| Sächsische
Zeitung / Dresden
Donnerstag, 8. Mai 2003
Kein Stress bei der Demo aber
lange Staus
Großeinsatz bei Rechten-Kundgebung / Auto- und Bahnfahrer
genervt
Von Alexander Schneider
Der Mai zählt wie der Februar zu den
Wonnemonaten rechtsextremistischer Erinnerungskultur in Dresden.
Erst vor einer Woche lag der Verkehr wegen einer Rechten-Demonstration
lahm, heute droht das nächste Chaos auf den Straßen
der Innenstadt.
Die Junge Landsmannschaft Ostpreußen
will am 8. Mai, dem Tag, an dem 1945 der Zweite Weltkrieg endete,
zwischen Hauptbahnhof und Prager Straße demonstrieren. In
dieser Jugendorganisation gibt es laut sächsischem Verfassungsschutz
rechtsextremistische Bestrebungen. Natürlich haben sich auch
zu dieser Aktion wieder Gegendemonstranten angemeldet. Es droht
ein größerer Polizeieinsatz, damit sich die beiden
Gruppen nicht zu nahe kommen.
An mancher Kreuzung ging eine Stunde
nichts
Erst am 1. Mai konnte das Bündnis
Rechts, ein versprengtes Häuflein von 150 Demonstranten
aus Schleswig-Holstein, eine erstaunliche Bilanz in Dresden vorweisen.
Die Polizei war samt Pferdestaffel und Hubschrauber mit 750 Beamten
im Einsatz, um die Sicherheit zu gewährleisten pro
Rechten fünf Polizisten. Doch ihre Aufmerksamkeit galt nicht
allein der nationalen Jugend, wie sich die Demonstranten
gerne lautstark nannten.
Die Polizei war auch damit beschäftigt,
rund 400 Gegendemonstranten, in der Mehrheit Teenager, nicht allzu
nah an den ungeliebten Demo-Zug heranzulassen. An manchen Kreuzungen
ging lange nichts mehr. Autos, Radler, Busse und Bahnen standen
still, bis die gröhlende Menge vorbeigezogen war.
Vor allem auf der Lennéstraße,
am Straßburger und am Sachsenplatz staunten Mai-Spaziergänger
über das ungewöhnliche Treiben. Sie beobachteten, wie
Polizei-Trupps permanent in Bewegung waren, um den Raum rund um
die Kundgebung abzuriegeln. Muss das sein? Müssen die
denn ausgerechnet hier demonstrieren?, fragte ein älterer
Mann ungläubig.
Eine Demonstration im Stadtgebiet
ist das Mieseste, was uns passieren kann, sagt Falk Lösch,
Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe. Erst stehen die Busse
und Bahnen, um den Umzug passieren zu lassen. Dann müssen
die Fahrer die Verspätungen einholen. Lösch: Nicht
selten geht dabei ihre Pause am Linien-Ende drauf. Doch
dann kommen noch die vielen Gespräche mit verärgerten
Fahrgästen, sagt der DVB-Sprecher: Die konnten ja nicht
wissen, warum sie so lange warten mussten, sind sehr sauer. Der
erste Puffer für ihre Wut sind dann unsere Fahrer.
Die Verkehrsbetriebe berichten von acht größeren Störungen.
Die längste gabs an der Lennéstraße mit
einer Stunde und zwölf Minuten. Manche Linien wie die 13
oder die 3, 7 und 9 seien mehrfach gestört gewesen
besonders ärgerlich. Lösch: Leider
haben wir wenig Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen.
Blockierte Straßenbahnen, versperrte
Kreuzungen und jede Menge Polizisten, die einen nicht durchlassen:
Das sind alles Dinge, die man in Kauf nehmen muss. Die Versammlungsfreiheit
ist ein sehr hohes Recht, sagt Polizeidirektor Andreas Wunderlich.
Der stellvertretende Chef der Polizeidirektion hatte den Einsatz
geleitet, ist zu Fuß am Rande der Kundgebung mitgelaufen:
Unsere 750 Leute waren die ganze Zeit voll beschäftigt.
Ohne die Gegendemonstranten hätten wir jedoch lange nicht
so viele einsetzen müssen.
Die Ortswahl zählt zur Versammlungsfreiheit
Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel
(CDU) hat sich die Rechten-Kundgebung am Königsufer nachmittags
von der Brühlschen Terrasse aus angesehen: Ohne die
400 antifaschistischen Jugendlichen hätte doch niemand die
Rechten wahrgenommen, sagt er. Ihn habe gefreut, dass wesentlich
mehr Menschen, einige Tausend Dresdner, mittags zwischen Terrassenufer
und Wilsdruffer Straße gegen Aufmärsche von Rechtsextremisten
in der Stadt demonstriert haben.
Was Kundgebungen angehe, so entscheidet
der Anmelder über den Ort seiner Aktion, das zähle mit
zur Versammlungsfreiheit. Wir können niemanden zum
Demonstrieren an den Stadtrand schicken, sagt Sittel. Die
Verwaltung könne nur Auflagen erteilen, um die Sicherheit
zu gewährleisten. Ein paar Staus gibt es immer bei
Demonstrationen, das ist normal. Wir müssen damit leben,
dass wir als Landeshauptstadt attraktiv sind.
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