Presse-Doku part 4
24. November 2000 Kommentare
Bemerkenswert: die "üble Nachrede"
bezieht sich nicht auf Sebnitz sondern eher auf Deutschland (z.B.:
"Ich finde es zum Kotzen, was in unserem Land passiert. ")
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| Bild online 24.11.2000
Das war glatter Mord
Selten hat ein Thema die BILD-Leser so aufgewühlt
wie das furchtbare Schicksal des kleinen Joseph aus Sebnitz. Viele
schrieben spontan an BILD, brachten so ihre Trauer und ihr Entsetzen
zum Ausdruck. Der Wutschrei der BILD-Leser: Das war doch glatter
Mord.
Meine tiefste Dankbarkeit gilt der Mutter,
die nicht locker ließ, und den jungen Zeugen, die jetzt aussagen
und die Namen der Mörder nennen. Martin Adrian, Köln
Ich bin Mutter eines 14-jährigen Sohnes,
und es geht mir durch Mark und Bein, wenn ich lese, wie das Leben
eines 6-jährigen Kindes ausgelöscht wird. Gibt es denn nirgendwo
mehr Menschen mit Zivilcourage? Elisabeth Gimeno Koch, Heiligenroth
(Rheinl.-Pfalz)
Kein anderer Artikel in der BILD-Zeitung
hat mich in der letzten Zeit so aufgewühlt, wie der Bericht über
den feigen Mord an dem kleinen Joseph. Ein Schweigemarsch ist
eigentlich das Mindeste, was dieses wehrlose Kind verdient hat.
Cordula Wendel, Laufenburg (Baden-Württ.)
So lange fehlgeleitete deutsche Richter
Neonazis nicht im Namen des Volkes so verurteilen, dass ihnen
die Lust auf weitere Schandtaten vergeht, wird sich in Deutschland
nichts ändern! Karl-Heinz Kühnel, Schönwalde (Brandenburg)
Ich selbst bin Vater eines kleinen Sohnes,
und mich überkommt Übelkeit, wenn ich den Bericht lesen muss.
Was sind das nur für Menschen, die so eine Tat begehen? Christof
Schneider, Frankfurt/Main Es schmerzt, dass in dem Land, in dem
ich geboren bin, in der heutigen Zeit so etwas noch passieren
kann. Peter Umnuss, Duisburg Was muss eigentlich noch passieren,
ehe wir Deutschen aufwachen? Autohaus Willi Schneider, Belegschaft,
Kaiserslautern (Rheinl.-Pfalz)
Ich finde es zum Kotzen, was in unserem
Land passiert. Beate Christmann, Norheim (Rheinl.-Pfalz)
Den Eltern des kleinen Joseph wünsche ich
alles Gute der Erde und dass sie vielleicht irgendwann wieder
etwas normaler leben können. Nicole Scholten, Krefeld (NRW)
Ich bin 24 Jahre und schäme mich, wenn ich
solche "Storys" höre! Armes Deutschland! Holger Wienand, Bocholt
(NRW)
An die Mörder von Joseph. Ich hoffe, dass
ihr so bestraft werdet, dass ihr ein ganzes Leben daran erinnert
werdet, was für Schweine ihr seid. Silke Zenkert, Frankfurt/Main
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| BILD ONLINE 24.11.2000
Rechtsextremismus Schluss mit Vertuschen!
Von GEORG GAFRON
Deutschland ist immer noch fassungslos.
Das tödliche Martyrium des kleinen Joseph aus dem sächsischen
Sebnitz beschämt jeden, der auch nur einen Funken Anstand und
Menschlichkeit in sich hat. Jetzt kommt heraus, dass auch anderswo
rechtsradikale Widerlichkeiten verschleiert wurden. Diejenigen,
die vertuschen und schönreden, setzen den zivilisierten Ruf unserer
Nation aufs Spiel. Wir alle müssen das verhindern. Keiner darf
mehr wegsehen. Jeder muss eingreifen - ob Polizist, Nachbar, Spaziergänger
oder Fahrgast. Weder in der Öffentlichkeit noch im Privaten dürfen
Verbrecher wie die von Sebnitz eine Chance haben. Das Schicksal
des kleinen Joseph muss zum Fanal werden.
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| Kölner Stadtanzeiger 24.11.2000
Der Tod des kleinen Joseph
Von Peter Pauls
Allein die Geschichte über das langsame
Sterben des kleinen Joseph, der von Rechtsradikalen geschlagen
und dann offenbar ertränkt wurde, entsetzt auch abgebrühte Journalisten.
Ist es in diesem Land wirklich möglich, dass ein Sechsjähriger
öffentlich im "Spaßbad" auf eine Weise zu Tode gequält wird, die
man sonst nur aus zerfallenden und vom Bürgerkrieg zerrütteten
Gesellschaften kennt? Dass ein ganzes Dorf die schreckliche Wahrheit
weiß - und über die brutale Tat schweigt? Der Weg ist dann nicht
mehr weit zu den Milizionären im afrikanischen Sierra Leone zum
Beispiel, die Menschen aus Willkür Gliedmaßen abschlagen. Ungeheuerlich
werden die Vorgänge im sächsischen Sebnitz jedoch, weil die Ermittlungsbehörden
so eklatant versagten. Alles Diskutieren um Maßnahmen gegen Rechtsradikalismus,
alle Foren, Kundgebungen, Ministerrunden und Festveranstaltungen,
bei denen sich stets der gleiche Personenkreis ermahnt, all diese
Demonstration korrekter Gesinnung ist wertlos, wenn der Staat
es nicht vermag, seinen Gesetzen dort Geltung zu verschaffen,
wo solche Gesinnung blüht. Ist diese - wie offenbar in Sebnitz
- faktisch stärker als die Gesetze, helfen Reden und gute Worte
ohnehin nicht mehr weiter.
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| Sächsische Zeitung 24.11.2000
AUF EIN WORT
Imageverlust
Von Anja Weber
Wenn die Vorwürfe stimmen, ist es ein Skandal
ohnegleichen. Sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft hätten
dann vor drei Jahren schlampig ermittelt und die Mörder frei herumlaufen
lassen. Doch ob es tatsächlich so ist, soll jetzt geprüft werden.
Aber schon gestern gab es einen Vorgeschmack auf das, wie Sebnitz
zumindest in den nächsten Wochen dargestellt werden wird: Eine
Stadt voller Neonazis. Dass es hier welche gibt, leugnet keiner,
vielleicht nicht mehr und nicht weniger als in Neustadt oder Stolpen.
Ob nun organisiert oder nicht - auch hier in Sebnitz treffen sich
verschiedene rechtsradikale Gruppen. Das ist richtig. Eines dürfte
wohl sicher sein: Sollten die Horrormeldungen zutreffen, wird
dies das Leben in dieser Stadt verändern. Auch wenn sich der überwiegende
Teil der Einwohner sich mit Grausen abwenden wird und sich nicht
als ausländerfeindlich abstempeln lassen will. Sebnitz ist keine
Stadt voller Neonazis. Jetzt muss man erst einmal abwarten und
kann nur hoffen, dass dieses Mal richtig ermittelt wird. Bestätigt
sich der Verdacht, müssen die Verantwortlichen, die damals mit
dem Vorfall beschäftigt waren, zur Rechenschaft gezogen und die
Täter verurteilt werden.
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| Sächsische Zeitung 24.11.2000
Der Fall Joseph
Entsetzen
Von Hans Eggert
Lange und verzweifelt musste die Mutter
dafür kämpfen. Jetzt endlich wird der Tod, der angebliche Badeunfall
ihres kleinen Joseph neu untersucht. Natürlich: Ein Mord-Verdacht
ist noch kein Mord, und für festgenommene Verdächtigte hat die
Unschuldsvermutung zu gelten, bis ein Gericht sein Urteil gesprochen
hat. Doch schon jetzt sind Fragen zu stellen - danach, warum die
Mutter allein gelassen wurde bei ihrer Suche nach der Wahrheit.
Es ist eine geradezu unglaubliche Geschichte: Dass die Pirnaer
Kriminalpolizei Monate (!) nach dem Tod Josephs die Akten schloss,
weil für sie kein Anfangs(!)verdacht vorlag. Dass erst kriminalistische
Arbeit außerhalb Sachsens - wiederum Monate später - neue Ermittlungen
erzwang. Das sächsische Innenministerium hat Aufklärung der Vorgänge
angekündigt. Die ist bitter nötig in einem Augenblick, da den
Bürgern dieses Landes Entsetzensschauer über den Rücken laufen
und das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden dem Nullpunkt nahe
kommt. Als das Furchtbare im Sommer 1997 geschah, habe Joseph
um Hilfe geschrien, wird jetzt bezeugt. Sind seine Schreie im
Sebnitzer Freibad ungehört verhallt? Verhallt, weil keiner hinhören
wollte? Aus Angst? Aus Gleichgültigkeit? Es ist nicht nur die
Polizei, die sich jetzt kritischen Fragen zu stellen hat. Es ist
die Gesellschaft, die in sich gehen muss. eggert.hans@dd-v.de
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| Südwest Presse 24.11.2000
Deutsches Trauerspiel
PETER GÄRTNER
Noch ist nicht jedes Detail bekannt. Der
Fall liegt auch schon drei Jahre zurück. Doch nach allem, was
man weiß, wäre das Wort Skandal eine glatte Untertreibung. Es
zeichnet sich ein deutsches Trauerspiel im ostsächsischen Sebnitz
ab, eines von der Sorte, wovor ausländische Reiseführer inzwischen
mit Recht warnen. Denn die Geschichte des qualvollen Todes eines
sechsjährigen Buben im Spaßbad ist eine Geschichte mangelnder
Zivilcourage, fehlenden Demokratiebewusstseins und klammheimlicher
bis offener Zustimmung. Man ahnt, was viele Bürger in Sebnitz
gesagt haben, als sie von den Gerüchten hörten: es war ja nur
ein Kind eines Ausländers. Man weiß, dass mit Mitgliedern und
Sympathisanten des NPD-Saalschutzes ¸¸Skinheads Sächsische Schweiz'',
die sich bis vor kurzem unbehelligt im Freistaat Sachsen tummeln
konnten, nicht zu spaßen ist. Aber: es sind eben ¸¸unsere Jungs'',
keine Ausländer. Das öffentliche Verständnis für eine völkische
Gesinnung reicht bis weit in die Institutionen hinein. Man kennt
dies auch aus anderen Bundesländern - etwa wenn die Polizei immer
erst am Tatort erscheint, wenn die verletzten Opfer bereits im
Krankenhaus liegen. Vielleicht ist es ein Zufall, dass in Sebnitz
die Ermittlungen einen ¸¸Badeunfall'' ergaben. Aber vielleicht
ist das Kartell des Schweigens und Vertuschens auch längst viel
größer, als man es sich bislang ausmalen konnte.
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| Thüringische Landeszeitung 24.11.2000
Das böse Schweigen
Von Gerlinde Sommer
Es ist wie aus fern geglaubter Zeit: Menschen
in einer kleinen Stadt haben die Schuld des Wegschauens auf sich
geladen. Doch das Böse lässt sich nicht auf Dauer vertuschen.
Als sich die Gewissheit Bahn bricht, dass der Tod eines Kindes
wohl andere als natürliche Ursachen hatte, da rücken zu denen,
die geschwiegen haben, auch jene, die von nichts etwas gewusst
haben wollen - und gemeinsam wird ein Block der Bockig-Verstockten
gebildet, die sich ungerecht behandelt fühlen. So ist es jetzt
auch im sächsischen Sebnitz. Das seien alte Geschichten, die besser
ruhen sollten - so der Kommentar mancher, die sich weniger am
Tod des Kindes stoßen als am Interesse daran. Wie gelang es, eine
solche Mauer des Schweigens über Jahre aufrecht zu erhalten? Ein
Pfarrer wird mit dem Satz zitiert, die Eltern hätten wohl die
Aufsichtspflicht verletzt. Gerade so, als ob für eine Familie,
die nicht aus dem Ort stammt und deren Kind binational ist, besondere
Regeln der Aufmerksamkeit gelten. Oder meint der Mann, dass kein
Sechsjähriger in einem Schwimmbad vor Übergriffen dieser Art,
die zur Misshandlung wenn nicht gar direkt zum Tod des Jungen
führten, sicher sein könne? Doch es geht nicht nur um jene, die
weggeschaut haben, als der kleine Joseph um sein Leben gebracht
wurde. Es geht um die Tatverdächtigen: junge Leute, darunter ein
Mädchen, kaum der Kinderzeit entwachsen. Wer hat sie gewähren
lassen? Wer hat kranke Ideen in ihr Hirn gepflanzt? Zur Unkultur
des Schweigens kommt hier eine Botschaft, die tödlich ist. Tödlich
in Sebnitz, in Dessau - an den Orten, in denen weggeschaut wird.
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