| Bundeskanzler Schröder
zu Besuch in Sebnitz
am 22. August 01
Die
Sebnitzer nehmen Schröders Besuch als Teil
der "Wiedergutmachung", ziehen sich aber beleidigt aus
der Innenstadt zurück. Zum Hände Schütteln oder
gar Klatschen kamen nur Angereiste (und auch die wären wenige
gewesen ohne die Dortmunder SPD-Reisegruppe, die während
einer touristischen Reise einen Abstecher wg. Schröder machten).
Bekennende
Nazis halten ein Schild: "Alle Lügen haben
ein Ende. Jetzt kommt die Wende", was wohl als Drohung zu
verstehen ist. Die Rückseite des Schildes ist auf dem Foto
zu sehen. Als Schröder erschien, rief ihm einer der Nazis
zu: "frei, sozial und national". In der Nacht vor dem
Schröder-Besuch wurden auf Marktplatz und Umgebung überall
Nazi-Flyer und Aufkleber gegen Schröder platziert ("Arbeiterverräter").
Die
vielgescholtenen Medienvertreter
vermieden es in ihren Artikeln am nächsten Tag meistens,
von der Abwesenheit der Sebnitzer zu reden und die Anwesenheit
von organisierten Nazis zur Kenntnis zu nehmen. Die "Wiedergutmachung"
geht weiter, und das schon seit mindestens 29. November 2000.
(
Presse am 29. Nov. 00)
Der
Bundeskanzler sagte im
Rathaus, den Sebnitzern sei "bitteres Unrecht" geschehen.
Aber er sagt auch, dass es in Sebnitz "rechtsradikale Umtriebe"
gibt, dass ein gemeinsamer Kampf gegen Rechts nötig ist,
dass es nicht richtig ist Frau Kantelberg-Abdullah anzugehen,
dass das Image von Sebnitz nicht dauerhaft geschädigt ist
und das der Bund kein Geld für Sebnitz geben wird. (Letzteres
ist ein harter Schlag für die Sebnitzer, das ist nicht wie
bei der CDU-Landesregierung, die ihre Rassisten und Antisemiten
direkt finanziell belohnt.) Die Erwartung der Sebnitzer, dass
er sich von Frau Kantelberg-Abdullah distanziert erfüllte
sich nicht.
Schröder
hat seine Kritik dabei noch dezent formuliert, aber Kritik an
den Sebnitzern war ja bisher kaum geäußert worden.
Noch am Abend vor dem Besuch hat der Kanzler laut
taz der Presse sebnitz-kritische
statements gegeben. Seine Rede im Sebnitzer Rathaus soll demgegenüber
sanfter gewesen sein. Kein Wunder bei dem Volkszorn. Der für
Schröder vorgesehene Seidenblumen-Strauss im Wert von 700
DM behielten die Sebnitzer, nach dem tagelang in der Presse die
Bedingungen für die Schenkung ausgebreitet wurden.
Die
Sebnitzer haben gewusst
warum sie dem Kanzler-Besuch schon vorher mit Häme und Ignoranz
begegnet sind, denn das war eindeutig zu viel Kritik und keine
Entschuldigung, wie sie die Sebnitzer von Politik und Medien fordern.
Außerdem darf in der seit 29. Nov. 00 stattfindenden "Wiedergutmachungs-Phase"
nur Gutes über Sebnitz berichtet werden, und keine Kritik.
Das ist ja wohl klar. Aber das ist eh allen klar. Die Presse-Artikel
nachvollziehen alle das Opfertum der Sebnitzer. Die taz schreibt
eine Medienanalyse, die der von Prof. Donsbach ähnlich ist.
siehe Donsbach-special
Die
Presse-Artikel sind diesmal alle unterschiedlich
ausgefallen, meist aber leicht verärgert über Schröders
Kritik an Sebnitz. Zum oben erwähnten Szenario der Abwesenheit
der Sebnitzer und der Anwesenheit von bekennenden Nazis finden
sich herrlich wiedersprüchliche Angaben (Beispiel Dresdner
Neueste Nachrichten: im Artikel wurde die Abwesenheit von Nazis
festgestellt, daneben das Foto vom Nazi-Schild). Auch die Frage:
Hat er sich klar zum "Fall Sebnitz" geäußert
oder nicht? ist spannend nachzuvollziehen so von Zeitung zu Zeitung.
Zu empfehlen ist natürlich auch wieder der Artikel von der
Sebnitzer Lokalredakteurin Anja Weber, die sich so gerne für
ihre Heimat engagiert und dabei so drollig ist.
anja weber in der sächsz |
|
Presse-Artikel am 23.
August 01 (Auswahl)
Schwieriges Terrain; Sommerreise
führte Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Sebnitz |
junge welt |
| Aber entschuldigt hat er sich nicht;
Kanzler Schröders schwerer Gang nach Sebnitz |
Bild |
Schröder macht es allen recht; In Sebnitz
gebe es Rechtsradikale sagt der Bundeskanzler gegenüber Journalisten.
Im Rathaus der Stadt selbst ist davon nichts zu hören aus
Sebnitz |
taz |
Eisenbahn und Wetterstation; Das Land
Sachsen, die "Bild"-Zeitung und auch ARD-Wetterfrosch Kachelmann
- alle haben Sebnitz Unterstützung zugesagt. Und: Der Tourismus
in der Region floriert |
taz |
| Was störte, wurde gestrichen Über die
Fehler, die Journalisten, auch die der taz, bei der Berichterstattung
über den Tod des kleinen Joseph machten. Und darüber, welche
Lehren daraus gezogen wurden |
taz |
| Eine Geste im Plauderton; Die Stadt
Sebnitz ist im Fall Joseph zu Unrecht geschmäht worden -
Gerhard Schröder lockerte die Stimmung ein wenig |
Süddeutsche
Zeitung |
| Er kam, sah und ging wieder; Bundeskanzler
Schröder im Eiltempo durch Sebnitz / Besuch der Blumenmanufaktur
/ Imbiss auf der Finkenbaude; Von Anja Weber |
Sächsische Zeitung |
Trotz falschen Verdachts: Stadt soll
sich gegen rechtsradikale Umtriebe wehren
Schröder in Sebnitz: Kein Canossa-Gang |
Hamburger Morgenpost |
| Ohne Pardon; Der Kanzler hatte
im Herbst Josephs Eltern empfangen - die Sebnitzer hatten
nun auf eine Distanzierung gehofft |
Potsdamer Neueste Nachrichten |
| Schröder ruft zum gemeinsamen Kampf
gegen Rechts auf; Kanzler in Sebnitz freundlich empfangen |
Kieler Nachrichten |
| Kommentar Wahrheitsfindung;
Kanzler Schröder besucht Sebnitz - und hätte den Sebnitzern
auch sagen können, dass es einfache Wahrheiten nicht gibt |
Frankfurter Rundschau |
| Schröder wendet sich gegen Verurteilungen |
Frankfurter Rundschau |
up |
| junge Welt Inland 23.08.2001
Schwieriges Terrain
Sommerreise führte Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Sebnitz
Im Rahmen seiner Sommerreise machte Bundeskanzler
Gerhard Schröder am Mittwoch vormittag in der sächsischen Kleinstadt
Sebnitz Station. Der Ort ist für Schröder schwieriges Terrain,
seit im November vergangenen Jahres der Tod des sechsjährigen
Joseph Kantelberg-Abdulla von der Bild-Zeitung zum neonazistischen
Mord umgedeutet worden war und die Gemeinde auch international
in die Schlagzeilen geriet. Schröder hatte, als sich bereits abzeichnete,
daß die Darstellung von Bild nicht mit den tatsächlichen Ereignissen
übereinstimmt, Frau Kantelberg- Abdulla demonstrativ im Berliner
"Willy-Brandt-Haus" empfangen. Die Vorwürfe, der Junge sei 1997
im Freibad der Stadt unter den Augen zahlreicher Badegäste von
Neonazis ertränkt worden, erwiesen sich jedoch nach erneuten Ermittlungen,
Gutachten und zweitem Obduktionsbefund als unhaltbar. Untersuchungen
der Staatsanwaltschaft ergaben schließlich, daß der Junge einen
Badetod durch Herzversagen erlitt, die Ermittlungen wurden eingestellt.
Seitdem sind in Sebnitz - einem Ort, in dem die neonazistische
Szene ungeachtet falscher Mordspekulationen stark und aktiv ist
- Politiker und Presseleute ungern gesehen. Während die vom medialen
Rufmord geschädigte Stadt sich die Wunden leckte, fiel das Thema
Ausländerfeindlichkeit unter den Tisch, obwohl dessen Wachstum
offensichtlich war. Die schwache Infrastruktur der Region, die
daraus resultierenden Betriebsschließungen, eine Arbeitslosigkeit
um die 20 Prozent und dadurch bedingte Bevölkerungsabwanderungen
schufen einen optimalen Nährboden für rechtes Gedankengut. Schröder
hatte im Vorfeld des Besuches sein Verhalten im Fall der Mordvorwürfe
nach dem Tod des Jungen relativiert: "Die pauschale Verurteilung
war nicht in Ordnung", sagte er am Dienstag abend in Zittau vor
Journalisten. Mit einer Entschuldigung der Medien sei das eigentliche
Problem jedoch nicht gelöst. Deshalb wollte der Kanzler bei seinem
Besuch schließlich auch auf das Problem des Rechtsradikalismus
in der sächsischen Grenzstadt hinweisen. "Es ist richtig, daß
es rechtsradikale Umtriebe in Sebnitz gibt", stellte Schröder
dazu fest. Allerdings sei im Fall Joseph die Stadt "zu Unrecht
in Mißkredit gebracht" worden. Daher verstehe er den Besuch auch
als "Geste gegenüber dem Ort, dem Unrecht getan worden ist". Es
müsse aber "eine Balance geben zwischen den berechtigten Anliegen
des Ortes" und berechtigter Kritik. Finanzielle Hilfen des Bundes,
etwa für eine verstärkte Jugendarbeit in der Region, lehnte er
allerdings ab.
Sandra Erbacher
up |
| Bild
Aber entschuldigt hat er sich nicht
Kanzler Schröders schwerer Gang nach Sebnitz
Von ROLF KLEINE
Das war ein schwieriger Auftritt für Bundeskanzler
Gerhard Schröder (57): Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) umarmt
die Sebnitzer Blumenkönigin Maria Händler
Ganz Sebnitz hatte sich Ende November 2000 über den Kanzler empört.
Grund: Als SPD-Chef hatte Schröder in Berlin Renate Kantelberg-Abdullah
(49) zu einem vertraulichen Gespräch empfangen. Die Apothekerin
beschuldigte damals (zu Unrecht, wie sich herausstellte) Sebnitzer
Bürger, tatenlos zugesehen zu haben, wie Skinheads ihren Sohn
Joseph (6) ermordeten. Der Vorfall brachte Sebnitz weltweit in
Verruf. Die sächsische Kleinstadt gestern Mittag: Bleierner Nebel
liegt schwül über dem Tal. Vor dem schmucken Bürgerhaus Schillerstraße
3 warten Schaulustige und Bürgermeister Mike Ruckh (CDU) im dunkelgrauen
Dreiteiler - mit düsterer Miene. Eiseskälte zwischen dem Sebnitzer
Stadtoberhaupt und dem Regierungschef aus Berlin - und das in
einem bunten Blütenmeer aus Seidenblumen. Ruckh zeigte Schröder
eine der letzten Manufakturen in der ehemaligen Seidenblumenstadt.
Früher bastelten hier 15 000 Frauen Kunstblumen, jetzt noch knapp
100. Anschließend Empfang im Rathaus. Der Bürgermeister mit einem
Seitenhieb auf Schröder: "Viele der damals Beteiligten haben Ihr
Tun bereits kritisch überprüft." Der Kanzler drückte sich um eine
Entschuldigung, verteidigte sein damaliges Treffen mit Josephs
Mutter: "Ich habe eine Frau getroffen, die ihr Kind verloren hatte.
Eine Sozialdemokratin, die mit ihrem Parteivorsitzenden reden
wollte."
up |
| taz
Schröder macht es allen recht
In Sebnitz gebe es Rechtsradikale sagt der Bundeskanzler gegenüber
Journalisten. Im Rathaus der Stadt selbst ist davon nichts zu
hören aus Sebnitz
PATRIK SCHWARZ
Der Kanzler im Rathaus von Sebnitz. Keine
drei Meter entfernt von dem Rednerpult, an dem er steht, ist eine
Sitzreihe reserviert. "Stadträtinnen und Stadträte" steht auf
dem grünen Zettel. Die SPD-Stadträtin Renate Kantelberg-Abdulla
ist nicht gekommen. Dabei kennt sie den Bundeskanzler und SPD-Vorsitzenden
bereits aus einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht, von jenem
Tag im November 2000, als die Bild-Zeitung die Schlagzeile machte,
"Neonazis ertränken Kind. Und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen".
Damals empfing Gerhard Schröder die Mutter des "kleinen Joseph",
wie ihr Sohn bald genannt wurde, in der SPD-Parteizentrale. Doch
kurz darauf brach die Anklage der Mutter zusammen, Rechtsradikale
hätten ihren Sohn im Freibad ertränkt und halb Sebnitz hätte dabei
zugesehen. Seit dem "Fall Joseph oder auch Fall Sebnitz", wie
Bürgermeister Mike Ruckh von der CDU sagt, hat die Stadt schon
Bundespräsident Rau empfangen und Ministerpräsident Biedenkopf.
Trotzdem, sagt Mike Ruckh, es komme ja nicht alle Tage vor, dass
der Bundeskanzler Sebnitz besuche. "Genauer gesagt, ist es das
erste Mal überhaupt." Für Schröder ist es der heikelste Termin
seiner Sommerreise durch Ostdeutschland, und gehetzt wie auf keiner
anderen Station in dieser Woche eilt er durch die Stadt. Der Bundeskanzler
hat kein Auge für die "pneumatische Drückmaschine" in der Seidenblumenmanufaktur,
kaum ein Ohr für die Blumenmaid, die ihn begleitet. Er, der sonst
gerne ein Pläuschchen mit Passanten hält, legt ein Tempo vor,
das verhindert, dass er - und die Journalisten in seinem Tross
- auch nur einen Sebnitzer fragen könnte, wie es ihm geht. Hier
ist einer gekommen, der nichts wissen will.
Gerhard Schröder behandelt Sebnitz als politisches
Problem, und er löst es, wie er Probleme gerne löst: mit dem Versuch,
es allen Seiten recht zu machen. Teil eins findet am Vorabend
der Sebnitz-Visite statt. Bei einem Abendessen versorgt er die
mitreisende Presse mit Sebnitz-kritischen Zitaten, am nächsten
Tag im Rathaussaal fallen die Sätze für die Sebnitzer Seelen etwas
sanfter aus. "Selbst wenn der Ort in dem einen Fall ungerechtfertigterweise
in Misskredit geraten ist", sagt der Kanzler am Abend, so könne
niemand sagen, dass es dort keine rechtsradikalen Erscheinungen
gebe. Aufbrausend wird er bei der Frage, ob er denn Geldgeschenke
für die Sebnitzer mitbringe, um etwa verstärkt Jugendarbeit zu
finanzieren. "Was solls für Hilfe geben? Man muss doch mal die
Kirche im Dorf lassen! Wo kämen wir da hin, wenn der Bund anfängt,
kommunale Jugendarbeit zu finanzieren!" Da mag sich bei ihm die
Skepsis gegen die Sebnitzer mischen mit der Härte des Fiskalpolitikers,
der nicht die Ausgaben von Bund und Kommune vermischen will. Nachdenklich
äußert er sich zum Thema Rechtsradikalimus als medialem Modethema.
Er hat nicht ohne Grund letzte Woche den Gedenkstein für den ermordeten
Algerier in Guben besucht. "Ich wollte deutlich machen: Ich habe
das nicht vergessen - auch wenn es nicht meinen Alltag bestimmt."
In Schröders Rede im Rathaussaal sind die Sebnitzer in erster
Linie Opfer. "Man muss ohne Wenn und Aber feststellen, dass dieser
Stadt und ihren Bürgern durch pauschale Vorwürfe bitteres Unrecht
angetan wurde." Der Rechtsradikalismus sei nicht nur in Ostdeutschland
ein Problem. Zweimal sagt er so den Sebnitzern, was sie gerne
hören. Doch dann nimmt er Renate Kantelberg-Abdulla in Schutz.
Wer könne einer Frau, die ihren Sohn verloren hat, vorwerfen,
wenn sie die Schuld auch bei anderen suche. "Wer sind wir, dass
wir das in einer solchen Situation anklagend sagen können?", sagt
der Kanzler - und die Anspielung auf die Bibel dürfte Absicht
sein: Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein. Bleibt
Schröders eigene Verstrickung. Da findet der Kanzler nicht zu
klaren Worten. Am Abend hatte er sein Treffen mit Renate Kantelberg-Abdulla
mit dem Hinweis gerechtfertigt, es sei für ihn als SPD-Vorsitzenden
"eine blanke Selbstverständlichkeit", ein Parteimitglied in Not
zu empfangen. Die Vorwürfe der Mutter, klagt er dagegen im Rathaus,
hätten leider dazu geführt, dass "diejenigen, die über öffentliche
Kommunikation verfügen", den Sachverhalt nicht mit hinreichender
Sorgfalt geprüft hätten. War das nun eine Medienschelte? Oder
eine Selbstkritik? Immerhin gilt auch für den Bundeskanzler, dass
er "über öffentliche Kommunikation verfügt". Mal wieder gelingt
es Gerhard Schröder durch vorsätzlich vage Worte alles zu sagen
- und nichts.
taz Nr. 6530 vom 23.8.2001, Seite 3, 149 Zeilen TAZ-Bericht PATRIK
SCHWARZ
up |
| taz
Eisenbahn und Wetterstation
Das Land Sachsen, die "Bild"-Zeitung und auch ARD-Wetterfrosch
Kachelmann - alle haben Sebnitz Unterstützung zugesagt. Und: Der
Tourismus in der Region floriert
taz "Alles Unglück hat ein Ende, jetzt kommt
die Wende", schrieben Sebnitzer gestern auf ein Transparent, und
ihr Oberbürgermeister Mike Ruckh übersetzte: der "Fall Joseph"
gehöre "der Vergangenheit" an. Für ihn jedenfalls, und auch für
die Einwohner von Sebnitz. Die Stadt sei zur Ruhe zurückgekehrt,
und er "überzeugt", dass Sebnitz "kein bleibender Makel" anhafte.
Dazu beigetragen haben dürften nicht zuletzt zehn Millionen Mark
Finanzhilfe, die die sächsische Landesregierung in den nächsten
fünf Jahren für Tourismus- und Jugendprojekte nach Sebnitz pumpen
will: Die Konzeption für die Imagekampagne der Stadt befindet
sich derzeit in Abstimmung, die Eisenbahnstrecke Sebnitz-Bad Schandau
wird ausgebaut, einige Straßenbauprojekte vorrangig berücksichtigt.
Diese Zusagen hatte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) den
Sebnitzern im Februar höchstpersönlich gegeben, nachdem diese
sich präsentiert hatten: als "Opfer" einer "Medienkampagne", als
"Stigmatisierte" einer Stadt, an der "Rufmord" begangen worden
sei: "All unsere Arbeit drohte im Abgrund zu versinken", klagte
Ruckh damals. Immerhin ging es in den Augen vieler Sebnitzer um
den Vorwurf des kollektiven Rassismus, erhoben von der Familie
Kantelberg-Abdulla und den Medien. Da konnte es passieren, dass
bei aller "Besonnenheit", zu der der Oberbürgermeister mahnte,
Journalisten, die an das gute Abschneiden rechtsextremer Parteien
in der Region erinnerten, bei Pressekonferenzen von ihm des Hauses
verwiesen wurden. Und Worte des Mitgefühls für eine Familie, die
ihr Kind verloren hat, fanden damals nur wenige. Mittlerweile
ist der Ton ruhiger geworden, viele Sebnitzer halten die "Entschädigung"
für angemessen: Zwar hat Sachsen statt der geforderten 34 Millionen
nur zehn bewilligt, und diese auch nur aus umgewidmeten Programmen.
Die Bild-Zeitung hat sich für ihre Schlagzeile nicht nur entschuldigt,
sondern der Stadt ihre Unterstützung zugesagt bei Tourismus und
Jugendausbildung. Der Ministerpräsident ist nach Sebnitz gereist,
der Bundespräsident, der Kanzler. So viel Aufmerksamkeit stimmt
freundlich. Und an diesem Samstag wird Wettervorhersager Jörg
Kachelmann die von der Stadt Sebnitz für 26.000 Mark eigens beantragte
Wetterstation einweihen. Die wird jeden Abend auf dem Bildschirm
daran erinnern, dass Sebnitz trotz aller gegenteiligen Behauptungen
ein beliebtes Ausflugsziel ist: Die Übernachtungszahlen in der
Sächsischen Schweiz sind im ersten Halbjahr 2001 gegenüber dem
Vorjahr um 2,5 Prozent gestiegen.
HEIKE HAARHOFF taz Nr. 6530 vom 23.8.2001, Seite 3, 87 Zeilen
TAZ-Bericht HEIKE HAARHOFF
up |
| taz
Was störte, wurde gestrichen
Über die Fehler, die Journalisten, auch die der taz, bei der Berichterstattung
über den Tod des kleinen Joseph machten. Und darüber, welche Lehren
daraus gezogen wurden
Diesmal wurden die Regeln befolgt. Als gestern
die Nachrichtenagenturen über den Kanzlerbesuch in Sebnitz berichteten,
referierten sie auch, was eigentlich im Fall des toten Joseph
der letzte Stand ist. Und schrieben dabei nicht: "Der kleine Junge
ertrank und wurde nicht ermordet." Sie referierten nur, dass die
Staatsanwaltschaft Dresden ihre Ermittlungen im Juli eingestellt
hat und es nach diesen Ermittlungen eben keine Hinweise auf eine
Gewaltanwendung gibt. Dies ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Die Staatsanwaltschaft hat zwar 250 Zeugen befragt und ein drittes
medizinisches Gutachten eingeholt. Aber es ist eben etwas anderes,
ob Medien über ein Ermittlungsergebnis berichten oder es zur unverrückbaren
Gewissheit erheben. Im vergangenen November im Fall Joseph war
dieser Unterschied entscheidend. Denn als Journalisten darüber
schrieben, wie der Junge 1997 im Schwimmbad starb, war oft kein
Platz dafür, Aussagen als Versionen darzustellen. Es hieß zu selten:
"Die Mutter des Jungen beschuldigt . . .", "Angeblich soll . .
.". Es hieß: "Neonazis ertränken Kind" (Bild) oder "Badeunfall
erweist sich als grausames Verbrechen" (AP). Die taz titelte auf
Seite eins "Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord" und
wischte damit Einschränkungen, die im zugehörigen Text gemacht
wurden, weg. "Ein journalistisches Versagen, das uns ausgesprochen
Leid tut", sagt Chefredakteurin Bascha Mika heute. Die Medien
stützten sich auf Zeugenaussagen, die die Mutter des toten Jungen
gesammelt und ihnen vorgelegt hatte. Viele beriefen sich nur auf
Recherchen anderer Zeitungen, vor allem was die besonders ungeheuerlich
scheinenden Vorwürfe betraf - etwa, dass der Junge mit einem Elektroschocker
gefoltert worden sei. "Journalisten beziehen sich auf Journalisten
- gewohnheitsmäßig", kritisierte später Journalistik-Wissenschaftler
Horst Pöttker. Eine weitere Rolle beim schnellen Glauben an einen
rassistisch motivierten Mord spielte auch der reale Hintergrund
rechter Gewalt in Ostdeutschland. Dass alle Zweifel in den Hintergrund
gedrängt wurden, erklärten Journalisten hinterher mit dem wachsenden
Konkurrenzdruck: Jeder hatte Angst, abgehängt zu werden. Das beschleunigte
Entscheidungen, für Zweifel blieben keine Zeit. Dazu kam ein Wunsch
nach Eindeutigkeit, der Texte lesbarer und Schlagzeilen glatter
macht. Der Journalist Hans Leyendecker berichtete rückblickend,
auch in der Süddeutschen Zeitung hätten Redakteure relativierende
Passagen herausredigiert. GEORG LÖWISCH taz Nr. 6530 vom 23.8.2001,
Seite 3, 87 Zeilen TAZ-Bericht
up |
| Süddeutsche Zeitung
Eine Geste im Plauderton
Die Stadt Sebnitz ist im Fall Joseph zu Unrecht geschmäht worden
- Gerhard Schröder lockerte die Stimmung ein wenig
Die Stadt Sebnitz, wünschte der Kanzler,
brauche mehr Besucher. Denn dieser Touristenort, in dem es eine
so traditionsreiche Manufaktur schöner Seidenblumen gebe, solle
doch auch vom Fremdenverkehr leben. Da stünden nun die Medien
in der Verantwortung, mehr über die Vorzüge der Stadt zu berichten.
Draußen vor dem Rathaus, so erzählt Gerhard Schröder im Plauderton,
habe ihn ja schon eine Reisegruppe aus Dortmund begrüßt, die nun
aber nichts anderes zu tun gehabt habe, als daran zu erinnern,
dass der Borussia am Abend ein wichtiges Spiel bevorstehe. Leider
habe er erklären müssen, dass er das Match nicht sehen könne.
Darauf kichern einige Zuhörer im Saal des Rathauses der sächsischen
Kreisstadt. Der Kanzler hat sein Ziel erreicht, die ernste Stimmung
lockert sich. Es sind solche Schlenker ins Heiter-Belanglose abseits
des Protokolls, mit denen Schröder gern versucht, schwierige Begegnungen
zu entspannen - Situationen, bei denen jeder einzelne seiner Sätze
erwartungsvoll geprüft wird. Sein Besuch in Sebnitz während der
Sommertour durch Ostdeutschland an diesem Mittwoch erfuhr diese
Aufmerksamkeit, das konnte ihn nicht überraschen. Im vergangenen
November war die Kreisstadt als angeblich rechtsextremistische
Hochburg in die Schlagzeilen geraten, als die Apothekerin Renate
Kantelberg- Abdulla behauptete, dass ihr sechsjähriger Sohn Joseph
von Neonazis ertränkt worden sei. Zum Teil vorschnell und übererregt
wurde über den Fall Joseph bundesweit berichtet. Sebnitz erlitt
einen spürbaren Image-Schaden.
Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft festgestellt, dass der
Junge bei einem Badeunfall starb. Seine Familie hat ihre Apotheke
geschlossen und die Stadt verlassen. Schröders Besuch sollte nun
auch Zeichen einer Wiedergutmachung sein, hieß es vorher in der
Stadt. Ihm nahm man übel, dass er seinerzeit die Mutter des Jungen
in Berlin empfangen hatte. Auch dazu wurde in Sebnitz nun eine
Erklärung erwartet. Bei seiner Führung durch die Seidenblumen-Manufaktur
und vor dem Rathaus wurde der Kanzler heiter empfangen. Nur ein
Transparent fiel auf, dessen Urheber vermutlich aus rechtsextremen
Kreisen stammten. Im Rathaus bezeichnete der Sebnitzer Oberbürgermeister
Mike Ruckh den Fall Joseph als Beispiel für die nicht erreichte
innere Einheit. Es sei doch unvorstellbar, dass über einen Ort
im Schwarzwald oder Nordrhein-Westfalen so berichtet worden wäre.
Schröder nahm gleich darauf Bezug: Der Bürgermeister habe zu Recht
darauf hingewiesen, dass der Rechtsextremismus kein spezifisch
ostdeutsches Problem sei, sondern überall in Deutschland bekämpft
werden müsse. "Der Stadt ist bitteres Unrecht getan worden", betonte
er mehrmals und sprach speziell von den Medien, von denen manche
anfangs nicht mit hinreichender Verantwortung geprüft hätten.
Der Kanzler begrüßte, dass "die Betroffenen" sich öffentlich entschuldigt
hätten. Ausdrücklich sprach er die Situation der damals zu Unrecht
Beschuldigten an, die er bat, nun nach vorn zu schauen. Zu seinem
damaligen Gespräch mit Frau Kantelberg erklärte er sich in Interviews
am Rande, ohne sich davon zu distanzieren. Er habe die Frau ohne
Medienbeteiligung aus Anteilnahme empfangen - "eine Selbstverständlichkeit".
Entspannt lächelnd ging er hinaus zu den wartenden Bürgern, und
fand genug Hände zum Schütteln.
up |
| Sächsische Zeitung Donnerstag, 23. August
2001
Er kam, sah und ging wieder
Bundeskanzler Schröder im Eiltempo durch Sebnitz / Besuch der
Blumenmanufaktur / Imbiss auf der Finkenbaude
Von Anja Weber
Bundeskanzler Schröder besuchte gestern
Sebnitz und Pirna bei seiner Sommer-Tour. Während bei den offiziellen
Veranstaltungen allerdings eitel Sonnenschein herrschte, verabschiedeten
in Pirna vor allem Anhänger von CDU und NPD den Kanzler mit Buh-Rufen.
"Der Besuch des Bundeskanzlers ist schon ein Ereignis, ein einmaliges.
Denn er wird nicht wieder hierher kommen", sind sich die beiden
Frauen vom Blumengeschäft am Markt sicher. Sekunden vorher schüttelte
Gerhard Schröder spontan ihre Hände. Ob der Besuch überhaupt etwas
bringt, werde erst die Zukunft zeigen, sinnieren die Blumenhändlerinnen.
Ähnlich dachten vermutlich noch mehr Sebnitzer. Den Kanzlerbesuch
wollten sie sich dennoch nicht entgehen lassen. Und so gruppierten
sich einige wenige, meist ältere Leute schon ab 10 Uhr an der
Blumenmanufaktur und an der Kirchstraße - noch bevor die Männer
von Landes- und Bundeskriminalamt die Lage sondierten. Wenig später
rückten die allerdings verstärkt an. In dunklen Anzügen, ausgerüstet
mit Handy und "Stöpsel" im Ohr, schritten die Leute der kanzlerschen
Sicherheitscrew geschäftig die Wege ab. Viel Zeit brauchten sie
dafür nicht, denn die hatten die Organisatoren der Reise ohnehin
nicht eingeplant.
11.30 Uhr lange Hälse an der Blumenmanufaktur. Auf dem Neustädter
Weg rollt mit Blaulicht ein Polizeibus, dunkle Mercedes und BMW.
Türen werden aufgerissen, Kanzler Schröder schwingt sich aus einem
Gefährt der Bayrischen Motorenwerke, schüttelt sich ihm entgegenstreckende
Hände. "Freundlich ist er ja", sagte da eine ältere Frau. Schon
seit zwei Stunden wartete sie. Ebenso die Rentnerinnen einer Dortmunder
Reisegruppe. Sie überredeten ihren Busfahrer. "Wir warten bis
der Gerhard kommt. Wenn wir schon mal hier sind, will ich auch
ein Autogramm", behauptet eine 70-Jährige ihren Platz am schwarz-gelben
Sperrband. Aus dem Autogramm wurde nichts. Dazu hatte der Kanzler
auf seiner eiligen Sebnitz-Reise keine Zeit. Eine schnelle Begrüßung
zwischen OB Mike Ruckh und dem Blumenmädchen. Übergabe eines Erinnerungs-Gesteckes.
Dann fix in die Manufaktur, hinauf zum Museum, in den Pavillon
mit der größten Seidenrose, Zwischenstopp im Afrikahaus. Chef
Torsten Hinz sollte die Museumsidee im Freien anhand eines Modells
erläutern. Der junge Mann schaute ziemlich verdutzt, als sich
der Tross um Gerhard Schröder an ihm vorbeischob und sich gleich
auf das am 22. September eröffnende neue Museum zu bewegte. Auf
der fast menschenleeren Hertigswalder Straße ging es im Eilschritt
weiter Richtung Rathaus. Davor wurde Schröder schon von einigen
älteren Sebnitzern und einer kleinen Gruppe Gymnasiasten erwartet.
Er schüttelt wieder einige Hände und ist schnell an den Leuten
vorbei.
So erfährt er auch nicht, dass sie sich schon einen längeren Besuch
in der Stadt gewünscht hätten, um tatsächlich auch von der Problemen
in der Region, von der Arbeitslosigkeit, von fehlenden Ausbildungsplätzen
berichten zu können. Für Details fehlte dann auch während der
Ansprachen von Oberbürgermeister und Bundeskanzler im Ratssaal
die Zeit.
Allerdings: der "Fall Joseph" - weshalb Schröders Besuch in Sebnitz
auch mit Spannung erwartet wurde - kam kurz zur Sprache. In seinen
Äußerungen blieb der Kanzler gegenüber den Einwohnern behutsam.
Sebnitz sei mit der pauschalen Verurteilung "bitteres Unrecht"
geschehen. Zugleich warnte er vor rechtsradikalen Umtrieben in
Deutschland und forderte den "Bürgersinn" der Deutschen und gemeinsames
Handeln der Europäer gegen den Rechtsextremismus. Nach dem Manufaktur-Rathaus-Marathon
kurze Verschnaufpause.
In einem Zelt vor dem Ausflugslokal Finkenbaude wartete ein vom
Sebnitzer Hof ausgerichteter Imbiss mit verschiedenen Salaten,
Sächsischer Bergsteigerpfanne und Quarkkeulchen auf den Bundeskanzler.
Der Wirt der Finkenbaude sorgte für kühles Radeberger und alkoholfreie
Durstlöscher. "Was Besonderes wurde nicht bestellt", sagt Finkenbaudenwirt
Manfred Sonntag. Etwas aufgeregt schien er dennoch. Immerhin kommt
ein Kanzler ja nicht alle Tage auf den Finkenberg und nach Sebnitz.
up |
| Hamburger Morgenpost
Trotz falschen Verdachts: Stadt soll sich
gegen rechtsradikale Umtriebe wehren
Schröder in Sebnitz: Kein Canossa-Gang
Gestern der heikelste Tag auf der Sommerreise
von Kanzler Gerhard Schröder: Er besuchte die Stadt Sebnitz, die
im vorigen November durch den "Fall Joseph" ins Zwielicht geraten
war. Würde er sich entschuldigen?
Rückblende: Am 24. November 2000 veröffentlichten Zeitungen die
Geschichte vom kleinen Joseph, der von Rechtsradikalen im Schwimmbad
der sächsischen Kleinstadt ertränkt worden sein sollte. Joseph
war das Kind der örtlichen Apothekerfamilie Abdulla-Kantelbach.
Der Vater: ein Iraker. Die Geschichte wühlte die Nation auf, Schröder
lud Mutter Abdulla-Kantelbach, SPD-Mitglied, in die Berliner Parteizentrale
ein. Nicht als Kanzler, sondern als "ihr" Parteivorsitzender.
An jenem Montag aber waren bereits Zweifel an der Story aufgetaucht.
Schröder war vorsichtig: Es gab keine Zeugen der Begegnung. Erst
recht keine Fotos. Und keinen Kommentar. "Der Kanzler hat keinen
Grund nach Canossa zu gehen", hatte es schon vor Beginn der Sommerreise
aus seiner Umgebung geheißen. Er müsse sich bei den Sebnitzern
für nichts entschuldigen. Würden sie ihn mit Pfiffen und Buhrufen
empfangen? Nichts davon. Keine Proteste, nicht die leiseste Missfallenskundgebung.
Ein Schild wurde ihm entgegen gehalten: "Alles Unglück hat ein
Ende, jetzt kommt die Wende." Der Kanzler besichtigte zuerst die
Seidenmanufaktur. Dann ein Besuch bei CDU-Oberbürgermeister Mike
Ruckh im Rathaus.
Die zu Unrecht in Verdacht geratenen Bürger täten Recht daran,
"nicht in die Vergangenheit zu schauen, sondern nach vorne", sagte
Schröder. Es sei gut, dass sich die Medien entschuldigt hätten.
"Der Stadt Sebnitz ist durch eine pauschale Verurteilung bitteres
Unrecht angetan worden." Doch dann wurde er deutlich: Die Zahl
der Rechtsradikalen sei unübersehbar, die Bürger müssten sich
wehren. Auch wenn sich die Geschichte vom ermordeten Joseph als
falsch erwiesen habe, dürfe "das, was hier in Sebnitz vorgefallen
ist, nicht davon ablenken, dass wir solche Formen von Gewalt haben".
Eine Anspielung darauf, dass das südöstliche Sachsen dank Neonazi-Organisationen
wie die "SSS" (Skinheads Sächsische Schweiz) nach wie vor ein
Zentrum des Hasses ist. Die Wagenkolonne des Kanzlers fuhr weiter
in Richtung tschechische Grenze, an der Apotheke vorbei. Die Familie
Abdulla-Kantelbach ist längst weggezogen und glaubt als einzige
noch, dass ihr Joseph tatsächlich durch Neonazis zu Tode kam.
up |
| Potsdamer Neueste Nachrichten
Ohne Pardon
Der Kanzler hatte im Herbst Josephs Eltern empfangen - die Sebnitzer
hatten nun auf eine Distanzierung gehofft
Ralf Hübner
Es waren keine Sebnitzer, die in den Genuss
kamen, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als Erste die Hand
zu schütteln. Der Kanzler war gerade seiner dunklen Limousine
entstiegen, als er auch schon auf die Gruppe wackerer Senioren
aus Dortmund zusteuerte, die der Seidenblumenmanufaktur einen
Besuch abstatten wollten, dem hohen Gast aus Berlin aber den Vortritt
lassen mussten. Auch Minuten später vor dem Rathaus hatte der
Kanzler mit seinem Bad in der Menge Pech. Diesmal geriet er an
eine Reisegruppe aus Leipzig. Die Einheimischen sind eher rar.
Es ist Markttag in Sebnitz, und die Leute haben zu tun. Das war
im Herbst vergangenen Jahres anders, die Meldung, Neonazis hätten
den sechsjährigen Joseph am helllichten Tag im Angesicht der Bevölkerung
ertränkt, erschütterte die Republik. Die Stadt stand unter Schock,
Sebnitz wurde ein Schimpfwort. Der Bundeskanzler spendete der
Mutter, Renate Kantelberg-Abdulla, in Berlin tröstende Worte.
Das Image der Stadt schien für immer zerstört. Wochen später besuchte
Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) die Stadt. Da vermochte
die Stadthalle den erzürnten Bürger kaum genug Platz zu bieten.
Mit den Touristen scheint die Normalität zurückgekehrt. Die Stadt
habe für Werbeaktionen tief in ihre Taschen gegriffen, heißt es.
Doch die Ereignisse des Herbstes sind unvergessen. Der Bundeskanzler
habe jetzt die Möglichkeit, "sein unglückliches Agieren" von damals
zu revidieren, sagt Bürgermeister Mike Ruckh. Der Stadt sei durch
die pauschale Verurteilung großes Unrecht geschehen, räumt Schröder
beim Empfang im Rathaus ein und verweist auf die Medien, die nicht
mit ausreichender Sorgfalt recherchiert hätten. "Glücklicherweise"
seien die Vorgänge ja nun aufgeklärt, jetzt müsse nach vorn geschaut
werden. Alle trügen Verantwortung, rechtsradikalen Umtrieben zu
wehren. Auf die erhoffte Entschuldigung des Kanzlers wartet Ruckh
vergeblich. Er habe mit Renate Kantelberg eine Frau empfangen,
die ihren Sohn verloren habe, sagt Schröder. Wer wolle ihm das
vorwerfen? "Elegant", nennt es der hoch gewachsene Bürgermeister
Ruckh später, wie Schröder den Punkt umschifft habe. Politikern
fehle es eben meist an Größe, Fehler einzugestehen. Die Staatsanwaltschaft
hat die Ermittlungen nach fast neun Monaten eingestellt. Doch
die Eltern des kleinen Joseph glauben offenbar noch immer, dass
ihr Sohn ermordet wurde. Das grün gestrichene Haus der Kantelbergs
liegt verlassen, die Apotheke hat geschlossen. Dem Vernehmen nach
wollen die Kantelbergs wegziehen, die wirtschaftliche Lage der
Familie sei schwierig, doch für ihre beiden Grundstücke habe sich
bislang kein Käufer gefunden. Selbst Bundespräsident Johannes
Rau soll die Sächsische Staatsregierung gebeten haben, zu helfen.
Vergeblich. Unterdessen ist das Apothekerhaus unweit des Marktes
ein Touristenmagnet geworden. Oft kämen die Leute, die fragen,
wo denn die Apotheke der Kantelberg-Abdullas sei, wird erzählt.
Dem Bundeskanzler indes blieb das Apothekerhaus verborgen. Nach
einer kleinen Runde auf dem Marktplatz war er schon auf dem Weg
zur nächsten Station.
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| Kieler Nachrichten 23.08.01
Schröder ruft zum gemeinsamen Kampf gegen
Rechts auf
Kanzler in Sebnitz freundlich empfangen
Sebnitz (AP) Bundeskanzler Gerhard Schröder
hat in Sebnitz zum gemeinsamen Kampf gegen Rechtsextremismus aufgerufen.
Gleichzeitig wandte er sich gegen die pauschalen Verurteilungen,
denen die Einwohner der südsächsischen Stadt im vergangenen Herbst
nach falschen Medienberichten über die Ermordung eines sechsjährigen
Jungen durch Rechtsradikale im städtischen Schwimmbad ausgesetzt
waren. Den Sebnitzer Bürgern sei "bitteres Unrecht" angetan worden.
Schröder wurde in Sebnitz betont herzlich empfangen; die erwarteten
Missfallensbekundungen blieben aus. Der Kanzler sagte bei einem
Empfang im Rathaus der Stadt, auch die Sebnitzer müssten sich
gegen jede Form rechtsradikaler Umtriebe wehren. Es müsse der
feste Wille erkennbar sein, zusammen mit allen anderen solchen
Entwicklungen entgegen zu treten. Den Bürgern sei durch die Medienberichte
im vergangenen Herbst Unrecht geschehen, betonte der Kanzler.
Er begrüßte, dass die Betroffenen sich öffentlich entschuldigt
hätten. Die zu Unrecht Beschuldigten täten Recht daran, "nicht
in die Vergangenheit zu schauen, sondern nach vorne". Oberbürgermeister
Mike Ruckh empfahl Sebnitz der besonderen Aufmerksamkeit des Bundeskanzlers
und stellte die rhetorische Frage, ob eine ganze Stadt in Verruf
geraten wäre, wenn vergleichbare Gerüchte in einem Dorf im Schwarzwald
aufgetreten wären. Die Medien rief er auf, keine "Leichtgläubigkeit
im Schlechten" zu praktizieren. Er plädierte für mehr direkten
Kontakt mit den Bürgern und Gelassenheit bei der Arbeit. Vor dem
Empfang im Rathaus hatte Schröder die Seidenblumenmanufaktur der
Stadt besucht. Damit wollte er die touristischen Werte der Stadt
herausstellen
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| Frankfurter Rundschau 23. August 01
Wahrheitsfindung
Kanzler Schröder besucht Sebnitz - und hätte den Sebnitzern auch
sagen können, dass es einfache Wahrheiten nicht gibt
Von Stephan Hebel
Das hat er gut gemacht, der Kanzler. Er
hat Sebnitz besucht, das Städtchen mit der tragischen Berühmtheit:
Hier starb der kleine Joseph beim Badeausflug, und hier entstand
die falsche Geschichte von seiner Ermordung durch Neonazis. Unrecht
sei der Stadt durch die pauschale Verurteilung im vergangenen
Jahr geschehen, hat Gerhard Schröder gesagt, aber: "Es ist richtig,
dass es rechtsradikale Umtriebe in Sebnitz gibt." Hat Schröder
also - das wäre ja mal was auf einer Sommerreise - der Wahrheitsfindung
gedient? In Maßen, soweit sich das sagen lässt bei einem Fall,
der fast so viele Wahrheiten kennt wie Akteure. Für manchen Sebnitzer
bestehen die "rechtsradikalen Umtriebe" nur aus "ein paar Schlägern".
Das ist ihre Wahrheit. In ganz Deutschland, das ist noch viel
eher wahr, hat die Zahl rassistisch motivierter Straftaten zugenommen.
Und Wolfgang Thierses Wahrnehmung, es mache sich wieder Überdruss
an der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus breit, hat
ebenfalls ihre Ursachen. Sebnitz ist überall, skandierten Antifa-Gruppen
damals, als sie und viele (nicht alle) Medien die Geschichte vom
Mord an Joseph allzu schnell für Wahrheit nahmen. Nimmt man aber
Sebnitz für den Wunsch, sich - fast blind für die traurige Wahrheit
vom Rechtsextremismus - eine heile Welt in die Tasche zu lügen,
dann ist es noch heute fast überall in diesem Land. "Alles Unglück
hat ein Ende, jetzt kommt die Wende", stand gestern auf einem
Schild. Schröder hätte den Sebnitzern auch sagen können, dass
es so einfache Wahrheiten nicht gibt.
Siehe auch das FR-Spezial /fr/spezial/rechts/index.htm|"Was tun
gegen rechts?"
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| Frankfurter Rundschau
Schröder wendet sich gegen Verurteilungen
SEBNITZ, 22. August (ap/dpa/afp).
Bundeskanzler Gerhard Schröder hat während
seiner Sommerreise am Mittwoch in Sebnitz zum gemeinsamen Kampf
gegen Rechtsextremismus aufgerufen. Das sei kein besonderes ostdeutsches
Problem. Es gehe über Deutschland hinaus und müsse mit den europäischen
Nachbarländern gelöst werden, hob der Kanzler hervor. Schröder
wandte sich auch gegen die pauschalen Verurteilungen, denen die
Bürger der südsächsischen Stadt im vergangenen Herbst nach falschen
Medienberichten ausgesetzt gewesen seien. Ihnen sei "bitteres
Unrecht" angetan worden. Sebnitz war durch den "Fall Joseph" als
vermeintliche Hochburg von Neonazis in die Schlagzeilen geraten.
Die deutsch-irakischen Eltern eines sechsjährigen Sohnes vermuteten,
dass ihr Kind im Beisein zahlreicher Zeugen von Rechtsradikalen
ermordet worden war, und machten den Fall öffentlich. Die inzwischen
eingestellten Ermittlungen ergaben jedoch, dass Joseph an Herzversagen
gestorben war. Schröder selbst wurde damals kritisiert, weil er
- als SPD-Vorsitzender - noch vor Abschluss der Ermittlungen Josephs
Mutter empfing. Als er am Mittwoch nach Sebnitz kam, rechtfertigte
er sich: Er habe nur einer Frau, die ihr Kind verlor, beistehen
wollen. Die erwarteten Missfallensbekundungen für Schröder blieben
aus, die Bürger empfingen ihn betont herzlich. Oberbürgermeister
Mike Ruckh stellte die rhetorische Frage, ob eine ganze Stadt
in Verruf geraten wäre, wenn es vergleichbare Gerüchte etwa im
Schwarzwald gegeben hätte. Man müsse aber in die Zukunft blicken
und vor allem Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region schaffen.
Dass das Image von Sebnitz dauerhaft geschädigt sei, glaube er
nicht.
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