| Demonstration in Sebnitz am
31. März 2002
Redebeitrag 1
Safari im Nazistreichelzoo Teil
III: "der Rundgang"
Nach dem einschlagenden Erfolg der
ARD Serie "Lindenstraße" und ihrer Folge Safari im Nazistreichelzoo
in der Sächsischen Schweiz. Gibt es nun schon den dritten
Teil. Wir wählten dafür den Titel "Der Rundgang", denn gerade
hier in Sebnitz gibt´s was zu sehen, wenn es um Neonazis und
deren Verbindungen zu den lieben BürgerInnen geht. Leider
wurde uns der Rundgang nicht in der Version genehmigt, wie
wir es uns gern gewünscht hätten, so können wir euch nur einen
kleinen Einblick von dem geben, was hier so tag täglich abgeht.
Auch die Geländewagen, die wir beantragt hatten sind nicht
eingetroffen, und so müssen wir die Strecke nun zu Fuß zurücklegen.
Wichtig ist, dass ihr alle zusammen bleibt, da einzelne Leute
eine leichte Beute sein könnten.
Doch nun zu den Attraktionen. Da haben
wir die sogenannten "Jugendlichen", an jedem anderen Ort würden
diese als Neonazis bezeichnet werden, doch nicht in Sebnitz.
Hier sind sie einfach nur die Jugendlichen. Und was für welche,
als kleine Polizei streifen sie Nachts durch die Stadt auf
der Suche nach Opfern. Da es wichtig für das Zugehörigkeitsgefühl
dieser Jugendlichen ist einen Gruppennamen zu haben, gründeten
sich auch gleich ein paar Organisationen, und für jeden ist
was dabei.
Da gab es die "Skinheads Sächsische Schweiz" die ja nun seit
05.04.2001 verboten sind, dann gibt es die "White Warrior
Crew Sebnitz", die NPD und andere kleine Gruppen. Die WWCS
ist ohne Frage die militanteste auf dem Gebiet des Landkreises
Sächsische Schweiz. Mehrere brutale Übergriffe, Verfolgungen,
Sachbeschädigungen und Brandstiftungen gehen auf deren Konto.
Nicht zuletzt ist eine der wichtigsten Figuren, Mirko Hesse
Sektionsleiter der Sächsischen Hammerskins gewesen. Er musste
seinen Wohnsitz in Sebnitz gegen einen Platz im Knast tauschen,
weil bei einer Razzia neben etlichen 1000 CD´s auch Waffen
gefunden wurden. Doch das er die besitzt ist ja hinlänglich
bekannt. Schon Anfang der 90´er probte er gemeinsam mit seinem
alten Freund Thomas Sattelberg in den Wäldern der Sächsischen
Schweiz sein Arsenal. Gemeinsam organisierten die beiden bis
zum Verbot den hiesigen Horst der Wikingjugend. Danach zog
Sattelberg von Bad Schandau nach Pirna und baute die "Skinheads
Sächsische Schweiz" auf. Das Gebiet von Sattelbergs SSS war
nun vorrangig die Gegend des Altkreis Pirna und Hesse blieben
die Orte Sebnitz, Neustadt, Hohnstein und Stolpen.
Wobei Hesse durch sein Machwerk "Hass-Attacke" die überregionalen
Kontakte pflegte, Sattelberg aber mit seiner SSS eine Massenorganisation
schuf. Die WWCS verstand sich selbst aber immer als Elite.
Nicht die Masse sollte es hier machen, sondern die Brutalität.
Gnadenlos jede[r] der oder die nicht in das Bild von Hesse
passte musste um sein Leben fürchten. Die nächtlichen Streifzüge
Hesses Schläger endeten nicht selten mit dem Krankenhausaufenthalt
des Opfers. Wo sich Widerstand abzeichnete fuhr Nachts ein
Auto fuhr und die Scheiben des Opfers gingen zu Bruch. Eine
Aufklärung ist fast nicht möglich. So brannte letztes Jahr
das Auto eines vermeintlichen Linken über Nacht vor dessen
Haustür komplett aus.
Doch nicht nur die militanten Neonazis
auf der Straße machen einem hier das Leben schwer.
Auch die NPD und die konservativen Politiker decken die Nazis
auf unverschämte Weise. Durch ihre Vertretung im Stadtrat
von Sebnitz bekommt die NPD die Möglichkeit offen mitzuarbeiten.
Ich erinnere nur an die Koalition von NPD, FDP und DSU, die
in der Parteispitze der Liberalen kaum auf Widerstand stieß.
Man kann bei der NPD also von einer voll und ganz anerkannten
Partei sprechen. Da stören auch die allwöchentlichen Flyer
nicht mehr, welche die Nationaldemokraten in die Briefkästen
verteilen. Die Bürgermeisterwahlen bescherten den Rechtsextremisten
mit 7,5 % zwar kein Traumergebnis in der Sächsischen Schweiz,
aber an jedem anderen Ort. Zu bedenken ist auch, dass nicht
der bekannte NPD´er Johannes Müller angetreten war, sondern
der damalige Bundesgeschäftsführer Ulrich Eigenfeld, der aber
regional unbekannt ist.
Nun zur dritten Erscheinung. Dabei handelt
es sich um die Leute die verschweigen und decken. Allen voran
Bürgermeister Mike Ruckh (CDU). Ihm wäre es am liebsten, wenn
alle schön ihren Mund halten würden. Das wichtigste für ihn
ist der Ruf von Sebnitz. Und da sich ein offener Umgang mit
dem Thema Nazis als schädlich erweist, wird lieber versucht
zu vertuschen. Kürzlich sagte er in einem Fernseh-Interview,
dass gerade 30 Leute der rechten Szene angehören würden, alle
anderen wären normale Jugendliche. Wenn man sich umsieht,
merkt man schon, was für den Herrn alles normal ist. Auch
hat er seine eigene Art mit Aufklärung umzugehen. Wer versucht
diese Sachen öffentlich zu machen, riskiert enormen Druck.
Wer an die Presse geht, wird nicht selten zu Bürgermeister
zitiert und unter Androhung von Konsequenzen zum Schweigen
gebracht. Wer versucht Kultur in die Stadt zu bringen und
sich Freiräume zu schaffen, muss mit unverschämten Auflagen
kämpfen. Das alles ist genug um Sebnitz als das zu bezeichnen
was es eigentlich ist - eine national befreite Zone!
Redebeitrag 2
Der Sebnitzer Rufschaden - eine
schöne Halluzination
Laut haben sie geschrieen - die Sebnitzer,
die Sächsische Staatsregierung und Neonazis. Beklagten einen
Rufschaden, den es nicht gegeben hat. Und sie wurden dafür
reicht belohnt. viele andere Nester, die sich über Öffentlichwerdung
ihrer rassistischen Zustände geärgert haben, versuchten mehr
oder weniger erfolgreich dieselbe Tour.
Einer der engagiertesten Unterstützer der Sebnitzdeutschen
ist Herr Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft
an der TU Dresden. In einer wissenschaftlich wenig beachteten,
dafür umso populistischeren Studie attestierte er den armen
Sebnitzer einen/ihren Imageverlust. Er bzw. seine Mitarbeiterin
rechneten so beispielweise nach einer bisher noch geheimgehaltenen
Formel Werte von Minus -2(NoV2000) , +2 im Dezeber und -0,1
als von Sebnitz vermittelten Eindruck aus. Damit will er sagen,
das dass Bild, welches von Sebnitz besteht, schlechter ist
als vor der Debatte um Sebnitz.
Abgesehen davon, das es den Sebnitzern heute so gut geht wie
selten, was nach einem rassistischen Mord nicht sein sollte,
wäre es eigentlich selbstverständlich wenn so manchem die
Lust auf das Städtchen in der sächsischen Schweiz vergeht.
Nach all der öffentlichem rassistischen hetze und den von
verschiedensten Seiten ausgestoßenen Morddrohungen, den offenen
Sympathien großer Teile der Sebnitzer Bevölkerung mit militanten
Neonazis, sollte eine negative Berichterstattung selbstverständlich
sein. Professor Donsbach müsste deshalb, wenn er sein Eindrucksdiagramm
um einen Vergleichswert mit der Sebnitzer Realität ergänzen
wollte, die Skala erheblich nach unten erweitern.
Als eine von vielen Promotion-Aktionen
gegen den vermeintlich schlechten Ruf der Stadt, konnte Sebnitz
die Eröffnung des Afrikahauses mit Gästen wie Kurt Biedenkopf
als seinen Betrag zur "Völkerverständigung" und zum heranführen
von Jugendlichen an so genannte "fremde Kulturen" verkaufen.
Das es sich beim Sebnitzer Afrikahaus um nichts anderes als
einen ort der Verbreitung rassistischer Stereotype und der
Verherrlichung von Kolonialistischen (ehemaligen) Eroberungen
handelt, bei der die unkommentierte Ausstellung von zutiefst
rassistischen Darstellungen von Bücherfressenden sogenannten
"Afrikanischen Eingeborenen", neben einer Sarottiwerbung und
Filmen von Leni Riefenstahl steht, spielt in der Darstellung
dessen keine Rolle. Einige Mitglieder des Vereins Afrodeutscher
Familien waren ebenfalls bei der Eröffnung im Sebnitzer Haus
für Völkerverständigung. Sie taten den Eröffnenden nicht den
Gefallen dem Tenor der Ausstellung entsprechend, nämlich nackt
und tanzend zu erscheinen. Sie mussten sich auch hinterher
von den militanteren Rassisten anpöbeln und beleidigen lassen.
Wie anders als ausgesprochen negativ
soll man eine Stadt beurteilen, die einem nach rassistischen
Mord all ihre Kraft zur Vertuschung desselben einsetzten.
Redebeitrag
3
Rassistische
Zustände in Sebnitz
Intro
Am 23. November 2000 titelte Bild mit der Aufdeckung eines
rassistischen Mordes in Sebnitz. Die Tage danach berichtete
bundesweit Presse darüber. Von den Sebnitz-Deutschen wird
dieser Vorgang als Verschwörung gegen die gesamte Stadt dargestellt.
Was die Presse dagegen von Sebnitz erfuhr war etwas anderes.
Opfer sind keineswegs die Sebnitzer. In der folgenden Medien-Collage
sind die Details zum rassistischen Mord in Sebnitz nicht enthalten.
Süddeutsche Zeitung 24.11.2000
Bürgermeister Ruckh will die Ehre seiner Stadt retten; was
er sagt, sind Reflexe: Die absolute Mehrheit der Menschen
in Sebnitz denke nicht rechtsextrem. Es gebe weder eine virulente
noch eine präsente rechte Jugendszene in der Stadt. Die NPD
hat in Sachsen mit tausend Mitgliedern ihren stärksten Landesverband,
in der Sächsischen Schweiz hat sie ihre Hochburgen. Sebnitz
mit seinen NPD-Wahl-Ergebnis von sechs Prozent lag bei weitem
nicht an der Spitze. Zwölf Mandate hält die Partei in der
Region und geriert sich wie ein etablierter politischer Machtfaktor.
In Ostsachsen haben auch die Veranstalter rechter Skinkonzerte
leicht ihr Publikum gefunden.
Sächsische Zeitung 24.11.2000
Kommentar: Imageverlust
Von Anja Weber
Wenn die Vorwürfe stimmen, ist es ein Skandal ohnegleichen.
Aber schon gestern gab es einen Vorgeschmack auf das, wie
Sebnitz zumindest in den nächsten Wochen dargestellt werden
wird: Eine Stadt voller Neonazis. Dass es hier welche gibt,
leugnet keiner, vielleicht nicht mehr und nicht weniger als
in Neustadt oder Stolpen. Ob nun organisiert oder nicht -
auch hier in Sebnitz treffen sich verschiedene rechtsradikale
Gruppen.
Frankfurter Rundschau 25.11.2000
Mit den Rechten, sagt Borrmann, sei es schlimm in Sebnitz.
In der alten Stadt, zu DDR-Zeiten berühmt für seine Kunstblumenfabrikation,
sitzt ein NPD-Mann im Stadtrat. Die Sächsische Schweiz ist
die Hochburg der SSS, einer Skinheadbewegung von etwa 100
jungen Männern, die als gut organisiert, militant und gewaltbereit
gilt. Bei Hausdurchsuchungen in der rechten Szene im vergangenen
Juni entdeckte die Polizei dort Sprengstoff und Waffen.
Berliner Zeitung 25.11.2000
Kommentar Es gibt zu viele Sebnitz in Deutschland
Sebnitz ist seit Jahren eine Hochburg der NPD und der "SSS",
der Skinheads Sächsische Schweiz. Die Kleinstadt ist eine
befreite Zone, frei vom Bewusstsein über das, was Recht ist
und was Unrecht. In Sebnitz gibt es offenbar nicht einmal
mehr funktionierende Institutionen des Rechtsstaates, die
dafür sorgen, dass Verbrechen auch verfolgt und geahndet werden.
Dort müssen die Opfer selbst für Strafe und Sühne sorgen.
Darin liegt das größte Versagen: Polizei und Justiz schützen
die Bürger nicht mehr vor Übergriffen, sie lassen die Täter
laufen. Die Innenminister setzen sich für eine Einschränkung
des Demonstrationsrechts ein. Ihre wirkliche, ihre lebensgefährliche
Macht demonstrieren die Neonazis nicht am Brandenburger Tor.
In Städten wie Sebnitz zeigen sie tagtäglich, was sie wollen,
und führen vor, was wir uns von ihnen gefallen lassen. Es
sind Hunderte, vielleicht Tausende deutsche Ortschaften, in
denen brutale, rechtsradikale Jugendliche ignoriert, geduldet,
gefördert und manchmal sogar beklatscht werden. Es sind die
Orte, in denen rechtsradikale Gangs aufmarschieren, um zuzuschlagen,
und in denen keiner eingreift, wenn Ausländer, Obdachlose
oder Behinderte beschimpft, zusammengeschlagen und misshandelt
werden. Hier wäre der so genannte Aufstand der Anständigen
notwendig, hier könnte die Zivilgesellschaft ihre Kraft zeigen.
Welt am Sonntag 26.11.2000
Nacht über Sebnitz
Grölender Gesang durchbricht die Stille der Nacht: "Wir Deutschen,
wir sind besser. In eurem Bauch steckt bald ein Messer." Kurzgeschorene
Jugendliche ziehen an der "Center-Apotheke" in der sächsichen
Kleinstadt Sebnitz vorbei. Renate Kantelberg-Abdulla, 48,
und ihre Tochter Diana, 15, stürzen ans Fenster. Die Neonazis
schauen hoch, sehen, dass sie fotografiert werden und rufen:
"Du Sau, lass das" und: "Wir kriegen Euch!" Die Mutter bleibt
ruhig, schaut hinunter. "Heute ist es besonders heftig", sagt
sie nur und schließt das Fenster. Das Ehepaar eckte bei Ärzten
und Apotheker-Kollegen an, warf ihnen Rezeptbetrügereien vor.
Erste Anfeindungen begannen. Einmal sei eine Fensterlade abgerissen,
ein andermal der Keller unter Wasser gesetzt worden. "Einer
der Zeugen hat uns eidesstattlich versichert, dass man plane,
uns irgendwann einen Brandsatz ins Haus zu werfen", erzählt
die Mutter. Im Flur stehen zwei Feuerlöscher neben der Kommode.
Und fest steht auch der Terror: Nach den grölenden Jugendlichen
ruft ein Nachbar aus dem gegenüberliegenden Haus: "Alles gelogen.
Diese Kannaken lügen doch." Ein blauer Renault braust heran,
der Fahrer zeigt den Hitlergruss. Vier Mal noch fährt er vorbei,
einmal ruft er dem Vater, der vor dem Haus steht, zu: "Ich
kill dich!" Keine Polizei, kein Nachbar schreitet ein.
Der Tages-Spiegel vom 28. November 2000
Keine Entwarnung
Es wäre nicht das erste Mal, dass Staatsanwälte Verdächtige
aus taktischen Gründen laufen lassen - vorerst. Es ist übrigens
auch nicht das erste Mal, dass ein Ministerpräsident einen
ganzen Ort fürsorglich in Schutz nimmt. So verteidigte Stolpe
die Bewohner von Gollwitz, die gegen russisch-jüdische Auswanderer
vorgingen. Heute gesteht Stolpe ein, Ausländerhass verharmlost
zu haben. So weit ist Biedenkopf noch nicht. Außerdem: In
Sebnitz ist es normal, eine Familie zu terrorisieren, den
Hitlergruß zu erbieten, Morddrohungen auszustoßen - so normal,
dass nicht einmal die Polizei etwas unternimmt. Stattdessen
erklärt der Pfarrer, die Eltern hätten wohl nicht richtig
auf Joseph aufgepasst. Ein zynisches Stück Deutschland zeigt
sich hier ganz ungeniert. Wer da erleichtert von Wende spricht,
hat nichts verstanden.
Redebeitrag
4
Stoppt
den völkischen und antisemitischen Mob
Als Ausgangspunkt jeder Betrachtung
der Ereignisse seit dem Jahr 1989 steht die Shoah. Man kann
einige Aspekte mit den Mitteln der Rassismus-Kritik beschreiben,
man kann mit der Kapitalismus- oder Imperialismus-Kritik andere
Elemente hinzufügen. Man kann rassistische und patriarchale
Strukturen vergleichen, um daraus Erkenntnisse über diese
Ereignisse zu gewinnen, man kann aber auch noch die Dummheit
der Leute heranziehen und dabei nicht mal ganz falsch liegen.
Mit einer solchen oder ähnlichen erangehensweise könnten sogar
richtige Erkenntnisse für andere Länder gewonnen werden. In
Deutschland wird es aber auf diese weise niemals gelingen,
die Qualität und Quantität der volksfestartigen, zumeist spontanen
wie "rebellischen" Pogrome zu erklären. Weil der Stoff aus
dem sie gemacht werden, die Substanz und das Wesen sozusagen
der Pogrome und der Anschläge, bloß eine Randbetrachtung oder
stets ausgeklammert bleibt: Nämlich die reichlich praktizierte
Erfahrung mit der Ausrottung der europäischen und osteuropäischen
Juden, mit der Vernichtung der Roma und Sinti, sowie der sogenannten
Behinderten und allen anderen, die als "undeutsch" definiert
wurden.
Im Augenblick geht es [...] um die seit
einiger Zeit aufgetretene "Normalität des Tötens", von Menschen,
die zum Tode getrieben werden und um Schändung jüdischer Einrichtungen,
so wie während der NS-Zeit. Der tägliche Tod von Migranten
und Flüchtlingen finden inzwischen weniger Aufmerksamkeit,
als die gelegentlichen Urlaubsstaus auf den Autobahnen, Lawinenunglücke
oder Flugzeugabstürze. bei deutschen Ereignissen, wie z.B.
Menschenjagd und Schändungen durch Nazis, wird in der Medienwelt
in eine gefestigte Normalität übergegangen. [...] die deutschen
wie österreichischen Bürger begnügen sich nicht mehr damit,
dass Leute in ihrem Land umgebracht, schwerverletzt oder diskriminiert
und erniedrigt werden, sondern die Opfer müssen sich auch
noch verunglimpfen & rassistisch beleidigen lassen und werden
schließlich auch noch als die eigentlichen Verursacher ihres
eigenen Schicksals angesehen.
Es geht uns [...] um die Frage, wieso so etwas, wie Menschenjagd
und Nazi-Mob, immer noch problemlos in diesem Land funktionieren
kann. Unserer Meinung ist das nur möglich, weil ein Teil der
Bevölkerung die faschistischen Angriffe zu rätselhaften Phänomen
erklärt, der andere Teil hingegen uneingeschränkt und vorbehaltlos
hinter dem Nazi-Mob steht, der sich wiederum seinerseits ihrer
absoluten Unterstützung sicher ist. Einem weiteren Teil der
deutschen und österreichischen Gesellschaft geht es explizit
jedoch darum: endlich den subtilen Schmähungen des Auslands
und der Weltpresse stolz entgegenzutreten, und endlich einen
Schluss-Strich unter der miesen deutschen Vergangenheit ziehen
zu können. Dies versuchen sie immer wieder, ungeachtet der
jüngsten Pogrome und Synagogenanschläge.
Zur Erinnerung: Die Täter- und Täterinnen-Generation
antwortet auch heute noch auf die Frage: "Warum sie nichts
gemacht haben, als ihre jüdischen Nachbarn abgeholt wurden"
mit der Rechtfertigungsfloskel "wir konnten nichts dagegen
tun..." oder auch, "die Nazis sagten, dass die Juden umgesiedelt
werden und wir haben es geglaubt". Mit dieser Lebenslüge haben
sie sich über die Nachkriegszeit bis heute abgesichert; das
ist allen klar. Denn man wusste genau, dass das nicht stimmte
und was mit den Juden und Zigeunern passierte. Aber das ist
die Formel gewesen, mit der sie sich durchs Leben schlichen.
Und genau dieses Verhalten tritt auch heute wieder in Erscheinung
... ohne wesentlicher Unterbrechung. Und selbst der Wunsch
nach einem Schluss-Strich, vor allem unter die jüngste Geschichte
der vergangenen 10 Jahren (im Anbetracht von Mölln, Solingen,
Hoyerswerda, Rostock, Babenhausen, Eberswalde und zuletzt
die Anschläge in Düsseldorf und Essen) zu ziehen, hat schließlich
Tradition.
Der heutige Sprengsatz des deutschen Kollektivs bildet sich
aus einer Mischung von drei Elementen:
1. Die persönliche oder überlieferte Erfahrung vom 1000jährigen
Reich als entscheidendes Moment zur Prägung der privaten wie
allgemeinen Sozialisation
2. Die Erfahrung aus der 50jährigen Vergangenheitsbewältigung
nach deutscher beziehungsweise österreichischen Art und schließlich
...
3. die 10jährige aktiv, passiv oder medial genossene Erfahrung
mit dem jüngsten (wiedervereinten) Volkstum unter dem Motto:
"Wir sind das Volk" und "Wir sind wieder wer" und als Krönung
noch das "Kinder statt Inder"
Wir sind daher der Ansicht, dass fast immer nur ein gewisser
Kick oder entsprechende Anlass fehlt, um sich jederzeit in
mörderischer Form als gesamtes Volk zu artikulieren. D.h.
fast immer, weil auch normale Bedürfnisse als Bremsfunktion
wirken können. Denn auch Volksdeutsche müssen mal schlafen
gehen und können nicht jede Nacht nach Flüchtlingsheimen suchen.
Auch sie, so bald sie einer Arbeit nachgehen, müssen sich
ihren Lebensunterhalt verdienen. Zum Feierabend, spätestens
nach der Tagesschau sind aber alle vor den Flüchtlingsheime
gekommen schließlich wollte keiner etwas verpassen.
Wir beharren nach wie vor darauf, dass
Deutschland, solange es in seiner politischen, geographischen
und gesellschaftlichen Integrität bestehen bleibt, eine tödliche
Gefahr für "Nicht-Deutsche" innerhalb und außerhalb seiner
Grenzen darstellt. Gleich wie die Rechtfertigung für das eigene
Bleiberecht des angestammten Publikums jeder Couleur heißt:
Wir wollen kein besseres, kein anderes kein autonomes, kein
ökologisches, kein antiimperialistisches, kein antikapitalistisches,
sondern gar kein Deutschland! Nach all den schrecklichen Vorkommnissen
der vergangenen Jahre kann eigentlich niemand mehr behaupten:
Er habe nichts gewusst. Das wäre wie seinerzeit nur eine Lüge!
Cafe Morgenland / köXüz, 2000
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