| 11. 03. 2002 Sächsische Zeitung (Seite3)
Ein ungewöhnliches
Zweckbündnis
Die alternative Jugendgruppe "Jumawa" verhandelte mit Skinheads,
damit die ein Konzert nicht stören
Helge Bendl Derrick passt auf. Als lebensgroße
Pappfigur steht er auf der Bühne. Die Band "Schlappseil" hat ihn
mitgebracht. Der Fernseh- Kommissar hat ein wachsames Auge auf
alles, was in der Sebnitzer Stadthalle passiert. Ein ganz normales
Rock-Konzert an einem ganz normalen Sonnabend, möchte man meinen.
Dabei waren sich die Organisatoren der Gruppe "Jugend macht was"
(Jumawa) bis Donnerstag nicht sicher, ob es überhaupt stattfinden
würde - es gab nämlich Drohungen aus der rechten Szene. Deswegen
hatten sie sich im Vorfeld mit den Glatzköpfen zusammengesetzt
und ihnen klar gemacht: Passiert etwas, dann wird hier niemand
mehr Band-Auftritte für junge Leute organisieren dürfen. Das ungewöhnliche
Zweckbündnis funktionierte.
Am Ende will es niemand mehr gewesen sein.
Und niemand scheint zu wissen, wer die "Nationalisten" auf einer
einschlägigen Internetseite - garniert mit dem Bild eines ausgestreckten
Mittelfingers - dazu aufgerufen hat, an dem "Konzert mit eindeutig
linkslastigem Publikum teilzunehmen". Sie seien es nicht gewesen,
versichern die Rechten aus Sebnitz. Doch die Drohung nahmen in
der vergangenen Woche nicht nur die Aktivisten von Jumawa ernst
- in der Gegend ist die Gefahr einer solchen Konfrontation anscheinend
allgegenwärtig. Auch die Stadt, sagt Jumawa-Mitarbeiter Holger
Bartz, habe Sicherheits-Bedenken geäußert. Erst am Donnerstag
abend habe ihm dann Oberbürgermeister Mike Ruckh zugesichert,
dass das Konzert stattfinden dürfe. Also erst, als die Neonazis
signalisierten: Wir lassen Euch in Ruhe.
Das Konzert als letzte Chance für die Jugend
"Eigentlich wäre es ja Sache der Stadt gewesen,
das zu klären. Ich hätte mir mehr Vertrauen gewünscht", sagt Holger
Bartz. Zu sehr schimpfen will er dann aber doch nicht, denn schließlich
habe die Verwaltung der Gruppe ja die Stadthalle zur Verfügung
gestellt. Doch dass die Rechtsextremen das Bandkonzert nicht stören
würden, musste Jumawa im Vorfeld dann schon selbst aushandeln.
Ein wenig mehr Mut hätten sich die Jugendlichen schon von der
Verwaltung gewünscht: "Man sagt ja auch nicht den Tag der Sachsen
ab, nur weil sich Rechte ankündigen."
Mit einigen Neonazis von verschiedenen Gruppen
hatte sich Bartz deswegen an den Tisch gesetzt und ihnen klar
gemacht: "Von unserer Seite wird nichts passieren, wir werden
Euch nicht provozieren. In Sebnitz ist nichts los für Jugendliche.
Wenn ihr unser Konzert stört, dann wird sich daran auch nichts
ändern." Und das, meint der junge Mann, wolle doch wirklich keiner
der Jugendlichen in der Stadt, egal ob rechts oder links. Es hat
geklappt. Zwar rücken am Sonnabendabend rund 30 Glatzköpfe in
der Stadthalle an und quittieren die Auftritte der drei alternativen
Bands mit einem demonstrativ müden Lächeln. Doch außer einigen
kritischen Blicken und Tuscheleien auf beiden Seiten passiert
nichts - auch die 170 überwiegend alternativen Jugendlichen bleiben
friedlich. "Nichts passiert", meldet auch die Polizei am Sonntag.
Derrick hat gut aufgepasst.
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