozess, den Pirna gerne schon
beendet sähe.
Das Bedauern des Oberbürgermeisters Markus Ulbig (CDU), der
die Flucht der Sedilmens nach Berlin zuletzt mit den Worten
kommentierte, die Vorgänge der letzten Monate seien von "Provokationen,
Intoleranz und beidseitiger Gewaltbereitschaft" geprägt gewesen,
bezeichnet der Anwalt als "die übliche Nummer" der Verharmlosung,
die in ihrer perfiden Wendung gegen die aus der Stadt vertriebenen
Sendilmens bereits eine weitere "dreiste Frechheit" darstelle.
Die Familie weiß noch nicht, wie es in Berlin weitergehen
soll. Ein neuer Döner-Imbiss komme nicht mehr in Frage. Die
Familie wolle "endlich ein normales Leben führen", sagt Selda.
Nach einem Aufenthalt in der Türkei wollen die Sendilmens
versuchen, "in die Zukunft zu blicken". Bloß nicht zurück
in die Vergangenheit.
Junge
welt 14.03.2002 Inland von Anselm Kröger, Pirna
Ermittlungsbehörden blind
Der Schwindel von der aggressiven "Türken-Gang" in Pirna ist
geplatzt
Weiß, stolz und deutsch möchte man im
sächsischen Pirna nicht sein. Zumindest nicht, wenn man der
Anklage wegen "gefährlicher Körperverletzung" trauen darf,
die am Dienstag im dortigen Amtsgericht durch Staatsanwältin
Barbara Kroll- Perband verlesen wurde. Nur gut ein Prozent
der Bewohner sind Ausländer, von denen fünf Personen eine
besondere Gefahr für Jungerwachsene zu sein scheinen. Sprich
die Sendilmens - Vater, Mutter und die drei Kinder. Der Familie
gehört der Antalya-Grill in Pirna (jW berichtete mehrfach).
In mehreren Fällen, so die Staatsanwältin, seien junge Leute
mit Billardstöcken, Baseballschlägern, Elektroschockern und
anderem Gerät durch die türkische Familie drangsaliert und
durch die Straßen gejagt worden. Dabei kam es zu Prellungen,
Hautabschürfungen, Rötungen und immer wieder "Schmerzen".
Im überfüllten Saal kam es bei den Ausführungen der Staatsanwältin
zu einzelnen Unmutsäußerungen, die den Schilderungen widersprachen.
Diese gemeinschaftlich verübten schweren Körperverletzungen
sollten an einem Prozeßtag geklärt werden. Dazu waren 21 Zeugen
geladen worden.
Die Staatsanwaltschaft störte sich nicht daran, daß diese
zum großen Teil zu den Skinheads Sächsische Schweiz bzw. deren
Umfeld gehörten, die Anfang letzten Jahres verboten wurden.
In einer ersten Erklärung betonte eine Anwältin aus dem fünfköpfigen
Verteidigerteam der Familie, in der Verhandlung könne die
Realität in der Stadt nicht einfach ausgeblendet werden.
Gesprochen werden müsse über die große Militanz in der Stadt.
"Die Eingebundenheit der rechten Gruppierungen in die Bevölkerung
hier sucht ihresgleichen." Man müsse hier "über Pirna reden,
Rassismus, militante rechte Organisationen, die Söhne Pirnas
und die militante Ausländerfeindlichkeit. Nicht zu vergessen
die Polizei, die voreingenommen und einseitig ermittelt."
Die Ermittlungen seien so lückenhaft und einäugig, daß man
sich fragen müsse: "Wie konnte es zu dieser Anklage kommen?
Wie blind sind die Ermittlungsbehörden?" Die "angeblichen
Opfer" seien Mitglieder der SSS oder aus dem "näheren Sympathisantenkreis".
Dies und die ständigen Angriffe auf die Familie Sendilmen
und deren Geschäft aber hätten bei den Ermittlungen keine
Rolle gespielt. Genau so wenig wie die Tatsache, daß sämtliche
Ermittlungen nach Anzeigen der Familie gegen Angreifer von
der Polizei eingestellt wurden. "Diese Verharmlosung, diese
Blindheit setzt sich in der Anklage fort."
Die ständige Angst der Familie Sendilmen dürfe nicht ausgeklammert
werden. Notwehr und das Selbstverteidigungsrecht müßten akzeptiert
werden, "wenn niemand einen schützt". Völlig unberücksichtigt
blieb, so Anwalt Klinggräff, die Verbotsverfügung des Innenministeriums
gegen die SSS, aus der deutlich hervorgehe, daß die Vereinigung
darauf zielte, die Sächsische Schweiz von "Zecken" zu reinigen.
Der Antalya-Grill wird in diesem Zusammenhang von SSS-Aktivisten
in speziell von ihnen angelegten Antifa-Akten als Ziel erwähnt.
Dort sollen sich, so die Neonazis, Linke treffen, an die man
aber wegen der türkischen Familie nicht herankäme. Diskutiert
wurde der Einsatz von "Söldnern". Eine von den Verteidigern
eingeforderte Akteneinsicht in das SSS-Verfahren lehnte die
Staatsanwältin ab, da die Beklagten nicht betroffen seien.
Aktionen der SSS seien allein gegen Linke geplant gewesen.
Selbstverständlich könne sie nicht ausschließen, daß es "nebenbei"
von einzelnen SSS-Mitgliedern auch zu Körperverletzungen gegen
Ausländer gekommen sei. Der Richter Jürgen Uhlig allerdings
schloß sich dem Ersuchen um Akteneinsicht an. Der Prozeß dürfte
damit nicht vor Herbst weitergehen, denn offiziell gibt es
immerhin 120 Aktenordner zum SSS-Verfahren beim Landeskriminalamt.
Interne Quellen sprechen davon, daß weiteres Material beim
Innenminister liegt. Wenn dem so wäre, dürfte ein Rechtsstreit
um die Herausgabe dieser Akten anstehen.
Am Verfahren gegen die SSS arbeitet inzwischen der dritte
Richter.
up
Frankfurter Rundschau 13.
März 2002
Als Zeugen gegen eine türkische Familie
sollten lauter Neonazis auftreten
Verteidigung wirft Staatsanwaltschaft vor, lückenhaft und
einseitig ermittelt zu haben /
Prozess im sächsischen Pirna vertagt
Von Bernhard Honnigfort (Pirna)
Im sächsischen Pirna ist eine türkische
Familie angeklagt, die mehrfach Rechtsextremisten attackiert
haben soll. Die Verteidiger der Familie werfen den Ermittlungsbehörden
vor, auf dem rechten Auge blind zu sein und nicht zu berücksichtigen,
dass Anzeigen der Angeklagten gegen die Skinheads folgenlos
geblieben seien. Die vom Gericht geladenen Zeugen seien zudem
fast ausnahmslos Neonazis. Der Prozess wurde am Dienstag auf
unbestimmte Zeit vertagt. Seit vier Jahren betreibt Familie
S. in der Kleinstadt Pirna den "Antalya"-Grill. Und seit damals
muss sie Szenen erdulden, wie sie Anwohner einmal einer Lokalzeitung
schilderten: Am Wochenende stehe häufig eine Gruppe junger
Männer vor dem Imbiss und fange an, Krach zu schlagen und
Beschimpfungen zu grölen wie "Türkensau" und "Ausländer raus".
Alle zwei Wochen sei es zu wüsten Beschimpfungen und Prügeleien
gekommen. Ständig sei die Familie von Rechten bedroht worden.
Irgendwann habe sie begonnen, sich zu wehren und Skinheads
anzugreifen. Die Neonazis erstatteten Anzeige. Am Dienstag
standen der 52-jährige Vater, seine 49-jährige Frau, die beiden
25 und 23 Jahre alten Söhne sowie die 21-jährige Tochter vor
Gericht. Staatsanwältin Barbara Kroll-Perband warf ihnen vor,
sich in etlichen Fällen bewaffnet und Jagd auf Jugendliche
gemacht zu haben: Am 27. Februar 2000 etwa hätten sie Billardstöcke
und Eisenstangen ergriffen und rechte Jugendliche attackiert
und durch die Stadt gejagt. Im Januar 2001 seien sie mit Dönermesser
und Axtstiel bewaffnet losgezogen, "um Rechte auf einer Kneipentour
anzugreifen". Dabei habe Ronny W. einen Kratzer am Gesäß abbekommen,
Jens B. sei k.o. gegangen, andere hätten Prellungen und Schnittwunden
erlitten.
Die Berliner Rechtsanwältin Christina Clemm nannte hingegen
die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft "lückenhaft und
einseitig". Sie frage sich, wie es überhaupt zu dieser Anklage
kommen konnte. Es sei doch kein Geheimnis, dass ein "Großteil
der Opfer Mitglieder der SSS oder deren Sympathisanten" seien.
Die "Skinheads Sächsische Schweiz" (SSS) waren eine militante
Neonazi- Organisation, die vom sächsischen Innenministerium
im April 2001 verboten worden ist. Zu den Zielen der SSS gehörte
es, die Sächsische Schweiz "ausländerfrei" zu machen.
In der Begründung der Verbotsverfügung des Innenministeriums
sei auch ausdrücklich auf die Angriffe gegen die Betreiber
des "Antalya-Grill" hingewiesen worden, betonte Rechtsanwältin
Clemm. Die örtlichen Ermittlungsbehörden hätten wohl keine
Kenntnis von der SSS gehabt, monierte Clemm. Anzeigen der
Familie gegen Rechtsextreme hätten in keinem Fall zu einem
Verfahren geführt. Die Familie habe in ständiger Angst gelebt.
In dem Prozess werde deshalb über das Recht auf Notwehr gesprochen
werden müssen. Lese man jedoch die Ermittlungsakten, entstehe
der Eindruck, die Familie S. habe Jagd auf "zufällig vor dem
Haus stehende Jugendliche" gemacht, kritisierten Clemm und
weitere Verteidiger. Sie beanstandeten zudem, dass das Gericht
"ausnahmslos" Zeugen geladen habe, die gegen die Familie S.
aussagten. Was dabei herauskomme, sei doch klar, "wenn von
zehn Zeugen neun zur SSS gehören".
Anwalt Stephan Schrage beantragte deshalb, Akten aus den Ermittlungsverfahren
gegen SSS-Mitglieder hinzuzuziehen. "Das Gericht muss sich
doch ein Bild davon machen, um was für Zeugen es sich hier
handelt." Das Gericht gab dem Antrag statt und will sich nun
alle Akten beschaffen. Der Prozess wird voraussichtlich erst
im Sommer fortgesetzt.
up
die tageszeitung, 12.03.02
Wenn sich die Wehrlosen wehren
aus Pirna HEIKE KLEFFNER
Selda Sendilmen hat einen einzigen Geburtstagswunsch:
"Aus Pirna wegziehen und endlich so leben wie alle anderen."
Vor drei Tagen ist Selda 21 Jahre alt geworden, sie trägt
ein figurbetontes T-Shirt, und ihre großen dunkelbraunen Augen
umrahmt schwarzer Kajal. Von der Erfüllung ihres Wunsches
kann die junge Frau nur träumen. Stattdessen muss sie sich
heute gemeinsam mit ihren 23- und 25-jährigen Brüdern, ihrem
Vater Adem Sendilmen und ihrer Mutter Keziban auf der Anklagebank
des Amtsgerichts der 48.000-Einwohner-Stadt am Rande des Elbsandsteingebirges
einfinden. Seldas größte Angst: "Dass der Richter meine Brüder
und meine Eltern einsperrt."
Acht Fälle von gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung
zwischen 2000 und 2001 wirft die Staatsanwaltschaft der fünfköpfigen
türkischen Familie vor. Tatort: das Restaurant "Antalya Grill"
in der Fußgängerzone von Pirna, wo Selda und ihre Familie
arbeiten. Tatzeiten: zumeist nach Einbruch der Dunkelheit.
Zeugen, vom Sprecher des Pirnaer Amtsgerichts auch als "Opfer"
bezeichnet: knapp zwei Dutzend Rechte aus Pirna und den angrenzenden
Dörfern der Sächsischen Schweiz, darunter führende Kader der
seit April 2000 verbotenen Neonazigruppierung "Skinheads Sächsische
Schweiz" (SSS). Glaubt man der Staatsanwaltschaft, ist alles
ganz einfach. Immer wenn sich Kurzhaarige vor der Fensterfront
des "Antalya Grills" blicken ließen, habe die Familie zugeschlagen.
Mal soll der 51-jährige Adem Sendilmen mit einem Dönermesser
auf eine Gruppe von zwanzig Glatzköpfen losgegangen sein,
mal soll Selda mit ihren Fäusten die Vertreter der regionalen
Jugendleitkultur bearbeitet haben.
Acht Attacken in vier Jahren
Selda Sendilmen und ihr Vater Adem haben
die Ereignisse, für die sie sich jetzt vor Gericht verantworten
sollen, ganz anders in Erinnerung. Achtmal sei das kleine
Restaurant, dessen Fensterfront mit einer gelben Sonne und
einer blauen Wolke beklebt ist, seit der Eröffnung vor vier
Jahren von Rechten angegriffen worden. Selda holt einen dicken
Aktenordner hervor, in denen die Familie minutiös die Zeitungsartikel
zu den Übergriffen gesammelt hat. Für sie hat alles am 1.
Mai 1998 angefangen. In Leipzig demonstrierten damals über
4.000 Neonazis aus ganz Deutschland, darunter auch eine Abordnung
aus der Sächsischen Schweiz. "Abends kamen 15 Männer und vier
Frauen ins Lokal gestürmt und haben alles kurz und klein geschlagen",
erinnert sich Selda, die danach 14 Tage krank geschrieben
war. Die Polizei habe die Täter zwar festgenommen, doch verurteilt
wurde niemand. Heute glaubt die 21-jährige, dass "die Rechten
sich dadurch ermutigt gefühlt haben". Denn alle weiteren Vorfälle
seien immer nach dem gleichen Schema abgelaufen.
So wie zum Beispiel am 27. Februar 2000. Da hatte Adem Sendilmen
eher zufällig bemerkt, dass der stadtbekannte SSS-Aktivist
Thomas R. gerade dabei war, Fotos vom "Antalya Grill" zu machen.
Wenig später brüllt ein Dutzend junger Männer Parolen wie
"Ausländer raus", "Scheiß Türken" und "Wir fackeln dir den
Laden ab". Selda sagt, sie habe die Polizei angerufen und
dann gewartet. Doch es geschah, wie zuvor auch schon - nichts.
"Die Polizei kam einfach nicht." Der Familie gelang es mit
Hilfe von einigen Restaurantbesuchern, die Rechten in die
Flucht zu schlagen. "Wir hatten keine andere Wahl, als uns
zu wehren", sagt Selda ruhig. Die Staatsanwaltschaft sieht
das anders. Die Sendilmens hätten sich mit Billardstöcken,
Baseballschlägern, Eisenstangen und Elektroschockern bewaffnet
und gezielt die Rechten durch die Fußgängerzone gejagt. Den
Vorwurf, nicht reagiert zu haben, weist Gerhard Wellner, Sprecher
der Polizeidirektion Pirna, zurück: "Wir sind jedesmal, wenn
wir gerufen wurden, gekommen." Strittig ist zwischen der Familie
und der Polizei, ob diese Hilfe auch rechtzeitig kam.
In beinahe akzentfreiem Deutsch erzählt Selda vom Nachmittag
des 4. November 2000. Am Rande einer Demonstration von 700
Bürgern gegen rechte Gewalt ziehen Dutzende von Neonazis vor
den "Antalya Grill". Unbehelligt von der Polizei, die offenbar
kräftemäßig überfordert war. Was dann geschah, soll ebenfalls
im Gerichtssaal geklärt werden. Adem Sendilmen zeigt einen
Artikel aus der Sächsischen Zeitung. Unter dem Foto, das ihn
mit einem Stück Holz in der Hand zeigt, wird behauptet, er
sei mit "einem Dönermesser" auf die Anhänger der rechten Szene
losgerannt. Zuvor soll er eine türkische Fahne aus dem Fenster
geschwenkt und mit Aschenbechern geworfen haben. Seiner Tochter
Selda wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, einer Polizistin
ins Gesicht geschlagen zu haben. Ein langer Riss in der Schaufensterscheibe
vor dem Dönerspieß erinnert an den vorerst letzten Vorfall
vor dem "Antalya Grill", im Januar 2001, als die Rechten mit
Steinen schmissen und Adem Sendilmen vergeblich vor die Ladentür
ging, um die Menge zu beruhigen. Seine 47-jährige Ehefrau
Keziban laboriert ein Jahr danach noch immer an den Folgen
der Auseinandersetzung, einem zertrümmerten Fußgelenk. Seitdem
herrscht Ruhe.
Ruhig schlafen kann Adem Sendilmen trotzdem nicht. "Der Stress
hat mich krank gemacht", sagt der 1,60 große Mann, der seit
32 Jahren in Deutschland lebt. Dass er heute an Bluthochdruck,
Diabetes und einem fast blinden Auge leidet, führt Adem Sendilmen
auf die vielen Nächte zurück, in denen er schlaflos am Fenster
der Wohnung über seinem Restaurant darauf wartete, "dass sie
wieder kommen". Opfer sind "besondere Leute" Polizeisprecher
Gerhard Wellner erklärt, um die Lage zu entspannen habe man
im Frühjahr 2001 die Sendilmens zum Gespräch gebeten und gemeinsam
mit Stadt und Staatsanwaltschaft nach Lösungen gesucht. "Wir
haben der Familie ans Herz gelegt, nicht selbst zu handeln,
sondern uns sofort anzurufen." Denn sonst provoziere das die
rechten Jugendlichen. Wellner fügt hinzu: "Für uns ist diese
Art der Selbstjustiz schwer zu verstehen." Außerdem habe das
Verhalten der Sendilmens "besondere Leute hervorgelockt".
"Besondere Leute" ist eine Bezeichnung, die die Sicherheitsbehörden
in Bezug auf viele Zeugen der Anklage gegen die Familie Sendilmen
sonst nicht verwenden. Stattdessen fallen dann Begriffe wie
"mutmaßliche Mitglieder in einer kriminellen Vereinigung".
Zum Beispiel Thomas R. Als das Landeskriminalamt im Sommer
2000 die Wohnungen von 65 mutmaßlichen Mitgliedern der SSS
durchsuchte, wurden bei dem 23-jährigen KfZ-Mechaniker unter
anderem so genannte "Feindlisten" mitsamt Adressen und Fotos
vermeintlicher "politischer Gegner" gefunden. Über die Wirkung
der staatlichen Maßnahmen gegen die SSS gehen die Meinungen
auseinander. Leo Blech, bis Ende November 2000 Leiter der
Polizeidirektin Pirna und heute Vorsitzender des Vereins "Netzwerk
Sachsen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit",
meint dazu: "Die SSS ist weiterhin aktiv" - allerdings besser
getarnt als zuvor. Beim Landesamt für Verfassungsschutz heißt
es dazu im umständlichen Behördendeutsch: "Personen aus dem
Kreis der Mitglieder der verbotenen SSS beschäftigen sich
nach wie vor mit rechtsextremistischem Gedankengut und nehmen
an Veranstaltungen von rechtsextremistischen Organisationen
teil." So wie am 13. Februar dieses Jahres. Da tat sich Thomas
R. als Ordner bei einem Neonaziaufmarsch in Dresden hervor.
Leo Blech glaubt, die 120 Skinheads vom "harten Kern" in der
Region "sind für die Gesellschaft verloren" und ausschließlich
ein Fall für Polizei und Justiz. Er berichtet auch von afrodeutschen
Familien, die aus Angst vor Übergriffen einige öffentliche
Plätze in Pirna meiden und nicht mehr mit der S-Bahn fahren.
Bei diesem Thema wird Ernst Brandt, Sprecher des Amtsgerichts
Pirna, energisch: Keineswegs würden sich die Schlagzeilen
über Neonazis in der Region "in der Anzahl von Verfahren gegen
Rechte vor dem Amtsgericht Pirna widerspiegeln". Die Zahl
sei eher gering. Die Frage, woran das liegen könnte, möchte
er nicht beantworten. Expolizeichef Leo Blech sagt: "Rechtsextremismus
kommt hier aus der Mitte der Gesellschaft." Zum Prozess der
Familie Sendilmen will sich Blech nicht äußern, denn einige
der strittigen Vorfälle fallen noch in seine Amtszeit.
Auch Amtsgerichtssprecher Brandt will zu dem "schwierigen
Verfahren" am liebsten nichts mehr sagen. Die Passanten, die
nachmittags auf der Fußgängerzone flanieren, sind weniger
zurückhaltend. "Die Türken sind doch selber schuld", sagt
eine gut gekleidete 33-Jährige. "Die sollen still sein oder
nach Hause gehen." Ein Berg von Schulden Zu Hause ist für
Selda ihre Geburtsstadt Berlin. Dahin würde sie gerne zurückkehren.
Doch vier Jahre Abenteuer Ost haben auch alle Ersparnisse
ihrer Familie aufgebraucht. "Wir stehen mit einem Berg von
Schulden da, weil immer weniger Leute bei uns essen." Neulich
hat ihr ein junges Mädchen erzählt, sie sei von ihrer Lehrerin
vor den "bösen Ausländern" gewarnt worden. Und seitdem die
Lokalzeitung von den Vorstrafen ihrer Brüder und Mutter berichtete
- "wegen eines Familienstreits", wie Selda betont -, ist das
Geschäft noch schlechter geworden. Hilfe erwartet sie von
niemandem mehr in Pirna. "Es gibt schon Leute, die uns mögen.
Aber die haben Angst."
Quelle: die tageszeitung, 12.03.02
up
Pirna schlägt zu
Jungle World Nr. 09/2002 - 20. Februar 2002
Obwohl ihr Imbiss Dutzende Male von Rechten angegriffen wurde,
muss sich eine türkische Familie in Pirna vor Gericht verantworten.
von kerstin eschrich
Es ist ein düsterer Tag im November.
800 Menschen ziehen unter dem Motto "Zeichen setzen gegen
rechte Gewalt und Rassismus" durch die Straßen der sächsischen
Kleinstadt Pirna. Da greifen etwa 100 Neonazis den Demonstrationszug
an. Sie werfen Flaschen und Steine und grölen ihre Parolen.
Der Polizei, die anfangs nur mit 26 Beamten vor Ort ist, gelingt
es erst nach längerer Zeit, die Rechten abzudrängen. Doch
sie sind nicht aus der Stadt verschwunden.
Sie ziehen vor den Imbiss der Familie Sendilmen in der Fußgängerzone.
Dort verhalten sie sich nun mit einem Mal völlig friedlich
und werden von der türkischen Familie, von vier Erwachsenen
und einer Minderjährigen, angegriffen. So jedenfalls lautet
die Version der Ereignisse des Jahres 2000, wie sie die Dresdner
Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift formuliert. Die Familie
Sendilmen erwartet am 12. März ein Prozess wegen gemeinschaftlicher
schwerer Körperverletzung in acht Fällen, begangen in der
Zeit von Anfang 2000 bis Januar 2001. Für die Verhandlung
ist nur ein Tag angesetzt. 21 Zeugen wurden geladen, viele
von ihnen sind Rechte. Für die Staatsanwaltschaft ist der
Tathergang klar. Jugendliche, die teilweise der rechten Szene
angehörten, hätten sich in der Nähe des Lokals getroffen und
seien dann von der Familie angegriffen worden. "Es scheint
so, als habe die Familie die Rechten durch die ganze Stadt
gejagt, mit dem Dönermesser in der Hand", erläutert der Sprecher
des Pirnaer Amtsgerichts, Ernst Brandt, lachend.
So lustig ist das Ganze für die Sendilmens jedoch nicht. Für
sie stellt sich der Fall etwas anders dar. Zwölfmal in den
vergangenen vier Jahren sei ihr Imbiss angegriffen worden.
(Jungle World, 8/01) Am schlimmsten sei es am 13. Januar des
letzten Jahres gewesen. Die Rechten hätten Naziparolen gerufen,
den Hitler-Gruß gezeigt und Steine auf den Laden geworfen.
Als Adem Sendilmen, der Vater der Familie, hinausgegangen
sei, um die Angreifer zur Rede zu stellen, sei er niedergeschlagen
worden. Die anderen Familienmitglieder seien verletzt worden,
als sie dem Vater helfen wollten. Und die Polizei sei erst
20 Minuten später eingetroffen. Nun droht den Sendilmens eine
Freiheitsstrafe. Die Staatsanwaltschaft geht in der Anklageschrift
nicht von Notwehr aus. Die Polizei sei nicht untätig gewesen,
lautet die Begründung. Außerdem seien von den Jugendlichen
vor dem Imbiss keine Angriffe ausgegangen. Deshalb wurde auch
keiner der Rechten, die in die Auseinandersetzungen verwickelt
waren, angeklagt. "Die Ermittlungsverfahren gegen die Rechten
wurden alle eingestellt, da kein Tatverdacht bestehe", erläutert
der Anwalt der Familie, Stefan Schrage.
Es war die Pirnaer Rundschau, die nach den Ausschreitungen
am Rande und nach der Demonstration vom 4. November ihrer
Leserschaft die passende Bewertung präsentierte. Die Zeitung
veröffentlichte ein Bild, auf dem die Mutter der Familie,
Keziban Sendilmen, mit einem abgebrochenen Axtstil in der
Hand zu sehen ist. In der Bildunterschrift wurde behauptet,
dass die Frau "mit einem Dönermesser" auf die Rechten losgegangen
sei. So sahen das auch die Mitglieder der inzwischen verbotenen
"Skinheads Sächsische Schweiz" (SSS). Auf ihrer Internetseite
schrieben sie im Januar 2001 nach erneuten Auseinandersetzungen
vor dem Imbiss, dass Pirnaer Jugendliche von gewalttätigen
Ausländern "mit Knüppeln und einem Dönermesser" angegriffen
worden seien. Die Pirnaer Bevölkerung boykottiert inzwischen
den Imbiss der Familie Sendilmen. Eine Schülerin, die sich
als eine der wenigen noch ihren Döner im Antalya-Grill holte,
erzählte Selda Sendilmen, dass sie lieber nicht mehr kommen
werde. Ihre Lehrerin habe im Unterricht vor den Leuten im
Imbiss gewarnt, das seien böse Ausländer.
Angesichts dieser Stimmung in Pirna ist es kein Wunder, dass
es auch niemanden störte, als die Inhaberin der Drogerie "Sonnenschein",
Rosemarie Herber, ihre Vorstellungen von einem Zusammenleben
zwischen Deutschen und Ausländern in ihrem Schaufenster präsentierte.
"Ausländer haben hier zu warten! Sie können ihre Wünsche äußern.
Unmittelbar in das Geschäft nur noch mit Begleitperson (Mitarbeiter,
Chefin)", stand auf der handbeschriebenen Tafel, die seit
dem Oktober des vergangenen Jahres gut sichtbar zwischen Einkaufskörben
und Tourismuswerbung für die Sächsische Schweiz hing. Erst
Mitte Dezember beschwerte sich eine Dresdnerin bei der Stadtverwaltung.
Herber verteidigte das Schild mit den Worten, dass Ausländer
"stürmisch sind und schnell etwas herunterreißen". Außerdem
ließen sie auch mal was mitgehen. Die Sächsische Zeitung (SZ)
machte den Fall öffentlich, und nach Berichten in überregionalen
Medien verschwand das Schild Mitte Januar aus dem Schaufenster.
Der Vorsitzende des Tourismusvereins Pirna, Steffen Kandalofsky,
gab schließlich in einem Leserbrief der SZ die Schuld daran,
dass die Stadt in einem schlechten Licht dastehe. "War es
die Absicht der Lokalredaktion, dem Image der Stadt Pirna
sowie dem Tourismus der Region nachhaltig Schaden zuzufügen?"
Dabei sorgt die Bevölkerung selbst dafür, dass ausländische
Touristen einen großen Bogen um die Region machen. Mitglieder
der Afro-Europäischen Bürgerinitiative klagen über alltägliche
Angriffe und Beschimpfungen. Straßen- oder Bürgerfeste gelten
für sie als besonders gefährliche Orte. "Auch Badeanstalten
versucht man zu meiden, abends sowieso, da muss man nicht
auf der Straße sein", berichtete Inge Bittermann-Mutouo im
Dezember im ZDF. Und ihr Ehemann Paulino Pilima fügte hinzu:
"Für mich ist es eindeutig, dass die Ordnungshüter praktisch
die Probleme dulden. Die schauen einfach weg." Ähnliche Vorwürfe
erhebt auch die Familie Sendilmen. Immer wenn sich die 20
bis 50 Rechten vor dem Imbiss zusammengerottet hätten, habe
sie die Polizei angerufen, erklärt Selda Sendilmen, die Tochter
der Familie. "Aber bis die Polizei kam, waren die Nazis weg.
Die Polizei drehte eine Runde, dann kamen die Nazis wieder."
Der Pirnaer Polizeisprecher Gerhardt Wellner weist diese Vorwürfe
allerdings weit von sich. "Wir sind immer so schnell wie möglich
zu dem Imbiss gekommen, und wenn wir observiert haben, gab
es keine Vorfälle." Außerdem gebe es Beispiele dafür, dass
die Familie nicht nur Rechte bedroht habe. Der Polizeisprecher
räumt allerdings ein, "dass da auch Menschen rumstanden, die
möglicherweise eine rechte Gesinnung hatten".
Das dürfte eine Untertreibung sein. Mindestens drei Zeugen
in dem Prozess gegen die Familie Sendilmen waren Mitglieder
der SSS. Der sächsische Innenminister, Klaus Hardrath (CDU),
verbot die Skinhead-Gruppe im vergangenen Frühjahr unter anderem
mit der Begründung, dass die SSS Übergriffe auf Ausländer
geplant und ausgeführt habe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt
gegen 80 Personen. Ende Januar ging vor dem Pirnaer Amtsgericht
ein Prozess gegen drei Mitglieder der SSS zu Ende. Sie hatten
im Oktober zwei Jugendliche in Pirna zusammengeschlagen. Einer
der Täter wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt. Anklage und
Verteidigung hatten sich zuvor darauf verständigt, dass die
Mitgliedschaft in der SSS mit der Gewalttat nichts zutun habe.
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