| junge welt vom 16. Feb 01
Anmerkungen zu einem Demo-Aufruf
Sebnitz thematisieren - aber nicht so!
Wenn ich ein Sebnitzer wäre, würde ich das
Weite suchen. Wenigstens an diesem Wochenende - wegen der von
verschiedenen autonomen Gruppen für Sonnabend in der sächsischen
Kleinstadt angedrohten "öffentlichen Hinrichtung". Daß sie in
ihren diversen Demo-Aufrufen die 10 000-Einwohner-Stadt als "finsteres
Dorf an der tschechischen Grenze" verorten, mag dabei ja noch
angehen, es beweist immerhin ein gewisses geografisches Grundwissen.
Der Rest ihres Wissens gipfelt in dem Vorwurf an die "All- Parteienkoalition
aus Sebnitz-Deutschen", die "von der NPD über CDU, SPD zur national
verläßlichen PDS" "ein ganz ordinäres deutsches Rassistennest"
bevölkern soll, die nicht zuletzt vorhat, einer "neurotischen
Liberalen aus Westdeutschland" das Leben zur Hölle zu machen,
weil die den Ruf ihres Ortes ruiniert habe. Die hier als "unverkennbar
ostzonal" gebrandmarkte Fremdenfeindlichkeit der östlichen Provinzler
löst sich jedoch schon angesichts der Tatsache in Wohlgefallen
auf, daß auch die Sebnitzer Sachsen sich mehrheitlich für einen
Bürgermeister aus dem Westen entschieden haben. Zum Anlaß ihres
geplanten Aufmarsches - ob er stattfinden wird bzw. darf, ist
zur Stunde noch ungewiß - nehmen diese Kämpfer von der AntiFa-Front
den in letzter Instanz noch immer ungeklärten Tod des sechsjährigen
Joseph Kantelberg-Abdulla vor dreieinhalb Jahren, der, vor knapp
drei Monaten von der Bild-Zeitung als neonazistische Bluttat mit
Wissen einer ganzen Stadt dargestellt, weltweit für Schlagzeilen
sorgte. Warum die antideutsch ausgerichtete Antifa-Fraktion noch
immer für bare Münze nimmt, was von der Springer-Zeitung inzwischen
selbst längst dementiert werden mußte - und deren Sebnitz-Berichte
übrigens erst in dieser Woche neben der Berliner Morgenpost und
der Tageszeitung vom Deutschen Presserat als "Tiefpunkt der Medienberichterstattung"
gerügt worden ist - wird dabei wohl ihr Geheimnis bleiben. Denn
wenn Mord so gut wie ausgeschlossen ist, kann wohl auch ausgeschlossen
werden, daß eine ganze Stadt davon gewußt hat ... Zu vermuten
ist allerdings, daß unsere tapferen Antirassisten sich ihre in
langen Jahren eingeredeten Feindbilder nicht so einfach kaputtmachen
lassen wollen. Und ein rassistisch motivierter Mord im ostdeutschen
Sebnitz paßte da einfach zu gut hinein - übrigens auch in das
nicht ohne Absicht von Rechtsstaats wegen geförderte Bild vom
"braunen Osten" als zwangsläufiges Erbe der "roten Diktatur":
"Weil der Weg von Hoyerswerda nach Sebnitz über Rostock, Mölln,
Lübeck, Guben und und und ... immer über Leichen ging, hätte allen,
die sich auch nur die Medienberichte über Sebnitz angesehen haben,
klar sein müssen, daß, auch wenn ein rassistischer Mord an Joseph
Abdulla nie nachgewiesen werden kann, in Sebnitz alle Voraussetzungen
für eine solche Tat erfüllt sind", heißt es in der letzten, am
Montag per Fax verbreiteten Pressemitteilung einer "Bundesweiten
Sebnitz-Koordination". Das hat zwar mit Logik nichts zu tun, doch
was soll's - wenn's denn nur die eigene Vorurteile bestätigt.
Ganz abgesehen davon, daß es weder in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen
zu Todesfällen kam - im Gegensatz zu Solingen z. B., aber die
dort zu beklagenden fünf Todesopfer eines rechtsextremistischen
und fremdenfeindlichen Brandanschlages passen offenbar nicht ins
ostzonale Feindbild. Damit ist nichts, aber auch gar nichts dagegen
zu sagen, gegen die tatsächlich geschehenen Morde und Gewalttaten
mit rechtsextremistischem, rassistischem, fremdenfeindlichem Hintergrund
auf die Straße zu gehen und dabei auch jene anzuprangern, denen
sich geistige Urheberschaft nachweisen läßt. Die Stichworte Asylgesetzgebung
oder Polizeischutz für Neonazi-Aufmärsche mögen genügen. Dagegen
vorzugehen ist allerdings etwas mühsamer, denn es braucht mehr
als Vorurteile und antideutsches Gehabe ...
Peter Rau
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