| Quelle: STERN EXTRA | Ausgabe: 43 | 24.
Oktober 01
Titel des Stern Extra: MUT GEGEN RECHTE GEWALT - Die Bilanz -
Was die stern-Aktion bewegt hat /
Unter Verdacht
Seite: 28 Autor/in: *MARTIN KNOBBE*
Lange litt Sebnitz unter dem Vorwurf,
den Tod des kleinen Joseph mit verschuldet zu haben. Das war eine
Lüge. Die Wahrheit ist dennoch beunruhigend. Nachts machen rechte
Gruppen Jagd auf "normale" Jugendliche
Es ist eine laue Nacht im Juni, als Thomas
Berg* den Fehler macht, eine "national befreite Zone" zu betreten,
eine Gegend also, aus der die Rechten Ausländer und Andersdenkende
mit aller Gewalt vertreiben wollen. Der Berufsschüler hat den
Nachtbus 261 aus Dresden genommen, um mit seiner Freundin Jasmin*
zurück nach Sebnitz zu fahren. Kurz vor dem Ortseingang bemerkt
er, dass einige Reihen hinter ihm telefoniert wird. Zwei Jungen,
sehr kurze Haare, Bomberjacken, nuscheln in ein Handy. Thomas,
der mit seinen kurzen braunen Haaren, der Baseballkappe und dem
weiten Sweatshirt wie ein ganz normaler Jugendlicher aussieht,
hört seinen Namen. Zehn Minuten später bereut er, dass er nicht
auf seine innere Stimme gehört hat, also nicht eine Station früher
ausgestiegen ist.
Am Busbahnhof wartet ein dunkler Wagen.
Mit Stufenheck, mehr erkennt Thomas nicht. Denn das Gefühl von
Panik, das jetzt hochkommt, lähmt seine Wahrnehmung. Wie damals,
als er mit Freunden in der Aral-Tankstelle nur Bier und Chips
kaufen wollte und mit Schrammen und Magenschmerzen zurückkam.
Verprügelt von Jungen, die sich als "nationaler Widerstand" bezeichnet
und die "national befreite Zone" ausgerufen hatten. Verprügelt,
weil er kein rechter Jugendlicher ist. Der dunkle Wagen folgt
dem Paar, beschleunigt auf der gepflasterten Straße, setzt sich
vor es. Der Fahrer steigt aus, eine Bierflasche in der Hand. Die
zwei Jungen aus dem Bus kommen dazu, Bierflaschen in den Händen.
Etwas wie "Ihr gehört hier nicht hin" vernimmt Thomas noch, bevor
die Flaschen fliegen. Eine verfehlt knapp sein linkes Ohr. Thomas
packt die Hand seiner Freundin, rennt, versteckt sich in einem
Gebüsch. Der Wagen folgt, doch die beiden bleiben unentdeckt.
Für diesen einen Abend. Kein spektakulärer Vorfall. Keiner, der
am nächsten Tag in der Zeitung steht. Keiner, der im Landesamt
für Verfassungsschutz eine Lagebesprechung auslösen würde. Vielleicht
ein ganz normaler Vorfall zwischen Jugendlichen, die zu unterschiedlich
sind, um friedlich miteinander auszukommen. Das sagten zumindest
die, denen Thomas und Jasmin von dem Vorfall erzählten: die Polizei,
die Eltern, die Lehrer. "Richtig ernst nimmt uns keiner", sagt
Thomas.
Das flaue Gefühl von Panik und Angst gehört
für Jugendliche wie Thomas mittlerweile zum Alltag in Sebnitz.
Im Supermarkt, im Bus, auf dem Stadtfest. Abends, wenn die orangefarbenen
Straßenlaternen die hell renovierten Fassaden im Zentrum in ein
dumpfes Licht setzen, bewegt sich Thomas wie ein Bankräuber nach
frischer Tat. Vorsichtiger Blick nach links, nach rechts, bevor
er die Straße überquert. Sobald sich ein Wagen mit verdunkelter
Heckscheibe nähert, nimmt er einen Umweg. Seine Freundin lässt
sich nur noch mit dem Auto abholen, wenn um 19.30 Uhr ihre Fahrstunde
in der Stadt zu Ende ist. "Man wird paranoid", sagt Thomas. "Aber
die Angst kannst du dir nicht wegreden." Und weil Thomas auf ein
Leben mit dieser Angst keine Lust mehr hatte, ist er vor zwei
Monaten nach Dresden gezogen. Wie viele Jugendliche, die keine
Zukunft mehr in ihrer Heimatstadt sahen. Nicht nur wegen der hohen
Arbeitslosigkeit.
Es ist schwer, in Sebnitz über Rechtsextremismus
zu reden. Im November vorigen Jahres erlebten die knapp 10 000
Einwohner der kleinen Kreisstadt in der Sächsischen Schweiz einen
Medien-GAU. Der Welt war Sebnitz zum Inbegriff für das Totschweigen
von Rassismus und rechter Gewalt geworden, als die Zeitungen schrieben,
Neonazis hätten den sechsjährigen Joseph im städtischen Freibad
ertränkt. Erst nachdem die Tat als Lüge entlarvt war, sich die
"Bild"-Zeitung entschuldigte und der Kanzler kam, stellte sich
so etwas wie Normalität ein. Unstrittig: In Sebnitz denken nicht
alle rechts, aber rechts zu sein ist nach wie vor für viele Jugendliche
so normal wie "Bravo"-Lesen. Für die Sebnitzer Fußballclique zum
Beispiel, die sich am Freitag vor dem Discobesuch im tschechischen
Grenzclub Fajn zur kollektiven Haar-Rasur versammelt. "Die Mehrheit
der Sebnitzer Jugendlichen ist rechts. Und sollte sich das ändern,
dann hätten wir ein ernstes Problem", sagt Cliquenchef Olaf, 26.
Auch der 14-jährige Christoph, Schüler der
Sebnitzer Mittelschule, der sich als "total unpolitisch" bezeichnet,
erzählt stolz, dass er neulich mit Freunden "einem Neger gegen
das Auto getreten hat". Weil der gehupt hatte. Und im städtischen
Jugendzentrum Schollheim ist manchmal der Verfassungsschutz zu
Gast: Es gibt Hinweise, dass sich Mitglieder der verbotenen Organisation
Skinheads Sächsische Schweiz wieder zu konspirativen Sitzungen
versammeln. "Wenn du dich als Jugendlicher hier frei bewegen willst,
dann entscheidest du dich am besten dafür, rechts zu sein", sagt
Thomas. "Die Erwachsenen scheint das nicht zu stören."
Einen zumindest stört es. Helmar-Leo Blech
war Leiter der Polizeidirektion in Pirna, bevor er nach seiner
Pensionierung den Kampf gegen rechts für sich entdeckte. Er gründete
das Netzwerk Sachsen e. V. und will die Sympathisanten von Skinheads
"aus dem braunen Dunstkreis" herausholen, "die gar nicht wissen,
für was sie da stehen". Dafür erstellt der Verein gerade Lagebilder
von 47 Städten und Gemeinden in der Sächsischen Schweiz, führt
Gespräche mit Jugendlichen aus der rechten Szene und will in jedem
Ort eine "wachsame Bürger-Allianz" bilden, die jeden Vorfall meldet.
"In Sebnitz haben wir damit erst mal gewartet. Eine Art Schonfrist.
Aber das war wohl ein Fehler", sagt Blech. Wie fast überall in
der Sächsischen Schweiz gebe es auch hier Skinheads, "die ihren
Nachwuchs schon bei den Zwölfjährigen rekrutieren". Sie stehen
an der Tankstelle, patrouillieren auf dem Marktplatz, treffen
sich in abgelegenen Gebäuden außerhalb der Stadt und hinterlassen
dort Hakenkreuze an den Wänden. Ihre Organisationen heißen White
Warrior Crew oder Jungsturm. "Wir müssen die Drahtzieher outen",
sagt Blech.
In einer Gastätte am Rande von Sebnitz traf
sich Blech jetzt das erste Mal mit den Jugendlichen der Initiative
Jumawa. Auch Thomas war dabei. Als er nach dem Gespräch seine
Freundin nach Hause bringen will, fahren zwei Wagen mit getönten
Heckscheiben hinter ihm her. "Was macht ihr da", tönt es. Eine
Bierflasche fliegt. Thomas rennt und verkriecht sich hinter einem
Busch. Alltag für Nicht-Rechte in Sebnitz.
*Namen von der Redaktion geändert.
Bildunterschrift: Marktplatz von Sebnitz: Treff der Rechten /
Gegen den braunen Terror: Helmar-Leo Blech /
Blanker Dumpfsinn: Nazi-Parolen in Sebnitz /
Fotonachweis: MARTIN JEHNICHEN
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