| Dresdner Textfragment zur antideutschen
Demo in Sebnitz
Die deutsche Volksgemeinschaft geriert sich
gern als Opfer fremder, geheimnisvoller Mächte, und nichts
liegt den Deutschen daher näher, als sich selbst im Opfersein
zu bedauern. Wir kennen es als Aspekt des Antisemitismus: Opferstilisierung
über die Konstruktion von übermächtigen Angreifern
und „Widerstand“ gegen die Personifizierung dieser imaginären
Angreifer.
Wie weiland die Kollektivschuld-These von den Deutschen erfunden
wurde, um sich von ihr differenzierend abgrenzen zu können,
wurde in Sebnitz die „Vorverurteilung“ eines ganzen Ortes frei
erfunden, um einen vorauseilenden Freispruch zu fällen.
An dem „Fall Sebnitz“ wird zuende dekliniert
was die Staats-Antifa-Kampagne des vergangenen Sommers nicht zuende
gebracht hat: den kollektiven Freispruch. Die diversen medienwirksamen
Inszenierungen der rot-grünen Kampagne konnten nicht darüber
hinweg täuschen, dass das Staatsvolk nicht bereit ist, den
von Schröder geforderten „Aufstand der Anständigen“
als etwas anderes als fortgesetzten rassistischen Terror zu interpretieren.
Da es nichts mehr zu deckeln gibt – die endlose Zahl rassistischer
und antisemitischer Übergriffe lässt sich so nicht vertuschen
–, zieht man den altbewährten Trumpf: man vertauscht Täter
und Opfer. In Sebnitz sind nun ausser Frau Kantelberg-Abdulla
alle „Opfer“: Opfer westdeutscher Pressegeier in Form der Springerpresse
und der SZ, oder Opfer eines seit zehn Jahren tobenden „innerdeutschen
Rassismus“ (Eggert, Ex-Justizminister in Sachsen).
So eindeutig war der Konsens schon lange nicht mehr: Der Tod von
Joseph Abdulla hat keinen Hintergrund zu haben, und auf keinen
Fall einen rassistischen. Und da sich ein rassistischer Hintergrund
nicht leugnen ließe, darf Joseph’s Tod kein Mord gewesen
sein.
Mediendiskurs um Sebnitz
Die Geschichte Sebnitz 1 (Neonazis ermorden
Kind) ist zwar im Rahmen der Staats-Antifa-Kampagne erwünscht,
die Geschichte Sebnitz 2 (Medien richten eine Stadt hin) dagegen
ist wesentlich beliebter. Denn hier können sich die Deutschen
als Opfer zelebrieren. Nicht zufällig passiert das an genau
den Stellen, wo sie Täter sind. Im Bild der Geschichte Sebnitz
2 bestätigt sich das, was schon immer klar war: 1)„die Ausländer“
schaden uns und 2) die Sebnitzdeutschen sind Opfer.
In den meisten Medien hielt sich die Geschichte Sebnitz 1 zumindest
ein paar Tage, doch Geschichte Sebnitz 2 drang schon vorwärts:
Am Abend des 23. November 2000 (der Tag an dem Bild titelte) sorgte
sich das ZDF in der heute-Sendung um das Ansehen von Sebnitz.
Hysterisch war nicht die Reaktion auf die Bild-Schlagzeile „Neonazis
ertränken Kind“ (23.11.00), wie der Spiegel glauben machen
will, sondern allenfalls die Reaktion auf das allzu prompte Dementi.
Dabei erregte der Fall im Ausland keinerlei Aufsehen, lediglich
die deutschen Boulevardzeitungen taten, was sie immer tun, nämlich
Behauptungen auf die Titelseite zu stellen, die wenige Tage später
im Innenteil dementiert werden müssen.
„Es ist zwar so, dass lieber einmal zu viel über einen schlimmen
Verdacht berichtet werden muss. Es ist aber auch so, dass lieber
einmal zu wenig vorschnelle Eindeutigkeit hergestellt werden darf.“
(taz, 2.12.00) So üben sich die deutschen Zeitungen in Selbstkritik
und stehen ein Quentchen zu bereitwillig ein, in den vergangenen
Monaten den Bogen überspannt zu haben: als wären nicht
sie es gewesen, die in den vergangenen Jahren jede Gelegenheit zur
Entschuldung des deutschen Mobs genutzt hätten. Keine
der künftigen faschistischen Gewalttaten wird sich dieser Logik
entziehen können, die eben keinesfalls neu ist, aber nun nicht
mehr als unausgesprochen vorausgesetzte, sondern als explizit verabredete
gelten kann.
Sebnitzdeutsche in der
Offensive
In Sebnitz geht man in die Offensive
mit der Selbsteinopferung, wo dies mit dem 13. Februar in Dresden
nicht mehr möglich ist, weil alle offenen Türen schon
längst eingerannt wurden. (schließlich hat man sich mit
den Engländern letztes Jahr versöhnt). Das Bild stimmt
wieder: übermächtige, vernetzte, geheimnisvolle Mächte
(die Medien) werden angeklagt. Die Hamburger Morgenpost formulierte
eine Entschuldigung an die Sebnitzer persönlich, Kurt Biedenkopf
setzt sich für seine Sebnitzer ein, um sie vor den Folgen des
schlechten Rufes zu bewahren. Im Rahmen eines 66-Punkte-Programms
verlangt Sebnitz 34 Millionen Mark von der Staatsregierung, um den
Schaden, den „die Medien“ angerichtet haben „wiedergutzumachen“.
Doch das reicht noch nicht, die Sebnitzer Offensive ist noch eine
andere: Einerseits wird die Familie Kantelberg-Abdullah gemobbt,
ein Projekt, was schon Jahre alt ist („Apothekerstreit“). Dieses
Mobbing findet seine Entsprechung auch im 66-Punkte-Plan: Man brauche
Geld, um den Kantelberg-Abdullahs ihre Apotheke abzukaufen, damit
sie schneller aus Sebnitz verschwinden können. Andererseits
schallt die frohe Botschaft in den Staats-Antifa-Diskurs hinein:
nicht nur, dass wir gar nicht so schlimm sind, nein, wir sind sogar
Opfer unseres schlechten Rufes!
Um all das noch zu toppen gibt es das „Wiedergutmachungs“-Programm,
was an Zynik nicht zu überbieten ist. Man setzt sich direkt
und unmittelbar mit den Opfern des NS gleich. Und fasst das Geld
dieses Wiedergutmachungs-Programms sogar ab, noch bevor alle NS-Opfer
irgendetwas ausgezahlt bekommen haben. Die Sebnitzdeutschen brabbeln
von Wiedergutmachung, nicht lange nachdem die Debatte um die Entschädigung
der Zwangsarbeiterinnen zuende ging, ohne dass die Zwangsarbeiterinnen
Geld bekamen. Jedenfalls machen die Sebnitzdeutschen keine halben
Sachen: wenn schon Opfer, dann bitte gleich gleichwertig mit den
Opfern des NS. up |