Presse-Doku part 3
Berichte am 24. November 2000 (Auswahl)
Die Berichte drehen sich um die nicht-erfolgte
Auklärung des Todes von Joseph Abdullah. Dazu wäre zu
bemerken, dass die deutsche Öffentlichkeit und Justiz von
Rassismus betroffenen Toten meistens nicht viel Aufmerksamkeit
widmet. Ebenso wie rassistische Übergriffe meist nicht großer
Rede wert sind und auch nicht angemessener polizeilicher und juristischer
Bearbeitung. Was hier also exemplarisch beschrieben wird, ist
deutscher Alltag.
Gequält! Ertränkt! Ermordet?
Vor drei Jahren starb der sechsjährige Joseph in einem Schwimmbad
- wurde er von Neonazis brutal zu Tode gequält? |
Die
Welt |
| Die Skinheads standen wie eine lebende
Mauer um Joseph |
Bild online
|
| Untersuchung: Wer hat da was vertuscht
Drei Jahre lang wurde das Verbrechen an dem kleinen Joseph
(6) totgeschwiegen. |
Bild online |
Sebnitz in Sachsen: Der stille Tod
eines Kindes
Erstickt in den Wellen des Schweigens
Im belebten Freibad soll ein sechsjähriger Junge deutsch-irakischer
Eltern von Neonazis ertränkt worden sein - drei Jahre später
wagen Zeugen Worte |
Süddeutsche
Zeitung |
|
| Die Welt 24.11.2000
Gequält! Ertränkt! Ermordet? Vor drei Jahren starb der sechsjährige
Joseph in einem Schwimmbad - wurde er von Neonazis brutal zu Tode
gequält?
Von Catrin Barnsteiner, Thomas Delekat, Claus Hornung
An einem warmen Tag im Juni 1997 besuchen
300 Menschen das Freibad "Dr. Petzold" im ostsächsischen Sebnitz.
300 Menschen können zusehen, wie rund 50 Jugendliche einen sechsjährigen
Jungen grausam misshandeln, ihn ins tiefe Wasser werfen und dort
weiter quälen. 300 Menschen waren dabei, wie der kleine Joseph,
Sohn eines ortsansässigen Apothekers, ums Leben kam. Drei Jahre
lang herrschte Schweigen - der Fall des kleinen Joseph wurde bei
der Staatsanwaltschaft Pirna im Mai 1998 zu den Akten gelegt.
Es hieß, die Hinweise auf eine Straftat reichten für weitere Ermittlungen
nicht aus. Ein tragischer Badeunfall soll es gewesen sein: "Tod
durch Ertrinken". Dass der Tod ihres jüngsten Kindes kein Unfall
gewesen war, hat Josephs Mutter nie glauben wollen. Jetzt brachte
sie eine Wahrheit ans Licht, der die Staatsanwaltschaft aufs Neue
auf den Grund gehen will. Auf eigene Faust, so berichtet die "Bild"-Zeitung,
hatte die promovierte Stadträtin Renate K. im ganzen Ort nach
Zeugen gesucht, die ihren ungeheuerlichen Verdacht bestätigen
könnten. Sie hat sie gefunden. In Sebnitz, einem 10 282 Einwohner-Ort
an der tschechischen Grenze, stehen nun 15 Zeugen bereit, die
früher nie vernommen worden waren und ihr nun eidesstattliche
Aussagen lieferten: Wie der kleine Joseph von einem Trupp Jugendlicher
von seinem Badetuch gezerrt worden war, wie sie ihn geboxt, ihm
mit der Faust in den Magen geschlagen hatten, seine Qualen unter
einem Elektroschockgerät. Am Ende hatten seine Peiniger ihm ein
Getränk eingeflößt. Später wurden bei einer zweiten Obduktion
Spuren von Ritalin (siehe Kasten) in seinem Blut gefunden. Um
seine ältere Schwester Diana, damals zwölf Jahre alt, die ihren
Bruder ins Freibad begleitet hatte, bildeten sie einen Kreis.
Sie konnte nicht sehen, warum ihr Bruder vor Angst schrie. Sie
konnte nichts tun. Die Jugendlichen warfen Joseph schließlich
ins tiefe Wasser, sprangen hinterher und traten ihn immer weiter.
Keiner der Badegäste holte Hilfe. Die Mutter vermutet einen ausländerfeindlichen
Hintergrund: Sie hatte ihren Mann, der aus dem Irak stammt, beim
Studium in Marburg an der Lahn kennen gelernt. Die beiden heirateten
1983 und gingen später zusammen in den Irak. Dort kamen auch die
beiden Kinder Diana und Joseph zur Welt. 1991, während des Golfkrieges,
kehrte die Familie wieder nach Deutschland zurück. Seit 1995 leben
sie in Sebnitz und eröffneten dort eine der drei Apotheken des
Ortes. Die neuen Zeugen, so erklärt Renate K., hätten gesehen,
dass es es sich bei denjenigen, die ihren Sohn getötet hätten,
um Rechtsradikale gehandelt habe. Einige der Täter hätten Springerstiefel
und Tätowierungen getragen und den Jungen als "Scheiß Ausländer"
beschimpft, als sie ihn von seinem Badetuch zerrten. Schon 1997
hatte es manche ungeklärte Frage gegeben: Warum war kein Schwimmmeister
im Bad? Nur zwei Rettungsschwimmer taten Dienst. Der Fremdenverkehrschef
wies damals jede Schuld von sich: "Der Unfall ist tragisch. Uns
trifft aber keine Schuld, wir sind davon ausgegangen, dass zwei
Rettungsschwimmer reichen." Zwei herbeigeeilte Rettungsschwimmer
konnten dem Sechsjährigen jedoch genausowenig helfen wie ein kurz
darauf eintreffender Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes.
Eine Obduktion habe damals als Ursache einen Badeunfall nahegelegt,
erklärt ein Sprecher des Justizministeriums. Deshalb seien keine
weiteren Untersuchungen eingeleitet worden. Auch der damals ermittelnde
Staatsanwalt, ein von Baden-Württemberg nach Sachsen "ausgeliehener"
Jurist, hielt ein Verbrechen offensichtlich für ausgeschlossen.
Er formulierte bei der Obduktion nur eine einzige Frage an die
Gerichtsmediziner der TU Dresden: "Wie lange das Kind unter Wasser
gewesen sein muss". Ein Badeunfall also. Tatsächlich bestätigten
die drei untersuchenden Pathologen, dass der Junge ertrunken sei.
Obwohl ihr Untersuchungsauftrag damit erledigt gewesen wäre, sahen
sie sich den kleinen Joseph dennoch genauer an. Ihr damaliger
Befund unterscheidet sich drastisch von den Beobachtungen der
Mutter Josephs, die behauptet, mehrere Hämatome am Körper ihres
Jungen entdeckt zu haben. Der Kopf des Jungen sei völlig unverletzt,
schrieben die Dresdner Ärzte, berichteten jedoch von Schürfwunden
an beiden Knien, Kratzern an einem Schienbein und einem blauen
Fleck in der linken Armbeuge. Sie entnahmen auch Proben von allen
Organen sowie ein wenig Blut - jene Proben, die nun Kollegen in
Gießen untersuchten: Josephs Mutter hatte eine zweite Obduktion
ihres Sohnes durchgesetzt und sich diesmal an Rechtsmediziner
im Westen gewandt. Diese entdeckten im Blut von Joseph den Wirkstoff
Ritalin - ein Mittel, das dem kleinen Jungen kurz vor seinem Tod
von fremder Hand eingeflößt worden war? Doch auch die Rechtsmediziner
in Dresden hatten eine interessante Entdeckung gemacht: Joseph
litt unter einer Herzmuskelentzündung. So wäre auch denkbar, dass
Joseph an Herzversagen gestorben sein könnte und dass die geblähte
Lunge nicht durch Ertrinken, sondern durch Beatmungsversuche zustande
gekommen war. Dass der Tod des kleinen Josph kein Unfall gewesen
sein könnte - darauf habe es im Juni 1997 keinen Hinweis gegeben,
sagt heute der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Renz. Auch als
die Ermittlungen 1998 eingestellt wurden und die Eltern dagegen
Beschwerde einlegten, seien die Zeugen, die den ungeheuerlichen
Verdacht der Mutter bestätigten, noch nicht gefunden gewesen.
Und Josephs Mutter, Renate K. erklärte am Donnerstag gegenüber
der Nachrichtenagentur AP: "Die Kriminalpolizei in Pirna hat sich
meine Aussage damals nicht anhören wollen." Dass in einem gut
besuchten, öffentlichen Freibad ein kleiner Junge umgebracht worden
sein könnte - davon erfuhr die Staatsanwaltschaft erst durch Bundesinnenminister
Schily. Dem hatten die Eltern ein privat erstelltes Fall-Gutachten
mit allen neuen Details geschickt. Die Akte "Tod im Schwimmbad"
ging wieder nach Dresden, seit September wird dort ermittelt.
Am 16. Oktober gab es die ersten Vernehmungen. Seit gestern sitzen
drei Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Wie ein Sprecher der
Staatsanwaltschaft Dresden am Donnerstag mitteilte, stehen zwei
Männer und eine Frau im Alter zwischen 20 und 25 Jahren unter
dringendem Verdacht, den kleinen Joseph im Juni 1997 getötet zu
haben. Alle Verdächtigen stammen aus Sebnitz. Einen ausländerfeindlichen
Hintergrund schließen die Ermittler nicht aus.
Ritalin - die Substanz, die im Blut gefunden
wurde
Ritalin (Wirkstoff: Methylphenidat-Hydrochlorid) ist ein Medikament,
das häufig bei Kindern und Jugendlichen angewendet wird, die unter
einem Aufmerksamkeitsstörungsdefizit leiden - die häufigste kinder-
und jugendpsychiatrische Störung. Etwa zwei Kinder pro Schulklasse
sind davon betroffen: Sie sind unruhig und können sich schlecht
konzentrieren. Ritalin ist zwar kein Beruhigungsmittel, soll aber
die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Als Nebenwirkungen können
Teilnahmslosigkeit, Depression und Angstzustände auftreten. Ritalin
ist verschreibungspflichtig und fällt in Deutschland unter das
Betäubungsmittelgesetz. Als Ecstasy-Ersatz ist Ritalin wegen seiner
stimulierenden Wirkung seit Jahren in der Drogenszene verbreitet,
ebenso wie die verwandten Substanzen Captagon und Amphetamin.
Die amerikanische Zeitschrift "Time" rief kürzlich das "Ritalin-Zeitalter"
aus, weil der Verbrauch in den letzten Jahren weltweit um 700
Prozent zugenommen hat - hauptsächlich in den USA. Zunehmend wird
es auch von amerikanischen College-Studenten benutzt, um die Konzentrationsfähigkeit
zu verbessern.
up |
| Bild online 24.11.2000
Die Skinheads standen wie eine lebende Mauer um Joseph
Von ROBERT KUHNE und BERNHARD RUDOLPH
Sebnitz ist die letzte deutsche Stadt vor
der Grenze zu Tschechien. 10 282 Einwohner. Eine Durchfahrtsstadt
für Dresdner, die zu den billigen Supermärkten jenseits der Grenze
wollen. Erste Erkenntnis. Die Leute von Sebnitz sehen nicht weg.
Sie sehen sogar sehr genau hin. "Ah, BILD-Zeitung", sagt ein junger
Mann mit nazikurzen Haaren, als er auf dem Marktplatz einen Mann
mit Kamera sieht. In Wohnhäusern bewegen sich geklöppelte Gardinen.
Schemenhafte Gesichter an Fenstern. Berühmtester Sebnitzer war
Dr. Petzold, der dem Ort um die Jahrhundertwende ein Kräuterbad
bescherte. Heubad, Cleopatra-Bad, Nachtkerzenölbad, Nachruhe im
Wasserbett, 99 Mark. Wenn Fremde über den Zaun aufs herbstlich
leere Freibad blicken, springen Menschen von den Wasserbetten
auf und beobachten die Fremden. Was tun die? Jeder kennt in Sebnitz
jeden. Nichts bleibt unbemerkt. Und wer das Gefühl hat, er könnte
irgendwas nicht bemerken, der spitzelt ein bisschen. Die Stasi-Zeit
ist noch nicht lange her. "Es gibt Leute, die jeden Tag zwei Packungen
Hustenbonbons kaufen, nur um Neues in unserer Apotheke zu erfahren",
sagt Josephs Vater, Dr. Saad Abdulla (48). "Ich habe mich gefragt,
wofür die so viele Hustenbonbons brauchen. Dann hat man's mir
gesagt. Bonbonkauf ist ein alter Stasi-Trick. Schön unauffällig."
Dr. Saad Abdulla hat seine Frau Renate (48, auch sie hat den Doktortitel)
beim Pharmaziestudium in Marburg kennen gelernt. Die beiden gingen
in den Irak, flüchteten aber vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland
zurück. Sie gründeten eine Apotheke im Taunus. Günstiger Kredit
und die Landschaft lockten sie nach Sebnitz. "Die Wälder und Berge
sind so idyllisch. Es gibt Rehe und Hirsche. Und der Ort hat ein
Gymnasium. Das war mir wichtig", sagt Dr. Renate Abdulla-Kantelberg.
An die Menschen hat sie nicht gedacht. Das man sie hassen könnte,
nur weil ihr Mann früher die irakische Staatsbürgerschaft (er
hat längst einen deutschen Pass) besaß - der Gedanke ist ihr nicht
gekommen. Am Freitag, den 13. Juni 1997 schickte Renate Abdulla-Kantelbach
ihre Kinder Joseph (6) und Diana (11) zum Schwimmen ins Dr.-Petzold-Bad.
Es war ein schöner Tag. Heiter bis wolkig, 22 Grad, leichter Wind
von Nord. Um 14:23:58 Uhr lösten die Kinder bei der Kassiererin
ihre Eintrittskarten. Sie zahlten 5 Mark, ihr Kassenbon hatte
die Nummer 10. Im Schwimmbad waren etwa 300 Badegäste, darunter
stadtbekannte Neonazis in Bomberjacken und Fallschirmspringer-Stiefeln.
Ein Zeuge (heute 16 Jahre) schwor später an Eides statt, er habe
zwei Tage zuvor ein Gespräch von Neonazis mitgehört. "Wenn die
zwei Kinder von der Apotheke das nächste Mal zum Schwimmbad kommen,
sind beide tot", soll einer gesagt haben. "Wir schnappen Joseph
und geben ihm Gift. Wir schleppen ihn zum tiefen Becken, werfen
ihn rein und tun so, als ob er beim Tauchen ertrunken ist." Joseph
und Diana ahnten nichts davon, als sie mit ihrem Freund Steve
ins Schwimmbad kamen. "Wir haben unser Handtuch neben einen Baum
gelegt", berichtet Diana. Als sie ins Wasser ging, sah sie, wie
Joseph sich mit Steve an einem Schwimmreifen festhielt und dahin
paddelte, wo das Wasser besonders flach ist: "Das war das letzte
Mal, dass ich Joseph lebend gesehen habe." Sorgen machte sie sich
damals nicht: Joseph hatte Angst vor Wasser. Es war ihm immer
zu kalt. Erst hinterher fiel Diana auf, dass im Bad viele Skinheads
um sie herumgestanden hatten. Wie eine lebende Mauer. Ein Bademeister
war angeblich im Technikraum. Und das sonstige Personal tat nach
Zeugenaussagen, was es auch sonst gern macht. Es spielte am Computer.
Als Diana ihren Bruder wieder sah, lag er tot am Beckenrand. "Ich
habe auf ihn eingehämmert", sagt Diana, "eine Frau machte Herzmassagen
und ich Mund-zu-Mund-Beatmung. Es kam viel Luft, Erbrochenes und
Wasser aus seinem Mund. Wie bei einem Geysir." Der Bademeister
radelte heran. Er stellte sein Rad an den Schwimmbadzaun und übernahm
die Beatmung. Wiederbelebungsgeräte, Absaugpumpe, Sauerstoff,
Atembeutel hatte keiner. Für die Versäumnisse zahlte die Stadt
später 40 000 Mark. "Bitte, Sie machen das falsch", sagte Diana
zum Bademeister. "Halten Sie Joseph bitte die Nase zu. Sonst können
Sie keinen Luftdruck aufbauen." "Schafft das Kind weg", knurrte
einer. Sie brachten Joseph ins Kreiskrankenhaus, aber nach einer
Stunde wurden die Wiederbelebungsversuche aufgegeben. Joseph war
tot, und der Rest war Schweigen. Neigen die Leute von Sebnitz
zum Schweigen? Wollen sie nichts sehen, nichts sagen? "Es mag
einige geben, die obrigkeitshörig sind. Aber das ist die Minderheit",
sagt Josephs Vater. "Die anderen haben ihre Erfahrungen. Es hat
auch vorher Gewaltverbrechen im Ort gegeben. Die Leute haben nie
viel davon gehört. Aber sie wussten, dass die Polizei sich kümmert.
Sie konnten sicher sein."
up |
| Bild online 24.11.2000
Untersuchung: Wer hat da was vertuscht
Drei Jahre lang wurde das Verbrechen an dem kleinen Joseph (6)
totgeschwiegen.
Rund 50 Verdächtige sind angeblich in die
Tat verstrickt. Hager, Bürstenhaarschnitt: Maik H. (20) - unter
Mordverdacht verhaftet. Sandro R. (heute 25). Als Kind galt er
als aufsässig - jetzt unter Mordverdacht in Haft. Jetzt endlich
kann Josephs Tod gesühnt werden. In Handschellen wurden die ersten
drei Neonazis zum Richter geführt - Haftbefehl wegen Mordverdachts!
Verhaftet: Maik H. (20), von drei Beamten im Haus seiner Eltern
überwältigt. Zeugen versichern in eidesstattlichen Erklärungen
(liegen BILD vor): Danach schlug Maik den Jungen mit der Faust
hart aufs Ohr, schleifte das Kind mit Komplizen zum Becken. Verhaftet:
Sandro R. (25), Gerüstbauer, Bodybuilder-Typ, der mutmaßliche
Haupttäter. Die Zeugen werfen ihm vor: "Er folterte das Kind zunächst
mit einem Elektroschocker. Und dann im Wasser sprangen er und
dieser Maik auf dem Jungen herum." Verhaftet: Uta Sch. (21), 1,80
m groß, dunkle Haare, Tochter eines Apothekers in Sebnitz. Wohnte
zuletzt in Braunschweig - in einer Wohnung mit Sandro R. Laut
Zeugenaussagen war sie es, die Joseph unter Zwang etwas zu Trinken
gab - wahrscheinlich Cola, vermischt mit dem starken Nervenmittel
"Ritalin". Das Medikament ist in der rechten Szene als Aufputschmittel
beliebt. Diese drogenähnliche Substanz wurde erst bei einer zweiten
Obduktion entdeckt. Josephs Mutter gab sie in Auftrag - bei der
1. Obduktion wurde es "übersehen" (BILD berichtete).
Gemeindepfarrer Konrad Creutz (57, evangelisch):
"Ich sage: Die Eltern des toten Jungen haben ihre Erziehungspflicht
nicht richtig wahrgenommen. Diesen Vorwurf muss man ihnen machen.
Im Übrigen gibt es zwar eine rechtsradikale Szene in der Umgebung.
Doch diese Leute sind zum Totschlag nicht fähig." Der Sebnitzer
Oberbürgermeister Mike Ruckh (36, CDU): "Ich bin tief erschüttert
über die absolut neuen Fakten, die BILD zu Tage gebracht hat."
Gab es im Fall Joseph noch mehr Ermittlungsfehler? Und warum?
Der Sprecher des sächsischen Innenministeriums, Thomas Uslaub:
"Wir prüfen jetzt, ob es Versäumnisse bei der örtlichen Polizei
und bei der anfangs zuständigen Staatsanwaltschaft in Pirna gab."
Joseph starb am 13. Juni 1997. Sehr schnell wurde der Fall zu
den Akten gelegt - als "normaler" Ertrinkungstod.
Eine Verkettung unglücklicher Umstände,
Schlamperei oder bewusstes Vertuschen? Das wird jetzt untersucht.
Gestern in Sebnitz: Bestürzung, Scham. Und rund 20 TV-Teams -
auch aus den USA und Italien. Die Stadtverwaltung nahm sofort
ihr Gästebuch aus dem Internet. Weil Dutzende bestürzter Menschen
aus ganz Deutschland empörte E-Mails an die Rathausadresse "www.sebnitz.de"schickten.
Und ein neuer furchtbarer Verdacht zeichnet sich ab: Sollte auch
Josephs Schwester Diana (14) ertränkt werden, im Flüsschen Sebnitz?
In einer eidesstattlichen Versicherung erklärt ein 16-jähriger
Tatzeuge: "Ich habe mit angehört, wie die Neonazis davon sprachen.
Man wollte es so hinstellen, als ob Diana aus Kummer über den
Tod ihres Bruders irre geworden wäre und sich dann in den Fluss
gestürzt hat."
up |
| Süddeutsche Zeitung 24.11.2000
Sebnitz in Sachsen: Der stille Tod eines Kindes
Erstickt in den Wellen des Schweigens
Im belebten Freibad soll ein sechsjähriger Junge deutsch-irakischer
Eltern von Neonazis ertränkt worden sein - drei Jahre später wagen
Zeugen Worte / Von Jens Schneider
Dresden , 23. November - Das "Dr.-Petzold-Bad"
zählt zu den Attraktionen von Sebnitz, einer sächsischen Kleinstadt
nahe der tschechischen Grenze. Ein so genanntes "Kräutervitalbad",
für Erwachsene bietet es eine breite Auswahl an Kurpackungen.
Kinder können sich im Wildwasserkanal samt Wasserfall vergnügen.
Am 13. Juni 1997, einem Freitag, geht der sechs Jahre alte schwarzhaarige
Joseph nachmittags gemeinsam mit seiner zwölfjährigen Schwester
Diana in das Freibad. Es ist ein warmer Tag, das Bad hat viele
Gäste. Diana geht rasch schwimmen, Joseph bleibt noch einen Moment
bei den Handtüchern. Wenig später ist er tot. Der Sechsjährige
stirbt im Schwimmbecken. Die Staatsanwaltschaft in Pirna untersucht
den Fall. Die Polizei verhört einige Jugendliche und Erwachsene,
auch eine Obduktion wird vorgenommen. Fast ein Jahr später werden
die Ermittlungen eingestellt. Es wird angenommen, dass der Bub
ertrunken ist, ein Unglück, kein Mord. Doch dies könnte ein schlimmer
Irrtum oder gar eine aberwitzige Panne der Ermittler gewesen sein.
Die Eltern haben lange eigene Ermittlungen angestellt, sie haben
die Leiche exhumieren und beim Institut für Rechtsmedizin der
Universität Gießen auf eigene Kosten ein zweites Mal obduzieren
lassen. Und nun, mehr als drei Jahre nach Josephs Tod, sieht auch
die Staatsanwaltschaft hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass
Joseph Kandelberg-Abdulla im Schwimmbad von Sebnitz ermordet wurde.
Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche wurden zwei Männer und eine
Frau im Alter zwischen 20 und 25 Jahren wegen Mordverdachts in
Haft genommen. Zwei von ihnen wurden in Braunschweig, der Dritte
in Sebnitz festgenommen. Alle drei stammen aus der Kleinstadt
am Rand der Sächsischen Schweiz.
300 Gäste im Bad
Belastet werden sie vor allem durch die Aussagen von zwei Zeugen.
Der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Renz äußert sich sehr zurückhaltend
zu den Ermittlungen. Nein, keine weiteren Angaben zur Herkunft
und zum Hintergrund der Verdächtigen. Er könne auch noch nicht
sagen, ob sie dem rechtsextremen Spektrum angehören. Es gebe aber
"Zeugenaussagen in diese Richtung". Der Staatsanwalt wird noch
etwas anderes prüfen müssen. Es gibt noch einen Verdacht, und
so unbegreiflich schon ist, dass da Menschen sind, die in ein
Schwimmbad gehen, sich einen Sechsjährigen greifen und ihn umbringen
- wenn dieser zusätzliche Verdacht sich bewahrheitet, dann möchte
man nicht nur an den Tätern verzweifeln. Die Bild -Zeitung hat
ihn am Donnerstag in einem großen Artikel dargestellt: Demnach
wurde der Junge nicht von drei, sondern von 50 Neonazis - einige
von ihnen in Springerstiefeln - zum Becken gezerrt. Das Blatt
zitiert Zeugen, wonach der Bub als "Scheiß-Ausländer" beschimpft
worden sei. Die Rechtsextremen hätten ihn geschlagen und mit einem
Nervengift betäubt, "Ritalin" heißt die Substanz, die die Gießener
Rechtsmediziner in der Leiche fanden. 300 Besucher sollen an diesem
Juni-Nachmittag 1997 im "Dr. Petzold-Bad" gewesen sein. 50 Neonazis
bringen vor aller Augen einen Jungen um, keiner hilft, und keiner
geht zur Polizei - kann das wirklich wahr sein? Die Schilderung
stimmt mit den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft überein, die
die Zeugen am Dienstag verhört hatte. Nach diesen Aussagen legt
die Staatsanwaltschaft den Verdächtigen zur Last, Joseph im Freibad
geschlagen und ihm eine Flüssigkeit eingeflößt zu haben. Einer
der Beschuldigten habe ihm einen "Elektroschocker" an den Körper
gehalten. Dann hätten die Drei das Kind ins Becken geworfen, und
als es auf dem Grund lag, seien sie auf ihm herumgesprungen. Wenig
später sei Joseph tot auf dem Boden des Beckens aufgefunden worden.
Die Eltern hatten nie an die Version vom Unfalltod durch Ertrinken
glauben wollen. Josephs Vater stammt aus dem Irak und führt in
einem Fachwerkhaus eine Apotheke, eine von dreien in Sebnitz.
Die Mutter, Renate Kandelberg, sitzt für die SPD im Stadtrat,
dem seit der letzten Kommunalwahl auch ein Mitglied der NPD angehört.
Der Rechts extremist hat den Platz direkt neben ihr. Renate Kandelberg
recherchierte selbst, nachdem die Ermittlungen vor zwei Jahren
eingestellt wurden. Sie und ihr Mann beschwerten sich darüber
bei den vorgesetzten Behörden, wurden jedoch abgewiesen. Eine
Kundin der Apotheke war dann die Erste, die das allgemeine Schweigen
durchbrach. Saad Abdulla, der Vater, brachte ein Medikament vorbei,
und da verlor die Frau die Fassung. Ihr Junge habe gesehen, wie
Joseph ermordet wurde, erklärte sie ihm. Nun hatten die Eltern
einen ersten Zeugen, und Renate Kandelberg ging von Haustür zu
Haustür. Sie fand 15 Menschen, die nicht weiter schweigen wollten.
Im Juli eröffnete der Generalstaatsanwalt das Verfahren wieder.
Zwei Aussagen werden bisher für belastend gehalten, weitere müssen
noch geprüft werden. Warum nur sind die Ermittler erst durch die
Nachforschungen der Mutter wach geworden? Seinerzeit war die Soko
Rechtsextremismus an der Aufklärung nicht beteiligt, da es - so
das Dresdner Innenministerium - keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen
Hintergrund gegeben habe. Nun werde geprüft, ob die Ermittler
geschlampt haben, sagt Thomas Uslaub, der Sprecher des Ministeriums.
"Wenn Nachlässigkeiten seitens der Polizei vorgelegen haben, würde
dies zu disziplinarischen Konsequenzen führen." Geprüft werden
muss nun auch, was die Bademeister damals gesehen und doch verschwiegen
haben könnten - oder warum sie nichts gesehen haben, obwohl sie
doch die Aufsicht führten. Sebnitz mit seinen 10 000 Einwohnern
wirbt für sich als "staatlich anerkannter Erholungsort" und "Kunstblumenstadt".
Die Seidenblumenmanufaktur ist der bedeutendste Industriezweig
der Kreisstadt. 10 000 Einwohner nur, und der Mord an einem Sechsjährigen
war nie Stadtgespräch? Nicht einmal als Gerücht? Wer soll das
verstehen. Jetzt spricht die Sekretärin des Oberbürgermeisters
mit tränendünner Stimme, bevor sie durchstellt. Jetzt sagt Mike
Ruckh, der OB: "Das geht an keinem spurlos vorüber." Er habe seinen
Urlaub abgebrochen, als er am Donnerstagmorgen davon in der Bild
-Zeitung las. Alle seien "tief betroffen", sagt Ruckh, und dass
"wir alle uns das nicht erklären können". Er stammt aus dem Badischen
und ist nach der Wende hierher gekommen. "Wir dulden das nicht",
fügt er noch an. Jetzt wird das jeder sagen in Sebnitz, denn jetzt
wird der Name der Kleinstadt auf lange Zeit ein Synonym bleiben
für Gleichgültigkeit, für Wegschauen, für das Unbegreifliche.
Es gebe auch in Sebnitz rechtes Gedankengut, wie überall in Deutschland,
sagt der Bürgermeister. Sechs Prozent erreichte die NPD bei der
letzten Kommunalwahl, für kurze Zeit arbeiteten hier einmal FDP,
DSU und NPD im Stadtrat zusammen. Wenigstens gab die FDP diese
Verbindung dann auf.
Geld für Klassenfahrten
Bürgermeister Ruckh will die Ehre seiner Stadt retten; was er
sagt, sind Reflexe: Die absolute Mehrheit der Menschen in Sebnitz
denke nicht rechtsextrem. Es gebe weder eine virulente noch eine
präsente rechte Jugendszene in der Stadt. Der Stadtrat habe sich
aber trotzdem mit dem Rechtsextremismus beschäftigt und beschlossen,
"das Problem an den Wurzeln anzugehen": Den Schulen wurde Geld
gegeben, um Klassenfahrten nach Theresienstadt, zum ehemaligen
KZ, zu machen. Er wolle nicht die Augen vor dem Problem verschließen,
sagt Ruckh, "wehret den Anfängen!", ruft er durchs Telefon. Die
NPD hat in Sachsen mit tausend Mitgliedern ihren stärksten Landesverband,
in der Sächsischen Schweiz hat sie ihre Hochburgen. Sebnitz mit
seinen sechs Prozent lag bei weitem nicht an der Spitze. Zwölf
Mandate hält die Partei in der Region und geriert sich wie ein
etablierter politischer Machtfaktor. Weit über Sachsen hinaus
ist die rechte Kameradschaft "Skinheads Sächsische Schweiz" berüchtigt,
gegen die Ermittler im Sommer mit einer Razzia vorgingen. In Ostsachsen
haben auch die Veranstalter rechter Skinkonzerte leicht ihr Publikum
gefunden. Bürgermeister Ruckh hat am Donnerstag vorübergehend
das Gästebuch der Stadt im Internet geschlossen. Am Vormittag
waren drastische Mails aufgelaufen - "Klasse!" stand in den einen,
"Uno-Truppen nach Sebnitz!" in den anderen. Für den Abend berief
der OB den Stadtrat ein. Auch Renate Kandelberg sollte kommen,
Josephs Mutter, die Ratsfrau von der SPD. Die Staatsanwaltschaft
teilt unterdessen mit, keine Hinweise zu haben, dass es mehr als
drei Täter waren, damals im "Dr.-Petzold-Bad".
up |
|