Auf den Nerven herumtrampeln!
(Juni 01)
Der das Demonstrationsverbot
in Sebnitz bestätigende Beschluß des Verwaltungsgerichts Dresden vom
17.02.2001 ist ein typischer Fall von Gefühlsjustiz: „Ferner hat“
das Landratsamt Pirna „in der Antragserwiderung vom 16.02.2001 vorgebracht,
das Versammlungsverbot sei auch wegen der Gefährdung der öffentlichen
Ordnung gerechtfertigt. Die Versammlungsaufrufe und sonstigen Äußerungen
seien geeignet, den überwiegenden Teil der Sebnitzer Bevölkerung existentiell
einzuschüchtern. Dies gelte insbesondere für den Aufruf zur ,öffentlichen
Hinrichtung‘. Die Stadt Sebnitz werde darin als ein ,ganz ordinäres
deutsches Rassistennest‘ bezeichnet. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens
Kantelberg-Abdullah sei es zu massiven öffentlichen Vorverurteilungen
gekommen; die Grenzen der physischen Belastbarkeit der Sebnitzer Bürger
sei infolge dieser Ereignisse erreicht. Das Gericht möge schließlich
die parteiübergreifende Ablehnung der Versammlung berücksichtigen.“
Diese Einschätzung durch die zuständigen Ordnungsbehörden wäre für
sich genommen schon ein ausreichender Grund gerade in Sebnitz einzurücken
– und obendrein nur die Bestätigung dessen, was man in der normalen
Tagespresse lesen, dem Aufruf und anderen Verlautbarungen des Demonstrionsbündnisses
entnehmen oder einfach im Fernsehen ansehen konnte: Bösartige, selbstmitleidige
Täter, Nazis im Geiste und häufig auch im Handeln, einer wie der andere.
Die BAHAMAS-Redaktion als Mitaufruferin hatte durchaus einen abstrafenden,
das Sebnitzkollektiv herabwürdigenden Charakter für Umzug und Kundgebung
ins Auge gefaßt. Dort, wo der Rassismus „parteiübergreifend“ ist,
da möchte man schon „existentiell einschüchtern“ und auf den angeblich
so blank liegenden Nerven der Volksgenossen so hemmungslos herumtrampeln
bis „die Grenzen der physischen Belastbarkeit“ erreicht sind. Allein
– die Demonstration ist erwartungsgemäß verboten worden. Nicht nur,
weil in der Zone alles verboten wird, was auf den selbstmitleidig-mordlüsternen
Charakter ihrer Bewohner aufmerksam macht, sondern auch deshalb, weil
man den vorwiegend obskuren Namen der wenigen aufrufenden Gruppen
leicht ansehen konnte, daß dieses Spektrum keine Lobby hat, und völlig
auf sich selbst verwiesen kaum mehr als 500 Teilnehmer hätte mobilisieren
können.
Der Aufruf hat nicht gezündet. Sofort positiv reagiert haben neben
den üblichen antideutschen Zirkeln nur einige Antifa-Gruppen aus dem
Osten, die aus täglichen Erleben antideutsch geworden sind. Ansonsten:
Keine Reaktion, keine Diskussion, obwohl doch in Sebnitz alles für
bundesweiten Zuspruch, für ein linksradikales Bündnis vorhanden war:
Nazis ohne Ende, ein bis heute nicht ausgeräumter Mordverdacht, eine
von der ganzen Kleinstadt rassistisch verfolgte Familie. Doch die,
die doch sonst kein Spektakel auslassen, nach Prag reisen und sich
selbst fürs Wendland nicht zu schade sind – nach Sebnitz? Niemals!
Nicht vermittelbar, hieß es knapp. Wem vermitteln? Den Sebnitzern?
Das hätte noch nicht einmal das penetrant realpolitische Antifaschistische
Infoblatt (AIB) empfohlen. Den Deutschen? Hier will man schon differenzieren:
Gewiß nicht allen Deutschen; aber gibt es nicht doch fortschrittliche
Ansätze bei linken Gewerkschaftern, Kirchenasyl-Gruppen, Bürger-gegen-Rechts-Initiativen?
bekommt man als Antwort. Aber wieso gehen dann diese kritischen Gruppen
nicht mit nach Sebnitz? Nicht vermittelbar.
Nur wenige Wochen nach dem Sebnitz-Skandal ersticht der 15-jährige
Thung im benachbarten Bernstorf einen einschlägigen Nazi, der ihn
und seine Eltern bedroht und angegriffen hatte. Seither sitzt er in
Untersuchungshaft. Daß Bernstorf parteiübergreifend und unter Anteilnahme
der ganzen Bevölkerung dem getöteten Skin Lichterkette und ehrendes
Begräbnis gestiftet hat, ist hinlänglich bekannt. Daß die Antirassistische
Initiative Berlin (ARI) Thung betreut, „zwei engagierte RechtsanwältInnen“
und ein Spendenkonto zur Verfügung stellt, ist löblich, aber auch
schon alles, was neben den üblichen Betroffenheitsartikeln in der
linken und linksliberalen Presse zu lesen war. Die mickrige Kundgebung
am 15. 5.01 zur Prozeßeröffnung vor dem Landgericht Bautzen, macht
den Unterschied zum Sebnitz-Vorhaben kenntlich. Die antirassitische
Linke veranstaltet keine Kundgebungen gegen Bernstorf und die Bernstorfer.
Die Soli-Kundgebung für Thung wird, die Wahl des Demonstrationsorts
macht es deutlich, zur Soli-Kundgebung für „engagierte RechtsanwältInnen“.
Wichtigtuerisches Gerede über migrantische „Gegenwehr“ oder Selbstorganisation
überdeckt die feste Entschlossenheit, bloß nicht in die Sebnitzfalle
zu laufen. Nur die längst marginalisierten Gruppen aus der Region,
aus Dresden und Leipzig, würden, wenn sie könnten, vielleicht auch
nach Bernstorf mobilisieren. Sie, die als einzige auf Bernstorf bezogen
das schauerliche Wort Sebnitz und die Sebnitzer Verhältnisse in ihre
Erklärungen aufnehmen, gelten allen einschlägigen Gerichten als gewaltbereit,
weshalb ihre Demonstrationen ohnehin seit Monaten regelmäßig verboten
werden.
Das könnte den Antirassisten nicht passieren, denn sie suhlen sich
im Verständnis, das ihrem Anliegen allerorts entgegenschlägt: In all
den nachdenklichen Artikeln der FR über alltägliche Ausgrenzungen
und den Abschiebebereich des Frankfurter Flughafens. Antirassimus
ist die Einladung zur Identifizierung mit Menschen in Not, die endlich
einen Namen bekommen und sogar selbstorganisert ihre Anliegen vortragen.
Hinwendung zu den Opfern, gegen die kalte Anonymität der rassistichen
Staatsorgane – das klingt gut und doch ist es Lüge. Hinter der menschelnden
Konkretion der Opfer verschwindet etwas, das man, wenn man überhaupt
davon spricht, rassistischen Konsens nennt also die sehr konkreten
Täter, die sehr konkreten Deutschen. Je schärfer scheinbar die Kontur
des Migranten wird, desto ferner rückt das barbarische Kollektiv in
Bernstorf und sonstwo. Der in seiner Betulichkeit so unfaßbar gemeine
Strukturalisten-Jargon der Balibars und ihrer seminaristischen Nacheiferer
ist in seiner bloß professionellen Beschäftigung mit dem „Elend der
Welt“nichts anderes als die Gutmachung der Barbarei. Im endlosen Monolog
der besseren Deutschen verbirgt sich die leidenschaftslose Kälte von
Menschen, die sich schon eingerichtet haben.
Auf Sebnitz oder Bernstorf verfallen solche Leute nie – höchstens
auf Grenzlandcamps, in denen sie sich so lange selbst feiern, wie
sie mediale Aufmerksamkeit erregen. Mehr als Sensibilität, das Unwort
der Nach 68er-Generation, produzieren sie nicht und wer da zartfühlende
Behandlung will sind sie selbst – genau wie die Sebnitzer. Die Demo
dorthin oder nach Bernstorf, soviel wissen sie, ist billig, plakativ,
undifferenziert, eben unsensibel.
Deswegen ist die Diskussion über das Sebnitz-Projekt unterblieben.
Bei den Antifas, weil sie vor der Zumutung zurückschauerten, allein
zu stehen gegen die Deutschen. Diese Entscheidung hätte der letzte
Sommer verlangt: für die Staatsantifa oder gegen Deutschland. Die
den dritten Weg suchten, den es nicht gab, sitzen heute in den antirassistischen
Benimm-Seminaren von Menschen, die nicht nur sich selber, sondern
allen Deutschen den moralischen Noteingang in eine Zivilgesellschaft
versprechen, die problembewußt und folgenlos über ihre täglichen Untaten
redet.
Redaktion BAHAMAS (Bahamas 35/2001)