Pressedokumentation:
14. August 2005, Dresdner Morgenpost
Feiger Anschlag auf Aussiedler - Täter entkamen
Von Thomas Fischer
Freital - Neonazi-Sturm auf Aussiedlerheim: Etwa 15 Glatzen zogen
gegen 22 Uhr durch den Dresdner Vorort Freital (39 500 Einwohner).
Ihr Ziel: Ein Wohnhaus von Spätaussiedlern aus der ehemaligen
Sowjetunion. Die Nazis kamen vermummt, grölten: "Wir
machen Euch tot." In Angst verbarrikadierten sich die Bewohner
in ihren Wohnungen.. Der braune Mob wollte das Haus stürmen.
Als dies nicht gelang, flogen Schottersteine und Bierflaschen
in die Fenster. Drei Menschen wurden verletzt.
Eine Scherbe streifte Konstantin C. (25) aus Kasachstan am Kopf.
Not-OP: Die klaffende Platzwunde (fünf Zentimeter) musste
genäht werden. Auch Igor R. (24) kam verletzt ins Krankenhaus.
Splitter zerschnitten ihm das linke Ohr. Ludmilla K. (50) traf
ein Stein mit voller Wucht in den Bauch.
Erschreckend: Nur zwei Notrufe registrierte die Polizei. "Einer
aus dem Haus , der andere von einem Fußgänger",
so Polizeisprecher Wolfgang Kießling. Die Anwohner der Nachbarhäuser
schauten feige weg. "Die Polizei war schnell da, schon nach
fünf Minuten", lobte Opfer Konstantin C. Schnell, aber
trotzdem zu langsam. Die Neonazis flüchteten, als sie die
Sirenen hörten auf ein nahe gelegenes Bierfest und mischten
sich unter die Besucher.
"Wir gehen von einem rechtsextremen Hintergrund aus",
so Kießling (44). Kein einziger der Täter wurde geschnappt.
Der Staatsschutz und die Soko Rex ermitteln. Freitals Oberbürgermeister
Klaus Mättig (55, CDU) erschüttert: "Der Anschlag
ist eine Schande für Freital."
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15. August 2005, Sächsische Zeitung (Lokalteil
Freital)
Aussiedler unter Beschuss
Von Jörg Stock und Dirk Wurzel
Randale. Der Freitaler Stadtteil Potschappel
wurde am Wochenende von Krawallen erschüttert.
Zerbrochene Fensterscheiben, rastlose Polizeistreifen und verschreckte
Bürger sind die Überbleibsel eines Krawall-Wochenendes
in Freital-Potschappel. Die Schauplätze der Randale: Das
Wohnheim für Spätaussiedler in der Zille-Straße
und das nahe Festgelände der „Biermeile“.
Freitagabend kurz vor Mitternacht: Steine und Flaschen fliegen
in die Fenster des Wohnheimes. Die Geschosse zertrümmern
fünf Scheiben. Das herumschwirrende Glas verletzt zwei junge
Aussiedler am Kopf. Eine fünfzigjährige Bewohnerin trifft
ein Stein in den Bauch. Die Polizei rollt mit 46 Mann an und sucht
auch auf der „Biermeile“ am Stadion des Friedens nach
den Tätern. Ohne Erfolg.
Schüsse auf der „Biermeile“
Während der Staatsschutz bereits ermittelt, eskaliert die
Lage Sonnabendnacht auf der „Biermeile“. Fünfzehn
bis 20 Russlanddeutsche kreuzen mit Stöcken auf. Laut Polizeisprecher
Wolfgang Kießling führen sie zunächst Wortgefechte
mit deutschen Jugendlichen. Dann kommt es zur Schlägerei,
bei der ein Rettungssanitäter verletzt wird.
Was sich abspielte, beschreibt einer der Biermeilenwirte so:
„Hier kamen rund 15 Leute an, suchten Streit bei Gästen.
Einer ballerte sogar mit der Schreckschusspistole rum.“
Seinen Namen will der Gastronom, wie auch seine Kollegen, nicht
in der Zeitung lesen. Sie scheinen sich vor den Spätaussiedlern
zu fürchten. Polizei sei am späten Sonnabend Fehlanzeige
gewesen, sagt der Wirt. „Hier haben etliche angerufen, gekommen
ist niemand.“ Nur weit ab vom Festgelände sei ein Streifenwagen
gesichtet worden.
Dabei wusste die Polizei, dass sich am Abend eine Gruppe Aussiedler
vor ihrer zuvor attackierten Behausung gesammelt hatte. Eine Anwohnerin
hatte das gegen halb zehn gemeldet, worauf eine Streife nach dem
Rechten sah. „Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen Anlass zum
Eingreifen“, sagt Polizeisprecher Kießling. „Man
kann denen ja nicht verbieten, zur Biermeile zu gehen.“
Von Stöcken oder anderen Waffen habe die Streife nichts bemerkt.
Die Furcht vor den Spätaussiedlern geht auch um unter den
Nachbarn des Heims. Keiner will gegenüber der SZ seinen Namen
nennen. „Hier wohnen viele Familien mit Kindern. Haben Sie
bitte Verständnis“, sagt einer. Ob rechte Täter
das Haus am Freitagabend angegriffen haben, wird hier bezweifelt.
„Die Russen könnten sich ja auch untereinander gekloppt
haben.“ Dem widerspricht die Aussage eines Heimbewohners.
Er will gehört haben, wie die randalierende Menge „russische
Schweine“ gerufen habe. Seinen Namen verrät auch hier
keiner.
Wollten sich die Spätaussiedler also an deutschen Randalierern
rächen? „Wir ermitteln ganz stark in diese Richtung“,
sagt Jürgen Lange, Polizeiführer vom Dienst bei der
zuständigen Polizeidirektion Oberes Elbtal-Osterzgebirge.
Aber rechte Jugendliche auf der „Biermeile“? –
„Nein“, sagt der Standbetreiber. „Da sind keine
gewesen.“
Freitals Oberbürgermeister Klaus Mättig (CDU) zeigt
sich geschockt von den Geschehnissen. „Diese Gewaltbereitschaft,
egal von welcher Seite, ist furchtbar“, sagt er. Dass der
Angriff aufs Aussiedlerheim das Werk rechtsradikaler Freitaler
ist, mag auch er nicht recht glauben. „Ich würde das
lieber unter der Rubrik Fußballrandale einordnen“,
sagt er. „Sollten die Ermittlungen einen rechten Hintergrund
ergeben, wäre das für mich als Oberbürgermeister
eine furchtbare Enttäuschung.“
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16. August 2005, Sächsische Zeitung
Augen auf
von Peter Hilbert
Freital hat keine rechtsextreme Szene. Das wird zumindest gebetsmühlenartig
im Rathaus beteuert. Hier ist offenbar der Wunsch der Vater des
Gedanken. Selbst Sachsens CDU-Innenminister de Maizière
verwies erst vor wenigen Monaten bei einer Anfrage im Landtag
auf die Nazi-Kameradschaft „Freie Kräfte Freital“,
die im Stadtgebiet agiert. Wer mit offenen Augen durch Schulen
und Straßen geht, sieht, dass Anhänger der rechten
Szene keinen Bogen um Freital machen. Sicher sind pauschale Vorverurteilungen
– wie bei den Vorfällen vom Wochenende – fehl
am Platze. Genauso falsch ist jedoch, die Gefahr herunter zu spielen.
Im Nachbarkreis Sächsische Schweiz wollte vor wenigen Jahren
kein politisch Verantwortlicher wahrhaben, welchen Einfluss dort
die rechte Szene hat. Der Schock folgte beim Auffliegen der militanten
Skinheads Sächsische Schweiz auf dem Fuße. Nötig
ist es auch in Freital, nicht die Augen zu verschließen,
sondern der Wahrheit ins Auge zu schauen. Auch, wenn es weh tut.
up
16. August 2005, Sächsische Zeitung
Warum gibt es Krieg?
Von Jörg Stock
Freital. In der Kreisstadt sucht man Antworten auf die jüngsten
Gewalttaten.
Warum? Warum machen die das? Warum machen sie Krieg?“ Walentina
Reschetnikowa sitzt ratlos auf ihrem Stuhl, eine kleine Frau in
blauer Schürze, Mitte vierzig, mit kurzem Blondschopf und
warmem Lächeln. Das zeigt sie auch jetzt, schüchtern,
nach einem Wochenende der Gewalt zwischen Einheimischen und Russlanddeutschen.
Auch Walentina kam aus Russland, aus Sibirien. Seit 1999 lebt
sie in Freital, hatte bisher nie Probleme mit den Leuten. Doch
nach dem Überfall aufs Freitaler Aussiedlerwohnheim und den
Schlägereien auf der Biermeile (SZ berichtete) spürt
sie Angst, vor allem wenn ihre Tochter jetzt auf die Straße
geht. „Es gibt sicher viele Probleme“, sagt Walentina,
„aber die müssen wir alle zusammen lösen!“
Bislang verharrt die Stadt im Schock. Zuerst stürmte Freitagabend
ein Mob Vermummter das Heim auf der Zille-Straße. In der
folgenden Nacht provozierten die Aussiedler ihrerseits eine Schlägerei
auf der Potschappler Biermeile. Schreckschüsse krachten.
Später, so wurde jetzt bekannt, randalierten die Heimbewohner
in ihrer Nachbarschaft, schlugen dabei auf eine unbeteiligte Frau
ein.
Was Anwohner vermuten, bestätigt jetzt die Polizei: Der
Biermeilen-Zwischenfall war Vergeltung für die Attacke auf
das Wohnheim. Ob die Angreifer Rechtsradikale waren oder ausgeflippte
Fußballfans, ist laut Polizeisprecher Wolfgang Kießling
noch unklar. „Ein Tatverdächtiger konnte schon ermittelt
werden. Es ist ein 28-jähriger Dresdner.“
Das nährt die Hoffnung der Freitaler, es mögen auswärtige
Krawallköpfe gewesen sein, die vorm Heim Rabatz machten.
Und keine Nazis. Simone Lehmann, Jugendkoordinatorin der Stadt,
ist da fast sicher. „Meines Wissens gibt’s hier keine
rechtsradikale Szene.“ Ronny Wenzel vom Verein Pro Jugend
bestätigt: „Eine rechtsgerichtete Gruppe in Freital
ist uns nicht bekannt.“
Dabei gilt die Kreisstadt keineswegs als unbeschriebenes Blatt
in Sachen Rechtsextremismus. Im April dieses Jahres bestätigte
der sächsische Innenminister die Existenz einer Gruppierung
„Freie Kräfte Freital“. Die NPD war hier wiederholt
präsent, unter anderem bei den Hartz-Demos. Nicht zuletzt
sitzen zwei Abgeordnete der Republikaner im Freitaler Stadtrat.
Auf der Suche nach Erklärungen für die Gewalt stellt
sich aber auch die Frage nach dem Erfolg hiesiger Integrationsbemühungen.
Jugendkoordinatorin Simone Lehmann warnt vor Schelten. „Wir
haben in Freital zahlreiche Projekte mit spürbarem Erfolg“,
sagt sie. Dazu zählten zum Beispiel die Angebote des „Stadtteilladens“
in Potschappel, das Sportprojekt von Boxer Ruslan Fritzler oder
der Verein „Zusammen leben“, den die Aussiedler selbst
gegründet haben.
Etliche Russlanddeutsche, auch Walentina, finden Beschäftigung
im Biotec-Verein von Enrico Schwarz in Potschappel. In dem Ex-Hauptquartier
der Awus arbeiten sie mit Deutschen zusammen. Der Chef hält
die Integration in seinem Haus für gelungen. „Wir haben
keinerlei Probleme hier“, sagt er.
Trotzdem ist Potschappel für Schwarz ein randvolles Pulverfass.
„Am Wochenende hat jemand dran gerüttelt, und sofort
ging’s hoch.“ Eine Ursache für das angestaute
Konfliktpotenzial sieht der Biotec-Macher in der Tendenz, Aussiedler
in deutsche „Leitkultur“ pressen zu wollen. Abgrenzung
und Einigelung seien die Folge. „Warum versuchen wir nicht,
auch mal was von denen zu lernen?“
Alle sollen zum Runden Tisch
Enrico Schwarz fordert schnelles Handeln von allen Beteiligten.
Ein Runder Tisch solle her und klären, wie es mit der Integration
in Freital weitergeht. „Die Krawalle sind schlimm, aber
auch ein Anlass, Nägel mit Köpfen zu machen.“
Unterdessen hat Freitals Oberbürgermeister Klaus Mättig
(CDU) harsche Kritik am Landkreis geübt, der das Wohnheim
in Freital unterhält. „Die Bedingungen dort sind unzumutbar“,
sagte der Stadtchef. Er nannte das Haus eine „Mietruine“.
Man wolle bei der Kreisverwaltung „massiv intervenieren“
und strebe eine Dezentralisierung der Aussiedlerquartiere an.
Im Landratsamt war Ordnungsamtschefin Margitta Gärtner gestern
noch damit beschäftigt, die Vorfälle in Freital zu überblicken.
„Unser nächster Schritt wird ein Gespräch mit
Oberbürgermeister Mättig sein“, sagte sie gegenüber
SZ. Die Aussiedlerheime des Kreises sollen Polizeistreifen sichern.
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