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presse-doku part 7
26. November 00
berichte, artikel
Ministerpräsident Biedenkopf warnt
vor "Vorverurteilung", im Trauergottesdienst "für
Joseph" wird hauptsächlich um den Ruf der Stadt Sebnitz
getrauert, Bundeskanzler spricht von "wenn es ein mord war...";
ansonsten erscheinen berichte über die zustände in sebnitz
(besonders das dissen der kantelbergs) und berichte aus den zeugenaussagen
zum rassistischen mord
| Pfarrer von Sebnitz
vom Dienst beurlaubt; Er hatte Josephs Eltern Verletzung
der Erziehungspflicht vorgehalten / Bundesanwälte schalten
sich ein |
Der Tagesspiegel |
| Sebnitz trauert um Joseph; Beten
für Joseph: Landesbischof Volker Kreß (l.), der katholische
Pfarrer Norbert Mothes (r.) und Bürger aus Sebnitz |
Focus online |
| "Jetzt bringen wir dich
um, du Scheiß-Ausländer" |
Bild am Sonntag |
| Josephs Mutter: "Die Neo-Nazis können
uns nicht einschüchtern" |
Bild am Sonntag |
| Sebnitz trauerte um Joseph Abdulla |
Freie Presse |
Nacht über Sebnitz - "Wir kriegen Euch!"
Vor fünf Jahren zog Josephs Familie aus dem Irak nach Sachsen.
Vor drei Jahren ertrank er. Seit jenem Tag leben Vater, Mutter
und Schwester nur für ein Ziel: Gerechtigkeit für Joseph.
Dafür begegnet ihnen täglich neuer Hass |
Welt am Sonntag |
| Mutter von Joseph nennt Polizeiakte
über ihren Sohn "billigen Kriminalroman" |
Freie Presse
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| Fall Joseph: Verdächtige nicht
aus rechter Szene
Die drei Tatverdächtigen im mutmaßlichen "Mordfall Joseph
A." haben laut Staatsanwaltschaft keine Kontakte zur rechtsextremen
Szene |
Netzzeitung.de |
| Kriminologen : Joseph wurde ermordet |
Kurier online
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| Sechsjähriger von Neonazis brutal
ermordet
Hunderte sahen dabei zu, die Polizei legte den "Unfall"
zu den Akten. Die Mutter deckte die Tat nach drei Jahren
auf |
Sonntagszeitung |
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| Der Tagesspiegel 26.11.2000
Der Fall Joseph
Pfarrer von Sebnitz vom Dienst beurlaubt
Er hatte Josephs Eltern Verletzung der Erziehungspflicht vorgehalten
/ Bundesanwälte schalten sich ein
Wegen umstrittener Äußerungen im Zusammenhang
mit dem Tod des sechsjährigen Joseph ist der evangelische Pfarrer
von Sebnitz, Konrad Creutz, vorläufig vom Dienst beurlaubt worden.
Das teilte das Landeskirchenamt Sachsen am Sonnabend mit. In einer
Pressemitteilung hieß es, die Äußerungen von Creutz seien zutiefst
zu bedauern. Der Pfarrer hatte den Eltern des mutmaßlich aus rassistischen
Motiven getöteten Kindes vorgeworfen, ihre Erziehungspflicht verletzt
zu haben. Das Landeskirchenamt bat die Eltern für diese verletzenden
Äußerungen um Entschuldigung. Die evangelische Kirche hält an
diesem Sonntag in Sebnitz um 14 Uhr einen Fürbittegottesdienst
für Joseph. Auch der katholische Pfarrer wird am Sonntag um 8.30
Uhr während des Gottesdienstes den Fall in den Mittelpunkt seiner
Predigt stellen. Der Staatsanwaltschaft in Dresden lagen nach
Auskunft eines Sprechers am Samstag keine neuen Erkenntnisse zu
dem Fall vor. Zwei der drei verhafteten Tatverdächtigen sollen
am Montag dem Ermittlungsrichter in Dresden vorgeführt. Ob die
Bundesanwaltschaft wegen eines extremistischen Hintergrundes den
Fall übernehme, werde derzeit geprüft, sagte eine Sprecherin der
Behörde in Karlsruhe. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.
Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mahnte, mit dem
vorliegenden Verdacht müsse sehr sorgfältig umgegangen werden.
Nicht alles, was mit Hass und Gewalt zu tun habe, sei automatisch
Rechtsextremismus, sagte Biedenkopf auf dem CDU-Landesparteitag
in Rietschen. Die Medien hätten schon den geringsten Verdacht
zur Realität erklärt, sagte Biedenkopf weiter. Der Stadt Sebnitz
sei das verwehrt worden, was jedem Menschen zustehe, die Unschuldsvermutung.
Stattdessen sei der Ort "öffentlich hingerichtet" worden. Nun
müsse Sebnitz mit einem Stigma leben, von dem sich die Stadt so
schnell nicht wieder erholen werde. Der sechsjährige Sohn des
aus Irak stammenden Apothekers Saad Abdulla und seiner deutschen
Ehefrau Renate ertrank am 13. Juni 1997 im Freibad von Sebnitz.
Nach neuen Zeugenaussagen, die die Eltern an die Öffentlichkeit
brachten, sollen Neonazis das Kind misshandelt und ertränkt haben.
Die drei Tatverdächtige wurden daraufhin verhaftet. Spitzenpolitiker
nahmen den Fall mit Erschütterung auf.
Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte der "Bild"-Zeitung, wenn
die Berichte zuträfen, gehöre der Mord in Sebnitz "zum Scheußlichsten,
was in den letzten Jahren in Deutschland passiert" sei. "Ich erwarte
ein politisches Signal von Verantwortlichen des Freistaates Sachsen
und die rückhaltlose Aufklärung des Falles." Die CDU-Vorsitzende
Angela Merkel forderte mehr Zivilcourage: "Wer so etwas sieht
und nichts unternimmt, macht sich mitschuldig. Das gilt für Bürger,
aber auch für die Politik. Nichtstun kann töten." Grünen-Fraktionschef
Rezzo Schlauch: "Ich bin fassungslos über die menschenverachtende
Ignoranz so genannter normaler Bürger, die das Verbrechen geschehen
ließen, ohne einzugreifen. Betroffen zeigte sich auch der bayerische
Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber: "Diese Tat
geht mir so unter die Haut wie kaum ein anderes Ereignis und entsetzt
mich zutiefst. Genauso dieses Wegschauen und Nichthandeln so vieler."
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| Focus online 26.11.2000
Sebnitz trauert um Joseph
Beten für Joseph: Landesbischof Volker Kreß (l.), der katholische
Pfarrer Norbert Mothes (r.) und Bürger aus Sebnitz
Bei einem ökumenischen Gottesdienst haben
rund 400 Menschen des sechsjährigen Jungen gedacht.Sachsens Ministerpräsident
Kurt Biedenkopf (CDU) und seine Frau, der Bürgermeister des Ortes
und betroffene Bürger zündeten am Sonntagnachmittag in der Kirche
Peter und Paul Kerzen für den vermutlich ermordeten Jungen an.
Landesbischof Volker Kreß bat um Beistand für die "schmerzlich
getroffene Familie" und für die Beschuldigten, die "unter einem
unheimlichen Verdacht" stünden. Der Superintendent von Pirna,
Klaus Kaden, sagte: "Wir sind erschrocken, wie schnell Vorverurteilungen
und Kampagnen die Spielregeln der Demokratie außer Kraft setzen."
Hass und menschenverachtende Gewalt dürften sich nicht verbreiten.
Der sechsjährige Joseph A. war am 13. Juni 1997 im Freibad von
Sebnitz (Sachsen) ums Leben gekommen. Zeugen zufolge misshandelten
drei Neonazis das Kind erst, ertränkten es dann. Die Behörden
waren zunächst von einem Badeunfall ausgegangen und hatten die
Ermittlungen eingestellt. Erst jetzt wurde gegen drei Tatverdächtige
Haftbefehl wegen Mordverdachts erlassen, seit Dienstag sitzen
sie in Untersuchungshaft.
Ob die Tat einen ausländerfeindlichen Hintergrund hatte, bleibt
weiter unklar. Die Staatsanwaltschaft habe bei keinem der drei
Angeklagten Kontakte zur rechten Szene festgestellt, teilte die
Dresdner Anklagebehörde am Sonntag mit. Die Zeitung "Bild am Sonntag"
veröffentlichte dagegen eidesstattliche Erklärungen von Zeugen,
die eindeutig auf Rechtsradikalismus als Tatmotiv hinweisen. Joseph
soll danach auch mit dem Ziel umgebracht worden sein, die deutsch-irakische
Familie aus dem Ort zu vertreiben.
Bundesanwaltschaft schaltet sich ein
Wenn sich herausstellt, dass der Tod des sechsjährigen Jungen
einen rechtsextremistischen Hintergrund hatte, wird sich vielleicht
auch die Bundesanwaltschaft mit dem Fall beschäftigen. Eine Sprecherin
sagte am Samstag, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte der "Bild"-Zeitung
vom Samstag: "Wenn die Berichte zutreffen, gehört der Mord an
dem sechsjährigen Joseph zum Scheußlichsten, was in den letzten
Jahren in Deutschland geschehen ist."
Mutter des getöteten Jungen bedroht
Am Donnerstagabend hatten Neonazis offenbar angekündigt, die Mutter
des getöteten Kindes zu erstechen. Wie Renate K. am Freitag der
Deutschen Presseagentur sagte, waren Rechtsradikale vor ihrem
Haus vorbeigezogen und hatten den Hitlergruß gezeigt. Einer habe
gebrüllt: "Dich mache ich als nächstes fertig mit einem Messer
im Bauch."
Keiner glaubte der Mutter
Für die Renate K. war von Anfang an klar, dass ihr Sohn nicht
durch einen Unfall gestorben war. "Er war übervorsichtig, hat
die Gefahr gescheut und wäre nie nur in die Nähe eines tiefen
Beckens gegangen", sagte die 48-Jährige der Deutschen Presseagentur
am Freitag. Joseph konnte nicht schwimmen. Weil ihr Mann Iraker
ist, und weil ihre Familie nach dem Tod des Jungen immer häufiger
von Neonazis belästigt wurde, hält die Mutter einen rechtsradikalen
Hintergrund der Tat für möglich.
Um überhaupt eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen,
trug sie in eigener Regie über ein Dutzend Zeugenaussagen zusammen.
Sie ließ ihren Sohn auf eigene Kosten nochmals obduzieren. Dabei
wurde in seinem Körper die unter Rechtsradikalen verbreitete Droge
"Ritalin" entdeckt, die die amtlichen Gerichtsmediziner übersehen
hatten. Außerdem schaltete die Mutter das Kriminologische Institut
Hannover ein und ließ ein Gutachten mit einer Fallstudie anfertigen.
Kriminologen kritisieren Polizei
Dieses Institut hatte laut "Frankfurter Rundschau" (FR) vom Freitag
schon im Sommer 2000 der Polizei eine Neuaufnahme der Ermittlungen
empfohlen. Im September nahm die Staatsanwaltschaft Dresden den
Fall wieder auf. Die Hannoveraner Kriminologen werfen der Polizei
Versäumnisse vor, die "mit Desinteresse oder Unprofessionalität
erklärt werden können", wie das Blatt weiter berichtete.
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| Bild am Sonntag 26.11.2000
"Jetzt bringen wir dich um, du Scheiß-Ausländer"
Es sind Protokolle der Schande, Versicherungen
an Eides statt - abgegeben von Augen- und Ohrenzeugen des unfassbaren
Mordes am sechsjährigen Joseph. Mark H. (20), Sandro R. (25) und
Ute Sch. (21) sitzen als Hauptverdächtige in U-Haft, sie sollen
Joseph vor drei Jahren im Schwimmbad von Sebnitz gefoltert und
ertränkt haben. Die Eltern des getötetenJungen haben in der Zeit
nach seinem Tod Zeugen gefunden und die Aussagen aufgenommen,
die jetzt von BamS dokumentiert werden. Polizei und Staatsanwaltschaft
müssen nun klären, ob diese Aussagen und Verdächtigungen zutreffen.
Gleichgültig, wie ihre Ermittlungen ausgehen - schuldig müssen
sich viele fühlen.
Die eidesstattliche Aussage eines 23-jährigen:
"Ich bin am 13. 6. 1997 von 14 bis 16 Uhr im Dr.-Petzold-Schwimmbad,
und zwar alleine, schwimmen gewesen. (...) Ich lag auf meiner
Decke und habe gesehen, wie Joseph alleine zur Decke kam. (...)
Da lag er eine kurze Zeit. Es kamen ungefähr zwei bis drei Jungen
zu Joseph. (...) Maik H. und Sandro R. sind auch dazugekommen.
(...) Sie beschimpften ihn mit "Du Scheiß-Ausländer, wenn du jetzt
nicht mitkommst, machen wir dich kalt." (...) Die Jugendlichen
haben Joseph alle gemeinsam nach vorne zur Pommes-Bude geschleppt.
(...) Sandro R. hat ihn in die Magengegend geschlagen, der H.
öfter mit der Faust richtig hart auf das Ohr. (...) Maik H. hatte
einen Elektroschocker bei sich. Der H. hat den Elektroschocker
dem Sandro R. gegeben, und der versetzte Joseph einen Schock damit
auf der rechten Seite im Bauchbereich. Joseph konnte dann nicht
mehr richtig sprechen."
"Elektroschläge in den Bauch"
Ein anderer Zeuge (16) beschreibt in seiner eidesstattlichen Versicherung,
wie es am Kiosk weiterging:
"Dann ist Ute Sch. zur Theke gegangen (...) und hat einen Becher
mit Waldmeister gekauft. Ich habe gesehen, wie Ute Sch. etwas
in den Becher getan hat und das Ganze hin und her geschwenkt hat.
Dabei hat sie gelacht. Sandro R. sagte zu Joseph: "Jetzt bringen
wir dich um, du Scheiß-Ausländer!" Ich kann mich an folgende Personen
erinnern, die an der Bude standen: Ute Sch., die dicke Frau S.,
Monika K., Maik H., Sandro R., ungefähr 6 bis 7 Glatzköpfe (...).
Alle lachten laut. (...) Weil Joseph nicht trinken wollte, gab
Maik H. Joseph mit einem Elektroschocker (...) drei bis vier Elektroschläge,
einmal in den Nacken, auf das rechte Ohr, auf die Genitalien und
in den rechten Unterbauch. Sie hielten Joseph dabei fest. Joseph
ist zusammengekippt und hatte die Augen zugemacht. Dann hat Maik
H. Joseph festgehalten und den Kopf nach hinten gebogen, Sandro
R. hat Joseph den Mund aufgehalten, und Ute Sch. hat ihm das Zeug
in den Mund gegossen. Die ganze Gruppe lachte. Ein größerer Glatzköpfiger
beschimpfte Joseph mit "Du Scheiß-Ausländer, krepiere." (...)
Ich stand ein paar Meter entfernt bei der Bude (...). Von dort
konnte ich alles gut hören und sehen."
"Josef wurde von der Stange geruppt"
Ein 13-jähriger Schwimmbadbesucher berichtet in seiner eidesstattlichen
Versicherung, wie Joseph zum Becken gebracht wurde: "Dann haben
sie Josef losgelassen. (...) Joseph ist zum Fußbecken mit der
Duschstange gehumpelt, er hat sich immer an der Seite festgehalten,
an der Rippe, und hat sich dann an der Duschstange festgehalten.
Die zwei Nazis, die ihn vorher festgehalten haben, sind ihm hinterhergerannt
und haben Josef richtig von der Stange geruppt. (...) Joseph hat
versucht, sich festzuhalten. Sie haben ihn dann hart auf die Hände
geschlagen, mit der Faust, damit er richtig losläßt. (...) Dann
haben sie ihn angepackt, haben seine Hände festgehalten und haben
ihn in das Handtuch gewickelt. (...) Joseph hat noch geschrien,
immer Hilfe, aber niemand hat ihm geholfen. (...) Als die Nazis
ihn eingewickelt haben, sind sie mit ihm hinter zum tiefen Becken
gegangen."
"Er bewegte sich nicht mehr"
Was dort geschah, beschreibt ein weiterer Zeuge (15) in seiner
eidesstattlichen Versicherung: "Auf dem Weg zum tiefen Becken
hörte Joseph, wo die Strudelsitze sind, auf zu strampeln. Er bewegte
sich nicht mehr. Während Maik H. und Sandro R. Joseph zum tiefen
Becken (...) über die Wiese und über die Hecke schleppten (...),
kamen die drei älteren Jungen (...) zusammen mit den zwei 18-jährigen
Mädchen (...) von der anderen Seite um das Becken herum. In Gegenwart
dieser Gruppe haben Maik H. und Sandro R. Joseph in das tiefe
Wasser geworfen. (...) Die ganze Gruppe lachte und guckte tatenlos
zu. Maik H. und Sandro R. sprangen direkt auf Joseph drauf und
hopsten auf seinem Rücken herum. Joseph gab kein Zeichen von sich.
Auch die drei Jungen (...) sprangen auf Josephs Rücken (...).
Sie hopsten ungefähr 10 Minuten auf Joseph herum. Dann sind sie
alle raus aus dem Wasser. Als die Gruppe wegging, lag Joseph noch
unter Wasser, ungefähr fünf Minuten lang."
" . . . dann sind beide Kinder tot"
Offenbar hatten die Täter von Sebnitz es nicht nur auf den kleinen
Joseph abgesehen - sie wollten auch seine Schwester Diana (15)
umbringen. Die Aussage eines 16-jährigen Zeugen: "Ich habe folgendes
mitgehört: Ute Sch. sagte, wenn die zwei Kinder von der Center-Apotheke
das nächste Mal zum Schwimmbad kommen, dann sind beide Kinder
tot. Eine kleine Flasche reicht für beide. Sie sagte es zu Maik
H. (...). Maik H. sagte zu allen: "Erst bringen wir Joseph um
und dann Diana." (...) Maik H. sagte dann, daß der kleine dicke
Junge von der Kirche, nachdem das Ganze mit Joseph passiert ist,
Diana dann auch etwas von dem Gift geben sollte, damit Diana dann
auch an die Reihe kommt. Irgendwelche Glatzköpfe sollten Diana
dann zum Bach runterschleppen und so tun, als wäre sie in den
Bach gestolpert und quasi irre aus Kummer um ihren Bruder ertrunken."
"Es ist eine ganze Menge Geld im Spiel"
Gegenüber der Mutter des getöteten Joseph erhoben einige weitere
Zeugen ungeheure Vorwürfe: Sie behaupten, ebenfalls in eidesstattlichen
Versicherungen, dass der Junge umgebracht wurde, um die Apothekerfamilie
aus Sebnitz zu vertreiben und so einen Konkurrenten der einheimischen
Apotheker auszuschalten. Ein 23-jähriger Sebnitzer:
"Ich weiß, daß der Apotheker Sch. in mehrere illegale Geschäfte
verwickelt ist. Es ist allgemein in Sebnitz bekannt, dass Herr
Sch. über die Eröffnung der Center-Apotheke (der Familie Kantelberg-Abdulla;
Anm. der Red.) nicht erfreut war. Damals haben sich die Rechten
vor der Knöchel-Schule getroffen, und Ute Sch. erwähnte, daß ihr
Vater über die Eröffnung der Center-Apotheke nicht erfreut wäre.
Der Neid von Sch. her in Bezug auf Apotheken war allgemein bekannt."
Eine 37-Jährige wird noch deutlicher. Sie sagte aus:
"Bekannt ist, daß Sandro R. mit der Ute Sch., Vater Apotheker,
seit langen Jahren schon befreundet ist. Herr Sch. hat zusammen
mit der anderen Apotheke, Inhaber Herr P., von Anfang an eine
gute Zusammenarbeit gehabt und sicher auch ein gutes Geschäft
seit der Wende gemacht. 1996 kam nun eine dritte Apotheke in Sebnitz
dazu.
(...) Von Anfang an war die Apotheke von Frau Kantelberg-Abdulla
zu viel (...). Auf Grund meiner Erfahrung und der Einstellung
der genannten Apotheker habe ich sofort gewusst, daß die Apotheker
die Rechtsradikalen für ihre Zwecke verwendet haben.
Auf die Frage, ob für die Tat Geld geflossen sein könnte, äußern
sich einige Zeugen eindeutig. Der 23-Jährige:
"Es ist bekannt, daß Sandro R. nie etwas unentgeltlich tun würde.
Rechtsradikale vergreifen sich in der Regel nicht an Kindern oder
älteren Leuten, es sei denn, es ist eine ganze Menge Geld im Spiel."
Und ein anderer 23-Jähriger berichtet über Sandro R.:
"Ich habe Sandro R. vor rund vier Wochen mit einem neuen Siebener-BMW,
blauschwarz mit Braunschweiger Kennzeichen, gesehen. So ein Wagen
kostet nach meinen Erkenntnissen ungefähr 90 000 Mark. Sandro
R. hatte auch nie Geldschwierigkeiten. Er hatte, wenn ich ihn
traf, nie weniger als 100 DM dabei."
"Sie ging, obwohl sie die Hilferufe hörte"
Warum schritt niemand ein, als der sechsjährige Joseph im Schwimmbad
von Sebnitz angegriffen, misshandelt und getötet wurde? Die Augenzeugen
schildern erschreckende Details - offenbar wagte niemand der über
200 Erwachsenen, gegen die Jugendlichen einzuschreiten. Ein Auszug
aus der eidesstattlichen Versicherung des 23-Jährigen: "Joseph
hatte Angst, er weinte und hat laut Hilfe gerufen. Ich habe das
gehört und auch die Bademeisterin. Sie drehte sich sogar zu Joseph
und den Jugendlichen um, tat aber nichts und schaute wieder weg.
Ich bin dann selbst zur Bademeisterin hingegangen (...) und habe
ihr gesagt, daß Jugendliche einen kleinen Jungen belästigen. Sie
sagte zu mir nur: "Ja, daß kommt öfter vor." Dann hat sie sich
umgedreht und ist woanders hingegangen, obwohl sie die Hilferufe
gehört hat."
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| Bild am Sonntag 26.11.2000
Josephs Mutter: "Die Neo-Nazis können uns
nicht einschüchtern"
Von KLAUS SCHLICHTMANN und TOBIAS KOCH (Fotos)
Drei Jahre lang haben diese Eltern gekämpft.
Haben durchgehalten, obwohl sie beschimpft und bedroht wurden.
Haben wieder und wieder nachgefragt, haben sich nicht abschrecken
lassen - weder von Desinteresse noch von Beschimpfungen, selbst
von der offenen Feindseligkeit nicht, die ihnen in der sächsischen
10 000- Einwohner-Stadt Sebnitz entgegenschlug. Jetzt sind Renate
Kantelberg-Abdulla und ihr Mann Saad fast am Ziel - aber noch
nicht ganz: "Wir wollen, dass die Mörder unseres Sohnes Joseph
vor Gericht gestellt werden und ihre Strafe bekommen", sagen sie.
Trotz erneuter Morddrohungen am Ende der vergangenen Woche - so
lange wollen die erschöpften und abgespannten Eltern durchhalten.
Renate Kantelberg: "Die Nazis kriegen uns nicht klein!" Als BamS-Reporter
die 48-Jährige und ihren gleichaltrigen Mann am Samstag besuchten,
wirkten die Eltern von Joseph und der 15-jährigen Tochter Diana
müde und abgespannt. Nur drei Stunden hat Renate Kantelberg vergangene
Nacht geschlafen - trotz eines Beruhigungsmittels. Die zurückliegenden
Tage haben viel Kraft gekostet, ständig klingelt das Telefon.
Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf drückte sein Mitgefühl
aus, das Bundeskanzleramt meldete sich am Wochenende - ganz Deutschland
nimmt Anteil am Tod des kleinen Joseph vor drei Jahren. Damals
legten die Behörden den Fall als Badeunfall zu den Akten. Nur
die Eltern waren davon überzeugt, dass ihr Kind ermordet wurde
- und sammelten in dreijähriger Kleinarbeit die Indizien dafür.
"Ich habe nie an einen Unfall geglaubt", sagt Renate Kantelberg.
"Mein Sohn wurde im 1,35 Meter tiefen Wasser gefunden. Wenn er
überhaupt ins Wasser ging, dann höchstens bis zu den Knien. Also
musste er irgendwie in den tiefen Bereich gebracht worden sein."
Außerdem machte die Mutter rätselhafte Beobachtungen am Körper
ihres toten Kindes: "Die Oberlippe hatte einen violetten Rand.
Und der Körper war ganz heiß - obwohl er mindestens zehn Minuten
unter Wasser war." Erst als jetzt die zweite Obduktion angeordnet
wurde, kam heraus: Joseph musste vor seinem Tod das Nervenmittel
Ritalin eingeflößt worden sein - eine in der Skinheadszene als
Aufputschmittel beliebte Droge. Renate Kantelberg: "Dieses Mittel
hat zu einer Überhitzung des Körpers geführt." Wie bei einem schrecklichen
Puzzlespiel begannen die Eltern, Aussagen zu sammeln, die den
Verdacht stützten. "Kurz nach der Beerdigung kam eine Kundin in
unsere Apotheke. ,Der Joseph ist keines natürlichen Todes gestorben',
flüsterte sie mir zu." "Sie deutet nur an: ,Denken Sie an die
Rechten . . .'" Von diesem Tag an kannten Renate und Saad Kantelberg-Abdulla
nur noch ein Ziel: die Menschen vor Gericht zu bringen, die den
kleinen Joseph auf dem Gewissen haben. Renate Kantelberg: "Jeden,
der in unsere Apotheke kam, fragte ich, ob er etwas wisse, etwas
gesehen habe." Saad Abdulla bohrte bei Kunden nach, denen er Medikamente
ins Haus lieferte. Jeden Tag stellten die Eltern unzählige Male
diese eine Frage: "Was ist im Schwimmbad passiert?" Und nach und
nach rückten die ersten Zeugen mit der Wahrheit heraus. In grässlichen
Details berichteten sie, was sie an jenem 13. Juni 1997 im Schwimmbad
von Sebnitz gesehen hatten - und unterschrieben eidesstattliche
Versicherungen. Drei Jahre hielt es die Familie in feindseliger
Umgebung aus. "Das waren wir unserem Joseph schuldig", sagen sie.
"Das Verbrechen muss gesühnt werden." Wenn das geschehen ist,
will die Familie Sebnitz sofort verlassen. "Wir werden weit fort
gehen", sagt Renate Kantelberg-Abdulla. "Wissen Sie, ich habe
ja noch ein Kind. Das will ich nicht auch noch verlieren . . ."
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| Freie Presse 26.11.2000
Sebnitz trauerte um Joseph Abdulla
Sebnitz (ddp-lsc). Rund 400 Menschen haben
am Sonntag in Sebnitz des wahrscheinlich ermordeten sechsjährigen
Joseph Abdulla gedacht. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU)
und seine Frau Ingrid sowie Bürger der Stadt zündeten in der Peter-Pauls-Kirche
bei einem ökumenischen Fürbittgottesdienst Kerzen an und baten
um Gerechtigkeit. Landesbischof Volker Kreß sagte, "wir sind nicht
zusammengekommen, um zu ermitteln und Ratschläge zu geben, sondern
um Beistand für die schmerzlich betroffene Familie zu bitten".
Joseph Abdulla war am 13. Juni 1997 im Freibad von Sebnitz unter
mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Nach Zeugenaussagen,
die die Eltern - ein aus dem Irakstammender Apotheker und seine
deutsche Ehefrau - präsentierten, sollen Neonazis das Kind ertränkt
haben. Vor drei Jahren waren die Ermittler von einem Badeunfall
ausgegangen.
Kreß betonte weiter, auch die "unfreiwillig gezeichnete Stadt
Sebnitz" brauche den Beistand. Gewalttätigkeiten in Worten und
Taten müssten verhindert werden. Der Pirnaer Superintendent Klaus
Kaden sagte, auf Sebnitz lasteten schwere Vorwürfe. Es gehe um
Vorgänge, die sogar international für Aufsehen gesorgt hätten.
Doch dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die Würde des Menschen
unantastbar ist. Das gelte für Ankläger wie Beschuldigte gleichermaßen,
betonte Kaden. Er sei fassungslos über die Ereignisse und "erschrocken,
wie schnell Vorurteile die Spielregeln der Demokratie außer Kraft
setzen".
Kaden vertritt seit dem Wochenende den evangelischen Pfarrer Konrad
Creutz. Dieser war am Freitag vorläufig beurlaubt worden, weil
er in einem Pressebericht den Eltern Josephs Versagen bei der
Erziehung vorgeworfen hatte. Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider
sagte, Creutz sei nicht suspendiert, sondern zunächst aus seelsorgerischen
Gründen beurlaubt worden. Die Landeskirche sei zutiefst erschüttert
über die Berichte zum Tod des sechsjährigen Joseph.
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| Welt am Sonntag 26.11.2000
Nacht über Sebnitz - "Wir kriegen Euch!"
Vor fünf Jahren zog Josephs Familie aus dem Irak nach Sachsen.
Vor drei Jahren ertrank er. Seit jenem Tag leben Vater, Mutter
und Schwester nur für ein Ziel: Gerechtigkeit für Joseph.
Dafür begegnet ihnen täglich neuer Hass
Von Heike Vowinkel
Grölender Gesang durchbricht die Stille
der Nacht: "Wir Deutschen, wir sind besser. In eurem Bauch steckt
bald ein Messer." Kurzgeschorene Jugendliche ziehen an der "Center-Apotheke"
in der sächsichen Kleinstadt Sebnitz vorbei. Renate Kantelberg-Abdulla,
48, und ihre Tochter Diana, 15, stürzen ans Fenster. Die Neonazis
schauen hoch, sehen, dass sie fotografiert werden und rufen: "Du
Sau, lass das" und: "Wir kriegen Euch!" Die Mutter bleibt ruhig,
schaut hinunter. "Heute ist es besonders heftig", sagt sie nur
und schließt das Fenster.
Es ist der Abend des Tages, auf den die deutsch-irakische Apothekerfamilie
seit drei Jahren wartet. Der Tag, an dem öffentlich wurde, was
die Eltern anfangs nur ahnten, dann immer fester glaubten und
für das sie schließlich Beweise sammelten: Ihr sechsjähriger Sohn
Joseph ertrank vor drei Jahren nicht bei einem Unfall - wie es
in der Polizeiakte und dem ersten Obduktionsbericht heißt. Er
wurde im Sebnitzer Freizeitbad zuerst gequält, dann ertränkt -
aus Fremdenhass von Rechtsradikalen. Das behaupten Zeugen, "eidesstattlich"
wie Renate Kantelberg-Abdulla stets betont.
Nein, erleichtert fühlt sie sich an diesem Abend nicht. Eher erschöpft
von den vielen Interviews. "Aber doch hoffnungsvoll, dass die
Ermordung meines Sohnes endlich gesühnt wird", sagt sie. Glauben
werde sie es jedoch erst, wenn die Täter verurteilt sind. Renate
Kantelberg-Abdulla hat nicht mehr viel Vertrauen in den Rechtsstaat.
Sie erzählt vom Unfassbaren, das ihre Familie seit drei Jahren
nicht loslässt. Auf ihrem Schoß liegt ein dicker Aktenordner mit
Zeugenaussagen. In einer Kiste im Arbeitszimmer stapeln sich Videokassetten
und Tonbänder, Mitschnitte von hunderten von Gesprächen. Sie erzählt,
wie der erste Verdacht hochkam, weil Joseph im tiefen Schwimmer-Becken
ertrunken sein soll. "Mein Sohn war ängstlich und sehr vorsichtig.
Nie hätte er sich allein ins tiefe Becken getraut." Wie sich der
Verdacht durch eine Anruferin erhärtete. Rechtsradikale hätten
Joseph ein Betäubungsmittel eingeflösst, sagte die Frau, ihn mit
Elektroschocks gequält und anschließend ertränkt inmitten des
von 300 Badegästen besuchten Schwimmbades. Wie die Polizei ihnen
keinen Glauben schenken wollte und sie daher selbst begannen,
Zeugen zu befragen. Wie sie die Exhumierung und eine zweite Obduktion
der Leiche erwirkten.
Nüchtern erzählt Renate Kantelberg-Abdulla dies alles, starr und
aufrecht sitzt sie auf einem gepolsterten Stuhl im Zimmer ihrer
Tochter. Das grüne Fachwerkhaus nahe dem Marktplatz der sächsischen
Kleinstadt Sebnitz an der tschechischen Grenze ist noch nicht
vollständig renoviert. Vor einem Jahr ist die Familie innerhalb
des Ortes umgezogen, unten im Haus ist die Apotheke. "Seit Josephs
Tod haben wir anderes zu tun, als uns um die Einrichtung zu kümmern",
sagt Renate Kantelberg-Abdulla wie zur Entschuldigung. Unbewohnt
wirkt auch das Jugendzimmer, kalt wie der Rest der Wohnung. Nackter
Fliesenboden, ein paar Buchenholzmöbel, das Notwendigste nur.
Vor den kleinen Giebelfenstern über den Gardinen hängen grüne
Metall-Lamellen. "Es muss ja nicht jeder gleich sehen, wo wir
uns aufhalten", sagt Renate Kantelberg-Abdulla, deren bleiches
Gesicht dunkle Haare umrahmen. Wie in einer Festung lebt die Familie
in ihrem Haus. Türen und Fensterläden sind verschlossen, die Vorhänge
zugezogen.
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. 1995 war die deutsch-irakische
Familie nach Sebnitz gezogen. Sieben Jahre hatte das promovierte
Ehepaar, dass sich aus dem Pharmazie-Studium in Marburg kannte,
im Irak gelebt. Zwei Kriege hatten sie dort mitgemacht. Die Familie
suchte einen friedlichen Ort. "Den Kindern gefiel die Stadt. Die
Leute waren freundlich", erinnert sich Renate Kantelberg-Abdulla.
Von Rechtsradikalismus hätten sie damals nichts bemerkt.
Doch schon bald begann der Ärger. Das Ehepaar eckte bei Ärzten
und Apotheker-Kollegen an, warf ihnen Rezeptbetrügereien vor.
Erste Anfeindungen begannen. Und dann starb Joseph am 13. Juni
1997. An jenem Tag veränderte sich alles im Leben der Familie.
Je intensiver sie ihren Mordverdacht verfolgten, um so stärker
wurde der Terror. Einmal sei eine Fensterlade abgerissen, ein
andermal der Keller unter Wasser gesetzt worden. "Einer der Zeugen
hat uns eidesstattlich versichert, dass man plane, uns irgendwann
einen Brandsatz ins Haus zu werfen", erzählt die Mutter. Im Flur
stehen zwei Feuerlöscher neben der Kommode. Auch unten in der
Apotheke sei einer griffbereit, fügt die Tochter hinzu.
Das Leben, die Freude scheint weggeschlossen in dieser Familie,
so wie Josephs Spielzeug, dass sich hinter einer Glasscheibe im
Wohnzimmerschrank stapelt. Diana wird in der Schule geschnitten,
Freunde hat sie keine. "Du Dönerfresser", wird sie beschimpft.
Nie geht sie allein aus, die meiste Zeit verbringt sie im Haus.
"Ich habe meine Eltern und meine Erinnerungen. Die Erfahrung zeigt,
man muss sich vor Menschen in Acht nehmen." Sätze wie von einer
alten Frau, abgeklärt, emotionslos fast. Warum tut sich eine Familie
diesen Albtraum an? Warum zieht sie nicht weg? "Wir wollen Josephs
Mörder bestraft sehen", antwortet die Mutter. Sie weiß, dass sie
damit auch ihr zweites Kind in Gefahr bringt. "Wir wollten Diana
wegschicken, zu einer Tante nach Kanada. Aber sie will nicht."
Nur ein Gedanke beherrscht die Familie: Gerechtigkeit für Joseph.
Vieles in den gesammelten Zeugenaussagen klingt unfassbar. Die
Grausamkeit der Täter, die Untätigkeit der anderen Badegäste.
Und auch das lange Schweigen der Zeugen. Viele Fragen bleiben
offen. Fest steht jedoch, dass die Staatsanwaltschaft erneut ermittelt
und nun drei Tatverdächtige festgenommen hat, dass vor drei Jahren
zum Teil schlampig ermittelt und obduziert wurde.
Und fest steht auch der Terror: Nach den grölenden Jugendlichen
ruft ein Nachbar aus dem gegenüberliegenden Haus: "Alles gelogen.
Diese Kannaken lügen doch." Ein blauer Renault braust heran, der
Fahrer zeigt den Hitlergruss. Vier Mal noch fährt er vorbei, einmal
ruft er dem Vater, der vor dem Haus steht, zu: "Ich kill dich!"
Keine Polizei, kein Nachbar schreitet ein.
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| Freie Presse 26.11.2000
Mutter von Joseph nennt Polizeiakte über
ihren Sohn "billigen Kriminalroman"
Berlin (ddp-lsc). Die Mutter des vor drei
Jahren möglicherweise ermordeten kleinen Joseph aus dem sächsischen
Sebnitz hat schwere Vorwürfe gegen die Polizei und den Bürgermeister
des Ortes erhoben. Polizei und Bürgermeister hätten nach der Ermordung
ihres Sohnes "sehr schnell" Blumen und Kerzen entfernt, die ihm
zu Ehren vor dem Eingangstor des Schwimmbades aufgestellt worden
seien, sagte Renate Kantelberg- Abdulla am Sonntagabend im Fernsehsender
n-tv unter Berufung auf eidesstattliche Aussagen. Auch sei der
Vorfall "totgeschwiegen" worden.
Kantelberg-Abdulla teilte ferner mit, dass sie und ihr Mann im
Nachhinein an der Leiche ihres Sohnes im Unterbauchbereich "den
Ansatz" von Elektroschocks sowie mehrere Hämatome festgestellt
und auch heimlich fotografiert hätten. Bei der Einsicht in die
Polizeiakte habe sie schnell feststellen müssen, "dass es sich
um einen billigen Kriminalroman handelte". In der Akte sei von
einer "Leichensache Joseph Abdulla - Nationalität: Iraker" die
Rede, obwohl ihr Sohn in Deutschland geboren und Deutscher gewesen
sei.
Kantelberg-Abdulla sagte, sie fühle sich in Sebnitz bedroht, seit
sie mit ihren privaten Ermittlungsergebnissen an die Öffentlichkeit
gegangen sei. So habe sie fingierte Anzeigen erhalten, unter anderem
auch von der Mutter eines der drei Tatverdächtigen. Zudem sei
ihrem Mann angedroht worden, ihn zu ermorden. Sie wage sich nicht
mehr allein auf die Straße, nachdem Neonazis versucht hätten,
ihr vor dem Rathaus aufzulauern.
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| Netzzeitung.de 26.11.2000 17:49
Fall Joseph: Verdächtige nicht aus rechter
Szene
Die drei Tatverdächtigen im mutmaßlichen "Mordfall Joseph A."
haben laut Staatsanwaltschaft keine Kontakte zur rechtsextremen
Szene.
BERLIN/DRESDEN. Das Landeskriminalamt in
Sachsen konnte auch beim dritten Tatverdächtigen, einem 20-Jährigen,
keine Verbindungen zur rechten Szene feststellen. Dies sagte ein
Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden am Sonntag.
Schon zuvor hatte die Staatsanwaltschaft erklärt, die beiden anderen
in dem Fall Inhaftierten gehörten nicht der rechten Szene an.
Der 25-Jährige und seine 21-jährige Freundin waren in Braunschweig
festgenommen worden.
Schröder empfängt Mutter
Josephs Mutter wird am Montag nach Berlin reisen. Dort empfängt
Bundeskanzler Gerhard Schröder sie zu einem Gespräch. Das Treffen
findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Zeugen beschreiben Tathergang
Am Sonntag wurden erstmals Protokolle von Augenzeugen veröffentlicht.
Ein heute 23-jähriger Mann will gehört haben, wie die Angeklagten
zu dem sechsjährigen Deutsch-Iraker Joseph A. sagten: "Du Scheiß-Ausländer,
wenn du jetzt nicht mitkommst, machen wir dich kalt". Joseph war
im Juni 1997 in einem Freibad im sächsischen Sebnitz ertrunken.
Die Zeitung Bild am Sonntag veröffentlichte am Sonntag diese und
andere eidesstattliche Aussagen. Die Eltern von Joseph hatten
Zeugen befragt, weil sie nicht glauben wollten, dass Josephs Tod
ein Badeunfall war, wie die Polizei bisher annahm.
"Bademeisterin hat weggeschaut"
Joseph A. wurde mit Elektroschocks misshandelt und vor Zuschauern
ertränkt, sagen die Zeugen. Die Bademeisterin habe Josephs Weinen
gehört, habe aber weggeschaut. Außerdem soll ihm eine Flüssigkeit
eingeflößt worden sein. Im Körper des toten Jungen war nach einer
Exhumierung tatsächlich ein Psychopharmakon gefunden worden. Der
23-jährige Zeuge: "Maik H. (einer der drei inzwischen festgenommenen
Verdächtigen, Red.) hatte einen Elektroschocker bei sich. Der
H. hat den Elektroschocker dem Sandro R. gegeben, und der versetzte
Joseph einen Schock damit auf der rechten Seite im Bauchbereich."
"Zehn Minuten lang untergetaucht"
Eine anderer Zeuge berichtet laut Bild von "sechs bis sieben Glatzköpfen",
die dabei gestanden hätten. Und ein 15-Jähriger sagte aus, eine
Gruppe von fünf Jungen hätte Joseph schließlich "etwa zehn Minuten"
im tiefen Teil des Schwimmbeckens untergetaucht, bis er leblos
im Wasser lag. Die neuen Ermittlungen der Polizei haben bisher
keine neuen Ergebnisse gebracht. Ob die Bundesanwaltschaft den
Fall übernimmt, ist ebenfalls noch unklar. Ein Mann und seine
21-jährige Freundin waren unter Mordverdacht in Braunschweig festgenommen
worden. Beide sollen nicht der rechten Szene angehören. Bei einem
festgenommenen 20-Jährigen aus Sebnitz wird eine Verbindung zur
rechten Szene noch überprüft. (nz mit dpa)
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| Kurier online 26.11.2000
Kriminologen : Joseph wurde ermordet
Dresden - Das Kriminologische Forschungsinstitut
des ostdeutschen Bundeslandes Niedersachsen hat den Verdacht einer
vorsätzlichen rechtswidrigen Straftat im Zusammenhang mit dem
Tod des sechsjährigen Joseph aus Sebnitz bestätigt.
Unprofessionelle Ermittlungen
In ihrem Ergebnis kommen die Kriminologen zu dem Schluss, dass
die Ermittlungen der Polizei nach der Ermordung von Joseph am
13. Juni 1997 in einem Freibad mit Desinteresse und Unprofessionalität
geführt worden seien. Im Zusammenhang mit der Straftat waren in
der vergangenen Woche zwei Männer und eine Frau aus Sebnitz im
Alter zwischen 20 und 25 Jahren unter Mordverdacht verhaftet worden,
zwei von ihnen in Braunschweig.
Täter keine Neo-Nazis?
Das Institut, dass im Zusammenhang mit dem Verbrechen 15 eidesstattliche
Versicherungen von Zeugen über den Tatablauf untersucht hat und
sieben Tatverdächtige namentlich benennt, kommt zu dem Ergebnis,
dass in Sebnitz eine eingeschworene Gemeinschaft Ortsansässiger
eine dumpfe Atmosphäre verbreite. Hinzu kämen Fremdenfeindlichkeit,
ein gemeinschaftlich organisiertes Mobbing gegen die deutsch-irakischen
Eltern von Joseph und Angst. Der Staatsanwaltschaft Dresden liegen
nach ihren eigenen Angaben jedoch keine Erkenntnisse vor, wonach
die verhafteten mutmaßlichen Täter Verbindungen zur rechten Szene
hätten.
200 Menschen "schauten zu"
Nach einem Bericht der "Bild am Sonntag" hatte Joseph vor seinem
Tod geweint und laut um Hilfe gerufen. Das Blatt beruft sich gleichfalls
auf Protokolle von Zeugenaussagen. Danach wurde das Kind mit den
Worten "Du Scheiß Ausländer, wenn Du jetzt nicht mitkommst, machen
wir Dich kalt" beschimpft. Das Blatt berichtet weiter, niemand
der über 200 Erwachsenen habe gewagt einzuschreiten, auch die
Bademeisterin nicht. Sie habe sich umgedreht und bei der Mitteilung,
dass ein Junge belästigt werde, geantwortet, dass so etwas öfters
vorkomme.
Nach den derzeitigen Ermittlungen wurde Joseph mit einem Elektroschocker
gequält, dann an den Rand eines Schwimmbeckens gezerrt und schließlich
ins Wasser geworfen. Dann sollen die drei verhafteten Tatverdächtigen
gezielt auf dem Rücken des Kindes herumgesprungen sein. Joseph
wurde wenig später tot auf dem Boden des Schwimmbeckens aufgefunden.
APA/ps
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| Sonntagszeitung 26.11.2000
Sechsjähriger von Neonazis brutal ermordet
Hunderte sahen dabei zu, die Polizei legte den "Unfall" zu den
Akten. Die Mutter deckte die Tat nach drei Jahren auf
Berlin - Ein sechsjähriger Junge ist von
ostdeutschen Neonazis ermordet worden. In einem Schwimmbad, vor
den Augen und Ohren von ein paar hundert Menschen. Und dann auch
noch dies: Die Polizei hat das mutmassliche Verbrechen jahrelang
als Badeunfall abgetan. Nun ist die Sache ans Licht gekommen,
Deutschland entsetzt. "Ich teile die Empörung der Eltern", sagt
Bundeskanzler Gerhard Schröder. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering
spricht von einer "uns alle tief beschämenden Tat". Bayerns Ministerpräsident
Edmund Stoiber (CSU) geht das Geschehene "unter die Haut", und
die CDU-Vorsitzende Angela Merkel stellt ernüchtert fest: "Nichtstun
kann töten."
Es war im Juni 1997, als der sechsjährige Joseph ins "Spassbad"
von Sebnitz ging. Dort sei er "wahrscheinlich ertrunken", meinte
später ein Arzt des örtlichen Spitals, stellte den Totenschein
aus und hielt eine Obduktion für überflüssig. Auch Polizei und
Staatsanwaltschaft liessen die Sache auf sich beruhen.
Nicht so Josephs Mutter. Weil die Polizei die Hände in den Schoss
legte, führte sie Ermittlungen auf eigene Faust und war dabei,
wie es jetzt scheint, erfolgreich. Die Mutter führte Gespräche
mit Zeugen der Tat, besorgte sich eidesstattliche Erklärungen
und liess sogar den Leichnam ihres Kindes auf eigene Kosten obduzieren.
Der Tathergang aus heutiger Sicht: Zwei Männer haben dem Kind
den Mund aufgerissen und ihm ein Narkotikum eingeflösst. Dann
traktierten sie den Jungen mit einem Elektroschocker, tauchten
ihn ins Becken und trampelten unter Wasser auf seinem Körper herum
- bis er tot war.
Jetzt wird Josephs Vater bedroht: "Du bist
der Nächste ..."
Renate Kantelberg-Abdulla, Josephs Mutter, führt gemeinsam mit
ihrem Mann die Central-Apotheke von Sebnitz. Mitte der Neunzigerjahre
erst zog die Familie in das Städtchen an der deutsch-tschechischen
Grenze. Das ist in den Augen manch eines Alteingesessenen schon
schlimm genug. Doch es gibt einen zweiten "Makel": Saad Abdulla,
der Ehemann und Familienvater, stammt aus dem Irak. Zuletzt am
Freitagabend wurde er auf offener Strasse angepöbelt: "Du Ausländerschwein,
du bist der Nächste ..."
Kurt Biedenkopf, der Ministerpräsident von Sachsen, liess sich,
ebenfalls am Freitag, per Helikopter nach Sebnitz fliegen und
an Ort und Stelle informieren. Gestern dann spendete er Trost,
vor allem für die Stadt selbst. Sebnitz sei keine rechtsradikale
Hochburg und werde derzeit "zu Unrecht öffentlich hingerichtet",
erklärte Biedenkopf. Allerdings sitzt die NPD im Stadtrat von
Sebnitz, und eine gewaltbereite Skinhead-Truppe mit der pikanten
Abkürzung "SSS" hat dort ihren Befehlsstand. Wie die Stimmung
im Städtchen ist, zeigt ein Blick in die Wohnung der Familie Kantelberg-Abdulla.
Gleich im Flur stehen zwei Feuerlöscher. Denn immer wieder erscheinen
Nazi-Horden vor dem Haus und grölen "Heil Hitler" oder "Ausländer
raus".
Die Polizei hat in den letzten Tagen drei Tatverdächtige in Untersuchungshaft
genommen. Es werde mit Hochdruck ermittelt, heisst es. Unter den
Verhafteten ist auch die Tochter eines CDU-Gemeindepolitikers
aus Sebnitz. Die Behörden wollen bereits herausgefunden haben,
dass zwei der drei Verdächtigen keine Neonazis seien. Ortsansässige,
die die jungen Leute kennen, behaupten da allerdings genau das
Gegenteil.
Möglicherweise wird der deutsche Generalbundesanwalt den Fall
an sich ziehen - wie schon in anderen Fällen, wenn es den lokalen
Behörden beim Ermitteln von Delikten mit rechtsextremem Hintergrund
an Eifer fehlte. Werner Thies
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