Die deutsche Stimme verstummen
lassen!
Aufruf zur antifaschistischen
Demonstration am 12. Februar 2000 in Riesa
Eine Stadt, die alles zu bieten hat,
um Nazis zum gemütlichen Strukturaufbau einzuladen, fürchtet um
ihren Ruf. Die Stahl- und Sportstadt, in der jahrelang Nazis und
ihre Übergriffe geduldet wurden, bangt um ihr Image. Grund dafür
ist der Umzug des "Deutsche Stimme" Verlags, dem zum 31. Dezember
1999 in Sinningen die Räume gekündigt wurden. Doch die Aufregung
der RiesaerInnen kommt um Jahre zu spät. Denn schon zu Beginn
der 90´er fingen Nazis in Sachsen an ihre Strukturen aufzubauen.
Inzwischen sind selbst die organisierten Nazis in Sachsen flächendeckend
vertreten. Kein Wunder also, dass auch hier ein Kreisverband der
NPD existiert. Zu den Kommunalwahlen am 17. Juli 1999 zogen die
Nationaldemokraten mit 3,2% der Stimmen in den Stadtrat ein und
stellen damit einen Abgeordneten. Ihr Kandidat konnte sich sogar
in der lokalen Presse vorstellen.
Die "Deutsche Stimme" und ihr Verlag
Im "Deutsche Stimme" Verlag erscheint die seit 1976 vom NPD-Bundesvorstand
herausgegebene Zeitung "Deutsche Stimme". Mittlerweile in fast
jeder Bahnhofsbuchhandlung zu kaufen, verbreitet die monatlich
erscheinende Zeitung die rassistische, antisemitische und nationalistische
Propaganda der NPD. Das verwundert bei der Zusammensetzung der
Redaktion auch nicht. Zu ihr gehören u.a. Holger Apfel und Jürgen
Distler - beide sind langjährige Kader der NPD/JN. Der seit einigen
Jahren im Verlag integrierten Versandhandel bietet ein "reichhaltiges"
Angebot, was vom einfachen Aufkleber bis hin zum Rednerpult oder
Parfüm reicht, aber genauso die rechte Subkultur mit T- Shirts,
CD's und Videos usw. versorgt.
Zustände I
Keine Aufregung zeigten die RiesaerInnen bei den zahlreichen rechten
Übergriffen, sondern ganz im Gegenteil. Sie trugen mit ihrem (Nicht)Verhalten
massgeblich zur rassistischen Normalisierung in der Region bei.
So können Übergriffe wieder und wieder stattfinden. Dieser Konsens
fordert, vor allem in ostdeutschen Kleinstädten, immer wieder
auch Todesopfer. Wie zum Beispiel die Ermordung eines Punkers
in der Nacht vom 2./3. Oktober 1999 bei Hohenstein-Ernstthal.
Übergriffe, von deutschen Jugendliche, die einfach aus "Spass"
auf alle Jagd machen, die nicht in ihr faschistisches Weltbild
passen, vom scheinbar Nichtdeutschen bis hin zu HipHoppern werden
von der Bevölkerung mit Orientierungs- und Arbeitslosigkeit entschuldigt.
Auch Riesa unterstützt Nazis seit Jahren mit akzeptierender Jugend-
und Sozialarbeit. So finanzierte die Stadt den Proberaum und die
Instrumente der "Weissen Riesen", der örtlichen Faschoskinheadband.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es auch in Riesa immer
wieder Ausschreitungen gab und gibt. Hier nur einige Beispiele
der letzten Jahre.
Mai 1991 Thiendorf:
Anschlag auf die dortige AsylbewerberInnenunterkunft
02.06.1993 Grossenhain:
Aus einem fahrenden Auto wird mit einer Waffe auf einen Inder
geschossen
21.04.1994 Zeithain:
Brandanschlag auf das AsylbewerberInnenheim
16.01.1997:
Ein Asylbewerber aus Guinea wird auf einem Bahnhof von drei Deutschen
zusammengeschlagen
08.05.1997 Gröditz:
Brandanschlag auf das AussiedlerInnenheim
24.07.1999 Grossenhain:
Brandstiftung am alternativen Jugendzentrum "Conny-Wessmann- Haus"
01.12.1999 Riesa:
"Wir haben uns über Jahre einen guten Ruf erarbeitet, den lassen
wir uns keinesfalls kaputtmachen.", so Bürgermeister Köhler in
einem Interview in Bezug auf die Ansiedlung des Deutschen Stimme
Verlages in der Stadt.
Die "Deutsche Stimme" in Sinningen
Seinen Sitz hatte der "Deutsche Stimme Verlag" bisher im oberbayrischen
Sinnigen. In den Räumlichkeiten von Anton Pfahler, Militaria-Händler
und Neo-Nazi, wurde die "Deutsche Stimme" vertrieben Im Juni 1998
führte die Polizei in neben verschiedenen anderen Objekten, auch
eine Grossrazia in Sinningen durch. Dabei wurden auf dem Grundstück
neben Nazipropaganda auch zahlreiche Waffen gefunden.
Antifaschistisches Engagement
Die von der NPD gewünschte Ruhe vor der Öffentlichkeit hatte die
"Deutsche Stimme" und deren Verlag in Sinningen zu keiner Zeit.
Parteien, Verbände und Initiativen bis hin zur CSU sprachen sich
gegen das NPD-Blatt aus. "Dadurch würden das politische und soziale
Klima, die öffentliche Ruhe und Ordnung in einem kleinen Ort wie
Sinningen gefährdet" werden, so der CSU-Landrat Dr. R. Kessler.
Auf vielfältige Art und Weise wurde Druck auf die NPD ausgeübt.
Die Gemeinde verweigerte Genehmigungen und BürgerInnen sammelten
Unterschriften. Ende Februar 1998 fand in Sinningen eine Demonstration
einiger hundert Antifaschisten statt.
Zustände II
Zum Schutz der neuen Nazizentrale ist eine Gruppe aus militanten
Nazischlägern gebildet worden. Somit wird im Umkreis des neuen
Anwesen des Deutschen Stimme Verlags eine No-Go-Area geschaffen.
Denn die Nazis beschränken sich nicht nur auf das Bewachen des
Gebäudes, sondern greifen vermeintliche GegnerInnen auch tätlich
an. Von Rassismus ohnehin schon Betroffene sind jetzt also in
Riesa noch mehr gefährdet. Es ist jetzt eine permanente zusätzliche
Bedrohung entstanden. Denn die Mitglieder dieser Schutzgruppe,
haben eine Ausbildung für ihre Aufgabe bei geschulten NazikaderInnen
durchlaufen, sind vorbereitet auf gewalttätige Auseinandersetzungen.
Schon jetzt zur Normalität geworden sind Streife fahrende Nazis
und Einschüchterungen von nichtkonformen AnwohnerInnen.
Die neue Örtlichkeit und deren Ex-Besitzer
Jürgen Günz
Massgeblich zu dem relativ unkomplizierten Ortswechsel beigetragen,
hatt der Riesaer NPD-Stadtrat Jürgen Günz Im gehörte die Halle
auf der Mannheimer Str. 35 ursprünglich. Günz gründete im Oktober
1992 zusammen mit seinem Sohn Mike Günz und einem weiteren Teilhaber
die Firma „TVS Heizung - Sanitär Fachgrosshandel GmbH" Die Firma
meldete 1998 Konkurs an. Damit stand das Gelände auf der Mannheimer
Strasse zum Verkauf und offen für die „Deutsche Stimme'". Andere
InteressentInnen für die Gebäude wurden von Herrn Günz massiv
bedroht. So konnte das Gelände ohne Probleme in den Besitz der
NPD wechseln. Schon zum Landtagswahlkampf 1999 nutzte die sächsische
NPD die Halle als Koordinierungszentrum. Hier wurden die Pappen
für die Wahlplakate angeliefert, eifrig geklebt und Material in
grossen Mengen gelagert. Die "Weissen Riesen" die lokale Naziskinheadband
soll hier auch schon geprobt haben
Die NPD in Sachsen
Die NPD unterhält trotz Mitgliederrückgangs in Sachsen ihren grössten
und stärksten Landesverband. Die Nationaldemokraten sitzen in
sechs Stadträten und einem Kreistag. Zwar ist die aktuelle Tendenz,
dass die vor allem jugendliche Basis wieder vermehrt in Autonome
Kameradschaften abwandert, um dort wieder mehr gewalttätige Aktionen
durchführen zu können. Dennoch lässt man sich weiterhin auf ein
Zweckbündnis mit der NPD ein. Diese stellt einen legalen Rahmen
für Räumlichkeiten, Schulungen und Aufmärsche, und im Gegenzug
übernehmen Freie Kameradschaften den Schutz solcher Veranstaltungen
bzw. wie in Riesa den Schutz von Gebäuden. Somit stösst die Ansiedlung
des Verlags und des ihm angegliederten Schulungszentrums hier
auf einen fruchtbaren Boden. Es ist also in Zukunft davon auszugehen
dass es in Sachsen sowohl eine starke NPD mit legalen Aktionen
geben wird, als auch eine militante Naziszene, die auch unabhängig
agiert.
Zustände III
Sachsen beherbergt seit mehreren Jahren bedeutsame Projekte der
deutschen und österreichischen Alt- und Neonaziszene. Der Freistaat
konnte sich vor allem dadurch als Anziehungspunkt für rechtsextreme
Projekte etablieren, da hier die nötige Ruhe vorhanden ist. Es
gab und gibt kaum Widerstand und Protest von Behörden, PolitikerInnen,
InhaberInnen von Örtlichkeiten, Presse und allen anderen. So passiert
es nicht zum ersten Mal, dass eine bedeutende Nazizentrale nach
Sachsen zieht. 1997 erfolgte der Umzug der Bundesgeschäftsstelle
der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der
NPD, von Köln nach Dresden. Diese hat sich inzwischen, aufgrund
von internen Streitigkeiten, wieder aufgelöst. Die jährliche Gästewoche
der "Deutschen Kulturgemeinschaft (DKG), eines der wichtigsten
Treffen der deutschsprachigen Naziszene, fand zum sechsten Mal
in Folge im September 1999 in Altenberg statt. Diese Zusammenkunft
stellt eine der wichtigsten Scharnierorganisation zwischen Alt-
und Jungnazis der militanten NS-Szene von Deutschland und Österreich
dar. Die ebenfalls alljährlich stattfindende „Hetendorfer Tagungswoche"
hat sich nach den Verboten ihrer Vereine im Sommer 1998 in „Mitteldeutsche
Tagungswoche" umbenannt und ist von Hetendorf ins ostsächsische
Ostritz gezogen. Dort zelebriert unter anderen die „Artgemeinschaft
Germanischen Glaubens" ihre religiösen Riten. Doch auch dieses
Treffen ist seit Jahren eines der wichtigsten von Alt- und Jungnazis.
Ausserdem veranstaltete die NPD in den letzten Jahren einen Teil
ihrer wichtigsten Grossveranstaltungen in Sachsen. Besonders einprägsam
war der 1. Mai 1998 in Leipzig, wo 4000 Nazis aus der gesamten
Bundesrepublik sich am Völkerschlachtdenkmal versammelten. Nicht
nur die Tatsache, dass seit Jahren organisierte Alt- und Jungnazis
in Sachsen eine "neue Heimat" gefunden haben, sondern vor allem
der Fakt, dass ihnen kaum ernstzunehmender Widerstand von Bevölkerung
und staatlichen Organen entgegengesetzt wird, ermöglicht immer
wieder die Ansiedlung von bundesweit bedeutsamen Projekten und
Strukturen in Sachsen Deshalb ist es wichtig einer weiteren Etablierung
hier und überall anders so schnell wie möglich entgegenzutreten
und den Nazis nicht die Ruhe zu gewährleisten einen weiteren Knotenpunkt
aufbauen zu können. Wir wollen somit sowohl der Nazizentrale,
als auch der rassistischen Bevölkerung entgegentreten.
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