| Die Welt, 6. Dezember 2000
Der kollektive Irrtum
Der Tod des kleinen Joseph: Warum Sebnitz zum Lehrstück
über Journalismus wurde
Von Prof. Dr. Wolfgang Donsbach
Dresden - Der Tod des kleinen Joseph in
einem Schwimmbad im sächsischen Sebnitz wandelte sich innerhalb
weniger Tage von einem politischen zu einem medienpolitischen
Thema. Aus dem Verdacht kollektiven Mordes wurde plötzlich
ein Fall von mutmaßlicher Täuschung der Justiz und
der Presse. Ein radikaler Wechsel der Perspektive in einem von
Anbeginn undurchsichtigen Sachverhalt.
Ob die jetzt allenthalben geäußerte
und publizierte Perspektive der Wahrheit näher kommt, kann
niemand mit Sicherheit sagen. Sicher ist aber, dass sich die meisten
deutschen Medien zu früh und zu einseitig auf eine Version
der Ereignisse von 1997 einließen. Sie haben damit bei ihren
Lesern und Zuschauern - und in Folge beim Publikum der Auslandsmedien,
die dies natürlich aufgriffen - Wahrnehmungs- und Meinungsprozesse
ausgelöst, die zu einem großen Teil nicht mehr rückholbar
sind.
Wie konnte es kommen, dass auch die seriösen
Medien so bereitwillig Behauptungen mit der Aura der Wahrheit
druckten und sendeten, die erstens den bis dahin vorliegenden
offiziellen Ermittlungen widersprachen, zweitens auf recht zweifelhaften
Zeugenaussagen aufbauten und drittens insgesamt - selbst unter
der Voraussetzung erhöhter rechtsradikaler Tendenzen im Osten
- höchst unwahrscheinlich klangen?
Am Fall Sebnitz lassen sich wie im Brennglas
Arbeits- und Entscheidungsprozesse im Journalismus beschreiben,
vor allem diejenigen, die häufig zu Fehlurteilen und Verzerrungen
führen. Der kollektive Irrtum der Medien beruhte auf der
Kombination einer Vielzahl von Faktoren des Sachverhalts und des
Journalismus. Deren Mixtur hat vermutlich den Ausschlag gegeben.
Das Ereignisprofil: Das Phänomen Rechtsradikalismus
war erstens durch vorangegangene Ereignisse generell thematisiert.
Aus der Forschung über Nachrichtenauswahl ist bekannt, dass
Themen, über die bereits vorher viel berichtet wurde oder
zu denen es besondere "Schlüsselereignisse" im Vorfeld gab,
eine überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit haben, beachtet
zu werden. Dies war hier der Fall. Zweitens hatte der Tod des
kleinen Joseph alle übrigen Merkmale eines Ereignisses mit
hohem Nachrichtenwert. Dazu gehören sein Negativismus, die
Personalisierung, also die Bedeutung handelnder Personen, und
vor allem seine hohe Faktizität: Er war anschaulich und gut
darstellbar in Worten und in Bildern.
Hinzu kam drittens die spezielle Erwartung,
dass der Osten Deutschlands einen Hort an Rechtsradikalen darstellt
- je östlicher um so radikaler. Durch die Behauptungen der
Eltern wurde somit ein fertiger Bezugsrahmen bedient. Dieser Bezugsrahmen
war sogar resistent gegen die Alltagserfahrung, dass - trotz der
statistisch tatsächlich stärkeren rechtsextremen Tendenzen
im Osten - wohl kaum Hunderte von Bürgern einen Mordfall
decken.
Letzteres bedeutete dann aber, viertens,
gerade einen qualitativen Sprung im Phänomen Rechtsradikalismus.
Die erste Version beinhaltete nämlich den Verdacht, die Bürger
einer ganzen Stadt und zusätzlich Polizei und Staatsanwaltschaft
seien zu Mittätern geworden. Dieser Aspekt verlieh dem Fall
bei einem Journalismus, der sich traditionell als Kontrollinstanz
gegenüber Herrschaft versteht, oberste Priorität.
Schließlich, fünftens, folgte
der Fall einem einfachen, daher relativ leicht vermittelbaren
und eingängigen Schema: Eine Familie, bei der der Vater aus
dem Ausland und die Mutter aus dem Westen stammen, kämpft
gegen einen gleichgültigen bis kriminellen Staat vergeblich
um ihr Recht! Sie muss es dann auf eigene Faust versuchen. Es
ist das Schema, mit dem unzählige Hollywood-Filme ihr Geld
verdienen, angereichert durch die Elemente der Ausländerfeindlichkeit
und des Stereotyps von Ostdeutschen ohne demokratische Werte.
Diese besonderen Merkmale des Falles trafen
auf mehrere Eigenschaften des Journalismus. Erstens sind Journalisten
gegenüber dem Phänomen Rechtsradikalismus besonders
aufmerksam, weil sie sich selbst überwiegend politisch links
verorten. Dieser Faktor hat aber im Fall Sebnitz eine eher untergeordnete
Rolle gespielt, was man daran erkennen kann, dass auch konservative
Qualitätszeitungen die sich später als falsch herausstellende
Berichterstattung mitgetragen haben.
Zweitens sehen sich die deutschen Journalisten
mehr als beispielsweise ihre angelsächsischen Kollegen (Ausnahme:
englische Boulevard-Presse) in einer politisch-aktivistischen
Rolle. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass sie in Umfragen
etwa dreimal so häufig wie US-amerikanische oder britische
Kollegen angeben, sie wollten sich in ihrem Beruf für bestimmte
Werte und Ideen einsetzen. In Fällen, in denen sie diese
Werte verletzt sehen, engagieren sie sich besonders stark und
werden selbst Partei für oder gegen eine bestimmte Sache.
Wenn man selbst Partei ist, kann man die Dinge weniger neutral
und distanziert betrachten. Das eigene Urteilsvermögen ist
in solchen Fällen eingeschränkt. Untersuchungen beweisen,
dass dies auch für die journalistische Recherche und Berichterstattung
gilt. Der Fall Sebnitz hatte alle Elemente, die den Journalismus
in solchen Situationen "anspringen" ließen.
Drittens gibt es im deutschen Journalismus
eine vergleichsweise geringe redaktionelle Kontrolle. Wiederum
aus der Forschung wissen wir, dass in angelsächsischen Nachrichtenredaktionen
viel häufiger als in deutschen Medien Berichte von einem
Vorgesetzten geändert oder zurückgegeben werden, zum
Beispiel um die Faktengenauigkeit zu verbessern oder den Bericht
ausgewogener zu gestalten. Dahinter steckt eine historisch gewachsene,
unterschiedliche professionelle Kultur des Berufs: In Deutschland,
wie vermutlich in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern,
ist der Medieninhalt in erster Linie das individuelle Produkt
einzelner Journalisten, im angelsächsischen das gemeinsame
Produkt verschiedener Arbeitsrollen. Dies verleitet bei uns dazu,
dem Urteil des einzelnen Korrespondenten mehr Gewicht zu verleihen,
seiner Sicht der Dinge zunächst einmal zu folgen, auch wenn
sie in der Zentrale Zweifel hervorruft.
Viertens sind Journalisten in der schwierigen
Lage, dass sie in unklaren Situationen unter Zeitdruck Entscheidungen
treffen müssen. Dabei handelt sich um Faktenentscheidungen
(was ist richtig?), Relevanzentscheidungen (was ist wichtig?)
und Wertentscheidungen (was ist gut oder schlecht?). Die Wahrheit
bietet sich ihnen selten kristallklar an. In der Sozialpsychologie
bezeichnet man Situationen, in denen es keine objektiven Handlungskriterien
gibt, als "unbestimmt". Die Forschung zeigt, dass Menschen in
solchen Fällen in der Regel durch Interaktion mit anderen
versuchen, zu einem Urteil zu kommen. Die Interaktion ist unter
Journalisten trotz der bestehenden Konkurrenz besonders ausgeprägt.
Auch Sebnitz war eine solche "unbestimmte
Situation". Über Wochen hatten verschiedene Journalisten
recherchiert, das angeblich belastende Material von der Familie
ausgehändigt bekommen und sollten nun entscheiden, ob sie
damit an die Öffentlichkeit gehen oder nicht. Der intensive
Kontakt mit Kollegen führte zu dem Kollektivurteil, dass
die Version der Familie wohl glaubwürdig sei. Als eine Boulevardzeitung,
nach wiederholter Prüfung der Unterlagen, vorgeprescht war,
brach der Damm auch beim Rest der Medien.
Schließlich, fünftens, kennen
oder bedenken Journalisten meistens nicht die Wirkungselemente
ihrer Berichterstattung. Aus der kommunikationswissenschaftlichen
Forschung ist bekannt, dass beispielsweise die Tendenz von Überschriften
einen großen und feine sprachliche Differenzierungen im
Text nur einen geringen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Artikels
durch den Leser haben. Viele Beiträge zu Sebnitz waren im
Text vorsichtiger und sachlicher formuliert als in der Schlagzeile.
Die Redakteure bedachten aber nicht die Wirkungsunterschiede.
Viele Korrespondenten meinten, die Distanz zu den berichteten
Anschuldigungen durch die Verwendung des Konjunktiv zu wahren.
Sie ahnten nicht, dass dies in der Wahrnehmung weitgehend irrelevant
ist.
Sebnitz ist ein Lehrstück für
Journalismus. Es sollte die Berufsangehörigen dazu motivieren,
sich stärker mit den teilweise unbewussten und unbekannten
Grundlagen des eigenen Denkens und Handelns zu beschäftigen.
Die Folgen von Medienberichterstattung sind - nicht nur in diesem
Fall - zu gravierend, um Sebnitz als kleinen Betriebsunfall abzutun
und zur Tagesordnung überzugehen. Die Presse geht auch mit
den Fehlern anderer nicht zimperlich um.
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