Offener Brief des Antifaschistischen
Infoblatts an die Friedensbewegung:
Platzverweis
!
Oder: Was tun, wenn Neonazis auf
Friedensdemonstrationen auftreten
Seit
Anfang des Jahres mobilisieren Friedensgruppen und lokale Bündnisse
gegen einen möglichen Krieg im Irak. An verschiedenen Orten
beteiligten sich daran in den vergangenen Wochen auch Neonazis.
Einige Beispiele:
München: Mitglieder der Freien Kameradschaft München
nahmen an Kundgebungen von attac teil, ohne dass sie ausgeschlossen
wurden.
+ Anklam: Zu einer Antikriegsdemonstration am ersten Märzwochenende
kamen 100 organisierte Neonazis der "Pommerschen Aktionsfront",
obwohl "Bunt statt Braun" bei der Mobilisierung explizit
erklärt hatte, dass Neonazis und antisemitische Parolen nicht
erwünscht seien.
+ Halle: Im Februar und März nahmen an drei Demonstrationen
der Anti-Kriegsbewegung jeweils 20 bis 50köpfige Gruppen
der sogenannten "Freien Kameradschaften" teil. AntifaschistInnen,
die die Rechtsextremisten aus der Demo drängen wollten, wurden
Ziel eines massiven Polizeieinsatzes.
+ Greifswald: PDS-Funktionäre hinderten aktive AntifaschistInnen
daran, einer Neonazigruppe, die an einer Friedensdemonstration
teilnehmen wollte, die Transparente abzunehmen und die Neonazis
aus der Demonstration zu entfernen. Die Begründung der PDS-Vertreter:
Man "brauche jeden gegen den Krieg."
+ Cottbus: An einer öffentlichen Gedenkveranstaltung gegen
den drohenden Irak-Krieg und zur historischen Bombardierung Cottbus
durch die Alliierten während des NS-Regimes nahm eine Gruppe
von NPD-Kadern, Aktivisten einer örtlichen Neonaziband und
bekannte Rechtsextremisten teil. Versuche von AntifaschistInnen,
die Veranstalter auf das Problem hinzuweisen, endeten mit hilflosem
Schulterzucken und einer Lautsprecherdurchsage, dass sich an der
Demonstration auch "unerwünschte Personen" beteiligen
würden.
Diese Liste ließe sich noch um Friedensdemonstrationen in
Städten wie Lübben (Brandenburg), Neuruppin (Brandenburg)
oder Pirna (Sachsen) erweitern.
Generell sind die Reaktionen
auf das Auftreten von Neonazis und extremen Rechten von Seiten
der Friedensbewegung und örtlichen Anti-Kriegs-AktivistInnen
von Unsicherheit, Hilflosigkeit, aber auch Verharmlosung und Ignoranz
gekennzeichnet.
Angesichts der Tatsache, dass die extreme Rechte, Neonazigruppen
und die NPD bundesweit zum sogenannten Tag X - dem Tag des offiziellen
Kriegsbeginns - mobilisieren, ist spätestens jetzt eine Auseinandersetzung
innerhalb der Friedensbewegung und mit antifaschistischen Gruppen
dringend geboten.
Die Friedensbewegung muss
sich entscheiden: Entweder sie geht mit Flüchtlingen, also
denjenigen, die vor Krieg und Vertreibung nach Deutschland geflohen
sind, auf die Straße. Dann kann sie diejenigen, die Flüchtlinge,
MigrantInnen und alle, die nicht ins rechte Weltbild passen, nach
und vor den Friedens-Demonstrationen bei jeder sich bietender
Gelegenheit angreifen, nicht auf ihren Demonstrationen dulden.
Sollte die Friedensbewegung sich nicht dafür entscheiden,
Neonazis und revanchistische, völkische und antisemitische
Parolen, Transparente und Inhalte aus ihren Kundgebungen, Veranstaltungen
und Demonstrationen rauszuschmeißen, dann geht sie ein Bündnis
ein: Nämlich mit den extremen Rechten, die öffentlich
die Wehrmacht und die Waffen-SS und damit eine großdeutsche
imperialistische und kriegerische Politik verherrlichen sowie
den Holocaust an den europäischen Juden leugnen und relativieren
- wie beispielsweise bei einer Demonstration in Cottbus, wo Neonazis
unbehelligt ein Transparent mit der Aufschrift "Im Gedenken
an die Opfer des alliierten Bombenholocaust" tragen konnten.
Und die dafür verantwortlich sind, dass dem "Krieg niederer
Intensität" im öffentlichen Raum in Deutschland
seit der Wiedervereinigung über 120 Flüchtlinge, MigrantInnen,
Obdachlose, Punks, junge Linke und Behinderte zum Opfer gefallen
sind.
Für Neonazis und extreme
Rechte ist es eben kein Widerspruch, heute vermeintlich "Solidarität
mit dem irakischen Volk" zu demonstrieren, und morgen einen
Asylsuchenden aus dem Irak auf einem Bahnhof, in einer Eckkneipe
oder im örtlichen Jugendclub alle Knochen zu brechen. Der
ideologischere Teil der Neonazis begründet das dann mit einem
Ethnopluralismus, wonach alle Völker schön in ihrem
"angestammten Volksraum" bleiben sollen und Flüchtlinge
in Deutschland eben nichts zu suchen haben. Das Fussvolk schlägt
- durch die rassistischen und antisemitischen Diskurse der gesellschaftlichen
Mitte ermutigt - auch ohne lange Erklärungen zu.
Neonazistischer Terror und
rechte Hegemonie sind kein Nebenwiderspruch, sondern eine alltägliche
Realität, auf die eine linke Bewegung reagieren muss.
Eine offensive politische
Reaktion der Friedensbewegung sollte anders aussehen als die Praxis
der vergangenen Wochen. Die ist umso erschreckender, als die Schnittmenge
derer, die während des "Aufstands der Anständigen"
im Sommer 2000 gegen Rechts auf die Straße gingen, mit den
DemonstrantInnen der Friedensbewegung vermutlich recht hoch ist.
Wenn die Aufrufe zu Zivilcourage gegen Neonazis, Rassismus und
Antisemitismus keine hohlen Phrasen bleiben sollen, dann ist spätestens
jetzt für die Friedensbewegung der Zeitpunkt gekommen, Farbe
zu bekennen, und sich aktiv zu verhalten.
WAS TUN? WAS TUN!!
Es gibt viele Orte in Deutschland,
wo Neonazis die alltägliche Hegemonie im öffentlichen
Raum nicht aufgeben wollen. Und es gibt viele Orte, an denen AntifaschistInnen
sich seit Jahren mit einer vielfältigen Praxis dagegen wehren.
Aus dieser Praxis gibt es vielfältige Erfahrungen, auf die
die Friedensbewegung und die OrganisatorInnen von Friedensaktivitäten
zurückgreifen können.
Vor
einer Demonstration/Kundgebung/Veranstaltung:
+ Interviews mit Lokalzeitungen, in denen explizit erklärt
wird, dass Neonazis auf der Demonstration nicht geduldet werden,
und dies politisch begründet wird.
+ Mobilisierungsflugblätter, auf denen klargestellt wird,
dass Neonazis, rassistische, antisemitische und revanchistische
Inhalte von der Demonstration entfernt werden.
+ Informations- und Kooperationsgespräche mit örtlichen
antifaschistischen Gruppen. Antifagruppen sind meistens gut informiert
über Pläne der Neonazis und ihre regionalen AkteurInnen.
Von diesem Wissen kann die Friedensbewegung profitieren.
+ Bei den Vorgesprächen mit der Polizei muss der Einsatzleitung
deutlich gemacht werden, dass die OrganisatorInnen/AnmelderInnen
darauf bestehen, dass Neonazis nicht an der Demonstration teilnehmen
und dass die AnmelderInnen diese Forderung auch durchsetzen werden.
+ Vorabsprachen und politische Diskussionen mit den OrdnerInnen
der Demonstration: Woran erkennt man/frau Neonazis? Wie können
OrdnerInnen Neonazis von Demonstrationen rausschmeißen?
Wen sucht man sich dafür als Verbündete?
+ Eindeutige Front- und Seitentransparente, in denen politisch
Position gegen Rechtsextremismus und Chauvinismus bezogen wird.
Während
der Demonstration:
+ Diejenigen, die sich Neonazis in den Weg stellen, brauchen Unterstützung
und keine Entsolidarisierung.
+ VeranstalterInnen sollten die eigenen Rechte gegenüber
der Polizei wahr nehmen. Wenn man sich unsicher fühlt, kann
man RechtsanwältInnen bitten, die AnmelderInnen während
der Demonstration zu begleiten. Wenn man vorher explizit erklärt
hat, dass Neonazis nicht teilnehmen dürfen, kann man Polizisten,
die das ignorieren, beispielsweise mit Dienstaufsichtsbeschwerden
etc. drohen.
+ Man kann sich Neonazis gemeinsam, beispielsweise als Ketten,
offensiv entgegen stellen und sie konsequent rausschmeißen.
Positionen schärfen
und ideologische Einfallstore zur extremen Rechten schließen:
Im Vordergrund der öffentlichen
Statements vieler Friedensgruppen steht die moralische Empörung
über den offenbar bevorstehenden Krieg der USA gegen den
Irak. Doch diese Empörung allein, ohne differenzierte Analyse
der deutsch-europäischen Eigeninteressen, ohne eine Analyse
rassistischer Zustände in Deutschland und ohne praktische
Solidarität mit Flüchtlingen und MigrantInnen hier trägt
zu einer unzulässigen Vereinfachung der komplexen Konfliktlage
bei.
Neonazis mögen gegen
den Krieg im Irak sein, nur sind sie es aus den denkbar falschen
Gründen! Mit ihnen kann es keine inhaltliche Debatte über
Krieg und Frieden, Demokratieabbau und sozialen Widerstand geben!
Diskussionen mit organisierten Neonazis sind sinnlos und politisch
kontraproduktiv. Neonazis fühlen sich bestärkt und als
politische Kraft legitimiert, wenn mit ihnen diskutiert wird.
Neonazis sind nicht "zu überzeugen". Ihre Auftritte
bei Friedensdemonstrationen haben ein klares Ziel: Sie wollen
provozieren, sich in der Öffentlichkeit darstellen, dem jugendlichen
Fußvolk ein "Gemeinschaftserlebnis" - der Konfrontation
mit "den Linken" bzw. den Sieg über eine Linke,
die vor ihnen zurückweicht - bieten.
Jede Indifferenz gegenüber
rechten oder simplifizierenden Positionen in der Friedensbewegung
ist eine Einladung an militante Neonazis und andere Vertreter
der extremen Rechten. Eine Positionierung "dagegen"
wird nicht ausreichen. Denn auf Friedensdemonstrationen beteuern
Neonazis unablässig gegen Krieg und Faschismus zu sein. Notwendig
ist auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Kernpunkten
rechtsextremer Ideologie. Es gilt die eigene emanzipatorische
Position zu schärfen - auch und gerade in Bezug auf die innenpolitischen
Verhältnisse und die deutsche Außenpolitik!
Anti-Amerikanismus:
Wer die USA zum Zentrum allen imperialistischen Übels erklärt,
stellt, gewollt oder ungewollt eine Schnittmenge zur extremen
Rechten her. Deren Weltbild zeichnet sich eben nicht durch die
Analyse dialektischer gesellschaftlicher Widersprüche aus,
sondern bedient die Klaviatur nationaler Identitätsdiskurse.
Neonazis vertreten einerseits einen kulturalistischen Antiamerikanismus,
der sich explizit gegen die us-amerikanische Gesellschaft und
von der Bürgerrechtsbewegung erkämpfte Werte wie gleiche
Rechte für gesellschaftliche Minderheiten wie AfroamerikanerInnen,
Juden und Jüdinnen, Schwule, Lesben, Latinos etc. wendet.
Der Antiamerikanismus der extremen Rechten hat zudem eine historischen
Ursprung. Denn ihre ausschließlich gegen die USA gerichteten
"antiimperialistischen" Parolen sollen das Bild einer
imperialistischen Kontinuität der USA zeichnen und die Befreiung
Europas und Deutschlands vom Nationalsozialismus als "imperialistischer
Angriffskrieg" umdeuten.
Es fällt auf, dass die Friedensbewegung im Falle der kriegführenden
USA viele Menschen mobilisieren kann, dass diese Mobilisierung
jedoch im Falle des Jugoslawienkrieges ausblieb. Dies legt den
Eindruck nahe, dass durch die Friedensbewegung vorrangig die Kriege
der Anderen, respektive der USA thematisiert werden. Holzschnittartige
Vereinfachungen personalisieren den Konflikt und befördern
stereotype Zuschreibungen und Bilder über den vorgeblich
durchgängig aggressiven Charakter der us-amerikanischen politischen
Kultur und Mentalität. Wer ein solch einfaches Bild des Konflikts
entwirft, läuft Gefahr von der extremen Rechten als Adressat
ihrer politischen Botschaften wahrgenommen zu werden. Eine Anschlussstelle
ist gegeben, wenn als Argument gegen den Irakkrieg die Erfahrung
der Bombardierung deutscher Städte angeführt wird.
Antisemitismus:
Antisemitismus ist ein zentrales Element der nationalsozialistischen
Ideologie. Er dient der Feindbildbestimmung, schafft Sündenböcke
und beliefert die AnhängerInnen des NS mit dem Selbstbild,
einer "überlegenen" Rasse anzugehören, deren
Existenz bedroht sei. Im Gegensatz zum Rassismus, der auf die
Legitimierung einer vermeintlichen "Ungleichheit" zwischen
Menschen abzielt, liefert Antisemitismus scheinbar weitreichendere
Erklärungsmuster. Die Mär einer jüdischen Weltverschwörung
zieht sich bis heute als brauner Faden durch das NS-Weltbild.
"Der Jude" wird als eigentlicher Drahtzieher im Hintergrund
des politischen und wirtschaftlichen Systems dargestellt. Mit
Parolen wie gegen "one-world-terror" und "gegen
das Diktat der Ostküste" - gemeint ist hier vor allem
New York als eine Stadt, in der unterschiedliche ethnische und
gesellschaftliche Gruppen zusammen leben und in der die rechten
Feindbilder UNO und Wall Street ihren Sitz haben - bedient sich
die extreme Rechte einer kaum verschleierten Kodierung für
ihren Antisemitismus.
Die extreme Rechte bezieht
sich positiv auf den eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus
und glorifiziert den Holocaust. Eine andere Spielart des rechtsextremen
Antisemitismus ist die Leugnung des Holocaust und der Verbrechen
der Nationalsozialisten. Hinzu treten antisemitische Assoziationsketten,
etwa wenn rechtsextreme Internetportale in ihrem Layout Weltverschwörungen
gegen den "Freiheitskampf der Völker" suggerieren,
deren Dreh- und Angelpunkt die USA bzw. Israel seien.
In den Parolen der extremen
Rechten ergänzen sich Anti-Amerikanismus und Antisemitismus.
Hinter einem offenen Anti-Amerikanismus, in dem die USA zu einem
einheitlichen, homogenen Volks- und Kulturgebilde phantasiert
werden, werden antisemitische Stereotype in codierter Form versteckt.
Antiimperialismus:
Der Antiimperialismus der extremen Rechten ist völkisch determiniert
und damit antiemanzipatorisch. Parolen, in denen die "Freiheit
von Völkern" gefordert werden, transportieren eine völkische
Botschaft. Völker und die angebliche Zugehörigkeit dazu,
werden über Abstammung und "Blutszugehörigkeit"
definiert. Eine linke Analyse setzt hingegen voraus, dass Gesellschaften,
Nationalstaaten und Regierungen klar benannt und die unterschiedlichen
Akteure in den derzeitigen internationalen Konflikten als solche
benannt und gegebenenfalls kritisiert werden.
Rechtsextreme
Gruppen öffentlich machen
Nicht immer werden rechtsextreme
Gruppierungen bei ihrem Auftreten als solche sofort erkennbar
sein. Deshalb braucht es Hintergrundinformationen, die beispielsweise
vom Antifaschistischen Infoblatt, dem Antifaschistischen Pressearchiv
und Bildungszentrum e.V. in Berlin und dem bundesweiten Verein
"Argumente - Netzwerk antirassistischer Bildung" gesammelt
und in Form von Vorträgen und Gesprächsrunden angeboten
werden. Das Wissen antifaschistischer Gruppen steht selbstverständlich
auch der Friedens- und Anti-Kriegsbewegung zur Verfügung.
Das gilt sowohl für lokale Antifagruppen als auch für
überregionale Archive und Zeitschriften. Stellt Öffentlichkeit
über rechtsextreme Aktivitäten bei Friedensaktionen
in Euren politischen Strukturen her!
Die Friedensbewegung muss
sich entscheiden: Platzverweise für Neonazis sollten ebenso
wie antirassistische Forderungen nach einem Bleiberecht für
Flüchtlinge und gleiche Rechte für MigrantInnen, Flüchtlinge
und andere gesellschaftliche Minderheiten eine Selbstverständlichkeit
für die Friedens- und Anti-Kriegsbewegung sein. Das Antifaschistische
Infoblatt ist die größte und älteste unabhängige
bundesweite Antifazeitung. Das ehrenamtliche Redaktionskollektiv
und KorrespondentInnen dokumentieren die Aktivitäten der
extremen Rechten seit 15 Jahren. Zu unseren Aufgaben gehört
es, Öffentlichkeit für die Opfer rechten Terrors herzustellen,
AntifaschistInnen zu unterstützen und Verantwortliche für
die alltägliche rechte Hegemonie zu benennen. Diese Aufgabe
werden wir auch in Bezug auf die Friedensbewegung wahrnehmen.
Das Redaktionskollektiv
des Antifaschistischen Infoblatts, März 2003
Kontakt und weitere Informationen:
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib
http://www.apabiz.de
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