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29. November
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"Die Wende"
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| Bild online 29.11.2000
Der Fall Joseph: Zeugen ziehen ihre Aussagen zurück
Hat eine trauernde Mutter in ihrer Verzweiflung
die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Erfindung verwischt? Hat
sie, blind vor Schmerz, getäuscht, getrickst und gelogen? Der
Tod des kleinen Joseph - die Suche nach der Wahrheit wird immer
quälender. Nachdem der sechsjährige Junge im Freibad von Sebnitz
ertrunken war, behauptete Renate Kantelberg-Abdulla (48): "Neonazis
haben unseren Sohn ertränkt."
Doch wer soll ihr das noch glauben?
Gestern beantragte die Staatsanwaltschaft
Dresden, das Ermittlungsverfahren gegen einen der angeblichen
Täter, Sandro R. (25), einzustellen. Er hat ein Alibi. Auch die
Verfahren gegen die anderen beiden Verdächtigen (20, 21) werden
wahrscheinlich eingestellt.
Denn die Glaubwürdigkeit der Mutter ist stark erschüttert, die
meisten der von ihr vorgelegten Zeugenaussagen scheinen wertlos.
Claus Bogner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden: "Wir haben
die Zeugen vernommen. Keiner hatte das Geschehen, das zum Tod
des Jungen führte, mit eigenen Augen gesehen. Sie erklärten alle,
dass ihre Aussagen auf Grund suggestiver Befragung durch Josephs
Eltern zustande gekommen seien."
Die Belastungszeugen nahmen inzwischen ihre Aussagen zurück oder
änderten sie in wichtigen Punkten ab. Hauptbelastungszeuge Sven
K. (23) hatte zunächst behauptet, er habe die Tat aus nächster
Nähe gesehen. Jetzt räumte er gegenüber dem "Stern" ein: "Ich
war 150 Meter vom angeblichen Tatort entfernt. Josephs Mutter
hat mir sehr detaillierte Fragen gestellt. Ich habe nur mit ‚Ja'
oder ‚Nein' geantwortet. Die Frage, ob Joseph mit einem Elektroschocker
gequält wurde, bejahte ich. Obwohl ich gar nichts gesehen hatte."
Er räumte auch ein: "Eine Frau, die ich der Tat bezichtigt habe,
kenne ich gar nicht."
Ein anderer Zeuge, Ronni H., hatte in seiner eidesstattlichen
Versicherung mehrere Namen von Tätern genannt. Jetzt sagt er:
"Sie wurden mir von Frau Kantelberg-Abdulla vorgesagt. Sie tippte
alles in einen Computer. Für meine Unterschrift habe ich 100 Mark
erhalten."
Warum haben die Zeugen in den eidesstattlichen
Versicherungen offensichtlich gelogen?
Staatsanwalt Bogner: "Die angeblichen Zeugen
haben von der Mutter bis zu 150 Mark bekommen. Wir wissen aber
nicht, ob dies der Grund für ihre Aussagen war." Eine Sebnitzerin
im "Stern": "Einige Zeugen sind arbeitslos, leben von der Sozialhilfe
oder haben ein Alkoholproblem. Für sie sind 150 Mark viel Geld."
Unterdessen erhob Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (70,
CDU) gestern schwere Vorwürfe gegen Professor Dr. Christian Pfeiffer.
Sein Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen hatte ein
privates Gutachten zum Tod des kleinen Jungen erstellt. Biedenkopf:
"Institutsmitarbeiter haben nicht mit den Zeugen gesprochen, sondern
sich auf eidesstattliche Versicherungen verlassen. Durch das Gutachten
des Instituts wurde den Aussagen juristisches Gewicht verliehen.
Einige Zeugen waren unter 16 Jahre alt. Pfeiffer hätte wissen
müssen, dass diese Jugendlichen gar keine eidesstattliche Versicherung
abgeben können."
Vorwürfe, dass die Verdächtigen auf Grund von BILD-Zeitungsberichten
verhaftet wurden, wies Biedenkopf zurück: "Sie saßen schon vorher
in Untersuchungshaft. Auf die Feststellung lege ich großen Wert."
Familie Abdulla hält sich zurzeit in der sächsischen Landesvertretung
in Berlin auf. Ihr Haus in Sebnitz wird rund um die Uhr von rund
130 Polizisten bewacht, Absperrgitter wurden aufgestellt - aus
Angst vor Übergriffen. Ein Krisenstab des Innenministeriums berät,
wo die Familie in den nächsten Wochen untergebracht werden soll.
Vater Saad Abdulla (48): "Uns wurde vorgeschlagen, für eine Zeit
lang in ein Kloster oder ins Ausland zu gehen. Aber wir sind nicht
bereit unterzutauchen. Wir werden weiter versuchen, die Wahrheit
ans Licht zu bringen."
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| Freie Presse 29.11.2000
Staatsanwalt ermittelt gegen Mutter von Joseph
Drittes Gutachten wird in Auftrag gegeben - Alle Zeugen von ihrer
Aussage abgerückt
Dresden. Mit Hilfe eines dritten gerichtsmedizinischen
Gutachtens will die Staatsanwaltschaft Licht in das Dunkel um
den Tod des sechsjährigen Joseph aus Sebnitz bringen. Das von
den Eltern des Jungen in Auftrag gegebene Gutachten hat Spuren
des Aufputschmittels Ritalin nicht eindeutig feststellen können.
Die Behauptung von Josephs Mutter, dem Jungen sei das Mittel vor
seinem Tod gewaltsam verabreicht worden, könne nicht belegt werden,
sagte der Dresdner Oberstaatsanwalt Bogner. Dagegen weise das
Gutachten auf eine chronische Herzmuskelentzündung hin. Ob diese
ursächlich für den Tod verantwortlich sei, könne nicht gesagt
werden. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft auch ein Ermittlungsverfahren
gegen Renate Kantelberg und drei von ihr vorgebrachte Zeugen eingeleitet.
Einer der drei Beschuldigen, die in Untersuchungshaft saßen, habe
Anzeige wegen falscher Verdächtigung gestellt. Aufgrund der Aussagen
der von Renate Kantelberg benannten Zeugen waren die drei jungen
Leute im Alter zwischen 20 und 25 Jahren festgenommen worden.
Nachdem sich die Vorwürfe nicht bestätigten, wurden sie auf freien
Fuß gesetzt. Alle benannten Zeugen seien unterdessen von ihnen
schriftlichen Aussagen abgerückt, erklärte Bogner am Mittwoch.
"Es gibt keinen von den Eltern präsentierten Zeugen, der ein strafrechtlich
relevantes Verhalten belegen könnte." Die Ermittlungen laufen
"in alle Richtungen" weiter, wie die Staatsanwaltschaft versicherte.
"Wir möchten, dass kein Verdacht offen bleibt", sagte am Mittwoch
Mike Ruckh, Oberbürgermeister von Sebnitz. Er sei erleichtert,
dass der schlimme Verdacht von seiner Stadt weiche. Doch in Sebnitz
hielten sich noch Kamerateams in der Hoffnung auf, dass "sie ihre
Story halten können". In einem Fall sollen an einen der aus der
Haft entlassenen Beschuldigten 12.000 Mark geboten worden sein.
Im Zuge der Ablehnung durch die Eltern habe sich ein Gerangel
ergeben, das zu einer polizeilichen Anzeige führte. Sebnitz sei
riesiger materieller und imaterieller Höhe entstanden, sagte Erik
Beckert, Leiter der Fremdenverkehrszentrale Sebnitz. Die Negativ-Schlagzeilen
seien eine Katastrophe für den Tourismus und das produzierende
Gewerbe. Begleitet von zwei vom Freistaat abgestellten Psychologen,
einem Arzt und einem Seelsorger halten sich Josephs Eltern derzeit
an einem geheimen Ort im Allgäu auf. Nachdem ihre Vorwürfe weitgehend
entkräftet worden sind, fühlt sich die Familie nun einer "Hetzjagd
ausgesetzt". Er habe noch weitere Beweise, ließ der irakische
Apotheker Abdullah verlauten. Meldungen über eine Herzmuskelentzündung
seines Sohnes bezeichnete er als Lüge. Der Direktor des Gerichtsmedizinischen
Instituts der Dresdner Uniklinik räumte Versäumnisse bei der ersten
Obduktion ein. Der Herzmuskel des Jungen sei nicht untersucht
worden, sagte Professor Erich Müller. (hk)
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| Freie Presse 29.11.2000
Staatskanzlei: Joseph nicht von Rechtsextremisten umgebracht
Sebnitz . Die sächsische Staatskanzlei geht
beim Tod des sechsjährigen Joseph in Sebnitz nicht von einer rechtsextremen
Straftat aus. Der Chef der Staatskanzlei, Thomas de Maiziere (CDU),
sagte am Mittwoch in einem Fernsehinterview: "Es steht bereits
fest, dass es keine brutale Tat von Rechtsextremisten war." Damit
sei von Sebnitz, Sachsen und Ostdeutschland "diese schreckliche
Last genommen". Die Staatsanwaltschaft habe bestätigt, es gebe
keine Hinweise auf rechtsextremistische Verbindungen zu dieser
Tat.Der Leiter des Kriminologischen Forschungs-Instituts Niedersachsen,
Christian Pfeiffer, wies unterdessen jede Schuldzuweisung zurück.
Dem Institut sei von der Mutter des toten Joseph Material übergeben
worden, das zumindest einen Tatverdacht nahegelegt habe, sagte
Pfeiffer. Es habe sich um "detailreiche Aussagen" gehandelt, in
denen keine Widersprüche erkennbar gewesen seien. Lediglich an
der Aussage eines Erwachsenen, der 50 Skinheads im Freibad gesehen
haben wollte, habe man von vornherein gezweifelt. Pfeiffer sagte
weiter, man habe auch darauf aufmerksam gemacht, dass Renate Kantelberg-Abdulla
ihre Umwelt als ausländerfeindlich erlebe. Streitigkeiten mit
ihrem Umfeld seien von ihr "ordnerweise dokumentiert" worden.
Sie sei felsenfest überzeugt, das Opfer ausländerfeindlicher Machenschaften
zu sein. Dem Institut habe Kantelberg verschwiegen, dass bei der
zweiten Obduktion eine Herzschwäche ihres Kindes festgestellt
worden sei. Der Richterbund kritisierte die Berichterstattung
einiger Medien zum Fall des toten Joseph. Bestimmte Medien seien
mit ihren Urteilen über Sebnitz und die vermeintlichen Täter zu
weit gegangen, sagte der stellvertretende Vorsitzende, Victor
Weber, in einem Rundfunkinterview. Weber sprach von einer "Hetzkampagne
gegen die Stadt".(ddp)
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| Frankfurter Rundschau 29.11.2000
Fall Joseph Abdulla Justiz: Zeugen entkräften Tatvorwürfe in Sebnitz
DRESDEN, 28. November (afp/dpa/ap). Im Todesfall
des sechsjährigen Joseph Abdulla im sächsischen Sebnitz ist der
Tatverdacht gegen die drei Beschuldigten durch Zeugenaussagen
weiter entkräftet worden. Die Vernehmung der Zeugen habe ergeben,
dass keiner von ihnen das Geschehen um den Tod des Jungen im Sebnitzer
Freibad 1997 selbst beobachtet habe, teilte die Dresdner Staatsanwaltschaft
am Dienstag mit. Keiner der Zeugen habe Skinheads im Bad wahrgenommen.
Ein rechtsradikaler Hintergrund, an den Josephs Mutter glaubt,
sei nach jetzigem Erkenntnisstand nicht feststellbar. Wegen eines
"wasserdichten" Alibis sei das Verfahren gegen einen der drei
am Montag freigelassenen Beschuldigten eingestellt worden; gegen
zwei werde weiter ermittelt. Alle Zeugen hätten zudem erklärt,
dass ihre schriftlichen Erklärungen auf suggestive Befragungen
durch die Eltern Josephs zurückzuführen seien. Auch hätten sie
kleinere Geldzahlungen von den Eltern bekommen. Sachsens Ministerpräsident
Kurt Biedenkopf (CDU) kritisierte den Leiter des Kriminologischen
Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer. Das Institut
habe in seinem Gutachten zu dem Fall Fehler gemacht. Dort enthaltene
Zeugenaussagen stammten von 14- und 15-Jährigen. Eidesstattliche
Versicherungen seien aber erst vom 16. Lebensjahr an beweiserheblich.
Die Beurlaubung des Sebnitzer Gemeindepfarrers, der wegen Äußerungen
zum Tod Josephs in die Kritik geraten war, wurde aufgehoben. Weiterer
Bericht Seite 3
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| Frankfurter Rundschau 29.11.2000
Vieles bleibt rätselhaft, undurchsichtig
War der ungeheuerliche Verdacht, Joseph sei ermordet worden, nur
eine Konstruktion der verzweifelten Eltern?
Von Bernhard Honnigfort (Sebnitz)
Am Ortseingang von Sebnitz stehen Polizisten.
Auf dem Marktplatz stehen Polizisten. Vor der Apotheke, auf dem
Parkplatz davor, vor einer anderen Apotheke. Überall Polizisten.
Die Stadt wird streng bewacht. In einer Seitenstraße stehen einige
Glatzköpfe in Springerstiefeln. Offensichtlich Rechte. Sie schweigen
und verhalten sich ruhig. 130 Polizisten sind seit einigen Tagen
in der kleinen Stadt im Dresdner Südosten. Sie sollen Rechtsextremisten
fernhalten.
Bauarbeiter hatten am Montag einen Steinhaufen vor der Apotheke
der Familie Abdulla-Kantelberg wegräumen müssen. Aus Angst davor,
die Steine könnten bei Gewalttaten verwendet werden. An den Abenden
seit Donnerstag, als die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile "Neonazis
ertränken Kind" erschien, ist die Stadt aus dem Lot: Abends kamen
Rechte, grölten vor der Apotheke, brausten mit dem Auto am Marktplatz
vorbei, bedrohten die Leute. Auch deswegen ermittelt jetzt die
Polizei.
Der Sebnitzer Pfarrer, der öffentlich gesagt hatte, die Eltern
des kleinen Joseph hätten besser auf ihn aufpassen sollen, wurde
per Internet beschimpft und beleidigt. Die Kirche hat ihn anschließend
beurlaubt, das Landeskirchenamt sich bei den Eltern entschuldigt.
Von Mittwoch an darf der Pfarrer wieder seinen Dienst tun. Josephs
Tod ist weiterhin rätselhaft. Jeder, auch in Sebnitz, meinte,
sich zu dem Todesfall äußern zu müssen, jeder hatte seine persönliche
Theorie vom 13. Juni 1997, als der sechsjährige Joseph Abdulla
nachmittags gegen 15 Uhr im Freibad ums Leben kam. Was wirklich
geschehen ist, weiß noch keiner. Für viele waren Verdacht und
Gewissheit ein und dasselbe, für Zweifel blieb kein Platz.
Das ist nicht entschuldbar, aber verständlich in einer Zeit, in
der keine noch so brutale Gewalttat mehr unmöglich erscheint.
In der Ausländer von Rechten durch ostdeutsche Innenstädte gehetzt
wurden, Ausländer in Straßenbahnen verprügelt und ein afrikanischer
Vater in Dessau zu Tode getreten wird. Warum nicht ein kleiner
Junge, dessen Vater die "Ausländerapotheke" betrieb? Es wurde
hemmungslos spekuliert. Die Sächsische Zeitung hatte über die
unglaublichen Äußerungen des SPD-Landtagsabgeordneten Karl Nolle
berichtet: Der habe von Verharmlosung gesprochen und gemeint,
hoffentlich habe das nichts mit der NS-Vergangenheit von Biedenkopfs
Familie zu tun. Was für ein Irrsinn.
In einem Gasthaus am Marktplatz sitzen am Montagabend eine Menge
Journalisten. Alle müde, es ist spät, der Tag war lang. "Irgendwas
war an dem 13. Juni. Der ist nicht einfach ertrunken", sagt ein
Zeitungsreporter. Für andere ist der Fall klar: "Alles erfunden."
Die "Lüge von Sebnitz", sagt einer. Die Ratlosigkeit ist groß.
Alle wollen allumfassende Erklärungen: Nur, es gibt noch keine.
Vielleicht nie. Was war bloß an dem Juni-Tag?
Am Dienstagmittag tritt Ministerpräsident Kurt Biedenkopf überraschend
vor die Presse. Ihm ist anzumerken, dass er sich kaum bremsen
kann vor Empörung. Seine Wut prasselt auf Professor Christian
Pfeiffer nieder. Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts
Niedersachsen, das für die Eltern des toten Joseph eine Analyse
der schriftlichen Erklärungen verfasste. Die Eltern hatten eigene
Ermittlungen in Sebnitz angestellt, hatten Kinder, Jugendliche
und Erwachsene befragt, alles in ihren PC getippt und unterschreiben
lassen. Am Dienstagvormittag hat die Staatsanwaltschaft Dresden
ihre Einschätzung zu diesen Papieren bekannt gegeben: 14 von 15
dieser Aussagen seien nicht haltbar. Ein Zeuge konnte nicht vernommen
werden. Der Beweiswert der Erklärungen sei fraglich, und der Tatverdacht
gegen die drei aus der Untersuchungshaft freigelassenen jungen
Leute schrumpfe weiter zusammen. Gegen einen würden die Ermittlungen
eingestellt.
Drei Menschen seien unter Mordverdacht verhaftet worden auf Grund
von Erklärungen, die Pfeiffer als "erhebliches Beweismittel" klassifiziert
habe, schimpfte Biedenkopf. Pfeiffer, der demnächst Justizminister
von Niedersachsen wird, sei "fahrlässig mit so schwierigen Fragen"
umgegangen. Biedenkopf mochte sich ein paar bittere Bemerkungen
nicht verkneifen: Bauchschmerzen, wie Pfeiffer sie jetzt öffentlich
äußere, die hätte er besser früher haben sollen. Auf die Frage
zu Pfeiffers Aufstieg zum Justizminister sagte Biedenkopf: "Ich
halte ihn nicht für geeignet."
Der Fall Joseph bleibt undurchsichtig und rätselhaft. Wie konnten
Hauptbelastungszeugen, deren schriftliche Erklärungen sich jetzt
als im Grunde wertlos herausstellen, angeblich mehrstündige richterliche
Vernehmungen durchstehen, die zur Verhaftung von zwei Männern
und einer Frau wegen dringenden Mordverdachts führten? Und anschließend
war alles wertlos, die Erklärungen von den Eltern manipuliertes
Zeug, ohne Bedeutung, weil die Zeugen angeblich gar nichts gesehen
hatten? Wieso kamen den befragenden Richtern keine Zweifel - Zweifel,
wie sie die Staatsanwälte später bei der Nachprüfung offensichtlich
sofort hatten? Da konnte auch Biedenkopf nicht weiterhelfen: "Es
gibt eine plausible Erklärung dafür - ich kann es aber nicht sagen."
An diesem Dienstagnachmittag entlud sich in der Dresdner Staatskanzlei
bei der Pressekonferenz eine Menge Dampf, der sich aufgestaut
hatte, seit Bild am vergangenen Donnerstag mit der Schlagzeile
"Neonazis ertränken Kind" herauskam. Sebnitz habe Schaden genommen,
ganz Ostdeutschland sei verunglimpft worden. Die anwesenden Bild-Journalisten
donnerte Biedenkopf zusammen: "Erlauben Sie mal!", fuhr er einen
Frager an, "ich hätte mir gewünscht, Ihre Zeitung hätte auch ermittelt,
bevor sie einen solchen Schaden anrichtet." Auch Gerhard Schröder,
der am Montag Josephs Mutter in Berlin empfangen hatte, bekam
ein paar Seitenhiebe ab. Dessen Erklärung, die Frau als SPD-Vorsitzender
und nicht als Bundeskanzler empfangen zu haben, um sich nicht
in das Ermittlungsverfahren einzumischen, habe er als "wenig einleuchtend
angesehen". Und die rechten Gröler, die vor der Apotheke auftauchten?
Es gebe Hinweise, einige seien von elektronischen Medien bezahlt
worden, sagte Biedenkopf.
Was ist wirklich geschehen an jenem Tag vor bald dreieinhalb Jahren?
War alles eine Konstruktion der Eltern, die nicht darüber hinwegkamen,
dass ihr Junge ertrank, unbemerkt von der großen Schwester, die
aufpassen sollte? Ein gewaltiges Gebäude, gestützt auf wissenschaftliche
Gutachten, "in sich schlüssig", wie Innenminister Klaus Hardraht
es einmal nannte, dennoch ein Konstrukt aus Suggestion und Autosuggestion?
Ist Joseph einfach ertrunken, beim Spielen mit anderen untergetaucht
oder gezielt ertränkt worden? Es gibt noch eine Menge Fragen zu
klären. Wurde Joseph etwas eingeflößt? Wenn nicht, woher kamen
die angeblichen Reststoffe des Medikaments "Ritalin" in der Blutprobe
des Jungen? Die Version eines angeblichen Zeugen, 40 bis 50 Skinheads
seien im Bad aufgetaucht und hätten den Jungen unter den Augen
vieler Badegäste und Aufsichtspersonen gequält und ertränkt, das
halten die Ermittler für ziemlich ausgeschlossen. Alle anderen
Möglichkeiten prüft die mit dreißig Polizisten besetzte Sonderkommission
"Schwimmbad".
"Haben Sie gelogen, Frau Kantelberg?", fragt am Dienstag die Bild-Zeitung
die Mutter von Joseph. "Ich bitte Sie und Ihre Leser ganz aufrichtig,
uns zu glauben", wird die 48-Jährige zitiert. Sie hoffe, dass
niemand denke, die Familie Kantelberg-Abdulla habe gelogen.
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| tageszeitung 29.11.2000
Tatverdacht löst sich weiter auf
BERLIN afp/dpa/taz Im Fall des sechsjährigen
Joseph hat sich der Tatverdacht gegen die Beschuldigten weiter
entkräftet. Keiner der von der Familie genannten Zeugen habe das
Geschehen im Zusammenhang mit dem Tod des Jungen im Schwimmbad
von Sebnitz selbst beobachtet oder von Rechtsradikalen berichtet,
teilte die Staatsanwaltschaft Dresden gestern mit. Zudem bestätigten
einige Zeugen, dass die Eltern ihnen Geld gezahlt hätten. Das
Verfahren gegen einen der drei Beschuldigten wurde eingestellt.
Joseph, dessen Vater Iraker ist, war 1997 im Schwimmbad der ostsächsischen
Kleinstadt ums Leben gekommen. Die Mutter glaubt, er sei von Rechtsradikalen
ertränkt worden. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU)
sagte gestern, es gebe wahrscheinlich für alles eine "ganz einfache
Erklärung", die er aber jetzt noch nicht verbreiten könne. Scharfe
Kritik übte Biedenkopf am Gutachten des niedersächsischen Kriminologen
Christian Pfeiffer. Dieser wies die Kritik zurück und erklärte,
es habe nach Prüfung der Unterlagen durchaus einen Anfangsverdacht
für ein Gewaltverbrechen gegeben.
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| tageszeitung 29.11.2000
normalzeit
HELMUT HÖGE über Mütter
Der dritte Weg
Am Senefelder Platz im Bezirk Prenzlauer
Berg hielt ein Audi mit süddeutschem Kennzeichen, und ein älteres
Ehepaar stieg aus, das seinen Sohn besuchte, der dort kürzlich
hingezogen war. Die dauergewellte Frau schaute sich missmutig,
ängstlich um und mich an, der ich gerade an ihr vorbeiging. Plötzlich
meinte ich, diesen Blick zu verstehen. Es war der Blick einer
Mutter, die ihr ganzes, fast beendetes Leben damit zugebracht
hatte, ihre Familie zu behüten, zu bekochen und zusammenzuhalten.
Dabei hatte sie sich jedoch von allem Sozialen und Gesellschaftlichen
Drumherum abgekoppelt. Die Welt war ihr zu einem gigantischen
Gegner geworden - mit Schmutz, Gewalt, finsteren Ausländern, Drogen
und was weiß ich. Der Blick, mit dem sie mich und den Senefelder
Platz maß, war abschätzig und furchtbar. Man spürte, wie sie ihre
Handtasche fester an sich drückte. Das ganze Elend der Familiarität
entdeckte ich darin. Denn indem alles außerhalb der Familie als
feindlich begriffen wird, geraten zugleich der Sohn, die Tochter
und der Ehemann außerhalb jeder Kritik: Sie mögen noch solche
Schweine und Verbrecher sein - its my family, right or wrong!
So gesehen ist die Familie nicht die Keimzelle der Gesellschaft,
sondern ihre absolute Negation. Und die Mütter darin die Gralshüter
dieser asozialen Veranstaltung. Was kann man dagegen tun? Der
Sozialismus hat die generelle Berufstätigkeit der Frauen forciert.
Wegen seines Charakters als geschlossener Handelsstaat ließ er
jedoch keine freiwilligen Aufbauhelfer ins Land und war daher
auf die eigene Menschenzucht angewiesen. Dies wurde mit einem
gigantischen Kita-, Schul- und Hochschulprogramm ermöglicht. So
weit ich das sehe, haben mindestens die Waisenheime ganz passable
Ergebnisse gebracht, jedenfalls bessere als im Westen, wo - zumindest
bis in die Achtzigerjahre - vor allem unglückliche, subproletarische
"Problemfälle" produziert wurden. Im zu Recht familienfeindlichen
Sozialismus wurde also die Erziehung vergesellschaftet, so wie
man auch den heimischen Herd durch Kantinen ersetzen wollte. Dadurch,
dass diese Einrichtungen jedoch von oben durchgesetzt wurden,
erhielt die Familie neue Funktionen: als Rückzugsnische, als Privatsphäre,
die der staatlich durchorganisierten Öffentlichkeit ausgleichend
gegenüberstand. Ein DDR-zwangskollektivierungsgeschädigter Kriminologe,
Christian Pfeiffer, konnte deswegen im Westen die These aufstellen,
dass der Neonazismus im Osten nebst allen sonstigen asozialen
Verwerfungen seit der Wende ein Produkt der lieblosen DDR-Kita-Erziehung
sei. Im Zusammenhang mit dem Kindestod im sächsischen Sebnitz
hat er sie jetzt aktualisiert. Dahinter steht die Idee, dass professionelle
Erzieher die liebevolle Vollzeitmutter nicht ersetzen können.
Das Gegenstück zur sozialistischen Kindergärtnerin wäre demnach
die aufopferungsvolle Mutter. Vilem Flusser hat noch eine dritte
Möglichkeit gesehen: die Gentechnologie! Mit ihr sind zum ersten
Mal selbstreproduktive Werke möglich, mit ihr beginnt also das
Zeitalter wirklicher Kunstwerke - und diese, wenn es denn Menschenkinder
sind, können endlich jenseits von asozialer Mutterliebe und staatssozialistischen
Erziehern groß gezogen werden - sagen wir: von LeiharbeiterInnen
mit Herz.
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| tageszeitung 29.11.2000
Doch kein rassistischer Mord?
Bürgermeister beklagt wirtschaftliche Einbußen und Imageverlust
des Städtchens Sebnitz . Zeugen erhielten kleine Geldsummen von
Mutter. Niemand hatte das Geschehen tatsächlich beobachtet. Biedenkopf
rügt Kriminologen
von KARSTEN NEUSCHWENDER
Sebnitz lechzt nach Normalität. Der Fall
Joseph Abdulla bedeute einen "riesengroßen materiellen und immateriellen
Schaden", klagt Bürgermeister Mike Ruckh (CDU). Sebnitzer Unternehmen
hätten Probleme beim Verkauf ihrer Produkte, Reisegruppen sagten
ab und Hotelbetten würden storniert. "Der Image-, Wirtschafts-
und auch seelische Schaden muss rasch wieder von der Stadt genommen
werden." Die Familie Kantelberg-Abdulla verwische in ihrer Trauer
wahrscheinlich "die Grenzen von Wirklichkeit", erklärte der Bürgermeister.
Gleich nach deren Freilassung empfing Ruckh die bisherigen Tatverdächtigen
samt Familien. Nach der polizeilichen Vernehmung von Zeugen sei
der Beweiswert ihrer früheren schriftlichen Erklärungen in Frage
zu stellen, teilte die Dresdner Staatsanwaltschaft gestern mit.
Die Vernehmung der Zeugen habe ergeben, dass keiner von ihnen
das Geschehen um den Tod des sechsjährigen Jungen im Sebnitzer
Schwimmbad vor drei Jahren selbst beobachtet habe, hieß es von
der Staatsanwaltschaft. Keiner der Zeugen habe Skinheads im Bad
wahrgenommen. "Sämtliche Zeugen haben erklärt, dass die schriftlichen
Erklärungen auf suggestive Befragung durch die Eltern des Joseph
zurückzuführen seien", heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft.
Zudem hätten die Zeugen erklärt, auf Grund ihrer schriftlichen
Angaben gegenüber den Eltern von ihnen zum Teil mehrfach kleine
Geldsummen erhalten zu haben. Nach den von Josephs Eltern vorgelegten
Erklärungen von 15 Zeugen soll der kleine Junge im Juni 1997 im
Sebnitzer Schwimmbad von Neonazis misshandelt und ertränkt worden
sein. Renate Kantelberg-Abdulla, die Mutter des vor drei Jahren
ums Leben gekommenen Joseph, hatte die Vorwürfe zurückgewiesen,
die Zeugen beeinflusst oder bestochen zu haben. Die Gespräche
hätten allerdings sehr lange gedauert. Zum Dank habe sie den Zeugen
dafür "Rachendrachen" geschenkt und teilweise Geld für Zigaretten
gegeben, als "Dank, dass sie bei uns waren". Sachsens Justiz wehrt
sich gegen den Vorwurf, im Fall Joseph unprofessionell ermittelt
zu haben. "Die Ermittlungen sind schon weiter, als man aus ermittlungstaktischen
Gründen bekannt geben kann", sagte gestern Sachsens Justizminister
Manfred Kolbe (CDU). Derzeit prüft das Ministerium auch, ob der
Vorwurf des Kriminologischen Institutes Niedersachsens, die Zeugen
anfangs nicht genügend befragt zu haben, zurückgewiesen werden
könne. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat indessen
den Leiter des niedersächsischen Instituts, Christian Pfeiffer,
scharf angegriffen. Das Gutachten aus dessen Forschungsinstitut
weise klare Mängel auf. So habe Pfeiffer offenbar nicht bemerkt,
dass die von den Eltern vorgelegten Berichte von etwa 15 Augenzeugen
möglicherweise nicht der Wahrheit entsprechen. Seit gestern ermittelt
die Staatsanwaltschaft Dresden wegen des Verdachtes auf Volksverhetzung.
Generalstaatsanwalt Jörg Schwalm betonte jedoch ausdrücklich,
dass sich die Ermittlungen nicht gegen die verhafteten und inzwischen
wieder freigelassenen zwei Männer und eine Frau handelt. Seine
Behörde sei von Bürgermeister Ruckh auf das elektronische Gästebuch
der Stadt Sebnitz aufmerksam gemacht worden. Neben Medienschelte,
Anteilnahme und Gedichten des evangelischen Theologen Martin Niemöller
oder aus der Carmina Burana gibt es im elektronischen Gästebuch
auch rechts- und linksextremistische Eintragungen mit teilweise
beleidigendem oder volksverhetzendem Charakter. "Die Frau Abdulla
ist doch geschmiert. Sie nutzt den tragischen Tod ihres Sohnes
aus, um gegen Deutschland zu hetzen und unsere Politiker machen
fleißig mit. Hängt diese Volksverräter!" fordert einer. Die Staatsanwaltschaft
hat auf Grund von Presseberichten, wonach die Eltern von Joseph
am Wochende bedroht worden sein sollen, ein Verfahren eingeleitet,
in dem wegen Bedrohung und Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen
ermittelt wird. Die Beurlaubung des evangelischen Pfarrers Konrad
Creutz aus Sebnitz ist unterdessen aufgehoben worden. Creutz hatte
den Eltern von Joseph eine Verletzung ihrer Aufsichtspflicht unterstellt
und wurde daraufhin vom Dienst suspendiert.
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| Sächsische Zeitung 29.11.2000
Hoteliers stöhnen: Keine Buchungen in diesen Tagen
Pensionswirte fürchten um Folgen für nächste Saison
Von Anja Weber
Kantelberg-Abdulla geht das alltägliche
Leben in Sebnitz weiter - wenngleich auch anders als noch vor
wenigen Tagen. Der Fall bleibt das Tagesgespräch bei den Bürgern.
Oberbürgermeister Mike Ruckh (CDU) warnte gestern wiederholt vor
Spekulationen über den Ausgang der Ermittlungen und mahnte die
Bürger zu Besonnenheit und Ruhe. Sie sollten sich nicht zu unbedachten
Handlungen, leichtfertigen Äußerungen oder vorschnellen Beurteilungen
hinreißen lassen. Seinen Darstellungen zufolge, hätte die Stadt
"einen enormen materiellen und immateriellen Schaden genommen."
In der Tat fanden sich gerade im Internet in den letzten Tagen
zahlreiche, meist anonyme Boykottaufrufe. Und so diskutieren die
Sebnitzer inzwischen auch über die Folgen. "Wir unternehmen alles,
damit Sebnitzer Hotels keine Übernachtungsgäste mehr bekommen,
stand bei mir im Internet", sagte Burkhard Strohbach, Inhaber
einer Pension in Sebnitz. Und er erzählt, dass wegen der derzeitigen
Situation in der Stadt sechs Urlauber schockiert am Mittwoch abgereist
seien. Stornierungen sind bei ihm aber keine eingegangen. Das
bestätigen auch andere Vermieter von Ferienzimmern. Doch sie befürchten
Spätfolgen, vor allem für die kommende Saison. "Im Oktober und
November buchen bei mir die Urlauber für das nächste Jahr. Das
ist auch angelaufen, aber seit letzter Woche, habe ich keine einzige
Buchung, nicht mal eine Anfrage, weder telefonisch noch schriftlich",
berichtet Steffen Gebhardt vom Sonnenhof Hinterhermsdorf - einem
Sebnitzer Ortsteil. Christel Born vom Reisebüro am Kapellenweg
in Sebnitz ist noch optimistisch: "Ich weiß auch, dass meine Urlauber
an die ich schon seit Jahren selbst vermiete, wieder kommen. Sie
kennen Sebnitz und die Einwohner." Nicht nur Pensionswirte und
Hoteliers fürchten um die Zukunft, auch Unternehmer. Bei der Firma
Tillig-Modellbahnen in Sebnitz gingen wie in einigen anderen Unternehmen
auch e-mails ein. "Wir werden von ihrer Firma nichts mehr kaufen",
heißt es da lapidar. "Ich hoffe, dass dies nicht eintritt. Wir
brauchen jede Mark Umsatz. Abbestellungen gab es noch keine",
sagte Geschäftsführer Hans-Jürgen Tillig. Allerdings würden unter
anderem seine österreichischen Geschäftspartner schon nach den
Vorgängen in Sebnitz fragen. "Es wäre schlimm, wenn unsere Geschäftsbeziehungen
darunter leiden würden."
up |
| Sächsische Zeitung 29.11.2000
Der Fall Joseph Abdulla
Bislang keine Spur von Verbrechen - Kritik an Pfeiffer
Dresden/Sebnitz.Der sechsjährige Joseph
Abdulla ist nach bisherigen Ermittlungen nicht durch ein Verbrechen
mit fremdenfeindlichem Hintergrund ums Leben gekommen, teilte
die Dresdner Staatsanwaltschaft gestern mit. Der Direktor der
Dresdner Gerichtsmedizin, Erich Müller, schließt zudem aus, dass
bei der ersten Obduktion ein "todesursächlicher Befund" übersehen
wurde. Sichtbare Spuren einer Misshandlung seien nicht zu erkennen
gewesen. Angesichts dieses Ermittlungsstandes warf Sachsens Ministerpräsident
Kurt Biedenkopf (CDU) dem designierten niedersächsischen Justizminister
Christian Pfeiffer (SPD) Fahrlässigkeit vor. Pfeiffer hatte ein
Gutachten erstellt, in dem der Anfangsverdacht einer Straftat
bestätigt worden war. Erst dadurch sei der schwere Verdacht aufgekommen,
der sich gegen Sebnitz, Sachsen und die neuen Länder richte, kritisierte
Biedenkopf. Er halte Pfeiffer für das Amt des Justizministers
für ungeeignet. Pfeiffer wies die Vorwürfe zurück, sprach von
einer ordnungsgemäßen Arbeit. Laut Biedenkopf hat die Familie
Abdulla im November 1999 von der Stadt Sebnitz wegen der Verletzung
von Aufsichtspflichten im Bad ein Schmerzensgeld von 65 000 Mark
erhalten. Die fremdenfeindlichen Grölereien von rechten Jugendlichen
vor dem Haus der Abdullas sollen erst nach Aufforderung von "einem
elektronischen Medium" erfolgt sein, sagte Biedenkopf. Die Staatsanwaltschaft
Dresden teilte unterdessen mit, dass das Strafverfahren gegen
einen der drei Verdächtigen, die kürzlich auf freien Fuß gesetzt
wurden, eingestellt wird. Der evangelische Pfarrer von Sebnitz,
Konrad Creutz, der wegen Kritik an den erziehungsberechtigten
Eltern beurlaubt worden war, ist wieder im Dienst. (SZ/gs/ts)
up |
| Sächsische Zeitung 29.11.2000
Kein Zeuge sah, wie der Junge ertrank
Die unerwartete Wende des Falls Joseph Abdulla wirft neue Fragen
auf
Von Thomas Schade
Vier Tage nun untersucht die Sonderkommission
"Schwimmbad" die Todesumstände des sechsjährigen Joseph Abdulla.
Ergebnis: Der Verdacht gegen die drei Beschuldigten, die das Kind
misshandelt und ermordet haben sollen, ist weiter entkräftet.
Wie die Staatsanwaltschaft Dresden gestern mitteilte, wird jetzt
der Beweiswert aller schriftlichen Zeugenerklärungen in Frage
gestellt, die Renate Kantelberg in den vergangenen Monaten gesammelt
hatte, um zu begründen, dass Joseph Opfer eines Verbrechens mit
fremdenfeindlichem Hintergrund geworden ist. Keiner der Zeugen
habe "das Geschehen im Zusammenhang mit dem Tod des Kindes im
Schwimmbad selbst gesehen", keiner habe "im Zusammenhang mit dem
Tod des Kindes Skinheads wahrgenommen", so Staatsanwalt Claus
Bogner. Dafür hätten "sämtliche Zeugen" gesagt, dass ihre Erklärungen
"auf suggestive Befragungen" durch Josephs Eltern zurückzuführen
seien und dass sie für ihre Angaben "Geldzuwendungen von der Familie
A." erhalten hätten. Sandro R.'s Alibi sei nicht zu erschüttern.
Gegen ihn werde nicht mehr ermittelt. Die Entwicklung des Falls,
der vor Tagen die Republik erschütterte, wirft auch weiterhin
Fragen auf. Musste die Überprüfung der Umstände des tragischen
Todes in so dramatischer Weise und unter so großem öffentlichen
Druck erfolgen? Zur "internen Prüfung" hatte der Kriminologe Christian
Pfeiffer die "Fallanalyse" zu Josephs Tod Ende Juli 2000 zu Innenminister
Klaus Hardraht geschickt. Mitte August wanderten die Akten ins
Justizministerium weiter.
Standen Staatsanwälte unter Druck?
Wie lange sie von dort bis zu einem ermittelnden
Staatsanwalt brauchten, war gestern aus dem Justizministerium
nicht exakt zu erfahren. Offenbar Anfang September begannen erste
staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, welcher Art auch immer.
Warum erst Ende Oktober erste Zeugen befragt wurden, ist unklar.
Zwei wichtige Zeugen erschienen nicht und wurden am 21. November
schließlich mit Zwang vorgeführt. Einen Tag später erfolgten die
Verhaftungen. Nach den belastenden Aussagen vor dem Ermittlungsrichter
wurde erst die zuständige Mordkommission in Dresden eingeschaltet.
Woher die plötzliche Hektik? Staatsanwalt Bogner bestreitet, dass
seine Behörde unter Druck geraten war. Doch seit Wochen schon
ging die Bild-Zeitung mit der Story vom mutmaßlichen Neonazi-Mord
an Joseph schwanger. Behörden wurden von der Redaktion angefragt
und rieten zur Vorsicht. Doch die Story erschien am 23. November
bundesweit auf Seite 1. Fast gleichzeitig wurde die Festnahme
der drei Verdächtigen bekannt. Sie musste wie eine amtliche Bestätigung
der Geschichte erscheinen. Und die Republik ist empört. Kaum einer
weiß, dass zwei große Magazine den Fall ebenfalls detailliert
kannten, aber aus Vorsicht nicht veröffentlichten. Kaum einer
beachtet, dass fremdenfeindliche Hintergründe nie bestätigt worden
sind. Dass Sebnitz nicht frei von Neonazis ist, erfährt die Welt
nun in fataler Weise. Polizei muss die Apotheke der Kantelbergs
und die Stadt vor der Rache der Rechten schützen. Drohungen im
Internet und nachts auf den Straßen der Stadt haben den Staatsschutz
alarmiert.
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| Die Welt 29.11.2000
Eine grauenhafte Parabel
Die Umstände, die zum Tod des kleinen Joseph führten, werden
von Tag zu Tag mysteriöser - Leitartikel
Von Johann Michael Möller
Der tragische Tod eines kleinen Jungen
im sächsischen Sebnitz erschüttert die Nation. Doch die Umstände,
die zu seinem Tod führten, werden von Tag zu Tag mysteriöser.
Was als Unfall in den Akten verschwinden sollte und nach Jahren
endlich mit einem Aufschrei der Empörung wieder ans Tageslicht
gezerrt wurde, droht jetzt womöglich zur makaberen Sensationsgeschichte
zu werden. Der Tod, der zum Mord wurde, könnte sich plötzlich
als grauenhafte Parabel auf den Zustand dieses Landes und seiner
inneren Einheit entpuppen. Eine Parabel überdies, die mehrere
Wahrheiten hat: Die eines Kindes, das sterben musste, das vielleicht
einem Unfall, vielleicht aber auch blankem Haß und dramatischer
Gleichgültigkeit zum Opfer fiel. Und die einer Familie, der
von ihrem Aufbruch in den Osten nur der Leichnam des Sohnes
geblieben ist, der in ein Grab im Westen zurückgebracht wird.
Furchtbarer können Träume nicht scheitern. Und drängender kann
der Wunsch kaum sein, dem Schicksal einen Sinn zu geben -und
sei es ein grauenhafter.
Parabeln lassen sich verschieden lesen und diese Lesarten berühren
die Wahrheit auf ganz verschiede Weise. Da ist eine Mutter,
die sich tiefe Vorwürfe macht, die in ihrem Entschluss, das
Familienglück in einem gottverlassenen Winkel im Osten zu versuchen,
den Anfang der ganzen Tragödie sieht und hinter allen Umständen
eine böse Verschwörung wittern möchte - für die sie viele Indizien
findet.
Da ist eine seit Monaten tief erregte Öffentlichkeit, die offenbar
keinen Moment darüber nachzudenken versucht, ob der Tod im Schwimmbad
mehr ist als der finale, geradezu erwartete Beweis, dass der
braune Terror bereits mitten im Herzen dieser Gesellschaft grassiert.
"Alles paßt in der Wahrnehmung", wie der Dresdner Kommunikationswissenschaftler
Wolfgang Donsbach kritisiert: der Rechtsextremismus im Osten,
die deutsch-irakische Familie, die gedrückte Stimmung einer
Kleinstadt in den neuen Bundesländern. Nichts ist erfunden,
auch nicht die aktuellen Bilder der Nazi-Parolen grölenden Schläger
vor der Apotheke in Sebnitz, die dem überzeugenden Bild eines
feigen, rassistischen Mords die braune Kontur geben. Und doch
könnten all diese Teile auch nicht zusammenpassen.
Denn da gibt es auch einen aufgeschreckten Bürgermeister, der
retten will, was an Ansehen seiner Gemeinde überhaupt noch zu
retten ist. Und der doch weiß, dass jedes korrigierende, womöglich
zweifelnde Wort sofort gegen ihn und seinen Ort verwendet wird.
Seht sie doch an, diese dumpfen Ossis, wie sie kaltherzig selbst
eine solche Tat bestreiten wollen, heißt die Mauer an Vorurteilen,
gegen die er mit dem Mut der Verzweiflung anzureden versucht.
Leise und bedächtig und eher erstaunt als verbittert, wie einer,
der eben weiß, was in seinem Ort los ist. Der den Fremdenhass
dort genauso kennt, wie den kleinen, bescheidenen Gewerbefleiss
hinter den frisch geputzen Fassaden. Der den freien Westen immer
noch als rätselhafte, unberechenbare Welt empfindet und doch
weiß, dass sie die einzige Alternative zum alten System ist.
Die Geschichte des toten Josephs und seiner Mutter erzählt auf
entsetzliche Weise die Geschichte eines anderen Scheiterns im
Osten fort: die jener Arztfrau in Frankfurt an der Oder, die
mit ihren westlichen Vorstellungen auf ein ihr gänzlich fremdes
Milieu getroffen war, das sie nicht verstand, und von dem sie
nicht verstanden werden wollte. Auch dieses Scheitern ist spektakulär
geworden, auch dieses Scheitern endete mit der fluchtartigen
Rückkehr in den Westen und hinterließ eine Gemeinde am äußersten
östlichen Rand, die sich in ihren Ressentiments bestätigt fühlte.
Und das ist die eigentliche bittere Erkenntnis aus dem Fall
des toten Jungen von Sebnitz: Auch wenn sich womöglich am Ende
doch nicht nachweisen läßt, dass er das Opfer brauner Totschläger
geworden ist, so steht der Umgang mit seinem Tod doch auch für
den erschreckenden Graben, der quer durch dieses Land geht -
und er steht gleichwohl für eine Form von Diskriminierung in
moralischer Absicht, die selbst zur Quelle von Menschenverachtung
wird. In Sebnitz zeigt sich mit einer Schärfe wie kaum irgendwo
sonst eine der Ursachen rechtsextremistischer Gewalt: Die unversöhnte
Nation rächt sich an sich selbst. Und der Umgang mit uns selbst
wird das Muster im Umgang mit den Fremden. Den Autor erreichen
Sie unter: moeller@welt.de
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