|
Einige nette
Presseartikel zum NPD Landtagseinzug und dem Umgang der Deutschen
mit selbigem
22. September 2004, taz - Notorische Bestürzungsreflexe:
22. September 2004, Frankfurter Rundschau - Sie wissen
sehr wohl, was sie tun
Mittwoch, 22. September 2004, taz
WIGLAF DROSTE
Notorische Bestürzungsreflexe:
Wann immer Nazis in Parlamente einziehen, dann schreien die guten
Deutschen auf
Nun kommen wieder alle angelaufen, die sich
in möglichst schlechtem Deutsch ganz doll um Deutschland
sorgen. Kaum dass es die Nazis
geschafft haben, demokratisch legitimiert in einen Landtag einzuziehen,
geht ein Großgeheule an, das sich anhört wie eine Mischung
aus hilfloser Drohgebärde und Betteln um Gnade.
Erbarmen, die Nazis sind da!, rufen die
guten Deutschen und reiben sich die Äuglein. Aus ihrem habituellen
Realitätsverlust aufgeschreckt,
fuchteln sie wild um sich und geraten in Streit darüber,
was man denn jetzt mit denen machen soll, mit diesen Nazis, von
denen man vorher noch nie gehört hatte. So kuschelig war
es gewesen, sich als deutsches Opfer alliierter Bomber zu fühlen
und sich in Bernd Eichingers Führer-Soße zu wälzen
- und jetzt das! Richtige Nazis, also Leute, die richtige Menschen
richtig totschlagen! Im Parlament! Bei uns! Das kann doch nicht
wahr sein! Die sollen wieder weggehen! Huch!
Was die Deutschen so besonders unerträglich
macht, ist ihre mangelnde Souveränität. Immerzu haben
sie die Hosen voll, deshalb müssen sie auch immer lügen.
Wenn Nazis Jagd auf Ausländer und auf Linke machen, wird
das sauber wegignoriert - ins Parlament aber dürfen sie nicht
hinein, denn das Parlament ist
ja schön.
Knapp die Hälfte der Deutschen meidet
die Wahlurne; in Sachsen hat die SPD, richtig gerechnet, nicht
einmal fünf Prozent der Stimmen bekommen und feiert das als
Erfolg. So doof wie ein Sozialdemokrat möchte ich auch einmal
sein, dann wäre das Leben leicht.
Waren die Leute, die DVU und NPD wählen,
vorher nicht da? Wurden extraterrestrische Kräfte über
den Wahlkabinen abgeworfen? Sind Nazis so lange virtuell, bis
sie gewählt werden? Gibt es Nazis nur an Wahlabenden, an
denen Berufsheuchler, die sich Demokraten nennen, ihre notorischen
Bestürzungsreflexe vorzeigen können? Sind Nazis erst
existent, wenn sie Konkurrenz geworden sind? In Deutschland ist
es so:
Nazis dürfen Ausländer und Linke umbringen - Wählerstimmen
bekommen dürfen sie nicht, denn die Wählerstimmen gehören
den Demokraten. So steht es im Grundgesetz, so wollen die guten
Deutschen es halten. Wenn das nicht klappt, werden sie sauer.
Dabei haben sie doch so schöne Integrationsarbeit geleistet,
haben die Forderungen der Nazis etwas modifiziert und übernommen,
und dann halten sich die Wähler nicht an die demokratischen
Spielregeln.
Wolfgang Pohrt, der schon immer klüger
war als der Rest der Landsleute zusammen, schrieb 1984: "Wenn
mit steigenden Arbeitslosenziffern der Rechtsradikalismus gefährlich
wird, dann liegt das nicht an den Rechtsradikalen, an den unbelehrbaren
Nazis - die hat es immer gegeben.
Es liegt daran, daß es substantiell, inhaltlich eigentlich
keinen Widerstand gegen die Forderung der Rechtsradikalen mehr
gibt.
,Ausländerstop' war eine Wahlkampfparole der NPD - nun fordern
das hinter kaum mehr vorgehaltener Hand die Linken."
Im Juli 1997 krakeelte Gerhard Schröder
in Bild am Sonntag: "Kriminelle Ausländer müssen
raus, und zwar schnell." 2004 plakatiert die DVU in Brandenburg:
"Kriminelle Ausländer sofort raus!" Wer diesen
Schulterschluss nicht sieht, der will ihn nicht sehen.
"Nicht wegen des Wahlerfolgs",
schreibt Wolfgang Pohrt, "sondern nach einer empirischen
Studie über das politische Bewußtsein von
Gewerkschaftern, von sozialdemokratisch und liberal orientierten
deutschen Bürgern haben Horkheimer und Adorno 1932 ihre Koffer
gepackt.
Wenn man sich über die Chancen des Rechtsradikalismus klarwerden
will, muß man nicht die Rechtsradikalen, sondern die Liberalen
und die Linken fragen."
Die guten Deutschen möchten weiterschlafen.
Sie würden alles tun, um die Lage nicht erkennen zu müssen.
Vor nichts haben sie so viel Angst wie vor der Wirklichkeit. Sie
pennen und träumen lieber, sie schwärmen sich kollektiv
einen Hitler schön, und wenn dann Blut fließt, sind
sie sehr erschrocken. Hellsichtigere tun sie als "Alarmisten"
ab - und wenn es zu spät ist, dann machen die guten Deutschen
Alarm, aber so richtig. Dann schrebbeln sie los und steigern den
Antifaschismus ins Olympische, dann jabbeln und knurren sie umeinander,
wie schlimm das alles ist und dass man zu Nazis auch fair und
nett sein muss, weil sonst die Demokratie leidet, und die Nazis
lachen sich kaputt.
Das Einzige aber, das gegen die Nazis hülfe,
ein klarer, wacher Verstand nämlich, kommt für die guten
Deutschen nicht in Frage. Verstand ist ungemütlich, Verstand
macht auch Mühe, das ist nichts für sie, das ist undeutsch,
das lehnen sie ab. Dass auch die paar Handvoll Klügere im
Land die Folgen tragen müssen, spricht nicht für die
Demokratie, oder?"
up
Mittwoch, 22. September
2004, Frankfurter Rundschau, VON CHRISTOPH
BUTTERWEGGE
Sie wissen sehr wohl, was sie tun
Die Wähler der Rechtsextremisten sind
keine "Protestwähler" und ihre Parlamentarier keine
Witzfiguren. Es ist nicht ausgemacht, dass der
"braune Spuk" so rasch verschwindet, wie man uns versichert.
Am 26. April 1998 errang die Deutsche Volksunion
(DVU) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit beinahe 13 Prozent
der Zweitstimmen
den größten Wahlerfolg einer rechtsextremen Partei
seit Gründung der Bundesrepublik. Aufsehen erregte auch ihr
fast drei Mal so hoher
Stimmenanteil bei männlichen Jung- und Erstwählern.
Das öffentliche Erschrecken über dieses ohne den üblichen
Wahlkampf "vor Ort" erzielte Resultat wurde jedoch bald
von Berichten über die DVU-Parlamentarier/innen verdrängt,
in denen das Klischee skandalumwitterter, dummdreister und vom
Münchner Großverleger Dr. Gerhard Frey abhängiger
Marionetten dominierte.
Das Medienecho reduzierte sich im Wesentlichen
auf zwei Deutungsmuster:
Einmal handle es sich bei der Wahlentscheidung für die DVU
um eine bloße Protestwahl, nicht etwa um eine Bejahung ihrer
völkischnationalistischen Ideologie ("Deutsche Arbeitsplätze
nur für Deutsche"). Außerdem seien die Folgen
des Wahlerfolges ja halb so schlimm, weil sich die Abgeordneten
- wie schon ihre Vorgänger - als völlig unfähig
erweisen würden, das Parlamentsgeschehen inhaltlich zu beeinflussen.
Nach den neuerlichen Wahlerfolgen der NPD in Sachsen und der DVU
in Brandenburg am Sonntag feierten die beiden Argumentationsmuster
fröhliche Urständ.
Beispielsweise sprach der sächsische Ministerpräsident
Georg Milbradt von einer "Protestwahl", womit unterstellt
wird, dass es die NPDWähler/ innen mit ihrer Wahlentscheidung
gar nicht ernst meinten.
Natürlich ist nicht jeder, der dieser
Partei seine Stimme gibt, ein überzeugter Neonazi, aber er
tut auch nicht bloß seine Enttäuschung über
Hartz IV kund, identifiziert sich vielmehr mit bestimmten Grundaussagen
und Kernideologien der NPD (Rassismus, Nationalismus und
Sozialdarwinismus). Mit dem Hinweis auf die "Protestwahl"
reden die Etablierten ihre eigene Verantwortung für das Wahlergebnis
herunter, plappern aber nur nach, was die Rechtsextremen vorgaben:
"Diesmal Protest wählen!" heißt eine Parole
der DVU, die den Eindruck zu erwecken sucht, als wende sich ausgerechnet
die Partei des Multimillionärs Frey gegen "die da oben",
obwohl es immer bloß gegen "die ganz unten" (ausländische
Flüchtlinge, Obdachlose, Behinderte, Drogenabhängige
und Aidskranke) geht. Kaum sind NPD und DVU (wieder) in die Landtage
eingezogen, schon beruhigt man sich und die Öffentlichkeit
mit der Prognose, dass die rechtsextremen Mandatsträger wenig
bewirken, sondern aufgrund ihrer "Parlaments- und Politikunfähigkeit"
scheitern werden.
Zwar existieren Faulheit, Unfähigkeit, Dummheit und Bestechlichkeit
auf der äußersten Rechten - wie überall. Man macht
es sich aber zu leicht, wenn man die Tätigkeit solcher Parteien
bzw. Fraktionen darauf reduziert.
Intrigen dürfen nicht von den
parlamentarischen Initiativen der NPD und der DVU ablenken. Es
geht den rechtsextremen Mandatsträgern nämlich gar nicht
um eine "konstruktive Mitarbeit" im Parlament oder in
seinen Ausschüssen, vielmehr um Provokation und propagandistische
Erfolge, die dadurch kaum zu erzielen wären. Je mehr die
etablierten Parteien im Sinne einer ganz großen oder Allparteienkoalition
(siehe Hartz IV) zusammenarbeiten und je weniger sie inhaltlich
noch voneinander unterscheidbar sind, desto leichter dürfte
es NPD und DVU fallen, sich als die wahren Vertreter des Volkes
und reale Alternative zu profilieren. Noch ist keineswegs ausgemacht,
ob der "braune Spuk" so schnell wieder verschwindet,
wie man uns glauben machen möchte.
up
|