| Sächsische Zeitung - Zittauer Zeitung
Sa/So, 3./4. November 2001
Zittau war ein Schock
Von Peter Chemnitz
Deutschland war genauso, wie es sich der
junge Marokkaner vorgestellt hat: Skilines, breite Straßen, ein
riesiger Flughafen, Know-how. Nur - sein Endziel hieß nicht Frankfurt/Main,
sondern Zittau. Und in der Kleinstadt war alles grau: die Häuser,
die Straßen, die Menschen. "Das war ein Schock", sagt der junge
Mann, der nach vier Jahren Studium in Zittau seinen Namen lieber
nicht nennen will. Er habe Angst, dann bei den Ämtern noch mehr
als bisher schikaniert zu werden. Die Negativerfahrungen, die
er aufzählt, sind lang: Da ist das Leistungsstipendium, das man
ihm nach seinem Abschluss des Studienkollegs mit Note eins in
Aussicht gestellt hatte und das er nie bekam. Da sind die permanenten
Kontrollen durch den Bundesgrenzschutz, ist die Angst vor rechtsextremistischen
Schlägern. Da ist die Behandlung durch das Studentenwerk. "Die
Studenten aus den osteuropäischen Ländern werden in jeder Hinsicht
bevorzugt", klagt der Marokkaner. Viele seiner Landsleute hätten
die Segel gestrichen und würden jetzt in anderen deutschen Städten
studieren.
In dieses Klagelied möchte Abdelilah Abowaomar
nicht einstimmen. Der 24-Jährige aus dem marokkanischen Errachidia
lebt seit Januar in Zittau. Allerdings sei es in der Grenzstadt
schon schwerer, als beispielsweise in Freiberg, wo er im vergangenen
Jahr einen viermonatigen Sprachkurs belegte. "Wir finden einfach
keinen Kontakt zu den Menschen hier", sagt er. An der Sprache
kann es nicht liegen, Abowaomar und die anderen Marokkaner, die
in Zittau am Studienkolleg, der Fachhochschule oder dem IHI studieren,
sprechen alle fließend deutsch. Woran es dann liegt? Die fünf
Marokkaner in dem Wohnheimzimmer auf der Schliebenstraße zucken
mit den Schultern. In Freiberg oder in Duisburg hätten sich Kontakte
ganz einfach ergeben, sagt Abowaomar. "Ich kann ja nicht einfach
`Guten Tag´ sagen, ich heiße Mohssin, komm mich mal besuchen",
fügt Mohssin Et-Tair ratlos hinzu.
An einem Großteil dieses Problems trägt
das Studentenwerk die Schuld. Es hat angeordnet, die Studenten
streng nach Landsmannschaften unterzubringen: Im Keller die Chinesen,
dort die Polen, da die Afrikaner und im anderen Wohnheim die Deutschen.
Kontakte untereinander scheinen vom Studentenwerk nicht erwünscht.
Als er in ein anderes Wohnheim ziehen wollte, sei ihm von der
für die Zimmervergabe zuständigen Frau bedeutet worden, er sei
kein Deutscher, er könne da nicht wohnen, sagt einer der Studenten.
"Toleranz oder Kontakt finden" habe er vorher wohl "falsch übersetzt".
"Wir tun uns schwer mit dieser Situation",
sagt Abowaomar. Schließlich wolle man Deutschland und die Deutschen
kennen lernen. Stattdessen hocken die Studenten im Wohnheim, lernen
und langweilen sich. Bei Dunkelheit getrauen sie sich nicht aus
dem Haus. Jeder von ihnen ist angepöbelt oder verfolgt worden.
"Du hast die Wahl, entweder du rennst nach Hause oder du gehst
nicht mehr ins Kino", sagt ein IHI-Student. Er und die anderen
haben sich für Letzteres entschieden. Dazu kommt der Verfolgungsdruck
durch den BGS. Den Studentenausweis akzeptieren die Beamten nicht,
also müssen die von ihrem Aussehen her offensichtlich ausländischen
Studenten den Pass stets mit sich führen. Der BGS verhalte sich
stets korrekt, räumen alle Studenten ein, aber die permanenten
Ausweiskontrollen, bis zu zwei am Tag, empfinden sie als diskriminierend.
"Ein Studium in Deutschland ist sehr gut",
sagt einer von ihnen. Aber von Zittau könne er nur abraten. Es
habe ein Gespräch mit einem BGS-Kommissar über die Probleme gegeben,
sagt Abowaomar. Aber er verstehe einfach nicht, warum bei der
hohen Polizei- und Kontrollfrequenz in der Region dann nicht auch
die Sicherheit der ausländischen Studenten vor rechten Schlägern
garantiert werden kann. Ein Handy-Anruf über die Notrufnummer?
"Vergiss es", lacht ein Marokkaner, "bis wir denen unseren Namen
buchstabiert haben, sind wir totgeschlagen." Ohne den Namen des
Anrufers notiert zu haben, handelt die Polizei nicht. Es könnte
sich ja um einen Scherz handeln.
Und dann stimmen die Marokkaner plötzlich
ein Loblied auf Professor Wolfram Butter an. Der kümmere sich
wirklich um sie. Butter hat auch ermöglicht, dass sie vor Schülern
des Schlieben-Gymnasiums über ihre Heimat sprechen konnten. "Das
war sehr schön", sagt Abowaomar. Die Schüler hätten Fragen gestellt,
und man habe diskutiert. Vielleicht gibt es so etwas wieder einmal",
hofft der Verfahrenstechnik-Student. Ob einer von ihnen nach dem
Studium in Zittau eine Firma gründen würde? "Wie kommst du da
drauf", wehrt Hati-mi Nabil aus Casablanca ab. Sein Freund fügt
hinzu: Der Standort wäre das Letzte. Es gebe keine Autobahn, keine
Infrastuktur und überall eine Grenze . . .
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