| rassistische
normalität angreifen!
freiheit für tung!
english version: racist standards under
attack >>>
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Am 9. Dezember 2000 hat Tung,
ein 15jähriger Vietnamese, im Verlauf einer Auseinandersetzung
mit Faschisten den 20jährigen Neonazi Matthias F. mit einem
Messer getötet und einen weiteren Nazi schwer verletzt. Dem
voraus gegangen ist ein rassistischer Angriff auf dem Weihnachtsmarkt
im sächsischen Bernsdorf, bei dem die Nazis den Stand von
Tungs Familie angegriffen und ihn bedroht haben. Tung sitzt im
Moment in Untersuchungshaft im Abschiebeknast in Görlitz
und ist im schlimmsten Fall von doppelter Repression betroffen:
ihm drohen - wie vielen anderen migrantischen Häftlingen
auch - u.U. sowohl Haft als auch Abschiebung.
eine
kleine stadt in sachsen
Was in Bernsdorf darauf hin passiert
ist, stellt eine typische Reaktion auf Ereignisse dar, bei denen
migrantischer Widerstand sichtbar und effektiv wird. Das städtische
Ansehen bzw. die ungestörte, deutsche (Volks-) Gemeinschaft
steht im Vordergrund fast jeglicher Äußerung und Besorgnis.
Die Mehrheit der (Ost-)Deutschen, in diesem Fall die Bernsdorfer,
halluzinieren sich wie üblich als die eigentlichen Opfer. In
ihrer verzerrten Wahrnehmung ist der Osten schon zu sehr von den
vermeintlich antifaschistischen West-Medien "gebrandmarkt". Das
Wort "Sebnitz" hängt sozusagen wie ein Damoklesschwert über
Bernsdorf und soll auf keinen Fall seinen Fluch über eine "friedliche",
ostdeutsche Kleinstadt bringen.
So wendet sich bspw. der Bürgermeister Menzel entschieden gegen
rechte Symbole, Rufe oder Ausschreitungen während des Trauermarsches
für den toten Matthias F., weil "wir Bernsdorfer wollen doch
hier Ruhe haben. Wenn jemand dieses Bild stört, ist das doch
nur zum Schaden des Gesamtanliegens". [Lausitzer Rundschau - Rundschau
für Hoyerswerda (Internet-Ausgabe), 16.12.2000]. Wessen Gesamtanliegen
er damit meint, läßt sich nur erraten. Schließlich
haben alle vietnamesischen EinwohnerInnen Bernsdorf nach dem Übergriff
aus Angst vor der Rache der Nazis umgehend verlassen. Der beschworenen
Ruhe wegen wendet er sich auch gegen eine Gedenktafel für den
toten Matthias F., für die so fleißig deutsche/Bernsdorfer
Unterschriften gesammelt wurden. Schließlich solle der Ort
kein "Wallfahrtsort" für Rechte werden. Bernsdorf soll in der
Öffentlichkeit nicht als "rechtes Nest" dastehen. Er verschweigt,
dass sich die lokale Nazi-Szene über mangelnden Zulauf ohnehin
nicht gerade beklagen kann. Aber wahrscheinlich hat jemand, der
sich selbst durch dumm rassistische Äußerungen hervortut
und scheinbar ganz ahnungslos im "Spiegel" fragt, ob es denn rassistisch
sei, "Fidschi" zu sagen [Der Spiegel, Nr.51, 2000], dafür ohnehin
jeden Blick verloren.
Diese Vorstellung von einem friedlichen Ort irgendwo in Sachsen,
der von außen bedroht wird, ist eine wiederkehrende Metapher
in vielen Aussagen. So wird in der Presse immer wieder von einem
Bernsdorfer Jungen gesprochen, der von einem vietnamesischen Jungen
(also Nicht-Bernsdorfer) erstochen wurde. Dieser Bernsdorfer gehörte
zwar der rechten Szene an, jedoch - so wird in relativierender und
entpolitisierender Weise stets betont - sei er ein durch und durch
"netter, lieber Junge" gewesen, der "immer hilfsbereit" war und
"nie groß aufgefallen ist". [Sächsische Zeitung - Hoyerswerdaer
Tageblatt (Internet-Ausgabe), 11.12.2000].
Der Nicht-Bernsdorfer (also der Vietnamese) Tung ist dagegen einer,
von dem einige plötzlich wissen, dass er ein pöbelnder
Schulschwänzer ist, dessen Auftreten in der Öffentlichkeit
schon mal dazu führte, dass er im Waldbad keinen Zutritt mehr
bekam [Lausitzer Rundschau - Rundschau für Hoyerswerda, 21.12.2000].
Kein Wunder also, dass er mit Messern um sich sticht.
Ebenso ist die Reaktion auf den Wegzug aller Bernsdorfer Vietnamesischen
Familien (oder auch die Feindseligkeit gegenüber der Presse)
zu bewerten. Es findet sich zwar teilweises Bedauern über den
Verlust der "voll integrierten" vietnamesischen FreundInnen der
Bernsdorfer Kinder. Jedoch hält sich dieses ansonsten in Grenzen.
So sind viele froh über die nun fehlende Konkurrenz auf dem
Wochenmarkt. Außerdem hatte man eh nicht viel miteinander
zu tun, wobei es scheinbar immerhin genügend Kontakt gab, um
beurteilen zu können, daß die Vietnamesen zwar "die ganze
Zeit Karten gespielt [haben], aber abends trotzdem volle Kassen"
hatten. [Lausitzer Rundschau - Rundschau für Hoyerswerda, 21.12.2000]
deutsche
normalitäten
Rassistische Pöbeleien, Übergriffe
und Morde sind deutsche Realität und Normalität. Für
alle, die "nicht weiß", "nicht deutsch" sind oder ohne deutschen
Pass hier leben oder auch in anderer Hinsicht der deutschen Norm
nicht entsprechen, heißt das, ständig Zielscheibe zu
sein. Wer als dieses "Fremde" oder "Andere" definiert wird, legt
die deutsche Mehrheitsgesellschaft fest. In dieser Sichtweise stellen
MigrantInnen keine eigenständig handelnden Subjekte dar, sondern
sie existieren hauptsächlich durch Zuschreibungen, Stereotypisierungen
und Projektionen von außen.
Was passiert nun, wenn etwas oder jemand diese Normalität durchbricht,
also einen gewissen Toleranzrahmen bzw. Zuschreibungen nicht beachtet,
sondern überschreitet?
Es wird einerseits die Allgegenwärtigkeit und Wirksamkeit rassistischer
Verhältnisse sichtbar gemacht, die erst Widerstände notwendig
machen. Andererseits wird diese Normalität bestätigt,
indem Widerstände von der deutschen Öffentlichkeit zu
etwas Störenden, nicht zur Normalität gehörigen,
Feindlichen gemacht werden. So werden sie zu etwas, das man kriminalisieren,
irrationalisieren und von sich selbst distanzieren kann und womit
man selbst nichts zu tun hat. Das schweißt zusammen.
Wenn sich dann jemand - wie in diesem Fall Tung - wehrt, scheint
für einen Moment dieses Verhältnis durchbrochen. Das "Opfer"
wird zum handelnden Subjekt. Jedoch werden solche Ereignisse - sofern
sie überhaupt wahrgenommen werden - in der Öffentlichkeit
häufig zu etwas gemacht, was herrschende Zustände eher
zementiert als hinterfragt. So ist die handelnde Person, die sich
gegen rassistische Zuschreibungen und Übergriffe wehrt, dann
doch wieder der/die kriminelle "Fremde", unberechenbar, irrational,
fanatisch. In dieser restlos paranoiden Sichtweise sind es die "Fremden",
die die Normalität, Frieden und Ruhe stören und nicht
der alltägliche Rassismus. Dieser Rassismus ist vielmehr fest
verankerter Bestandteil jener deutschen Normalität, wird aber
nicht als solcher wahrgenommen, sondern "ausgelagert" auf die Nazis.
So entsteht eines von vielen dominanten deutschen Bildern: hauptschuldig
an der Störung deutscher Normalität ist hiernach das "Fremde"
(z.B. Nichtdeutsche). Nazis werden nur sehr begrenzt dafür
verandwortlich gemacht. Sie sind "unbequem", weil sie den alltäglichen
Rassismus auf die Spitze treiben und nicht zu übersehen sind.
So stellen sie auf der einen Seite einen Störfaktor für
den (Wirtschafts-)Standort Deutschland dar, auf der anderen Seite
bilden sie eine Projektionsfläche für sämtliche rassistische
Verhaltensweisen der Mehrheitsgesellschaft, von denen diese sich
in der Regel zumindest öffentlich abzugrenzen versucht. Beides
- Stiefelnazis und rassistischer Mainstream - kann demnach nicht
isoliert betrachtet werden, es handelt sich vielmehr um zwei Seiten
einer Medaille. racism
sucks!
Uns geht es nun darum, diese Wirkungsweisen
zu durchbrechen. Wir wollen nicht Personen für politische Inhalte
instrumentalisieren. Aber gerade weil in der Regel die Art der Darstellung
migrantischen Widerstands in der Öffentlichkeit bestehende
rassistische Verhältnisse eher noch bestätigt, ist es
wichtig, nicht darüber zu schweigen, sondern uns zu solidarisieren
und diese Widerstände gegen die deutsche rassistische und antisemitische
Normalität in ihrem Kontext sichtbar zu machen. Sie legen für
einen Moment nicht nur ein Stück der Verhältnisse offen,
gegen die sie sich wenden. Sie zeigen vor allem, dass es sich nicht
nur um Objekte rassistischer Angriffe handelt, sondern gleichzeitig
um Subjekte, die darunter leiden und sich dagegen wehren.
Wir fordern nicht nur die sofortige Freilassung von Tung, sondern
den Gegenangriff auf die deutsche, rassistische Normalität.
Dazu gehört die alltägliche rassistische Produktion von
Bildern des "Anderen"/"Fremden" versus der "eigenen Identität"
genauso, wie die ebenso alltäglichen Übergriffe auf MigrantInnen
und v.a. auch die unzähligen Morde an denjenigen, die als nicht
zur "deutschen Volksgemeinschaft" zugehörig definiert werden.
Prozess
gegen Tung
Beginn: 15.5. im Landgericht Bautzen,
Lessingstr.6
Kundgebung: 15.5., 8.00 Uhr, Friedrich-Engels-Platz
(Bautzen)
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