| Dresdner
Neueste Nachrichten, 30. September 2005
Schönhuber im Wahlkampf: "Ihr
seid Gesindel"
Dresden. "Hoffentlich kommt Schönhuber
nicht". Jedes Jahr seit der Wende fiel in einer Runde älterer
Herren dieser Satz. Den Rechtspopulisten wollten sie nun wirklich
nicht dabei haben bei ihrem alljährlichen Schultreffen. Karl-Heinz
Wiggert, der Ende der Dreißiger Jahre im gleichen Jahrgang
an der Johannstädter Oberrealschule war, sagt über den
Ex-Republikaner-Chef: "Der war schon damals in der Schule
ein Angebertyp, so richtig kraftmeierisch".
Und Schönhuber hat sich zumindest in
dieser Hinsicht nicht arg verändert: "Ihr seid das schlimmste
Gesindel, das Deutschland je hervor gebracht hat", "Eure
Väter waren bei der Stasi", "Ihr seid Analphabeten",
"Ihr seid zu dumm zu diskutieren". Auf diese Weise attackierte
der 82-Jährige gestern bei seinem Wahlkampfauftritt politische
Gegner, die mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen ihre Meinung
kundtaten. Und wer mit seiner durchaus friedlichen Protestpräsenz
nicht Abstand hielt von der NPD-Präsenz, der bekam es mit
einer Polizei zu tun, die wenig zimperlich eher unschöne
Bilder lieferte.
Nach dem Tod der NPD-Kandidatin Kerstin
Lorenz hatte sich die Partei mit der Nominierung des bayerischen
Rechtsauslegers zum Direktkandidaten im Wahlkreis 160 Aufmerksamkeit
und Zuspruch versprochen. Der aber hielt sich gestern arg im Rahmen.
Von den etwa 300, die auf den Altmarkt kamen, waren nach Polizeiangaben
zwei Drittel NPD-Gegner. Und unter den Anhängern fand sich
manch Bizarres. Helga B. sagte, sie sei wegen Kerstin Lorenz gekommen.
Die könne nämlich nicht eines natürlichen Todes
gestorben sein, ist sie sich sicher. Bei Schönhuber erhoffte
sich die Frau nun Aufklärung des Komplotts. Aber wer Aufklärung
wollte - welcher Art auch immer - der war hier falsch. Obgleich,
nicht ganz. Auf die Frage, warum er in Dresden kandidiere, hatte
der Bayer, der zweieinhalb Jugend-Jahre in Sachsen verbrachte,
die Stadt kurzerhand zu seiner zweiten Heimat gemacht. Gestern
jedoch nannte er den eigentlichen Grund für sein Engagement:
den Satz vom Bomben-Holocaust, der in Dresden zum ersten Mal öffentlich
geäußert worden sei. Schönhuber nannte das "ein
historisches Wort der Geschichte". Um gleich danach wieder
zu Beschimpfungen seiner vielen Gegner auf dem Platz überzugehen.
Zumindest eines bekam der Senior, was er
lange nicht hatte: internationales Medieninteresse. Unter den
Berichterstattern war auch Ulla Terkelsen von dänischen Fernsehen.
"Diese Nachwahl in Dresden ist so außergewöhnlich,
das ist eine große internationale Geschichte", sagte
sie. Vorher war sie schon bei Westerwelle, heute geht sie zu Merkel
und Schröder.
Karl-Heinz Wiggert übrigens war gestern
nicht auf dem Altmarkt. Er ist auch ein 160er, aber Schönhuber
wählen? "Das wär ja noch schöner", sagt
er.
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