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Bernsdorfer
Presse-Desaster
"Polizei <besetzt>
Bernsdorf" (Lokalpresse), "Opfer werden zu Tätern" (taz),
"Angst vor Sebnitzer Zuständen" (Lokalpresse)
neuestes Presse-Desaster
Mai 01: Bernsdorfer wünschen "Ende des medialen Ausnahmezustandes"
(SächsZ 19.05.)
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| neuestes Presse-Desaster Mai 2001:
Lokalpresse zum Prozess gegen Tung, zur antirassistische Kundgebung,
zum Urteil Eine neue Möglichkeit
für die Lokalpresse hat sich ergeben, gnadenlosen Mist zu
schreiben. Der am 15.05.01 begonnene Prozeß bietet quasi
Anlaß. mdr-online fängt schon mal an und schreibt vom
"so genannten Messerstecher von Bernsdorf", als handele es sich
um einen "jack the ripper". Auch die taz ist wieder dabei: Die
taz-headline spricht von "Mord", wie es bisher nur die Dresdner
Morgenpost tat.
zum Urteil, nach dem Urteil
up
mdr-Fernsehen online, Sendung Brisant
vom 15.05.2001
Messerstecher vor Gericht
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit begann heute am Landgericht
Bautzen der Prozess gegen einen 15-jährigen Vietnamesen.
Der so genannte Messerstecher von Bernsdorf ist des vollendeten
und versuchten Totschlags angeklagt.
Der Jugendliche hatte im Dezember 2000 bei einem Weihnachtsmarktbesuch
Streit mit zwei 21 und 22 Jahren alten Deutschen bekommen. In
dessen Verlauf war er auf die beiden losgegangen und hatte sie
niedergestochen. Der Jüngere erlag im Krankenhaus seinen
Verletzungen.
Das Urteil wird für den kommenden Freitag erwartet.
lausitzer rundschau 15.05.01 internetausgabe
Erste Zeugen zu Messerstecherei von Bernsdorf vernommen
Linke Gruppen demonstrierten in Bautzen
Bautzen. Der Prozess wegen vollendeten und versuchten Totschlags
gegen einen 15-jährigen vietnamesischen Jungen aus Bernsdorf
begann gestern in Bautzen. Das Landgericht verhandelt unter Ausschluss
der Öffentlichkeit. Der Jugendliche hatte auf dem Bernsdorfer
Weihnachtsmarkt im Dezember 2000 nach einem Streit zwei Rechte
im Alter von 21 und 22 Jahren niedergestochen (die RUNDSCHAU berichtete).
Der Jüngere erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.Knapp
30 Einsatzwagen der Bereitschaftspolizei standen gestern in der
Straße vor dem Gericht: Linke Gruppen mit rund 50 Leuten,
vorwiegend aus Berlin, veranstalteten eine Protestkundgebung.
Gegen 14 Uhr zogen sie spontan durch die Bautzener Innenstadt
ohne größere Zwischenfälle. Drei Tage sind für
die Verhandlung angesetzt. Das Urteil wird am Freitag erwartet.
Wie aus dem Gerichtssaal verlautete, haben zwei erste Zeugen,
Jugendliche aus Bernsdorf, die Aussagen des Vietnamesen bestätigt,
er habe niemanden töten wollen. Auch nach einem zweiten psychologischen
Gutachten sei nicht auszuschließen, dass von verminderter
Schuldfähigkeit des Angeklagten ausgegangen werden muss.
(Eig.Ber./hb)
up to "presse
mai 01"
Lausitzer Rundschau 16.05.01
Peinliche Intoleranz
Glosse von Michael Hanschke
Engagierte Reden gestern vor dem Bautzener Landgericht. Solidarität
mit einem Gewalttäter ist es nicht, sondern Solidarität
gegen alltäglichen Rassismus, der Menschen zu Gewalttätern
machen kann. Nährboden für Rassismus ist Intoleranz.
Gestern lachten sich Bereitschaftspolizisten in ihrem Mannschaftswagen
schallend über einen jungen Mann schief, nur weil das Objekt
des Spotts die Gestik eines Homosexuellen hat. Aber: Der
24-jährige bekennende Schwule aus Dresden studiert Jura,
arbeitet später vielleicht als Anwalt oder Richter.
Vielleicht wird er dann über die lachen, die sich für
weniger Einkommen in mehr Gefahr begeben müssen. Wer zuletzt
lacht, lacht am besten. Vielleicht lacht er auch nicht - genau
dann nicht, wenn er tolerant ist.
taz vom 16.5.2001
Prozess um Mord von Bernsdorf
BERLIN taz Gestern begann vor dem Landgericht in Bautzen unter
Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen den 15-jährigen
Vietnamesen Tung D., der im Dezember 2000 im sächsischen
Bernsdorf einen 21-jährigen Rechten erstochen und einen 20-Jährigen
schwer verletzt hat. Die beiden hatten ihn zuvor mit einem weiteren
auf dem Weihnachtsmarkt angepöbelt, beleidigt und geschlagen
(taz berichtete). Gestern wurden Zeugen vernommen,
die bestätigten, dass der Angeklagte, der seit fünf
Jahren mit seinen Eltern in Bernsdorf lebt, jahrelang auf der
Straße angemacht wurde. Möglicherweise wird Tung D.
nicht wegen Totschlags verurteilt, sondern wegen gefährlicher
Körperverletzung mit Todesfolge. Tung D. hat eine Tötungsabsicht
stets abgestritten. WAHN
up to "presse
mai 01"
SächsZ Bautzen 16.5.01
Linker Protest zum Prozess-Auftakt
15-Jähriger Vietnamese aus Bernsdorf wegen tödlichen
Messerstichen vor Gericht / Urteil für Freitag erwartet
Von Ulli Schönbach
Bewacht von einem starken Polizeiaufgebot
und begleitet von Protesten linker Gruppen hat gestern vor dem
Landgericht Bautzen der Prozess gegen einen jungen Vietnamesen
begonnen. Der 15-Jährige wird beschuldigt, am 9. Dezember
2000 auf dem Weihnachtsmarkt in Bernsdorf zwei 21 und 22 Jahre
alte Männer mit einem Messer angegriffen zu haben.
Einer der beiden Männer erlitt durch einen Stich in den Bauch
tödliche Verletzungen, der andere wurde schwer verletzt.
Bei den beiden Opfern soll es sich um Rechtsradikale handeln.
Nach Augenzeugenberichten hatten rechte Jugendliche am Tag der
Tat den Vater des Jungen bedroht und beleidigt.
In Teilen der linken Szene gilt der 15-Jährige deshalb als
"jemand", der sich "wehrt", wie es in einer gestern verteilten
Erklärung hieß. Bereits seit mehreren Wochen wurde
im Internet und auf Informationsveranstaltungen für die Demonstration
zum Prozessauftakt geworben. Zu den Aufrufern zählten unter
anderem der Verein "Opferperspektive Ostsachsen" (Görlitz)
und das Dresdner Netzwerk "Kein Mensch ist illegal".
Die 50 überwiegend jungen Leute, die sich gestern Vormittag
vor dem Landgericht versammelten, kamen etwa zu gleichen Teilen
aus Bautzen, Dresden und Berlin. Auf Spruchbändern forderten
sie Freiheit für den Angeklagten und bezeichneten seine Tat
als Selbstverteidigung.
Angemeldet worden war die Demonstration durch den Landtagsabgeordneten
Uwe Adamczyk (PDS). In einer kurzen Erklärung wies dieser
vor allem darauf hin, dass dem Vietnamesen im Fall eines Verurteilung
auch die Abschiebung drohe. Nach der Aktion vor Gericht zogen
die Demonstranten gegen Mittag etwa 40 Minuten durch die Bautzener
Innenstadt.
Da der Prozess auf Grund des Alters des Angeklagten unter Ausschluss
der Öffentlichkeit stattfindet, war das Gericht selbst gestern
hermetisch abgeriegelt. Dies wird auch für die kommenden
Verhandlungstage bis Freitag gelten, wenn voraussichtlich das
Urteil gesprochen wird.
Sächsische Zeitung (POLITIK TITEL),
17.05.01
Bernsdorf: Vier Jahre Jugendhaft für Vietnamesen
Bautzen. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge ist gestern
ein 15-jähriger Vietnamese am Landgericht Bautzen zu vier
Jahren Jugendhaft verurteilt worden. Das Gericht folgte damit
einem psychologischen Gutachten, das dem Sohn eines vietnamesischen
Textilhändlers vermindertes Schuldbewusstsein zur Tatzeit
bescheinigte. Drei rechtsorientierte deutsche Jugendliche hatten
Anfang Dezember 2000 den Jungen auf dem Weihnachtsmarkt in Bernsdorf
(Landkreis Kamenz) angepöbelt und tätlich angegriffen.
Danach hatte sich der Jugendliche zwei Küchenmesser aus der
elterlichen Wohnung geholt und zuerst auf einen 21-Jährigen
und später auf einen 22-Jährigen eingestochen. Der 21-Jährige
erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Zeugen bestätigten
die Provokation. (dpa)
up to "presse
mai 01"
Sächsische Zeitung (LAUSITZ), 17.05.01
Ein Urteil und kein Ende
Vier Jahre Haft nach Messerstecherei in Bernsdorf, wo erst provoziert
und dann getötet wurde
Von Carla Mattern
Laut schluchzend lagen sich die zierliche Mutter und ihr hochaufgeschossener
Sohn gestern Abend im Schwurgerichtssaal des Bautzener Landgerichts
in den Armen. Dann führten Justizbeamte den 16-jährigen
Tung ab. Vier Jahre Jugendstrafe wegen Körperverletzung mit
Todesfolge, so das Urteil der Jugendkammer in dem so genannten
Messerstecher-Prozess. Tung hatte am 9. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt
am Textilstand seines Vaters gestanden, als er von jungen Rechten
angepöbelt wurde. Wieso haben die Vietnamesen eigentlich
ein Auto? Diese Frage soll der Anlass für ihren Streit gewesen
sein. Der eskalierte, als der seit fünf Jahren in Deutschland
lebende Vietnamese ihre Anfeindungen, das Schubsen und die Ohrfeige
nicht einfach hinnahm. Der ansonsten als ruhig und besonnen beschriebene
Tung holte von zu Hause zwei Messer, rannte den drei Deutschen
nach, stach auf zwei von ihnen ein. Matthias F. starb. Tung wollte
in seiner Wut verletzen, aber nicht töten. Das erkannte das
Gericht als erwiesen an. Die am Dienstag verhörten Zeugen,
darunter die Kumpel des Matthias F., bestätigten die Aussagen
des Angeklagten. Der damals 15-Jährige hätte aber trotz
der tiefgreifenden Bewusstseinsstörung während des Vorfalls
die Folgen vorhersehen können, begründete der Vorsitzende
Richter Heinz Tritschler das Strafmaß. Beide, Matthias F.
und Tung, sind Opfer, sagt Pfarrerin Angelika Scholte-Reh aus
Bernsdorf. Denn hinter der Messerstecherei verberge sich ein gesellschaftliches
Problem. Ostsachsen dürfe kein Armenhaus werden, in dem junge
Leute fast ohne Perspektiven sind. Die Stimmung in Bernsdorf ist
noch immer gereizt. Viele möchten wieder zur Tagesordnung
zurückkehren. Aus Angst vor Sebnitzer Verhältnissen.
Und sehen darüber hinweg, dass rechte Jugendliche in Bernsdorf
jetzt noch stolzer mit ihren T-Shirts mit der 88 als Symbol für
"Heil Hitler" durch den Ort laufen. Und die Stadträte diskutieren
noch immer. Ob sie nun eine Erklärung über Rechtsextremismus
oder Extremismus im Allgemeinen abgeben sollen? Bevor sie in der
Frage nicht einig sind, überlegen sie auch nicht, welche
praktischen Schritte wichtig wären. Tungs Verteidigerin Petra
Isabel Schlagenhauf kündigte schon gestern an, gegen das
Urteil in Revision zu gehen. Sie hatte eine Strafe unter drei
Jahren gefordert. Bei dem jetzigen Strafmaß droht dem jungen
Vietnamesen die Ausweisung.
up to "presse
mai 01"
Sächsische Zeitung (RADEBERG), 19.05.01
Sehnsucht nach dem Alltag
Nach dem Urteil / Stadt will Jugendliche aus rechter Szene lösen
/ "Courage"-Projekt und Streetworker "Da ist erschreckend viel
Unkenntnis und Unwissenheit über das dunkelste Kapitel deutscher
Geschichte." EBERHARD MENZEL, Bürgermeister Bernsdorf
Vier Jahre Haft für Tung (16), der
auf dem Bernsdorfer Weihnachtsmarkt im vorigen Jahr zwei rechte
Jugendliche niedergestochen hatte, deren einer seinen Verletzungen
erlag. Tung wurde provoziert - nicht zum ersten Mal, wie das Landgericht
Bautzen am Mittwoch vor dem Urteilsspruch feststellte. Trotzdem
bleibt unterm Strich der Straftatbestand "Körperverletzung
mit Todesfolge"; geahndet mit vier Jahren Jugendstrafe.
Von Uwe Jordan
In Bernsdorf mochte am Tag danach niemand
das Urteil kommentieren: Schließlich seien Gerichte dazu
berufen, Recht zu sprechen. Da wolle man als juristischer Laie
nicht werten, heißt es vorsichtig. Für einen Freispruch,
wie linke Demonstranten ihn in Bautzen für Tung forderten,
hätte allerdings auch niemand Verständnis: Immerhin
sei Matthias F. tot, und der Täter habe ja nicht im Affekt
gehandelt, sondern zu Hause die Tatwaffe ausgesucht, nach seinen
Opfern gefragt und dann zugestochen. Und wie das Urteil wohl "andersrum"
ausgefallen wäre; wenn der Rechte Matthias F. den Vietnamesen
Tung ums Leben gebracht hätte? Allerdings gibt es auch Stimmen,
die sagen, knapp drei Jahre Jugendstrafe (wie von der Verteidigung
gefordert und jetzt per Revision eingefordert) "hätten's
auch getan" - weil dann Tung nicht von der Abschiebung bedroht
wäre. Derweil häufen sich in den Medien Vorwürfe,
vor allem das offizielle Bernsdorf stelle sich noch immer nicht
der Tatsache, dass es in seinen Mauern rechtsradikale Jugendliche
gebe. Und so lange man nicht einmal das wahrnehmen wolle, könne
man auch nichts dagegen unternehmen. Das mag Bernsdorfs Bürgermeister
Eberhard Menzel (PDS) so nicht im Raum stehen lassen: "Ja, es
ist Tatsache. In Bernsdorf gibt es rechte Jugendliche. Aber nicht
als politisch organisierte Bewegung; hauptsächlich sind es
Jugendliche, die glauben, sich in der Gruppe bewähren, bestätigen,
darstellen zu können. Da spielen dann auch Symbole eine große
Rolle." Das seien allerdings junge Leute, die er, Menzel, nicht
aufgebe: "Da ist erschreckend viel Unkenntnis und Unwissenheit
über das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte dabei, dem
sie dort nachlaufen." Dennoch bestünde Hoffnung, sie mit
Aufklärung und Bildung auf den rechten (pardon: richtigen)
Weg zurückzuführen. Viel mehr Sorgen bereitet ihm der
extreme Flügel dieser Gruppe: "Das sind Gewaltbereite. Und
deren Gewalt richtet sich gegen Schwache, Einsame, Anders-Seiende.
Da muss mit allen Mitteln Front gemacht werden." Gut - aber wie
an die herankommen, die in den Schoß der Demokratie rückholbar
erscheinen? Die Angebote von Clubs und Vereinen, die Menzel ins
Feld führt, sind passive Angebote. Angebote, die warten,
dass sie angenommen werden. "Ja, klar. Aber es ist verdammt schwer,
an die Jugendlichen 'ranzukommen." Man setze da große Hoffnungen
auf den IB (Internationaler Bund, Träger von Jugendclubs),
der Erfahrungen im Umgang mit der Szene habe. Nein - Streetworker
gebe es in Bernsdorf noch nicht. "Aber das müssten wir gemeinsam
mit dem IB angehen, um die Jugendlichen zu erreichen." Auch in
der Mittelschule, dort, wo Tung und Matthias F. quasi dieselbe
Bank drückten, wollte sich niemand zum Urteil äußern.
Wichtiger sei es doch, etwas zu tun, damit sich ein derartiges
Drama nicht wiederhole. So hat die Schule ab September, ab dem
neuen Unterrichtsjahr, fest geplant, sich am bundesweiten "Courage"-Projekt
zu beteiligen. Bei dem bleiben Lehrer weitestgehend außen
vor: Schüler aus anderen Städten, Gleichaltrige also,
sprechen mit hiesigen Schülern über Gewalt, Radikalismus,
Toleranz und Alltagssituationen; werden "Rollenspiele" anregen,
wo (beispielsweise) der Rechte in die Haut des Ausländers
schlüpft; der "Normalo" den Rechten verkörpert. Am eigenen
Leib erfahren, wie das Gegenüber empfindet, als Denk-Ansatz.
Immerhin. Bernsdorf, lautet ein weiterer Vorwurf, würde am
liebsten zum Alltag zurückkehren. Kann, darf man das den
Bernsdorfern übelnehmen? Dass sie sich ein Ende des Ausnahmezustandes,
auch des medialen, wünschen? - Nach den Geschehnissen vom
9. Dezember verließen die Ausländer Bernsdorf, fürchteten
die Rache der Rechten. (Deren einige nur Tage später am Hoyerswerdaer
Lichtermarsch für Demokratie und Toleranz teilnahmen, nebenbei
angemerkt, dort ihre Ablehnung von Gewalt artikulierten.) Heute,
im Mai 2001, stehen auf dem Wochenmarkt in Bernsdorf neben deutschen
Verkäufern wieder türkische, bangladeshianische und
vietnamesische Händler. Auch die Eltern Tungs mit ihrem Verkaufstisch.
up to "presse
mai 01"
up |
| headlines der sächsischen zeitung
(sächsz), morgenpost, lausitzer rundschau, nachrichtenagenturen
- dezember 00 dpa 10.12.00
Tod auf dem Weihnachtsmarkt - 15-Jähriger erstach 21-Jährigen
dresdner morgenpost, titel 11.12.00
Am 2. Advent in Sachsen; Mord auf dem Weihnachtsmarkt
sächsz 11.12.00
In Bernsdorf ist nichts mehr, wie es war; Nach dem Weihnachtsmarkt
wurden zwei Jugendliche niedergestochen
sächsz 12.12.00
Bernsdorfer Vietnamesen packen ihre Sachen; Messerattacke eines
15-jährigen bewegt die Kleinstadt
sächsz12.12.00
Die Ermittlungen laufen noch; Polizei forscht weiter am Tätermotiv
12.12.00 hoyerswerdaer ausgabe der sächsz
Eine Stadt unter Schock und voller Polizei-Beamter; Traurige Folge:
auch vollkommen integrierte vietnamesische Familien gehen jetzt
dresdner morgenpost 12.12.00
Drama auf Weihnachtsmarkt: Kerzen am Tatort
dpa 12.12.00
Nach Messerattacke eines Vietnamesen - Betroffenheit in Bernsdorf
ddp 12.12.00
Messerstecher-Opfer von Bernsdorf außer Lebensgefahr; Auslöser
des Streits mit Vietnamesen unklar
sächsz 13.12.00, s.1
Angst vor "Sebnitzer Verhältnissen"; Die Bernsdorfer sprechen
nicht gern über die tödlichen Messerstiche eines 15-jährigen
Vietnamesen
ddp 13.12.00
Messerstecherei vermutlich nach ausländerfeindlichen Provokationen
lausitzer rundschau 16.12.00
Gedenktafel soll an Matthias erinnern; Jugendliche starten eine
Unterschriftenaktion
dpa 16.12.00
Opfer von Messerattacke beigesetzt - Bitte um Versöhnung
sächsz 18.12.00
Großaufgebot für Trauerfeier; Matthias F. am Samstag
ohne Zwischenfälle beigesetzt / Hunderte Trauergäste
aus der Region / Enorme Polizeipräsenz sichert Trauermarsch
sächsz 18.12.00
Opfer unter Polizeischutz beigesetzt; Keine Zwischenfälle
bei Beerdigung des 21-Jährigen
sächsz 19.12.00
Weitere Zeugen der Bernsdorfer Buttat dringend gesucht
lausitzer rundschau, 21.12.00
"Bloss gut, dass die weg sind!"; Händler auf dem Bernsdorfer
Wochenmarkt sind keine netten Leute
lausitzer rundschau, 23.23.00
Stadtrat ist bestürzt und ratlos; Aussprache zu den schlimmen
Geschehnissen um den Tod des 21-jährigen Bernsdorfers
up |
tageszeitung 04.04.2001 WIE EIN
JUNGER VIETNAMESE VOM OPFER ZUM TÄTER WURDE
Als er zehn war, zog Tung mit seinem Vater nach Deutschland, ins
sächsische Bernsdorf. Dass er dort regelmäßig
von Rechten angepöbelt wurde, versuchte er zu ignorieren
- bis er es nicht mehr aushielt. Am 9. Dezember letzten Jahres
stach der 15-jährige Vietnamese auf zwei junge Männer
ein
"Ich wollte das nicht"
Er ist nie durch aggressives Verhalten aufgefallen. Seine Lehrer
beschreiben ihn als lernwillig und hilfsbereit. Seit Dezember
ist Tung in Untersuchungshaft
aus Görlitz BARBARA BOLLWAHN DE PAEZ CASANOVA
"Normal". "Ganz normal." Es sind immer wieder diese Worte, die
der 15-jährige Tung verwendet. Wie geht es dir? "Mir gehts
normal." Wie gefällt dir Deutschland? "Ganz normal." Worüber
redest du mit deinen Eltern, wenn sie dich besuchen? "Über
normale Sachen."
Dabei ist kaum etwas normal im Leben des Vietnamesen. Tung, der
mit seinem dunkelblauen Nike-T-Shirt, den Turnschuhen und einer
blauen Stoffhose mit aufgesetzten Taschen aussieht wie viele Jugendliche
in seinem Alter, sitzt seit Dezember vergangenen Jahres in der
Untersuchungshaftanstalt in Görlitz. Weil er einen 21-jährigen
Rechten erstochen und einen 20-Jährigen mit einem Stich in
den Bauch verletzt hat.
Was bringt einen Jungen, der zuvor nie durch aggressives Verhalten
aufgefallen ist, zu einer solchen Tat? "Ich wollte zurückschlagen,
nur zurückschlagen", sagt er leise. In dem kleinen Besucherraum
der Haftanstalt wirkt er verloren.
Tung hat sich Deutschland nicht ausgesucht. Er war nicht mal zwei
Jahre alt, da ging seine Mutter als Vertragsarbeiterin in die
ehemalige DDR, um in einer Schuhfabrik bei Bautzen an der Übererfüllung
der Fünfjahrespläne mitzuhelfen. Wie viele andere Mütter
nahm die Bauarbeiterin eine Trennung von ihrem Kind in Kauf, um
die Familie zu Hause zu unterstützen.
Acht Jahre lang lagen über 8.000 Kilometer zwischen Tung,
der mit seinem Vater, ebenfalls Bauarbeiter, in einem Stadtteil
außerhalb von Hanoi lebte, und seiner Mutter im sächsischen
Bernsdorf, einem 6.000 Einwohner zählenden Ort in der Nähe
von Dresden. Vor fünf Jahren holte die Mutter ihren Sohn
und ihren Mann nach. Die Mutter sagte Tung, dass Deutschland "gut"
ist, dass man dort "normal" leben kann, dass die Leute "nett"
sind. "Ich dachte, man kann hier lernen, mit Freunden sprechen
und Deutsch lernen", erzählt Tung, der kaum mehr als einen
Satz am Stück sagt. Weder auf Deutsch noch auf Vietnamesisch.
"Guten Tag" und "Guten Abend" waren die ersten Worte, die Tung
in der fremden Sprache sagen konnte. Als er schildert, wie er
zum ersten Mal in seinem Leben Schnee sah und Flocken auf seiner
Hand zerschmelzen ließ, huscht ein Lächeln über
sein Gesicht. Doch das verschwindet ebenso schnell, wie es gekommen
ist.
"Schlechte Worte"
Nach kurzer Zeit in Bernsdorf merkte Tung, dass Deutschland viel
fremder ist, als er es sich jemals vorgestellt hatte. Dass nicht
alle Menschen im Ort nett sind. "Jugendliche sehen mich an und
sprechen schlechte Worte", nennt er das.
Wie Wegweiser begleiteten ihn auf dem täglichen Gang zur
Schule und nach Hause "Fidschi raus"-Rufe. Anfangs verstand er
sie nicht. Als er seine Mutter fragte, was sie bedeuten, antwortete
sie ihm, dass sie es nicht wisse. Bald merkte Tung, dass ihm seine
Mutter etwas vormachte und dass auch seine Eltern regelmäßig
von rechten Jugendlichen im Ort angemacht wurden. Nur: Sie ignorierten
die Rufe und verlangten auch von ihm, nichts zu sehen, nichts
zu hören und nichts zu sagen. Wenn er nach dem Grund fragte,
bekam er stets zu hören: "Weil wir Ausländer sind."
Bald hörte er auf, zu Hause davon zu erzählen.
Fünf Jahre lang verhielt sich Tung wie seine Eltern: unauffällig.
Er hörte weg, wenn "schlechte Worte" gerufen wurden. Von
der Schule ging er nach Hause, aß, machte sauber, guckte
Fernsehen, erledigte die Hausaufgaben. Manchmal spielte er auf
der Gitarre. "Langsame, traurige Lieder auf Vietnamesisch", wie
er sagt. Freunde hatte er kaum. Sein bester Kumpel war ein russischer
Aussiedler, mit dem er Deutsch lernte. Am Wochenende spielten
sie oft Fußball. Obwohl Tung ein guter Spieler ist, wollte
er in keinen Verein. "Weil ich Ausländer bin."
Im Sommer 1998 ging sein Vater mit ihm in die alte Heimat zurück
- für ein halbes Jahr. Es gab Probleme in der Beziehung der
Eltern. Die Rückkehr nach Vietnam beschreibt Tung als "sehr
gut". Was ihm besonders gefallen hat? "Mit meinen Großeltern
und Freunden zu sprechen." Was er ihnen über Deutschland
erzählt hat? "Normal, nur lernen."
Ein Jahr später reiste der Vater erneut mit ihm nach Vietnam,
wieder für ein halbes Jahr. Zu dieser Zeit hatte Tung zwar
noch immer Hemmungen, sich in Deutsch zu äußern, doch
es war ihm längst keine fremde Sprache mehr. Lehrer attestierten
ihm "größere Lernfortschritte im schriftlichen Bereich"
und beschrieben ihn als "lernwillig", "höflich", "hilfsbereit"
und "nie aggressiv".
Bis auf einen nahen Verwandten weiß keiner der Familie in
Vietnam, dass Tung jemanden erstochen hat und im Gefängnis
sitzt. Zu groß ist die Scham der Eltern, weil sie ihrem
Sohn doch immer gesagt haben: "In Deutschland hast du eine bessere
Zukunft." Tung sagt mit leiser Stimme: "Ich wäre besser in
Vietnam geblieben." Dann würde er nicht in der Untersuchungshaftanstalt
in Görlitz sitzen, wo derzeit 276 Männer, die Hälfte
von ihnen jünger als 21 Jahre, auf ihren Prozess warten.
Tung ist froh, sich mit einem Landsmann, einem fünf Jahre
älteren Vietnamesen, der wegen Schmuggel sitzt, eine Zelle
zu teilen. "Wir verstehen uns ganz gut und reden über Vietnam",
sagt er. Aus der Gefängnisbibliothek hat er sich vietnamesische
Bücher über die Geschichte seines Heimatlandes geholt.
"An diesem Tag konnte ich es nicht mehr aushalten", sagt Tung
über den 9. Dezember. Zusammen mit einem Freund der Eltern
passte er auf den Stand auf dem Weihnachtsmarkt auf, an dem sie
Kleidung und Glühwein verkauften. Kurze Zeit zuvor hatte
der Weihnachtsmann über Mikrophon versucht, eine größere
Gruppe rechter Jugendlicher, die herumpöbelten, zur Räson
zu bringen. Die Pfarrerin von Bernsdorf erklärte später,
dass die Stimmung "von Gewalt geprägt" war.
Viel konnte der Weihnachtsmann nicht ausrichten. Drei rechte Jugendliche
wählten sich den Stand von Tungs Eltern. Einen von ihnen
kannte Tung vom Sehen. "Manchmal war er an der Schule und sagte
schlechte Worte zu mir." Er war als Mitglied der Freiwilligen
Feuerwehr eingeteilt, um an diesem Tag für Ruhe und Ordnung
zu sorgen. Stattdessen pöbelte er mit den anderen zwei, die
dem Staatsschutz als zur lokalen rechten Szene zugehörig
bekannt sind, zwanzig Minuten lang herum. Sie traktierten Tung
mit Worten und Fäusten. Der eine, Matthias F., vorbestraft
wegen gefährlicher Körperverletzung und dem Verwenden
von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, trug ein T-Shirt
mit der Aufschrift: "Rudolf Hess- Märtyrer für Deutschland".
Im Ort war Matthias F. bekannt als Rechter, aber auch als "feiner
Kerl", weil er akzeptierte, dass er solche T-Shirts auf dem Sportplatz
nicht tragen durfte.
Der VW-Bus neben dem Stand von Tungs Eltern war den Rechten ein
Dorn im Auge. "Wieso habt ihr so Autos?", rief einer. "Wir als
Arbeitslose können uns so was nicht leisten." Der Freund
von Tungs Eltern, der deutschen Sprache nicht mächtig, fuhr
den VW-Bus weg. "Einer fragte, ob ich illegal hier bin", erzählt
Tung weiter. "Ich sagte, ich bin nicht illegal, ich bin mit meinen
Eltern hier." Offensichtlich unzufrieden mit der Antwort, beschimpften
ihn die drei als "Arschloch", schubsten und schlugen ihn. Als
sie endlich weiterzogen, lief Tung die wenigen Meter nach Hause,
holte zwei Küchenmesser und lief ihnen hinterher.
"Nur schlagen, zurückschlagen"
"Ich dachte, nur schlagen, zurückschlagen, das war alles",
sagt er und senkt seinen Blick. Ohne Vorwarnung stach er zu. Matthias
F. starb an den Stichverletzungen und wurde wenige Tage später
von Rechten wie ein Märtyrer zu Grabe getragen. Ein Zweiter
kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Bei einer Vernehmung sagte
er: "Auch wenn ich aus heutiger Sicht sagen muss, dass es sicherlich
ein Fehler war, den Vietnamesen in der Form zu belöffeln,
ist es unerklärlich, wie er in dieser Art reagieren konnte."
Der Dritte, der unverletzt blieb, sagte aus: "Ich wollte abhauen,
weil mir mulmig war."
Und Tung? "Ich wollte das nicht", sagt er mit leiser Stimme. "Es
ist einer gestorben, das war sehr schlecht." An jedem Abend schleicht
sich die Frage in seine Zelle: "Was habe ich gemacht?" Gern würde
er vergessen, was passiert ist.
In Bernsdorf freut sich der Bürgermeister über die Normalität,
die inzwischen wieder eingekehrt sei. An der Stelle, wo Matthias
F. starb, werden keine rechten Insignien mehr hinterlassen. Tungs
Eltern wohnen schon längst nicht mehr in der Kleinstadt.
Trotzdem würde Tung gerne eines Tages zurückkehren,
um seine wenigen Freunde zu sehen.
Der PDS-Stadträtin Hannelore Zuschke, die verstehen kann,
dass Tung sich wehren wollte, wird bei der Vorstellung mulmig.
"Es gibt Stimmen aus der rechten Ecke, die sagen, Tung soll sich
hier nicht mehr blicken lassen."
Die örtliche Polizei erklärte bereits kurz nach der
Festnahme: "Wenn er zurückkommt, können wir für
nichts garantieren."
up |
| Dresdner Neueste Nachrichten 10.03.2001
Der Altar ist abgeräumt - Bernsdorf
danach
Noch in diesem Monat Anklage gegen 15-jährigen Vietnamesen,
der auf dem Weihnachtsmarkt einen Mann erstach
Heidrun Hannusch
Ngyen Thung Dang handelt mit Pullovern,
Hosen, Jacken und ist mit seinem Stand seit drei Monaten das erste
Mal wieder auf dem Markt in Bernsdorf. Die Jahre vorher kam er
fast jede Woche in den Ort zwischen Kamenz und Hoyerswerda. Dass
er jetzt so eine lange Pause gemacht hat, lag nicht am Winterwetter.
Auch am 9. Dezember, als er das letzte Mal nach Bernsdorf kam,
war das Wetter unangenehm. Aber das Geschäft ging trotzdem
gut. Fast wäre es nur der kleine Zwischenfall mit der geklauten
Jacke gewesen, weshalb er sich auch später an diesen Tag
erinnern würde. Es war am Nachmittag. Einer von den "Glatzen",
die schon am frühen Abend angetrunken auf den Markt krakeelt
hatten, schnappte sich von Thung Dangs Stand eine Jacke und lief
damit davon. Ohne zu bezahlen. "Meine Frau", so der Standbesitzer,
"ist hinterher, und er hat die Jacke tatsächlich zurückgebracht".
Am nächsten Tag erfuhr der Händler, dass der reuige
Jackendieb tot ist. Dass er erstochen wurde von dem 15-jährigen
vietnamesischen Jungen, den er gut gekannt hatte und dem er so
etwas nie zugetraut hätte.
Seither sitzt der Jugendliche in Untersuchungshaft. Die Behörden
versuchen herauszufinden, was wirklich passiert ist an diesem
Tag auf dem Weihnachtsmarkt. Worum es ging während des Wortwechsels
zwischen den drei Jugendlichen, die Zeugen als "Glatzen" beschreiben,
und dem Sohn eines vietnamesischen Händlers. Und warum der
Vietnamese danach nach Hause ging, zwei Messer geholt und zwei
der anderen niedergestochen hat.
Nach Aussage von Hartmut Schindler, Sprecher der Bautzner Staatsanwaltschaft,
sind die Ermittlungen in dem Fall inzwischen abgeschlossen. Es
steht nur noch ein psychiatrisches Gutachten über den Schüler
aus. Liegt das vor, könne Anklage erhoben werden. Schindler
rechnet noch in diesem Monat damit. Dem Vietnamesen drohen bis
zu zehn Jahre Jugendhaft.
Was das in Bernsdorf geändert hat? "Na nichts", sagt die
Marktbesucherin Maria Schwärmer. Eine Antwort, die man immer
wieder hört. Auch solche Sätze: "Jetztmuss endlich einmal
Ruhe sein", wie ihn Franziska Kretschmar sagt. Die Kosmetikerin
hatte neben ihrem Geschäft an der Bernsdorfer Durchgangsstraße
einen Laden an eine vietnamesische Familie vermietet, die dort
einen Asia-Imbiss betrieb. Die Rollläden sind geschlossen.
Die Ladeninhaberin hat den Vietnamesen gekündigt. Sie sei
von Rechten unter Druck gesetzt worden, wird in der Stadt gemunkelt.
Die Frau will dazu nichts sagen. Diese vietnamesische Familie,
so erzählt man, soll noch in der Stadt leben. Man spricht
darüber, als seien die Leute in den Untergrund gegangen.
Die anderen Vietnamesen hatten aus Furcht vor Racheakten wenige
Tage nach der Tat den Ort verlassen. Es habe Tränen gegeben
in den Klassen der vier vietnamesischen Schüler, die Hals
über Kopf gegangen sind, erzählt die Deutschlehrerin
Vera Unger. Der fünfte Vietnamese in der Mittelschule "Karl
Liebknecht" ist der Täter gewesen. Ein stiller Junge, sagt
die Lehrerin. Etwas jähzornig, meinen andere. Was beides
gar nichts sagt.
Der Altar für das Opfer ist mittlerweile abgeräumt.
Nur noch Reste von abgebrannten Kerzen erinnern auf der Türschwelle
der einstigen Sparkassenfiliale, dass hier der 21-jährige
Matthias Förster starb. Wochenlang war die Stelle eine Art
Wallfahrtsort. Jene, die kamen um zu trauern, bezeichnen den Toten
als Kameraden. Etwas weniger Vergängliches als Kerzen und
Blumen wollen sie jetzt an der Stelle, eine Gedenktafel. Auf dem
Grab des so überflüssig Gestorbenen stehen frische Blumen.
Weggeräumt sind die Kränze, deren Schleifen die Pfarrerin
Angelika Scholte-Reh noch vor der Bestattungsfeier abgeschnitten
hat. 88, als Verschlüsselung für "Heil Hitler" habe
drauf gestanden, ein Hakenkreuz. Auch die Enden des in einem Kranz
integrierten Keltenkreuzes, das in der Rechtensymbolik für
"White power" steht, hat sie gekappt.
Die Pfarrerin ist eine der wenigen im Ort, die sich offensiv mit
dem Thema auseinandersetzt. In der Weihnachtspredigt hat sie dazu
gesprochen, im Religionsunterricht am Hoyerswerdaer Gymnasium,
in der jungen Gemeinde. Und auch sie hört immer wieder diesen
Satz "Jetzt lassen sie es aber mal gut sein". Für die Bernsdorfer
gibt es kein Regierungsprogramm, das ihnen hilft, mit dem ungeheuerlichen
Vorfall fertig zu werden. Ein toter Jugendlicher, und einer, der
mit der Tat sein Leben verpfuscht hat. Und noch dazu eine Täter-Opfer-Konstellation,
die mit Klischees so gar nicht zu begreifen ist. Vergessen, verdrängen
scheint da noch die beste Lösung. "Das es hier Rechte geben
soll, habe ich nach der Geschichte auf dem Weihnachtsmarkt erst
aus der Zeitung erfahren", sagt Margit Berndt.
Auch das hört man immer wieder. Und auch im Fernsehen sieht
man immer öfter jene, die man in Bernsdorf nie gesehen haben
will. Seit dem 9. Dezember wissen Fernsehteams, wo sie garantiert
fündig werden, wenn es um das Thema Rechtsextremismus im
Osten geht.
In Bernsdorf fühlen sich die Rechten stark genug, ihre 88-T-Shirts
in die Kamera zu halten. Jetzt erst recht.
up |
| In Berndorf werden die Nazis nicht
mehr nur Jugendliche genannt, sondern seit Neuestem rechte Jugendliche.
Das gibt der folgende Artikel der Sächsischen Zeitung Lokalausgabe
Kamenz vom 17. Februar wieder. Dort wird auch das Problem nicht
beim Rassismus gesehen, sondern bei Arbeits- und Beschäftigungslosigkeit.
SächsZ Kamenz 17.02.01
"In Bernsdorf sind viele Jugendliche rechts"
Martin Jenemann (Internationaler Bund):
auch in Radeberg und Ottendorf-Okrilla
Die Attacke eines Vietnamesen, der nach
einer Pöbelei auf dem Weihnachtsmarkt einen Bernsdorfer niederstach,
rüttelte die Region auf: Haben wir besonders viele rechte
Jugendliche und wie gut läuft die Arbeit im Jugendclub?
Das waren nur zwei Fragen, die gestellt
wurden. Erst kürzlich trafen sich Bernsdorfer Stadträte
mit Jugendlichen und dem Träger des Jugendclubs, dem Internationalen
Bund. Wir fragten Martin Jenemann, den IB-Chef im Landkreis Kamenz
und in Hoyerswerda. Beim letzten Treffen wurde die Bildung eines
Clubrates angeregt.
Was ist seither passiert?
Wir haben einen Clubrat gebildet, bei dem
fünf Bernsdorfer mitmachen. Die Jugendlichen haben jetzt
einen Schlüssel für den Jugendraum bekommen. Bisher
klappt es gut. Am vorletzten Wochenende haben sie sich sehr vorbildlich
benommen, der Club war noch nie so sauber. Die Jugendlichen haben
aber auch gemerkt, dass sie nun eine hohe Verantwortung haben.
Für Notfälle haben wir eine Hotline eingerichtet.
Wie läuft die Arbeit im Clubrat?
Etwas schwierig. Den Jugendlichen ist selbst
klar geworden, dass das ein Lernfeld für die Demokratie ist.
Es müssen Argumente ausgetauscht werden und man muss zuhören
können. Zurzeit schreien sie sich noch zu oft an. Noch unterstützen
wir sie, indem wir die Sitzung moderieren. Später wollen
wir uns hier zurückziehen.
Gibt es in Bernsdorf besonders viele rechte
Jugendliche?
Hier gibt es rechtsorientierte und unpolitische
Jugendliche. Ich habe noch nicht festgestellt, dass es Probleme
zwischen diesen Gruppen gibt. Die tolerieren sich, denn sie kennen
sich von Kindheit an. Insgesamt kann man schon sagen, dass in
Bernsdorf besonders viele Jugendliche rechts sind. Andere Schwerpunkte
im Landkreis sind Radeberg und Ottendorf-Okrilla. In Lauta hingegen
gibt es ganz wenige.
Wie bewerten Sie das Engagement der Stadträte?
Die Stadträte sind nach dem Vorfall
auf dem Weihnachtsmarkt wach geworden. Leider war es wieder so,
dass sie es erst merken, als das Kind in den Brunnen gefallen
ist. Nun machen sie sich ernste Sorgen und befassen sich mit den
Problemen der Jugendlichen. Sie haben gemerkt, dass es nicht
ausreicht, darauf zu verweisen, wie es früher war. Wir leben
nicht im Früher, sondern im Jetzt.
Immer wieder wird den Jugendlichen vorgeworfen,
sie gestalten zu wenig ihre Freizeit?
Die Eltern bauen eine gewisse Erwartungshaltung
bei den Jugendlichen auf, dabei vergessen sie oftmals ihre eigene
Jugend. Doch wie war das mit der eigenen Aktivität. Viele
ältere Kollegen erzählten mir, wo sie alles mitmachen
mussten, obwohl ihnen das nicht gepasst hat. Es hat kaum jemand
widersprochen, dass vieles sinnlos war. In der Tat haben wir in
Bernsdorf ein Problem, obwohl wir viele Aktivitäten anbieten,
doch die Jugendlichen wollen lieber abhängen. Es gibt aber
auch viele, die Fußball spielen. Es ist unser gesellschaftlicher
Auftrag, diese Freizeitbeschäftigungen zu fördern. Ich
sehe jetzt schon wieder die Probleme in Bernsdorf und Lauta, wenn
unsere Jugendlichen Volleyball spielen wollen. Da gibt es immer
Ärger mit derNachbarschaft. In diesen Konflikt könnten
die Stadträte auch mal eingreifen. Auch die Bemühungen
der Schulverwaltung könnten stärker sein. Zwei Stunden
Sport in der Schule reichen meiner Meinung nach für die Jugendlichen
nicht aus. Und wenn Stunden gestrichen werden, sind es meist die
Sportstunden.
Glauben Sie, dass die Eltern an der rechten
Einstellung ihrer Kinder mitverantwortlich sind?
Eltern sollten eine Vorbildfunktion haben.
Doch wenn beide Elternteile zu Hause arbeitslos sitzen, den ganzen
Tag fernsehen und es nicht schaffen mit ihren Problemen fertig
zu werden, dann ist es um die Vorbildfunktion schlecht bestellt.
Haben Sie den Eindruck, dass die Gewaltbereitschaft
zugenommen hat?
Solange wie ich hier bin, also von 1992
bis 2001, gab es da keine großen Veränderungen. Es
kommt immer mal vor, dass Türen eingetreten werden und in
Einrichtungen eingebrochen wird. Ich glaube sogar, dass die Zahl
der Einbrüche abgenommen hat. Sorgen mache ich mir, was den
Umgang untereinander angeht, vor allem in der Schule. Der schon
gewalttätiger geworden.
Wissen die Eltern immer, dass ihre Jugendlichen
rechts sind?
Ich glaube nicht, dass alle Eltern die Symbole
kennen, die Rechtsorientierung zeigen. Deshalb erlauben sich manche
Eltern das Urteil: "Mein Sohn ist doch nicht rechts."
Welche Ziele verfolgt der IB in der Zukunft?
Jugendarbeit muss stärker in der Öffentlichkeit
präsent sein. Deshalb wollen wir stärker in der Politik
mitmischen. Unsere Mitarbeiter sollen künftig in die Ratssitzungen.
Wir wollen auch mehr mit den Kirchen, mit der Feuerwehr und den
Vereinen zusammenarbeiten.
Gespräch: Maik Brückner
up |
| taz schreibt: Reißerische
Vor-Ort-Reportagen, seltsame Bezüge zur Schoa, keine Positionierung
zu Tung
rassismus ost und west
Bernsdorf liegt nicht im Westen taz,
kommentar vom 18. 12. 00 |
Ein deutsches Begräbnis
Das Dilemma: Die Trauerfeier abbrechen, den Rechten das Grab
überlassen? Oder weitermachen und ein Forum bieten?
taz, bericht vom 18.
12. 00 |
Vietnamesen verlassen Bernsdorf; Skinheads
kündigen Trauermarsch für getöteten Matthias
F. an, Staatsanwalt sucht weitere Zeugen
Die Ordnung ist hin; Nach der Tat ging das Gerücht von
Handy zu Handy: Schon gehört? Skins haben einen Fidschi
umgebracht. Wer hätte auch gedacht, dass es anders war?
zwei taz-berichte vom 14.
12. 00 |
Angst vor der Rache
Nach der Verhaftung ihres 15-jährigen Landsmanns fliehen
Vietnamesen aus dem sächsischen Bernsdorf taz
vom 13. 12.00 |
up
rassismus ost und west
Bernsdorf liegt nicht im Westen
Sitzen zwei Deutsche zusammen und reden
über den Holocaust. Spätestens nach dem dritten Bier
sind sie bei ihrem eigentlichen Thema angelangt, der Entlastung.
Von nun an lautet eine der wichtigsten Fragen: Wie lange haben
wir noch an der Schuld zu tragen? Dann die tröstliche Antwort:
Auch Engländer, Franzosen und Israelis haben Dreck am Stecken.
Dies war und ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel, das Entspannung
verschafft und allzu quälende Selbstzweifel lindert.
Kommentar
von EBERHARD SEIDEL
In diesen Tagen macht eine neue Spielvariante
die Runde: Nicht mehr der Rechtsradikalismus ist die Herausforderung,
die wirklich zählt. Nicht mehr die bedrohliche Situation,
unter der Minderheiten in diesem Land in manchen Regionen leben
müssen, steht im Vordergrund. Was jetzt vor allem bewegt,
ist die vermeintliche Schieflage in der wechselseitigen Wahrnehmung
zwischen Ost- und Westdeutschen, der Schmutz, der über die
eingerissene Mauer hin- und hergeworfen wird.
Der Westen tue so, als sei der Rassismus eine Erfindung der neuen
Bundesländer, lautet ein Vorwurf. Und ganz Eifrige, wie der
sächsische Innenminister, vertreten gar die These, die Neonazis
seines Bundeslandes seien nur von westlichen Faschisten verführte
Jungs.
Nun, ganz von der Hand zu weisen sind die Vorwürfe ja nicht.
Tatsächlich ignorierte die politische Elite der alten BRD
den Rechtsradikalismus vor 1990, um die ostdeutsche Variante
dann als Folge des verordneten Antifaschismus der untergegangenen
DDR zu denunzieren.
Damals wie heute gilt: Die wechselseitigen Schuldzuweisungen sind
so durchsichtig wie dumm. In beiden Fällen soll von der eigenen
Verantwortung abgelenkt werden. Gesamtgesellschaftlich besteht
sie darin, den Rassismus allgemein zu ächten. Aber darüber
hinaus gibt es auch regionale und lokale Verantwortungen. Wenn,
wie im Sächsischen Bernsdorf geschehen, alle dort lebenden
Vietnamesen die Stadt fluchtartig verlassen, weil einer der Ihren
einen Deutschen getötet hat, sind Fragen an Bernsdorf erlaubt:
Ist die Situation wirklich so dramatisch, dass Minderheiten ein
Pogrom oder Racheakte fürchten müssen? Sind die Neonazis
wirklich so stark, dass staatlicher Schutz unmöglich erscheint?
Fragen wie diese haben nichts mit westlichen Ressentiments gegenüber
dem Osten zu tun. Und sie wären mit gleicher Schärfe
zu stellen, wenn Bernsdorf in Bayern läge. Liegt es aber
nicht.
taz Nr. 6325 vom 18.12.2000, Seite 1, 85 Zeilen, Kommentar
EBERHARD SEIDEL
up
Ein deutsches Begräbnis
Das Dilemma: Die Trauerfeier abbrechen, den Rechten das Grab überlassen?
Oder weitermachen und ein Forum bieten?
aus Bernsdorf THOMAS GERLACH Nun
haben sie Matthias mit deutschem Gruß und auf Lateinisch
unter die Erde gebracht. Nein, nicht mit gerecktem Arm am offenen
Grab - doch wer die Zeichen sehen wollte, sah sie. Das goldfarbene
" R.I.P. 88" war nicht übermäßig groß auf
der solide genähten schwarzweißroten Schärpe:
R.I.P. sorgte für Verwirrung, die 88 nicht. Das "Requiescat
in pace!" für die Lateiner, die 88 für die Kameraden.
Zweimal die Acht als Zeichen für den Buchstaben H, den achten
im Alphabet, HH gleich Heil Hitler. Die Kameraden lassen sich
nicht verbieten, wie sie einen der Ihren bestatten. Nicht von
der Pastorin, nicht von der Polizei.
Hier der Enkel, da der Kamerad
Waren es zwei Beerdigungen? Hier der "anständige Sohn und
Enkel" der Familie F. der "plötzlich und unerwartet", klagt
die Traueranzeige, "unfreiwillig aus dem Leben gerissen" wurde,
ein Bernsdorfer Bursche, den ein Unglück ereilt hat, eine
Art Verkehrsunfall auf dem Bürgersteig? Dort der Kamerad,
der gefallen ist, am letzten Samstag, ermordet, ein Messer im
Bauch, gezückt von einem 15-jährigen Vietnamesen? Hier
die Bernsdorfer, von denen viele so gern schweigen seit letztem
Samstag. Dort die Glatzen: hochgezogene Schultern, hängende
Köpfe, Faust in der Tasche. Sie drehen sich um, checken die
Lage und flüstern einander ins Ohr. Wollen dastehen wie Eichen,
schweigend im Dezemberwald, Wasser tropft herab, und frieren doch
auch bloß. Zwei Beerdigungen, zwei Kreise, eine Schnittmenge,
Aufschrift "Anständig". So richtig wissen sie mit ihren Lonsdale-Jacken
und Springerstiefeln nicht, wie sie trauern sollen, die Opferrolle
ist neu. "White Power", "White Pride" und "Skinhead" - Garderobe
und weiße Schnürsenkel waren bisher auf anderen Treffen
dabei. Wie man Siege feiert, wissen sie, aber: Wie trauert man?
Erhobenen Hauptes oder Blick nach unten? Schweigend oder laut?
Pathetisch oder cool? Manche haben sich zur Feier den Schädel
frisch geschoren. Andere haben Wehrmachtsmäntel übergestreift,
Schöße flattern, Knöpfe leuchten, und sehen aus
wie Kommandanten. Zwischen den Lebensbaumhecken der Grabreihen
eilen sie und sind wichtig, weiße Armbinden leuchten von
Jacken: "Ordner" - es wird "anständig" begraben.
Einer hat keine Eile, andächtig steht er am Portal. Hat der
Führer je geweint? Wohl nicht, jedenfalls nicht öffentlich.
Und so weint auch die Kopie nicht. Scharf gezogener Scheitel,
strenger Blick, Hände vorm Geschlecht und Blick nach unten
- Bedeutsamkeit bis in die Hosenfalte, nur der schmale Schnauzer
fehlt. So ein schönes Double ist auch bei den Kameraden rar,
so einer ist für jeden Abend gut: Ein Führerlein, eine
lebende Puppe, geschnitzt aus deutschem Holz, belebt mit deutschem
Blut und eine Sendung in der Brust, die noch längst nicht
vorüber ist. Ein kleiner Star im rechten Panoptikum, Wiedergänger
erwachen, Geisterstunde am Vormittag um elf auf dem Friedhof zu
Bernsdorf.
Pastorin Angelika Scholte-Reh will das alles richten: Dem Spuk
das Gotteswort entgegensetzen, die Trauer kanalisieren, mit Trost
nicht sparen, dennoch ein paar deutliche Worte finden, zur Versöhnung
aufrufen, zum Brückenbau, Matthias in Gottes Hände legen,
das endgültige Urteil dem Richterstuhl Christi überlassen
und die Lage entschärfen. Die Frau im Talar, mit der schmucken
Brille auf der Nase ist Herrin des Friedhofs und des heutigen
Vormittags. Sie hofft es zumindest. Bittet Fotografen und Kamerateams
auf der Straße zu bleiben, hat mit den Skins vereinbart:
Keine rechten Symbole, andernfalls werde sie den Talar ausziehen
und gehen. Manche sind gekommen, nur um zu sehen, ob sie das wohl
macht. Und irgendwo weit hinter den Bäumen steht die Polizei
mit Wasserwerfer und Panzerwagen, Hundertschaften aus Berlin,
Brandenburg und Sachsen.
Der Bürgermeister ein Statist
Drinnen in der Kapelle sitzt Bürgermeister Menzel, seit dem
blutigen zweiten Advent ist er nur noch Statist in seiner Stadt.
Die Lust am Regieren hat er wohl verloren, der Ausnahmezustand
ist seine Sache nicht. Pastorin und Polizei haben sein Geschäft
übernommen. Und der Bischof in Görlitz hat auch seinen
Segen gegeben, obwohl Matthias und dessen Eltern nicht zur Kirche
gehören. Der Wind peitscht Schnee und Regen über die
Gräber. Fünfzig sitzen in der Kapelle, 250 stehen davor,
draußen kommt der Lautsprecher kaum gegen den Sturm an,
drinnen balanciert die Pastorin. Wortfetzen fegen über den
Platz: Latente Gewalt, verletzte Gefühle, Verantwortung und:
"Daran, dass die Gewalt am letzten Sonnabend eskaliert ist, haben
mehr Menschen Anteil gehabt." Kopfschütteln draußen,
der Hitler-Homunkulus erwacht, Murmeln. Sie hätten wohl gern
eine andere Rede gehört, halten aber an sich. Die Pastorin
hat zuvor Liedzettel verteilt: "Du kannst nicht tiefer fallen
als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt."
Einsam und mit dünnem Sopran hebt sie an, draußen biegt
der Sturm die Tannen. Einer mit "88"-Basecap schwenkt das Papier,
reicht es unwirsch seiner Freundin. Mit dieser Seelenreise hat
er nichts am Hut. Murmeln, Kopfschütteln, ungläubiges
Grinsen, sie hätten wohl gern ein anderes Lied gesungen,
halten aber an sich. Halten Rose, Nelke gesenkt. Keine Symbole,
jedenfalls keine justiziablen, dafür Blumen, so wie abgesprochen
- ein Skin, eine Blume, viele Taschentücher. Sie werden verteilt,
Tropfen hängen an der Nase, Augen werden feucht, bei Trauernden
und bei Neugierigen auch. Bei wem es die Gefühle nicht schaffen,
besorgt es der Wind.
Nein, am offenen Grab gibt es kein hörbares Versprechen,
Brücken zu bauen, wie es sich Angelika Scholte-Reh gewünscht
hat. Verlassen steht sie da, das Grab vor sich, die Familie im
Rücken, neben sich die Kränze "In ewiger Kameradschaft"
auf meterlangem Schwarzweißrot. Wahrscheinlich zu viel,
um den Talar anzubehalten, vielleicht zu wenig, um einfach zu
gehen und das Grab den "Kameraden" zu überlassen. Einen Händedruck
gibts für sie kaum. Blume für Blume fällt in das
Grab, "Dein Tod war nicht umsonst", hören welche. Nur einmal,
sonst nichts. Artig strammgestanden, Hände an der Hosennaht
die einen, cool und ungelenk die anderen, quälend langsam
das ganze Defilee.
Auf der Straße gehts dann flotter zu: In Fünferreihen
aufgestellt und durch Bernsdorf gezogen, schweigend, rauchend.
Gut 200 meist rechte Jugendliche ziehen los, Blaulicht vorneweg.
Wohin? Zum Tatort? Dort steht ein Bernsdorfer mit seinen Fragen
und schluchzt unvermittelt los: "Warum denn Polizei? Warum haben
die denn Angst? Die tun doch keinem was! Das war doch ein deutscher
Junge!?" Die deutschen Jungs und Mädels nehmen keine Notiz,
werden nicht mal langsamer bei dem Wäschekorb voll Blumen
und den Fotos, ziehen vorbei, biegen dort ein, wo vorige Woche
der Weihnachtsmarkt begann. Vielleicht eine Viertelstunde, schon
stehen sie wieder. "Ich bedanke mich bei euch, dass ihr so zahlreich
erschienen seid!" ruft ein Smarter im Regenmantel. Regentschaft
der Rechten Stefan K. steht neben einem Polizeiwagen, er war vorige
Woche der Dritte im Bunde, nun ist er alleine hier. René
H. liegt im Krankenhaus und Matthias F. auf dem Friedhof. "Hier
ist jetzt alles zu Ende! Ohne dass in Bernsdorf Gewalt passiert!"
Von der Autorität des Überlebenden lassen sie sich nach
Hause schicken. Oder doch zumindest fort aus der Stadt, mit ihren
knapp 6.000 Einwohnern und den Hundertschaften der Polizei. Irgendwo
werden sie sich schon aufwärmen. Kurzer heftiger Applaus
und ein warmer Händedruck, Bürgermeister Menzel verbeugt
sich, als er dies tut - ein Hauch von Montagsdemo, wenn auch mit
neuen Vorzeichen: Staatsmacht neigt ihr Haupt vor der rechten
Jugend. Offenbar hatte Stefan K. in den letzten Stunden die Regentschaft.
Danach bleibt es ruhig, auch am Tatort. Zwei Kumpels in Lonesdale-Jacken
und Springerstiefeln halten dort Nachlese, auf Matthias lassen
sie nichts kommen: "Wenn der nen schlechten Tag hatte, konnte
den ein Neger anrempeln, ohne dass was passiert ist." Wieder und
wieder versuchen sie, die regennassen Teelichter zum Leben zu
erwecken. "Der Gerhard Schröder kommt doch bloß, wenn
ein Ausländer von einem Deutschen erschlagen wird." Schimpfen
auf die "Russen" im Neubaugebiet, zündeln mit dem Feuerzeug
und schließen mit einer Prophezeiung: "Im Jahr 2010 gibt
es in Deutschland mehr Ausländer als Deutsche." Ganz bestimmt
nicht in Bernsdorf. Das haben vor einer Woche fünfzehn Vietnamesen
verlassen. Bedauern gab es offenbar nicht aus dem Rathaus. Es
scheint, dass viele erleichtert sind, fünfzehn Probleme,
ein China-Imbiss und ein Asiamarkt weniger. Doch es gab auch Tränen.
Mitschülerinnen weinten um ihre vier vietnamesischen Freundinnen
und Freunde, die am vorigen Montag ihren letzten Schultag in Bernsdorf
hatten.
Am nächsten Sonnabend wird der Bernsdorfer
Alltag nachgeholt.
Tanzstundenabschlussball in der "Bauernschänke". Der Tanz
war um eine Woche verschoben worden. "Alltag? Bloß nicht!
Jetzt müsste es einen Runden Tisch geben", sagt eine Mutter.
Bitte keine Namen! Sie will reden, aber wo? Und mit wem? Probleme
einfach auslagern, fortschaffen, aus der Stadt, aus dem Sinn und
Polizeipatrouillen? Es schmeckt nach DDR. Die Bernsdorfer Vietnamesen
werden so nicht wiederkommen. Der Bürgermeister solle einladen,
sagt sie. Wird er es tun?
Es gibt Redebedarf.
taz Nr. 6325 vom 18.12.2000, Seite 3, 250 Zeilen, TAZ-Bericht
THOMAS GERLACH
up
Vietnamesen verlassen Bernsdorf
Skinheads kündigen Trauermarsch für getöteten Matthias
F. an, Staatsanwalt sucht weitere Zeugen BERNSDORF
taz Die Beerdigung des 21-jährigen Matthias F. findet am
Sonnabend im ostsächsischen Bernsdorf statt, bestätigten
Stadtverwaltung und Pfarramt. Matthias F. war am Rande des Weihnachtsmarkts
am vergangenen Sonnabend von dem 15-jährigen Vietnamesen
Thung D. niedergestochen worden, ein zweites Opfer überlebte
schwer verletzt. Verbale und möglicherweise auch tätliche
Auseinandersetzungen zwischen Skins und dem Vietnamesen sollen
der Tat vorausgegangen sein. Die Staatsanwaltschaft teilte mit,
dass sich die Ermittlungen schwierig gestalteten. Es werde ein
vietnamesischer Zeuge gesucht, der Auskunft zu den Auseinandersetzungen
am Verkaufsstand geben könne. Nach Aussagen der Staatsanwaltschaft
bestreitet Thung D. die Tat nicht, wohl aber eine Tötungsabsicht.
Die Aussage decke sich mit der eines Zeugen, der den Hergang beobachtet
habe. Thung D.s Eltern haben Bernsdorf bereits verlassen. Auch
andere vietnamesische Familien haben der Stadt aus Angst vor Übergriffen
den Rücken gekehrt. Am Wochenende wird in Bernsdorf massive
Polizeipräsenz erwartet, zumal Skins angekündigt haben,
mit einem Trauermarsch durch die Stadt zu ziehen. mw
taz Nr. 6322 vom 14.12.2000, Seite 1, 42 Zeilen, TAZ-Bericht
mw
Die Ordnung ist hin
Nach der Tat ging das Gerücht von Handy zu Handy: Schon gehört?
Skins haben einen Fidschi umgebracht. Wer hätte auch gedacht,
dass es anders war?
aus Bernsdorf THOMAS GERLACH
War der Weihnachtsmann schuld? Er hatte
durch das Programm geführt mit der Jagdhornbläsergruppe,
dem Karnevalsverein und den "Vorfreuden im Advent". Gesang und
Späße trug der Lautsprecher über den Platz. Um
vier war dann sein großer Auftritt: "Der Weihnachtsmann
kommt." Und er tat, was Weihnachtsmänner tun - Freude verbreiten
und ein wenig Respekt. Ein Weihnachtsmann aus echtem Oberlausitzer
Holz, der lässt sich nichts bieten. Auch nicht von den Jugendlichen
mit diesem Haarschnitt, den Schnürstiefeln und den militanten
Jacken. Von denen doch nicht! Na ja, er hätte vielleicht
nicht zurückpöbeln dürfen. Heftig schallte die
Lautsprecheranlage einiges hinaus auf den Weihnachtsmarkt in Bernsdorf
mit seinen Buden, den Kiefern und der Kinderbelustigung. Auch
wenn niemand aus dem Ort sich mehr genau an die Worte des Weihnachtsmannes
erinnert: Lustig war das alles nicht mehr. Und es war doch erst
der Anfang. 20 Skins, vielleicht auch mehr, zogen dann von Holzbude
zu Holzbude, soffen und krakeelten sich Meter für Meter weiter.
Genug Hütten waren da. Für Speisen und Getränke
ist überwiegend durch Bernsdorfer Gewerbetreibende gesorgt,
versprach die Einladung. So wie im vergangenen Jahr, so wie immer.
Und so kamen die Jugendlichen endlich an den letzten Stand Bernsdorfer
Händler, wo die vietnamesische Familie Glühwein ausschenkte.
Eine bequeme Endstation für Frust und Pöbeleien. "Fidschis"
sind handliche Feinde, anders als die Russlanddeutschen, die hier
in Plattenbauten wohnen und - wenn es sein muss - mächtig
was im Unterarm haben: Vietnamesen sind zierlich. Da kann man
schon mal die Hütte ein bisschen aus den Angeln heben. Da
muss man nicht mit Gegenwehr rechnen?
Das ist die Vorgeschichte. So oder doch so ungefähr muss
es gewesen sein am Sonnabend auf dem alljährlichen Weihnachtsmarkt
von Bernsdorf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die das mit angesehen
haben, wollen nicht ihre Namen in der Zeitung lesen. Wer kann
schon ahnen, dass der 15-jährige Thung ausflippt, ein Messer
holt, drei Jugendliche verfolgt und zwei davon auf der Hauptstraße
niedersticht? Matthias liegt in der Gerichtsmedizin, René
auf der Intensivstation und Thung sitzt in U-Haft. Dort, wo der
21-jährige Matthias verblutete, werden jetzt Blumen niedergelegt.
Gerüchte schwirrten am Samstagabend durch die Luft, von Handy
zu Handy, von Disco zu Disco: Schon gehört? Skins haben einen
Fidschi umgebracht! Erst langsam wurde klar, dass es anders war.
Wer hatte damit gerechnet? Die Ordnung ist hin.
"Es wäre so ein schöner Weihnachtsmarkt geworden." Bürgermeister
Eberhard Menzel hat ein freundliches Gesicht, die Augenlider gefältelt,
die Lippen gepresst. Verschränkt liegen seine Hände
auf dem Tisch, er presst den Kugelschreiber wie einen Rosenkranz,
jedes Wort ein Stoßgebet: Fußballverein, Karnevalsverein,
Schützenverein, Jugendclub, Jugendfeuerwehr. "Mit eigener
Technik!" Sein Stellvertreter sekundiert. Es gebe für die
Jugend so viele Möglichkeiten! Die beiden - einer von der
PDS, der andere von der PDS aufgestellt - sitzen im Amtszimmer,
suchen nach Argumenten, die entlasten. Sebnitz vor Augen, Hoyerswerda
vor der Tür: Die Suche nach den Ursachen hat begonnen und
der Bürgermeister muss reden, so gut er kann. Man habe gewiss
nicht alles Erdenkliche getan, doch das, was möglich war.
Zumal bei der Haushaltslage, wie sie nun eben so ist, und sie
ist nicht gut, Sie verstehen!? Und nun das. Man erreiche eben
nicht alle, Verrückte geben es eben überall. "Sehen
Sie, John Lennon wurde auch erschossen." Hilflosigkeit, Menzel
schaut auf, presst den Kuli. "Im Grunde genommen hat ein Bernsdorfer
einen anderen erstochen. Das ist bedauerlich, doch das würde
gemeldet werden in der Zeitung und dann nochmal, wenn Prozess
ist." Fertig. Eberhard Menzels Krisenmanagement ist schlicht:
Ruhe und Ordnung. Oder: wenig Presse und viel Polizei.
Menzel steht auf, greift zum Hörer: "Hat sich die Polizei
bei Ihnen gemeldet? Noch nicht?" Kommt zurück und echauffiert
sich ein bisschen. Er habe eben mit den Eltern des Toten telefoniert,
die Polizei war immer noch nicht da, bis auf Samstagnacht, an
der sie die Nachricht vom Tod brachte. "Die haben doch auch Polizeipsychologen,
die müssen sich doch um die Eltern kümmern?" Ratlosigkeit
bei Eberhard Menzel. Irgendwie hatte er sich die Aufgaben der
Polizei wohl umfassender vorgestellt.
Dann erzählt der Bürgermeister: "Gestern waren Jugendliche
bei mir. Die wollen dort, wo der Matthias verblutet ist, ein Kreuz
aufstellen. Ich soll ihnen helfen." Was soll Eberhard Menzel machen?
"Ich habe ihnen gesagt, ich werde das prüfen. Man kann da
nicht einfach Pflastersteine aus dem Bürgersteig reißen
und was aufstellen. Wir müssen das im Stadtrat beraten."
Und es scheint, der Bürgermeister hoffe, dass das mit dem
Kreuz vorübergeht. Regentropfen klatschen auf Folie, darunter
Rosen, Astern, Nelken, Teelichter flackern im Wind, Schal und
Kissen von Dynamo Dresden, zwei Fotos: Matthias, kurzes Haar,
schwarzweißrote Hosenträger, Bierflasche gereckt, lachend,
selbstbewusst. Nein, nicht unsympathisch, ein junger Kerl, Maler,
Fußballfan - und Skin. Ein grimmiger Wikinger pappt als
Aufnäher an der Tür, Unterschrift "Odin", ein Kreuz
hängt daneben, eingraviert "Skin". Die Ernst-Thälmann-Straße
in Bernsdorf ist eigentlich immer dicht, der Verkehr wälzt
sich von Hoyerswerda Richtung Dresden. Jetzt ist alles noch dichter
und langsamer. Streifenwagen, Bereitschaftspolizei mittendrin,
und vor der alten Sparkasse kommt alles ins Stocken. Es ist wie
ein "Drive in", Fuß vom Gas, Blick zu Blumen, Grablichtern
und Zetteln. Und Sprüche auf dem Fußweg, was man schreibt,
wenn man traurig ist: "Forever in my heart". Und anderes: "21
wurde er nur für das deutsche Vaterland". Keine drei Meter
entfernt werden beim Meisterfriseur Locken gelegt. Wird Matthias
zum Märtyrer erhoben? Hier soll das Kreuz errichtet werden.
Was könnte draufstehen? Ein paar stehen herum, geschorene
Haare, rauchen, schweigen, gucken auf die Straße, als warteten
sie auf etwas, und entzünden Teelichter, wieder und wieder,
die eine 21 bilden, ein M und ein F, die Initialen seines Namens.
Und der Wind macht alles zunichte. Gibt es was zu sagen? Nichts.
Fast nichts. Einige sprechen in Handys. Und ein Gedicht klebt
an der Tür, Überschrift "So jung": "Du warst doch nicht
krank, dir ging es doch gut, dieser plötzliche ,Unfall' bringt
mich in Wut. Du
hättest nicht allein gehen dürfen, merkte das niemand?
Kam denn keiner hinterher?" Thungs Eltern verstanden. Hemden,
Kostüme und Pullis liegen noch aus im Asiamarkt, kaufen kann
sie vorläufig keiner. "Heute: geschlossen" steht seit Sonntag
an der Tür, die beiden sind fort. Am Montag war Abschiednehmen
in der Schule: Einige vietnamesische Eltern haben ihre Kinder
abgemeldet, für immer. Auch der China-Imbiss lässt seit
Dienstag die Rollläden unten. Wird es Rache geben? Die Vietnamesen
verlassen trotz Polizeiaufgebot die Stadt. Wohin, weiß keiner
hier. Am Sonntag zogen die Skins von der Tankstelle zum Tatort,
die kamen nicht nur aus Bernsdorf. Danach gingen sie in die Kirche
zur Andacht. Von den 300 Besuchern waren zwei Drittel Skins. Pastorin
Angelika Scholte-Reh hat sich dafür schon einiges anhören
müssen. Was sie sich da eingehandelt habe, als sie zur Andacht
einlud, sei ihr erst im Laufe des Sonntags klar geworden. "Es
war besser, sie in die Kirche einzuladen, als dass sie sich an
der
Tankstelle voll laufen lassen." Ein Forum habe sie ihnen nicht
geboten, wohl aber einen Ort. "Die haben doch auch ein Recht,
dass man sich um sie kümmert." Die Pastorin war am Samstag
auch mit einem Stand auf dem Markt, versuchte zu schlichten, als
die Sache mit dem Weihnachtsmann begann. Und sie hatte sich fest
vorgenommen, am Sonntag einen Aufruf für Gewaltlosigkeit
und gegen Rassismus auf dem Stand auszulegen. "Wir mischen uns
ein, wenn andere beleidigt, bedroht oder angegriffen werden",
steht auf dem Papier. Am Sonnabend lag es noch im Pfarrhaus, am
Sonntag wars zu spät. "Ich hätte wohl doch die Polizei
rufen sollen. Die Gewaltbereitschaft haben doch alle bemerkt!
Auch ich." Nun steht ihr eine Beerdigung ins Haus.
Angelika Scholte-Reh sitzt in ihrem Haus, rührt im Tee, sucht
nach Ursachen. "Die latente gesellschaftliche Gewalt darf man
doch nicht verschweigen?" Und zählt auf: Arbeitslosigkeit
in den Familien, Perspektivlosigkeit und die einfachen Antworten
der Rechten. Es ist die Negativliste zu den Vereinen von Bürgermeister
Menzel. Die Pastorin selbst ist aus dem Rheinland zugezogen.
"Und jetzt geht hier die Angst um, dass Bernsdorf erledigt ist."
Dass hier alle als Rechte gelten, wenn wieder Skins marschieren,
auf der Thälmann-Straße hin zum Treppensteig mit seinen
Blumen und Kerzen und Odin, dem Wikinger. Auf dem Gewerbegebiet
ist noch Platz für Investoren, ein Großer lässt
hier produzieren - ein Automobilzulieferer aus Japan.
taz Nr. 6322 vom 14.12.2000, Seite 5, 299 Zeilen, TAZ-Bericht
THOMAS GERLACH
up
Angst vor der Rache
Nach der Verhaftung ihres 15-jährigen Landsmanns fliehen Vietnamesen
aus dem sächsischen Bernsdorf BERNSDORF
taz Die Leuchtschrift verspricht ein "frohes Fest", doch der Budenzauber
ist vorbei in der sächsischen Kleinstadt Bernsdorf. Der Weihnachtsmarkt
ist abgeräumt. Kerzen brennen nur noch dort, wo Mathias F.
am Samstagabend von einem 15-jährigen Vietnamesen erstochen
wurde. Der Jugendliche sitzt in Haft, er hat ein Geständnis
abgelegt. Laut Polizeibericht wurde er vor seiner Tat von drei
Rechten - darunter Mathias F. - angepöbelt und bedroht. Der
Maler Mathias ist tot, der Märtyrer Mathias gerade geboren.
"21 wurde er nur für das deutsche Vaterland", steht am Tatort
auf dem Bürgersteig. Ein Aufnäher mit einem grimmigen
Wikingergesicht hängt an einer Tür, daneben ein eisernes
Kreuz mit eingraviertem "Skin". Ein Gedicht pappt über den
Blumen: "Du warst doch nicht krank, dir ging es doch gut, dieser
plötzliche ,Unfall' bringt mich in Wut."Am Sonntag gab es
den ersten Gedenkmarsch, Skins zogen von der Tankstelle zum Tatort.
Die in Bernsdorf ansässigen Asiaten haben die Untertöne
verstanden. Der Laden der Eltern des 15-Jährigen ist zu,
ebenso wie der China-Imbiss. Die ersten vietnamesischen Familien
meldeten ihre Kinder von der Schule ab, sie verlassen Bernsdorf.
Für immer. Aus Angst vor Rache.
Im Ort blickt man der Beerdigung mit Sorge entgegen. Bürgermeister
Eberhard Menzel setzt seine Hoffnung auf die Polizei - und die
Pastorin. Sie soll am Grab sprechen und die Rechten besänftigen.
Doch das kann die vietnamesischen Familien nicht in Bernsdorf
halten. Bamigoreng gibt es jetzt nur noch beim Mann von "Bo-Frost"
- tiefgekühlt.
taz Nr. 6321 vom 13.12.2000, Seite 7, 55 Zeilen, TAZ-Bericht
THOMAS GERLACH
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