| Bild 23.11.2000
Kleiner Joseph - gegen 50 Neonazis hatte
er keine Chance
Von ROBERT KUHNE
Es passierte am helllichten Tag in einem
belebten Freibad. 50 Neonazis überfielen den kleinen Joseph (6).
Schlugen ihn, folterten ihn mit einem Elektroschocker, dann warfen
sie ihn ins Schwimmbecken, ertränkten ihn. Fast 300 Besucher waren
an jenem Tag im "Spaßbad" im sächsischen Sebnitz. Viele hörten
seine Hilferufe, keiner half. Seit 3 Jahren laufen die Täter frei
herum. Erst jetzt ermittelt die Justiz, weil die Eltern - Mutter
Renate und ihr Ehemann Saad, ein gebürtiger Iraker - mühsam Zeugen
suchten.
Es war ein Freitag, der 13. Wären doch nur dunkle Wolken aufgezogen!
Doch da das Wetter so schön war, ging der kleine Joseph (6) ins
Schwimmbad seiner Kleinstadt. Vorsorglich mit Taucherbrille. Damit
kein Chlorwasser in seine Augen kommt. Aber nichts und niemand
schützte ihn vor der Rotte der Neonazis. Etwa 50 Mann, in Springerstiefeln,
mit Tätowierungen. Johlend zerrten sie ihn zum Schwimmbecken,
johlend ertränkten sie das Kind. Und die Augenzeugen, die drei
Jahre lang geschwiegen hatten - ein Geräusch blieb ihnen die ganze
Zeit im Ohr: das Kratzgeräusch von Josephs Zehennägeln auf dem
Betonboden. Als man ihn brutal zum Becken schleifte.
Der Tatort
Das Spaßbad "Dr. Petzold" im ostsächsischen Sebnitz. 10282 Einwohner,
Produktion von Seidenblumen fürs gemütliche Heim, aber auch Zentrum
dumpfbrauner Umtriebe. Die "Skinheads Sächsische Schweiz" tagen
hier - Abkürzung "SSS". Und im Stadtrat sitzt ein NPD-Mann, gewählt
mit 6,5 Prozent der Stimmen.
Josephs Eltern
Der Vater ist im Irak geboren, ihm gehört eine der drei Apotheken
im Ort. Mutter Renate ist für die SPD im Stadtrat. Beide sind
48, beide haben den Doktortitel.
Josephs letzte Minuten
Um 14.30 Uhr kommt er in das Spaßbad. Mit Schwester Diana (zur
Tatzeit 12). Es ist der 13. Juni 1997, im Bad sind rund 300 Gäste.
Joseph legt sich auf sein Handtuch. Seine Schwester geht schon
mal schwimmen. Da zerren ihn die Neonazis vom Handtuch. Beginn
seines qualvollen Sterbens - es dauert 20 Minuten. Bis Atmung
und Puls des Kindes im 1,35 m tiefen Becken ganz aussetzen. Joseph,
der Sechsjährige, ist 1,27 m groß.
Die Rolle der Behörden
Die Polizei vernimmt ein paar Kinder und Jugendliche, auch einige
Erwachsene. Nicht einmal fällt das Wort Neonazi. Alle Aussagen
sind von Angst diktiert: Na ja, da hätten ein paar andere Kinder
Untertauchen mit Joseph gespielt. Nein, mehr war da nicht. Also
tödlicher Badeunfall... Das tote Kind kommt zur Obduktion ins
Universitätsklinikum Dresden. Die Gerichtsmediziner stellen wenig
Überraschendes fest: "Todesursache ist am ehesten Ertrinken."
Am 7. Mai 1998 stellt die zuständige Staatsanwaltschaft in Pirna
den Fall ein.
Der 1. Verdacht
Eine junge Frau erfährt auf Umwegen: Neonazis stecken hinter Josephs
Tod. Und: Sie haben dem Kind kurz vor dem Ertränken etwas eingeflößt.
Die Frau erzählt es den Eltern. Die von Anfang an nicht an Unfall
glaubten.
Der Kampf der Mutter
Sie setzt die Exhumierung ihres toten Kindes durch, zahlt aus
eigener Tasche 10 000 Mark für eine zweite Obduktion. Diesmal
in Gießen (Hessen). Zum großen Erstaunen dieser Gerichtsmediziner
fehlen sämtliche inneren Organe. Dennoch können sie feststellen,
was in Dresden übersehen wurde, aus welchem Grund auch immer:
In Josephs Blut sind Spuren von "Ritalin". Eigentlich ein Nervenmedikament.
Aber in der braunen Szene ein gängiger Ersatz für die Disco-Droge
Ecstasy.
Die ersten Beweise
Die Mutter geht von Haus zu Haus. Es gelingt ihr, was die Polizei
nicht schaffte: Die Mauer des Schweigens bröckelt. Sie bekommt
von Tatzeugen 15 eidesstattliche Versicherungen. Diese Schriftstücke
enthüllen das ganze Ausmaß der Todesfolter im Schwimmbad.BILD
ist im Besitz dieser Erklärungen. Alle stimmen selbst im Detail
überein. Hier in Auszügen die Schilderung von drei Badegästen
- ein Protokoll des Grauens.
1. Zeuge (23): Mir ist aufgefallen, dass
kurz nach Joseph und Diana gruppenweise rechtsradikale Personen
ins Schwimmbad kamen. (Anmerkung der Redaktion: Auch die Namen
der späteren Haupttäter werden genannt.) Zum Schluss waren es
etwa 50 Mann. Im Alter von 15 bis 28 Jahre. Einige haben Joseph
ins Schwimmbecken gezerrt, andere stellten sich so vor seine Schwester,
dass sie nichts sehen konnte.
2. Zeuge (auch 23): Zwei bis drei Jungs
haben Joseph von seinem Handtuch gezerrt. Die anderen kamen dazu
und beschimpften ihn als "Scheiß-Ausländer". Joseph hatte Angst,
er weinte und rief laut um Hilfe. Seine Rufe verhallten. 250 Besucher
im Bad - und keiner reagierte. Wo war das Aufsichtspersonal? Warum
griff der Bademeister nicht ein? Die Jungs schleppten Joseph dann
zur Pommes-Bude im Bad. Die zwei Rädelsführer (17 und 19) schlugen
ihn in den Magen, boxten ihn mit der Faust aufs Ohr. Joseph war
benommen, sein Kopf hing zur Seite.
Der Ältere gab Joseph mit einem Elektro-Schocker auf der rechten
Bauchseite einen Schock. Joseph konnte nicht mehr richtig sprechen.
An der Pommes-Bude wurde etwas in ein Getränk geschüttet. Die
zwei Haupttäter haben Joseph den Mund aufgehalten, ein Mädchen
hat ihm die Flüssigkeit in den Mund geschüttet. Joseph torkelte
und hielt sich an einem Wasserhahn fest. Die zwei Haupttäter lösten
ihm die einzelnen Finger vom Wasserhahn, warfen ein Handtuch über
ihn und schleppten ihn zum Becken. Joseph hat noch etwas gestrampelt,
als sie ihn wegtrugen.
Der 3. Zeuge (14): "Sie haben Joseph auf
den Boden gelegt und ihn aus dem Handtuch gerollt. Zwei Mann warfen
Joseph ins tiefe Wasser. Der Joseph ist einfach so runtergeblubbert
bis auf den Beckengrund, dabei hat er sich einmal gedreht. Dann
sind zwei Mann und ein Mädchen zu Joseph reingesprungen. Am Beckenrand
standen so in Abständen jeweils Gruppen von drei Mann, auch kleinere
waren dabei, Mädchen und Jungen. Auch sie sind ins Wasser, sie
sind dann auf Joseph rumgehopst. Joseph hat sich nicht bewegt.
Dann lag er unten auf dem Beckengrund." Tot, in aller Öffentlichkeit
ertränkt.
Der aktuelle Stand
Dresdens Generalstaatsanwalt Dr. Jörg Schwalm (58) hat jetzt angeordnet:
Das Verfahren wird neu aufgerollt. Durch die Abteilung Kapitalverbrechen.
Oberstaatsanwalt Claus Bogner (40) zu BILD: "Es zeigt sich schon
jetzt, dass 1997/98 nicht intensiv genug ermittelt wurde. Alle
Zeugen, die sich nun bei der Mutter gemeldet haben und den genauen
Tathergang beschreiben, waren damals nicht vernommen worden. Nach
der neuen Fakten- und Sachlage ermitteln wir jetzt wegen Totschlags."
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