| Aufruf
des Antifa-Bündnis-Schönebeck:
Schaut
nicht weg - Greift ein!
Darf keine hohle
Phrase sein!
Am 9.1.2006 wurde der 12-jährige
Kevin auf seinem Heimweg von Schönebeck nach
Pömmelte (Sachsen-Anhalt) von 5 rechten Jugendlichen
überfallen und misshandelt. "Unbemerkt"
von Fahrgästen und Fahrer begannen die Feindseligkeiten
gegen den Jungen bereits im Bus. In Pömmelte
angekommen, versuchte Kevin den Angreifern aus
eigener Kraft zu entkommen - leider ohne Erfolg.
Im Schutze der stillen Zustimmung der AnwohnerInnen,
begannen die 5 Täter, nachdem sie Kevin eine
Strecke geschliffen hatten, unbehelligt auf den
Jungen einzuschlagen und einzutreten. Im Verlauf
der Tortur spitzten sich die Gewalttätigkeiten
gegen Kevin weiter zu. So wurde der gerade erst
12-Jährige gezwungen eine Flasche Bier zu
trinken, die den Tätern danach als Schlagwaffe
diente. Zudem musste er die Stiefel seiner Peiniger
ablecken und küssen und ihnen auf Fragen
mit Nazisprüchen antworten. Die Brutalität
fand ihren Höhepunkt, als einer der Jugendlichen
eine Zigarette im Auge des Jungen ausdrückte.
Anschließend wurde unter Androhung des Todes
eine Schusswaffe auf ihn gerichtet. Damit fanden
die Quälereien nach einer Stunde ihr Ende,
da den 5 die Lust daran vergangen war. Nach eigenen
Aussagen wollte man erstmal eine rauchen.
Das Motiv der 14 - 19-jährigen Täter
war eindeutig rassistisch - griffen sie den Jungen,
dessen Vater aus Äthiopien kommt, doch wegen
seiner Hautfarbe an. Kevin wurde zuvor schon einmal
Opfer des beteiligten 19-jährigen Francesco
L., der ebenfalls in Pömmelte wohnt.
Wenige Tage nach der Tat
organisierten Nazis aus der Kameradschaft Schönebeck
und des JN-Landesverbandes eine Kundgebung in
Schönebeck. Auf Flugblättern distanzierte
man sich von den Tätern und Gewalt im Allgemeinen.
Angesichts der nachgewiesenen Kontakte des Mittäters
Francesco L. zur rechten Szene in Schönebeck
bzw. dem Umfeld der Kameradschaft Schönebeck,
deren Mitglieder zum Teil verurteilte Gewalttäter
sind, stellen diese Bestrebungen eine Farce dar.
In den letzten Jahren hat die Naziszene um die
Kameradschaft Schönebeck mit ihren Aktivitäten
mehrmals für Aufsehen gesorgt. Neben Konzerten
und Aufmärschen sind in diesem Zusammenhang
insbesondere gewalttätige Übergriffe
hervorzuheben. Im Februar 2003 überfielen
mindestens 15 Nazis direkt vor der Polizeistation
in Schönebeck 4 alternative Jugendliche.
Dabei wurde gezielt auf die Köpfe der Betroffenen
eingetreten (Mehrere Jahre zuvor wurde an gleicher
Stelle schon einmal ein junger Mann Opfer rechter
Gewalt.). In den milden Urteilen gegen 6 der beteiligten
Nazis fand ein geplantes "Bordstein-Kicken"
keine Berücksichtigung. Im Prozessverlauf
wurde offiziell bestätigt, dass mindestens
3 der Angeklagten Mitglieder der Kameradschaft
Schönebeck sind.
2003 griffen Nazis im Anschluss an eine Friedensdemo
anlässlich des Irakkrieges auf dem Salzelmener
Marktplatz linke DemonstrationsteilnehmerInnen
an.
Im Mai 2004 waren 3 Nazis aus Schönebeck
an einem bewaffneten Überfall auf eine linke
Wohngemeinschaft in Genthin beteiligt.
Dieser kurze und unvollständige Abriss zeigt
bereits deutlich, dass gewalttätige Übergriffe
aus dem Umfeld der Kameradschaft Schönebeck
keinesfalls als "Ausfälle" von
"Einzeltätern" und "Problemkindern"
gewertet werden dürfen, wie es Öffentlichkeit,
lokale Medien, Justiz und Politik seit Jahren
tun. Vielmehr erfolgen solche Angriffe geplant
und bewusst im Sinne der eigenen Ideologie.
Der Landkreis Schönebeck
spielt jedoch keine Ausnahmerolle in Sachsen-Anhalt,
wenn es um Gewalttaten von rechts geht. Der faschistische
Überfall von Pömmelte ist nur exemplarisch
für eine erstarkte Nazikultur in Sachsen-Anhalt.
Allein in den ersten 11 Tagen diesen Jahres registrierte
die Mobile Opferberatung 8 Gewalttaten im Land,
die von Neonazis ausgingen. Gerade im Raum Harz/
Vorharz hat sich unter Duldung bzw. Unterstützung
der Bevölkerung ein fester Zusammenhang faschistischer
Kräfte, bestehend aus NPD, Kameradschaften
und einen Neuerlichen JN-Stützpunkt in Wernigerode,
gebildet. Vor allem in den kleinen Städten
Wernigerode, Quedlinburg und Halberstadt kommt
es mittlerweile fast täglich zu immer brutaler
werdenden Angriffen auf MigrantInnen und nicht-rechte
Jugendliche - meist ohne Konsequenzen für
die Täter.
Bisher wurde dem nicht gerade
viel entgegengesetzt. Lokale Politik und Öffentlichkeit
sehen sich nur angesichts unerwartet hoher Medienpräsenz
"genötigt", Maßnahmen zu
ergreifen, die den Imageverlust ihrer Region so
klein wie möglich halten sollen. Der in Pömmelte
initiierte "Runde Tisch" ist beispielhaft
für die Bemühungen der Bevölkerung,
ernsthaften Auseinandersetzungen mit fremdenfeindlicher
Gewalt aus dem Weg zu gehen. So wurde der eigentliche
Übergriff nur kurz thematisiert um anschließend
ausführlich zu erörtern, wie man das
angekratzte Bild nach außen aufpolieren
kann. Dies zeigt einmal mehr, dass von offizieller
Seite kein ernst gemeintes Engagement zu erwarten
ist.
Da rechte Jugendliche gerade in Dörfern sehr
oft starken Rückhalt durch große Teile
der Bevölkerung erfahren, stellen sie lediglich
den verlängerten Arm einer vorherrschenden
fremdenfeindlichen Grundstimmung dar. Dies, und
das Gewaltmonopol der Rechten unter den Jugendcliquen,
erschwert es - leider nur sehr marginal vorhandenen
- alternativen Jugendlichen, eine Gegenkultur
zu etablieren. Unsere Demonstration allein wird
diese Verhältnisse nicht verändern,
sie soll aber Auftakt für eine notwendige
und kontinuierliche Arbeit sein, die auf lange
Sicht gesehen, linke und emanzipatorische Standpunkte
im Alltag verankert.
Nazis den Boden entziehen!
Linke Strukturen aufbauen!
up
|