| jungle world 20 / 2001 vom 09. Mai
2001 Immer
im Dienst
Im April ist ein junger Vietnamese
auf der Flucht vor Bundesgrenzschützern an der sächsischen
Grenze ums Leben gekommen.
von dominique john, bautzen
Hier, auf dem Gelände des Asphalt-Mischwerks,
ist es geschehen. Da hinten, im Wald, liegt der alte geflutete
Steinbruch, erzählt ein Arbeiter. Dort habe man den Mann
tot im Wasser schwimmend gefunden. Nein, er selbst wisse von nichts,
er wundere sich nur, wie man da reinfallen könne, der Steinbruch
sei doch umzäunt.
Der Lärm der Mischanlage lässt
sofort nach, wenn man sich in die Nähe des Steinbruchs begibt.
Irgendwie scheint der tiefe Graben den Schall zu schlucken. Zwischen
den Bäumen, die am Rand des Steinbruchs stehen, sind zur
Sicherung zwei Kabel gespannt. Wenn man darüber steigt, wird
es gefährlich. An einer Stelle sind die Kabel durchgeschnitten.
Das war vermutlich die Feuerwehr, die den Toten abtransportieren
musste.
Von hier geht es senkrecht hinunter, acht
bis zehn Meter dürften das sein. Unten sieht man Wasser,
dessen Tiefe nicht zu schätzen ist. Das muss die Stelle sein:
Zwei weiße Einweghandschuhe, wie sie von Rettungssanitätern
benutzt werden, liegen noch da. Außerdem die Gebrauchsanweisung
einer Rettungsdecke und eine Zahnbürste, original verpackt.
»Made in Czech Republic« steht auf der Rückseite.
Hier ist der 25jährige Vietnamese auf der Flucht vor der
Polizei und dem Bundesgrenzschutz (BGS) am frühen
Abend des 18. April verunglückt. »Rücken- und
Lungenprellungen aufgrund eines Sturzes aus drei bis zehn Metern
Höhe und geringe Ertrinkungserscheinungen«, zitiert
die Pressesprecherin der Polizeidirektion Bautzen, Petra Kirsch,
aus dem Obduktionsbericht.
Schmölln-Putzkau heißt der Ort
im ostsächsischen Grenzgebiet. Ungefähr 40 Kilometer
sind es von hier nach Dresden, 20 Kilometer nach Tschechien. Das
Asphalt-Mischwerk liegt auf einem bewaldeten Hügel zwischen
den beiden Gemeinden, die durch eine holprige, schmale Straße
verbunden sind. Die Gegend gehört zu jenem Gebiet, das das
Bundesinnenministerium als »Brennpunkt der illegalen Einreise«
bezeichnet. Zumindest stiegen hier, im sächsischen Teil der
deutsch-tschechischen Grenze, die vom BGS veröffentlichten
»Aufgriffszahlen« illegal Eingereister seit 1998 deutlich
an.
Im Sommer fliege hier jede Nacht der Hubschrauber
des BGS, erzählt eine Anwohnerin aus Schmölln. Das sei
laut und manchmal ärgerlich, diene aber, so ihre Meinung,
der Sicherheit aller. Von ihrem kleinen Haus kann man auf den
Hügel mit dem Asphalt-Mischwerk blicken. Nein, von der Fluchtgeschichte
weiß sie nichts zu berichten, da sei sie nicht zu Hause
gewesen. Aber andere in der Straße wüssten Bescheid,
und natürlich habe man viel darüber gesprochen.
Einer, der sich gut erinnern kann, ist Henri
B., 40 Jahre, von Beruf Feuerwehrmann. Es war so gegen 18.30 Uhr,
mit einem Freund arbeitete er gerade in seinem Garten. Plötzlich
sei ein weißer VW-Transporter, dicht gefolgt von einem Geländewagen,
mit hoher Geschwindigkeit auf das abschüssige Feld gegenüber
seinem Haus gefahren. Sie hätten erst an Jugendliche gedacht,
bis jemand um Hilfe rief. Der Rufende sei einem anderen Mann nachgerannt,
habe ihn dann eingeholt und zu Boden
geworfen. »Ich habe schon ganz schön gestaunt«,
erinnert sich B. Sie seien dann auf das Feld gelaufen, dort sah
B., dass der VW-Transporter gegen einen Baum gefahren war. Im
hinteren Teil des Fahrzeugs lagen eine Frau und zwei Männer
mit zum Teil schweren Verletzungen. Der Feuerwehrmann leistete
erste Hilfe, ein anderer Anwohner informierte über Handy
die Polizei und rief einen Krankenwagen.
Der Mann auf dem Boden war zwischenzeitlich
fachmännisch gefesselt worden. Der Verfolger, bei dem es
sich um den Fahrer des Geländewagens handelte, entpuppte
sich später als Bereitschaftspolizist. Er trug weder eine
Uniform, noch war er bewaffnet, auch hatte er kein Funkgerät
oder Handy bei sich. Später wurde B. klar, dass der Mann
außer Dienst gewesen sein musste. Es dauerte eine Weile,
bis der Krankenwagen, die Polizei und der BGS am Unfallort eintrafen.
Der Polizist erzählte B. davon, dass noch
mehr Leute im VW-Transporter gesessen hätten, die aber weggerannt
seien. »Er wollte, dass ich mit ihm gehe, um die anderen
zu verfolgen, das habe ich aber abgelehnt, damit wollte ich nichts
zu tun haben.«
Die anderen, das waren sieben Vietnamesen.
Bevor der Transporter verunglückte und gegen den Baum fuhr,
war es ihnen gelungen, aus dem Wagen zu springen. Was davor geschah,
lässt sich den dürftigen Auskünften der Polizeidirektion
Bautzen kaum entnehmen. Nur so viel: Auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums
in Sebnitz sei dem
Bereitschaftspolizisten das Fahrzeug aufgefallen, weil die Zulassung
auf dem Nummernschild abgelaufen war. Der Beamte habe sich ausgewiesen
und das Fahrzeug kontrollieren wollen. Dazu sei es aber nicht
gekommen, da der Transporter plötzlich losgefahren sei. Der
Polizist nahm mit seinem privaten Geländewagen die Verfolgung
auf.
Rund 30 Kilometer fuhr der offensichtlich
vom Jagdfieber gepackte Mann dem mit elf Personen besetzten Transporter
nach. Die Jagd führte von Sebnitz über Hohwald nach
Steinigwolmsdorf, bis Putzkau und dann Richtung Schmölln.
Wegen Bauarbeiten an der Strecke ist der Ort nur über eine
Umgehungsstraße zu erreichen. Nimmt man den direkten Weg,
wie es der Fahrer des VW-Transporters tat, ist am Ortseingang
zu Schmölln die Fahrt zu Ende.
Ebenso ungeklärt wie der Ablauf der
privaten Verfolgungsjagd ist der Verlauf dessen, was sich am Abend
im Wald um das Asphalt-Mischwerk abspielte. B. glaubt sich erinnern
zu können, dass eine Gruppe von ungefähr 20 Polizeibeamten
eintraf. Das müsse so gegen 19.30 Uhr gewesen sein, bestätigt
eine Nachbarin, die auf die ganze Sache erst aufmerksam wurde,
»als die da oben schon gejagt haben«.
Dietmar Kottwitz, der Pressesprecher des
zuständigen Bundesgrenzschutzamtes in Pirna, bestätigt,
dass sich der BGS »im Zuge der Nachsuche an der Aktion beteiligt«
habe. Jedoch will Kottwitz nur von fünf oder sechs eingesetzten
Beamten und ein bis zwei Hunden etwas wissen. B. wiederum spricht
von mindestens vier Hunden, von großer
Aufregung, vom Lärm des Polizeihubschraubers, der immer wieder,
bis in die Dunkelheit hinein, über dem Waldstück kreiste.
»Wie bei einer Treibjagd ist hier ein Mensch zu Tode gehetzt
worden.«
Aber auch zum Verlauf der weiteren Verfolgungsjagd
liegen dem Grenzschützer Kottwitz »keine Erkenntnisse
vor«. Er verweist auf die Pressemitteilung der Polizeidirektion
Bautzen. Darin heißt es lapidar: »Im Rahmen der Suchmaßnahmen
durch Kräfte des Bundesgrenzschutzes wurde dann festgestellt,
dass ein geflüchteter Vietnamese in einen Steinbruch gestürzt
war. Durch diesen Sturz verletzte er sich tödlich. (...)
Insgesamt konnten noch fünf weitere Personen gestellt werden.«
Ein sechster Flüchtling wurde am nächsten Morgen von
einer Polizeistreife in Putzkau aufgegriffen und verhaftet.
Doch auch hierüber wollen die zuständigen
Polizei- und BGS-Sprecher keine Auskünfte erteilen. Bei der
Polizeidienststelle Bautzen ist zu erfahren, dass weder der Bereitschaftspolizist
noch die anderen Beamten sich zu dem Einsatz äußern
wollen. Und Hartmut Schindler, leitender Oberstaatsanwalt in Bautzen,
sieht »keine Veranlassung, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten«.
Das heißt, der Fall ist abgeschlossen.
Übrig bleibt ein Toter, von dem die
Polizei inzwischen bekannt gegeben hat, dass er identifiziert
werden konnte und aus der Provinz Quang Binh in Vietnam kommt.
Der tschechische Fahrer des Fluchtfahrzeuges sitzt in Untersuchungshaft.
Ihm droht ein Verfahren nach Paragraf 92a des Ausländergesetzes,
der die Unterstützung illegaler Einreise unter Strafe stellt.
Bis auf eine Ausnahme wurden die Flüchtlinge
am Tag, der auf die Jagd folgte, nach Tschechien abgeschoben.
Einer der Vietnamesen, dem es nicht gelungen war, vor der Kollision
aus dem Auto zu springen, hatte sich einen Beckenbruch zugezogen
und war ins Kreiskrankenhaus Bischofswerda eingeliefert worden.
Sechs Tage später holten BGS-Beamte ihn dort ab - zur Abschiebung.
Doch die tschechischen Behörden verweigerten wegen gesundheitlicher
Bedenken das »Rückschiebegesuch«, wie es im
entsprechenden Beamtendeutsch heißt.
Um zu verhindern, dass sich der Vietnamese
seiner Abschiebung noch entzieht, sei er nun in einem Haftkrankenhaus
untergebracht, erklärt Grenschützer Kottwitz.
Der Autor ist Mitarbeiter der Forschungsgesellschaft
Flucht und Migration (FFM).
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