Lokal-Presse nach der Demonstration in Bernsdorf / Ostsachsen
09. Dezember 01
(das war) GEGENGEWALT gegen Rassismus
gegen die deutsche gemeinschaft - freiheit für tung
Sächsische Zeitung (KAMENZ),
22.12.01
Bernsdorf. Der Bernsdorfer Bürgermeister
Eberhard Menzel (parteilos) hat mittlerweile die Anzeige gegen
die Organisatoren der Demonstration vom 9. Dezember erstattet.
"Ich habe Strafanzeige gestellt", sagte er am Donnerstag. Die
Beschimpfung der Bernsdorfer durch die Antirassistische Initiative
sei kein "kleinkindlicher Unsinn" gewesen, begründete er. (tm)
Lausitzer Rundschau (Hoyerswerda)
Freitag, 14. Dezember 2001
Bernsdorf zeigt die Demo-Initiatoren an
Kommentar:
Whow, da sind also die paar Zivilcouragierten Bernsdorferinnen
mitgelaufen nicht weil's Nest so unglaublich rechts ist, sondern
sie sind angeschmiert worden mit einer "vermeintlich friedfertigen
und politisch gehaltvollen Kundgebung" (Zitat Bürgermeister).
Nur schade, dass für den 16. Dezember, zum Neo-Nazis-Aufmarsch,
zu dem sich auch die NPD Dresden angekündigt hat, wieder
das Riesenloch an Liberal-Linker-Zivilcouragierten Positionen
auftut und es NIEMAND für nötig hält, sich gegen
Neo-Nazis auszusprechen.
Und dann soll es eine Beleidigung sein, Bernsdorf Nazi-Nest zu
nennen? (Es wurde übrigens von Rassisten-Nest gesprochen,
denn glücklicherweise bekennen sich nicht alle Bernsdorferinnen
als Nazis oder Neo-Nazis.)
Bernsdorf. Der Bernsdorfer Bürgermeister
Eberhard Menzel wird Strafanzeige gegen die Initiatoren der linken
Demonstration am Sonntag in seiner Stadt stellen. "Wir glauben,
dass mit den vielen Beleidigungen gegen unsere Bürger und mit
dem Aufruf, das gleiche zu tun wie Tung, der Straftatbestand der
Volksverhetzung erfüllt ist " , erläuterte Menzel seine Beweggründe.
Die Demonstration der Antirassistischen Initiative Dresden war
am Sonntag durch die Straßen der Stadt gezogen und hatte unter
anderem solche Parolen wie "Bernsdorf, du Nazinest, wir wünschen
dir die Beulenpest " skandiert und die Stadt als "braunes Kacknest
" bezeichnet. Menzel habe in den vergangenen Tagen viele Anrufe
von empörten Bürgern erhalten, die gefordert haben, diese Beleidigungen
nicht einfach hinzunehmen. "Besonders gravierend ist für mich
die Aufforderung einiger Demonstranten, sich genauso zu verhalten
wie Tung. Das ist die Aufforderung, andere Menschen zu verletzen
oder zu töten. "
Nachdem der Verwaltungsausschuss der Stadt am Dienstag erstmals
über die Absicht der polizeilichen Anzeige hörte, berät sich Menzel
heute noch mit dem Ältestenrat. Klar stellen will Menzel, dass
sich die Anzeige nur gegen die Initiatoren der Demonstration richtet,
und nicht gegen jene Menschen, die sich als überzeugte Antifaschisten
an einer vermeintlich friedfertigen und politisch gehaltvollen
Kundgebung beteiligen wollten. cw
Sächsische
Zeitung (Hoyerswerda), 12. Dezember 2001
Bernsdorf will Demonstranten verklagen
Kommentar:
Dem Bürgermeister ist wohl doch das wohlwollende Grinsen
nach dem Lob für seinen Umgang mit Neo-Nazis vergangen. Aber
viel Spass noch beim Genauesten Auswerten der Demo nach Klage-Verwertbaren
Inhalten!
Bernsdorf. Die Beleidigungen der linken
Demonstranten am letzten Wochenende sind den Bernsdorfern eindeutig
zu weit gegangen. Deshalb wollen "wir Strafanzeigen wegen Volksverhetzung
stellen", informierte Bürgermeister Eberhard Menzel (parteilos)
gestern den Verwaltungsausschuss der Stadt. Dessen Mitglieder
begrüßten den Vorstoß. Bevor die Klage eingereicht wird, will
sich Menzel allerdings weitere Rückendeckung sichern.
Die Bernsdorfer könnten sich nicht gefallen lassen, dass die Demonstranten
mit der Begrüßung "Hallo, ihr Nazis" ins Neubaugebiet der Stadt
eingezogen seien oder den Einwohnern die Pest an den Hals gewünscht
hätten, begründete der Bürgermeister die Klage. Sie richte sich
ausschließlich gegen die "extremen Parolenmacher" von der Antirassistischen
Initiative aus Dresden und nicht gegen die vielen Jugendlichen,
die aus guter Absicht mitgelaufen seien. Besonders scharf verurteilte
er die von den Demonstranten skandierte Losung "Vivat Tung". Man
könne nicht tödliche Messerstiche als Antwort auf eine Pöbelei
gutheißen, urteilte er.
Am letzten Wochenende hatten rund 130 linksorientierte Jugendliche
in Bernsdorf demonstriert. Sie erinnerten an die Geschehnisse
auf dem Weihnachtsmarkt vor einem Jahr, als ein junger, mittlerweile
rechtskräftig wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilter
Vietnamese ihrer Ansicht nach aus Notwehr einen rechtsorientierten
Bernsdorfer nach Pöbeleien tödlich verletzte. Sie wandten sich
gegen Rassismus, forderten zur Gegenwehr auf und verurteilten
Bernsdorf als "braunes Nest". (tm)
Dresdner Neueste Nachrichten
10.12.2001
"Wir wollen bloß unsere Ruhe"
Ein Jahr nach dem Tod eines Rechten auf dem Bernsdorfer Weihnachtsmarkt
demonstrierten in der Stadt die Linken
Bernsdorf. Die Zuschaueraufteilung an den
Straßenrändern erinnert an Friedensfahrt. Die meisten stehen in
der Kurve, wo man zumindest beim Radrennen am besten sieht, weil
in Biegungen langsamer gefahren wird. Ansonsten lässt an diesem
Adventsonntag in Bernsdorf wenig an Frieden denken. Das Denkmal
für die Gefallenen des 1. Weltkrieges wird flankierend geschützt
von je zwei für den Terrorkampf aufgerüsteten Polizisten, die
Plexiglasschutzschilde griffbereit. Zwischen sich und den etwa
200 Demonstranten haben sie eine dicht stehende Reihe weiterer
Uniformierter und vor denen wie eine Barrikade Stoßstange an Stoßstange
geparkte Polizeiautos. Die linken Demonstranten belassen es bei
"Nie wieder Deutschland" - Rufen. Ein Mann am Straßenrand sagt
kopfschüttelt: "Schämen sollen die sich". In der Kirche, vor der
das gerade frisch renovierte Kriegerdenkmal steht, ist ein kleiner
Weihnachtsmarktstand aufgebaut mit selbst gestrickten Socken,
umhäckelten Weihnachtskugeln, handgemalten Idyllebildchen. Eigentlich
sollten die Sachen auf dem Weihnachtsmarkt ein paar hundert Meter
weiter verkauft werden. Auf eben jenem Weihnachtsmarkt, auf dem
vor genau einem Jahr eine Auseinandersetzung zwischen zwei jungen
Männern, in späteren Berichten "Glatzen" genannt, und einem 15jährigen
Vietnamesen begann. Der Schüler fühlte sich gedemütigt, bedroht.
Er ging nach Hause, holte zwei Küchenmesser, stach die beiden
nieder. Einer starb. Vier Jahre Freiheitsentzug wegen Totschlags
lautet das Urteil gegen den Sohn eines vietnamesischen Händlers.
Ein Urteil, kein Schlussstrich.
Zum Jahrestag haben die "Antirassistischen Initiativen" Dresden
und Berlin zu einer Demonstration gegen rechte Gewalt und Rassismus
aufgerufen. Hunderte Polizisten riegeln die Stadt ab. Der Markt
bleibt zu. Die Händler haben Angst. Das ungewöhnliche Sonntagnachmittagprogramm,
das die Bernsdorfer von Fenstern, Balkonen und vom Gehsteig aus
skeptisch beäugen, aber ist weniger martialisch als sie es bei
ähnlichen Anlässen im Fernsehen gesehen haben. Keine Langhaarigen,
die sich mit akkorat Gescheitelten prügeln. Die aus der rechten
Szene Angereisten werden an Straßensperren schon außerhalb der
Stadt herausgewunken. Die hiesigen Sympathisanten, von denen die
meisten Bernsdorfer auch heute noch nicht sagen würden, sie seien
rechts, bleiben zu Hause. Einige von ihnen sind am Morgen zum
Grab des getöteten Matthias Förster gegangen, haben Blumen niedergelegt,
Kränze. Auf einer Schleife steht "Wir haben etwas Unersetzliches
verloren, Deine Kameraden". Nichts, was die Pfarrerin Angelika
Scholte-Reh wie noch vor einem Jahr zwingen könnte, die Schleifen
abzuschneiden. Auf einem Fürbittezettel in der Kirche hat ein
Freund des Toten seine Weihnachtswünsche geschrieben: "Der Matthias
soll wieder her". Im Neubaugebiet beobachtet ein Elfjähriger,
der viel zu klein für sein Alter ist, die Demo. Er ist knapp davor,
los zu heulen. "Der Matthias" sagt er, "war der beste Freund meines
Bruders". Das Kind trägt eine Bomberjacke. Vielleicht ist die
ja noch vom Bruder.
Wirklich hilft auch die Sonntagsdemo nicht. Die schwarz Gekleideten
mit den bunten Haaren und den radikalen Sprüchen sind den Einheimischen
fremder, als es je ein Vietnamese war, von denen nun keiner mehr
in Bernsdorf wohnt. "Was war denn vor einem Jahr?" fragt eine
ältere Frau, als sie den Text des Transparents liest, das an der
Spitze des Zuges getragen wird: "Das war der 9. Dezember 2000:
Gegengewalt gegen Rassismus, gegen die deutsche Gemeinschaft".
Irgendwie bringt die Frau den Text und die Ereignisse auf dem
Weihnachtsmarkt nicht zusammen. Und auch nicht alle Linken verstehen
sich an diesem Tag. "Ich bin auch links, aber ich verstehe nicht,
was ihr wirklich wollt?" schimpft Bürgermeister Eberhard Menzel,
als ein Mädchen aus dem Demonstrationszug den am Rand stehenden
fragt, warum er nicht mit marschiere. Das fragen die jungen Linken
lautstark untersetzt mit "Rassisten"-Rufen auch die Bernsdorfer,
die aus Fenstern und von Balkonen eines Plattenbaus schauen. Es
hätte auch so gut gepasst, der Plattenbau und die Weggucker. Nur,
und das können die angereisten Demonstranten nicht wissen, in
diesem Block wohnen vorwiegend Russlanddeutsche. Und die haben
vor Rechten mindestens genauso viel Angst.
Die Rechten im Ort sind stärker geworden, meint die Pfarrerin.
Als nach fast einem Jahr wieder ein Asia-Imbiss geöffnet wird
in Bernsdorf, ist am nächsten Tag die Fensterscheibe eingeschlagen.
Auch der Döner-Laden, der bisher immer verschont wurde, bekommt
einen Stein ab. Zum Jahresende wird der einzige Jugendklub im
Ort geschlossen. Auf die Frage, ob die Berichte über Rechtsradikalismus
nicht Gespräche mit Investoren schwierig machte, sagt der Bürgermeister
: "Investoren kommen so und so nicht". Ob am kommenden Sonntag
die Rechtsradikalen tatsächlich wie angekündigt nach Bernsdorf
kommen, um einen Trauermarsch für Matthias Förster zu zelebrieren,
weiß man noch nicht genau. Geübt haben sie gestern schon mal in
Dresden, als sie die Abfahrt der linken Demonstranten zu verhindern
suchten. Ein Beobachter am Bernsdorfer Straßenrand danach befragt,
was er von linken und rechten Demonstrationen in seiner Stadt
hält, sagt: "Die sollen alle weg bleiben. Wir wollen bloß unsere
Ruhe".
Heidrun Hannusch
up
Sächsische Zeitung (HOYERSWERDA),
10.12.01
(auch in: Sächsische Zeitung (Lausitz) vom 11.12.01 unter
Überschrift "Kein Dialog bei Demo gegen Antirassismus"
- Titel im Original, richtig wäre: Demo gegen Rassismus)
Antirassismus-Demonstration ohne Zwischenfälle
130 Linke demonstrierten in Bernsdorf "gegen die deutsche Gemeinschaft"
Kommentar:
Und nun ein Batzen widerlichen Mist im absoluten Regional-Käseblatt,
hier reichts auch nicht die Demo zu verreißen, hier wird
der rassistische Übergriff vom 9. dez. 2000 zum wiederholten
Male verharmlost.
Unter hohen Polizeiaufgebot fand gestern
die Demonstration der Antirassistischen Aktion Dresden "Gegen
die deutsche Gemeinschaft" in Bernsdorf statt. Zweieinhalb Stunden
zogen die rund 130 Demonstranten durch die Stadt - größere, nennenswerte
Zwischenfälle gab es keine.
Von Maik Brückner
Bernsdorf. Eigentlich wollten die Lausitzer
Jusos an der gestrigen Demonstration gegen Rassismus in Bernsdorf
teilnehmen. Doch schnell war Christoph Klaer und Stefan Schley
klar, dass diese Demonstration nicht die ihre sein könne. Deshalb
folgten die Jungsozialisten wie viele andere Bernsdorfer dem Zug
der rund 130 Demonstranten, die aus ganz Sachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt
anreisten, mit gehörigem Abstand.
Vorweihnachtliche Stimmung vermiest
Das Anliegen der Demonstranten entging ihnen deshalb nicht, denn
vom Lautsprecherwagen, der zwischen den jugendlichen Demonstranten
mitfuhr, waren die Worte deutlich zu hören. Katja Schirmer von
der Antirassistischen Initiative Dresden erläuterte, weshalb man
an diesem Wochenende ins ostsächsische Bernsdorf kam. Man will
Bernsdorf aus der weihnachtlichen Stimmung reißen und die Neonazis
davon abhalten, ein Jahr nach der Messerstecherei einen Trauerzug
zu veranstalten. Gestern jährte sich ein Vorfall, der die Kleinstadt
und verschiedene Jugendgruppen nicht zur Ruhe kommen lässt.
Bernsdorfer Bluttat jährte sich gestern
Bernsdorfer Jugendliche hatten, nicht mehr ganz nüchtern, vietnamesische
Händler auf dem Weihnachtsmarkt angepöbelt - der Sohn der Familie
wollte sich das nicht gefallen lassen, eilte nach Hause und holte
sich Küchenmesser, mit denen er wenig später auf zwei der rechten
Szene zugeordneten Jugendliche losging. Einer der Jungen - der
damals 21-jährige Bernsdorfer Matthias F. - starb an den Folgen.
Seine Freunde legten gestern Kränze an dem Grab nieder - allerdings
am Vormittag. Tung - so heißt der junge Vietnamese - sitzt in
Zeithain ein. Ihm droht nach Verbüßung der vierjährigen Haftstrafe
die Ausweisung und ihm gehörte die ganze Solidarität der Demonstranten.
So skandierten die Linken "Viva, viva Tung", die von mehreren
Beamten begleitet, durch die Stadt - vorbei am Friedhof (wo Matthias
F. begraben ist) und am Kriegerdenkmal - zogen und die Bernsdorfer
und ihre Stadt unter anderem "als braunes Kacknest" verunglimpften.
Selbst Bürgermeister Eberhard Menzel, der die Demo vom Bürgersteig
der Thälmannstraße beobachtete, wurde abfällig mit "Bürgermeister,
wie siehst aus?" begrüßt. Ihm warf die Demosprecherin vor, Umgang
mit örtlichen Neonazis zu pflegen. Er habe "einen mit Reichskriegsflagge
geschmückten Jugendlichen väterlich umarmt und ihn als besten
Mann der Freiwilligen Feuerwehr gelobt". Der Angesprochene konnte
sich verständlicherweise kommunikativ nicht zur Wehr setzen. Es
fielen im Verlauf der Demonstration noch mehrere Namen von anderen
Bernsdorfern. Diese wurden bezichtigt, Nazis zu sein.
Verbaler Höhepunkt am Kube-Ring
Ihren Höhepunkt erreichte die Demo im Kube-Ring: Die Bewohner
der Wohnblöcke wurden von einer männlichen Stimme aus dem Lautsprecher
mit "liebe Bernsdorfer, liebe Nazis, liebe Ignoranten" begrüßt.
Selbst die in diesem Fall sehr engagierte Pfarrerin wurde mit
einen abfälligen Kommentar bedacht. Sie selbst soll sich als das
"liberale Gewissen" der Stadt bezeichnen, doch "das ist nicht
so", ließ Katja Schirmer die Demonstranten wissen. Diese verhielten
sich bei der zweieinhalbstündigen Veranstaltung weitgehend friedlich.
Bis auf zwei, drei kleine Zwischenfälle, gab es keine Probleme
mit der Polizei und den Bernsdorfern. Immerhin waren die Polizei
mit 270 Beamten vor Ort, wie von Polizeisprecherin Petra Kirsch
zu erfahren war.
Bewohner schauen vom Straßenrand zu
Die Bernsdorfer, die das Geschehen vom Straßenrand beobachteten
oder mit Abstand begleiteten, waren sehr empört über die Demonstranten.
Bodo Rudys, der für die PDS im Stadtrat sitzt, lief den Demonstranten
hinterher, um sich ein Bild zu machen, was die Jugendlichen "für
Unsinn erzählen". In die braune Ecke will sich der Sozialist überhaupt
nicht stellen lassen, sagte er empört. Für einen anderen Stadtrat,
der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, geht die Demonstration
völlig an der Realität vorbei: "Die wollen doch nur provozieren."
Es sei doch klar, die Sprüche der Demonstranten "empfinden die
Bernsdorfer als Beleidigung." Das sehen nicht nur die Bernsdorfer
so, auch Christoph Klaer von den Jusos hat den Eindruck. Es mag
sein, dass die Demonstranten das Gespräch gesucht hatten - doch
einen Dialog hat es scheinbar nicht gegeben. Nach diesem Sonntag
dürfte die letzte Hoffnung für ein Gespräch gestorben sein.
up
Lausitzer Rundschau Montag, 10. Dezember
2001
Bernsdorf: Demo ohne Ausschreitungen
Antirassistische Initiative zieht mit provokanten Sprüchen durch
die Stadt
Kommentar:
Der Bericht versucht ein paar Gemeinheiten einzustreuen, indem
z.B. ein Angriff auf Nazis am Rande der Demo dargestellt wird
als sinnlose "Rangelei" durch "Kampfhähne".
Auch der dämliche Spruch mit der Beulenpest bekommt hier
plötzlichen einen hohen Aussagewert für die Demo. Personalisierungen
der politischen Aussagen auf eine Sprecher-Person sollen wohl
die Inhalte entschärfen.
Aber am Ende kann der Bericht noch mit einer echten Info aufwarten:
Den Bernsdorfer Neo-Nazis wurde von der "liberalen"
Pfarrerin Schutz in der Kirche gewährt.
BERNSDORF. In zwei Bussen und zahlreichen
Autos waren am Sonntag etwa 150 Aktivisten der Antifaschistischen
Initiative Dresden nach Bernsdorf gekommen, um ihre Sympathie
für den Vietnamesen Tung zu bekunden. Der hatte zum Weihnachtsmarkt
am 9.Dezember vor einem Jahr nach rassistischen Provokationen
auf zwei Bernsdorfer Rechtsradikale mit einem Messer eingestochen.
Einer von ihnen verstarb. Ein massives Polizeiaufgebot sicherte
gestern den Protestzug ab.
VON HEIKE EISENHUTH
12.40 Uhr, die Demonstranten haben sich
am Netto-Markt an der B97 versammelt. Ihre Banner liegen ausgebreitet
auf dem Boden. Auf dem, das später vor dem Zug hergetragen wird,
steht: "Das war Gegengewalt gegen Rassismus. Gegen die deutsche
Gemeinschaft." Die jugendlichen Protestler rauchen, reden, frösteln.
Es ist kalt, ein paar Grad unter null. Plötzlich springen einige
der angereisten Demonstranten aus der Masse vorm Netto-Markt heraus.
Offenbar fühlen sie sich provoziert durch klickende Fotoapparate
auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es kommt zu einer Rangelei:
Tritte, Schläge, Schreie. Polizisten gehen dazwischen, trennen
die Kampfhähne, nehmen Personalien auf.
13 Uhr, der Zug setzt sich in Bewegung. Kurz zuvor waren die Auflagen
über den Lautsprecherwagen der Antirassistischen Initiative verlesen
worden: Die Demo muss auf der vorgegebenen Route bleiben, der
Weihnachtsmarkt ist tabu, der Friedhof, wo der verstorbene Neonazi
beerdigt ist, ebenfalls.
"Wünschen dir die Beulenpest"
Flankiert von Polizisten, schiebt sich der Zug über die B97. Die
Straße ist von der Polizei schon Stunden vor der Aktion abgeriegelt
worden. Wer an diesem Sonntagnachmittag mit dem Auto durch Bernsdorf
will, wird umgeleitet. "Bernsdorf, du Nazinest, wir wünschen dir
die Beulenpest" , schallt eine Frauenstimme aus dem Lautsprecherwagen
der Demonstranten. In kleinen Gruppen stehen Bernsdorfer auf den
Bürgersteigen. "Hallo Bürger, die am Rand stehen, ich hoffe, ihr
seid unterwegs, um gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu
demonstrieren hahaha " , tönt es mit unverhohlenem Sarkasmus aus
dem Lautsprecher. Längst haben die Protestler ihr Urteil über
die Stadt gefällt: Bernsdorf ist ein braunes Nest. Auf der Internetseite
der Initiative ist das nachzulesen. Die Sprecherin hat Bürgermeister
Eberhard Menzel ausgemacht. Er beobachtet vom Fußweg aus das Treiben
auf der Straße. Sie bedanke sich bei ihm dafür, dass er die Nazis
davon überzeugen konnte, die parallel geplante Kranzniederlegung
am Grab des verstorbenen Bernsdorfers auf nächstes Wochenende
zu verschieben, sagt die Frau mit dem Mikrofon. Sie ruft: "Dem
Bürgermeister mit seinen netten Kontakten schönen Dank an dieser
Stelle. " Eberhard Menzel bleibt ungerührt, verzieht keine Miene.
Andere Demo-Beobachter machen ihrem Ärger dagegen Luft. "So ein
Quatsch, was die erzählt" , sagt ein älterer Mann.
In der Kirche gewartet
Auch Stadtrat Rudi Miertschink hat für die Aktion nur Kopfschütteln
übrig: "Ich habe keinen Bezug zur Demo." Er zeigt auf ein Spruchband:
Wenn du von Rassisten angegriffen wirst, sorge dafür, dass sie
es nie wieder tun. "Was soll das?" , hebt Miertschink fragend
die Arme.
14.30 Uhr, evangelische Kirche. Das Gotteshaus ist geöffnet als
Ort der Zuflucht und Fürbitte, wie die Bernsdorferin Angelika
Scholte-Reh im Vorfeld erklärt hatte. Zuflucht bietet die Kirche
an diesem Nachmittag in der Tat: Als die Demonstranten am Gotteshaus
vorbeilaufen, halten sich im Inneren Jugendliche auf, die man
optisch der rechten Szene zuordnen würde. Sie hatten anfangs am
Kriegerdenkmal vor der Kirche gestanden. "Die Polizei und wir
hielten es für besser, dass sie hier in der Kirche warten, bis
die Demonstranten vorbei sind ", sagt Anne Freund von der jungen
Gemeinde.
Sächsische
Zeitung 10.12.2001
Demonstration gegen Rechts
Bernsdorf. Eine Demonstration gegen rechte
Gewalt und Rassismus am Sonntag in Bernsdorf (Landkreis Kamenz)
ist friedlich verlaufen. Nach Angaben der Polizei zogen etwa 130
Teilnehmer mit Plakaten und Transparenten durch den Ort. Rund
270 Polizisten waren im Einsatz. Hintergrund war der Tod eines
mutmaßlich Rechtsradikalen vor einem Jahr. Ein 15-jähriger Vietnamese
hatte den 21-Jährigen damals auf dem Weihnachtsmarkt erstochen.
Der Vietnamese war von dem Opfer und dessen zwei Begleitern angepöbelt
worden. (dpa/SZ)
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