| Der Tagesspiegel 26.11.2000
Wenn Blicke töten
Peter von Becker über das "Wegsehen" im Mordfall von Sebnitz
"Bitte, bitte! Schaut nicht mehr weg!" betitelt
die "Bild"-Zeitung ihre moralisch gemeinte, freilich auch spekulative
Leichen-Schau: das Foto eines toten Kindes, aufgebahrt und umarmt
von der trauernden Mutter - die sich in diesem Moment filmen ließ.
Ein schreckliches, ein erschreckendes Bild.
Aber haben sie in jenem Schwimmbad im sächsischen Sebnitz, als
der kleine Junge malträtiert und wahrscheinlich ermordet wurde,
wirklich weggesehen?
Hierzu ein eigenes Erlebnis. Fern von Sachsen. Es ist später Nachmittag,
ein heller Tag, Frühsommer in einer im Inneren oft düsteren, von
Zerfall und Morbidezza gezeichneten Stadt. Das erste Mal, damals,
in Palermo-City, wo das Gefängnis am Hafen von Schützenpanzern
bewacht wird und der Wirt seinen Gästen später am Abend nur einzeln,
auf Klopfzeichen die Tür seiner Trattoria öffnet. Du bist allein
an diesem Nachmittag und Abend: Ein Theaterfestival im Süden Siziliens,
dort, wo sich die europäische Kulturmafia dann wieder vereint
in komfortabler Sicherheit wiegt, beginnt erst am nächsten Tag.
Ich trage keine Kamera, und die fotokopierten Seiten eines Kunstführers
sind mit dem Stadtplan eingelegt in ein Buch ohne Umschlag. Wer
dich beobachtet, wird den Touristen trotzdem erkennen. Doch wer
beobachtet einen schon, wenn man drei, vier Stunden lang durch
Kirchen, Katakomben und bröckelnde Paläste streift. Auf dem Rückweg
zum Hotel hat bereits das Gefühl der Vertrautheit mit dem Ort
begonnen. Also wählst du auch eine Abkürzung, eine Seitenstraße.
Und mitten in der Stadt, im noch immer hellen Licht des Südens
spürst du plötzlich: Etwas ist anders. Anders als eben noch, vor
einer Minute. Das Pflaster endet, die kleine Straße ist sandig,
sehr still, und du fühlst ein Kribbeln im Rücken. Jemand folgt
dir. Oder doch nicht? Sollst du einfach kehrtmachen und dem Verfolger
(oder dem Nichts?) ins Gesicht sehen?
Lächerlich. Da sitzen die alten Frauen, die schwarzröckigen Mamas,
vor den Hauseingängen und schälen die Zwiebeln, schneiden die
Tomaten für die Pasta am Abend. Das ist noch immer Italien, und
an einer schäbigen Wand erkennst du jetzt ein Messingschild mit
dem Namen eines Centro culturale. Was soll hier, ausgerechnet
vor einem Kulturinsitut, passieren! Es wäre gelacht. Dann der
Nackenschlag. Schon drehen sie dir im Polizeigriff (im Polizeigriff!)
die Arme auf den Rücken, drei kräftige ragazzi, und du hast ein
Messer an der Brust.
Jetzt ist die Wahrnehmung überscharf. Der Schock löst die Spannung
der unbestimmten Verfolgungsangst - du bist kalt wie dein Schweiß.
Erstechen werden sie dich wohl nicht. Aber geht das Messer beim
Aufschneiden des Hemds oder der Hose bis auf die Haut? Da reißen
sie dir die Börse aus der Hose, und gerade hattest du einige hundert
Mark gewechselt. Das müsste reichen. Wortfetzen, ich bitte die
Jungs, mir Karten und Ausweis zu lassen. Ein Sekundendeal, darauf
fliegt die gefledderte Brieftasche ein paar Meter weit weg in
den Sand, und die Drei sind verschwunden. Wieder die Stille.
Nicht die Nötigung, nicht der Raub oder der körperliche Schmerz
machen die Demütigung aus. Das Opfer ist beschämt, als es niederkniet
und Kredit- und Scheckkarten mitsamt den Ausweisen vom Boden klaubt.
Dann blickst du auf, siehst noch immer die Mamas mit den Zwiebeln
und Tomaten vor ihren Häusern hocken. Nein, sie schauen nicht
weg. Sie schauen - durch dich hindurch. Und ich begreife, dass
gar nichts geschehen ist. Weil ich gar nicht existiere.
Es waren ja ihre eigenen Söhne. Das Opfer war der Fremde, darum
gab es keine Tat, keine Täter, keine Zeugen (nur die omertà, das
Gesetz des Schweigens) und nicht mehr mich selbst. In diesem Moment
kam das Entsetzen, und ich begann zu rennen. Und rannte, rannte
nur.
Diese Geschichte in Sizilien ist einige Jahre her. Angesichts
des Sebnitzer Falls, dieses ungleich schlimmeren, ist sie mir
wieder eingefallen. Denn es stimmt eben nicht, dass die Menschen
wegschauen, wenn in der Öffentlichkeit, am helllichten Tag ein
Mord geschieht, ein Überfall. Auch als vor 60 Jahren Millionen
verhaftet, gedemütigt, deportiert wurden, gab es immer die Zuschauer.
Nur wer sich schämt, schlägt die Augen nieder. Eine schweigende
Mehrheit aber schaut zu wie unter weggeschnittenen Lidern: nicht
blind, sondern verblendet. Mitleidlos das Gesehene verdrängend,
weil die Opfer immer die anderen sind. Fremde, Objekte, nicht
(mehr) Mitmenschen. Nicht beim Wegsehen, beim Zusehen beginnt
das Verbrechen, das den anderen, mit stummen Blicken, schon zu
Lebzeiten tötet.
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