Hier
ein erster Bericht vom Nazigrossaufmarsch am 14. Februar in Dresden
(Vorabveröffentlichung- erscheint im
Rechten Rand Nr. 87
Freitag, der
13. - Deutsches (Ge-) Denken
Peter Conrady
Dresden wurde schon einmal zur „Hauptstadt der Bewegung“
stilisiert als Anfang der 90er Jahre dies von Christian Worch
und Michael Kühnen propagiert wurde. Und Dresden ist auf
gutem Wege, erneut einer der Schwerpunkte der Szene zu werden.
Einen Vorgeschmack bot der 14. Februar. Der bis dato in Dresden
mit Abstand größte Neonazimarsch hatte vom Auftritt
und Zahl der Teilnehmer einiges mit anderen Großaufmärschen
wie in Wunsiedel gemein. Ebenso wie beim Heß-Gedenken verfolgt
die Szene in Dresden mit der Erinnerung an den „Bombenholocaust“
revisionistische Ziele und eine Annäherung an den Nationalsozialismus.
Auch soll Dresden das werden, was Wunsiedel schon lange ist: Ein
festes Symbol und alljährliches Ziel bundesweit organisierter
Neonazis, kurzum eines der wenigen Großereignisse der Szene.
Für die Neonazis erleichternd, für AntifaschistInnen
erschwerend kam hinzu, dass auch das offizielle Dresden das Gedenken
auf revisionistische Weise maßgeblich mitprägt. Konnte
Anfang der 90er Jahre der britische Holocaustleugner David Irving
auf einer städtischen Versammlung auftreten, schwadroniert
2004 der gelernte „Hobbyhistoriker“ Jörg
Friedrich „Dieser Angriff war barbarisch“.
In einem Zeitungsinterview leugnet er gar den Zusammenhang zwischen
dem nationalsozialistischen Terror und den notwendigen Schritten
der Alliierten, um die Deutschen zu stoppen. Alljährliche
Beschränkungen des Versammlungsrechts wohlgemerkt nur für
Linke und Kritiker der offiziellen Diktion sind dabei nur obsolet.
Dieses Jahr sollte der 13. Februar für die Neonazis ein
besonderer „Gedenktag“ werden. Anstelle des alljährlichen
Trauermarsches am Abend des 13. Februar, entschied man sich diesmal
für einen Großaufmarsch am darauffolgenden Tag, weil
dieser auf einen Samstag fiel und so eine größere Mobilisierung
zuließ.
Holger Apfel erwartete in einem Rundschreiben des
Nationalen Bündnis Dresden „eine mehr als doppelt so
große Trauergemeinde“ als 2003, als sich „über
1.000 Teilnehmer in Dresden versammelten“.
Damit war das Ziel hochgesteckt. Und das Konzept ging auf. Der
Bombenangriff der Alliierten auf Dresden, gilt nicht nur Neonazis
als Symbol für den „Terror“ welchen die Befreiungsmächte
seither auf Deutschland ausüben würden. Das Gedenken
an die deutschen Opfer von Bombenkrieg oder Vertreibung wird endkontexualisiert
und so die Deutschen zu einer Schicksalsgemeinschaft von Opfern
eines „Bomben- oder Vertreibungsholocaustes“. In dieser
gesellschaftlichen Stimmung, die auch starken Nährboden in
Dresden findet, war klar, dass eine Vielzahl bundesweiter Neonazis
nach Dresden kommen würde. Als Redner war der Hamburger RA
Jürgen
Rieger angekündigt, der auch Anmelder der Heß-Märsche
und damit Integrationsfigur für alte und neue Nazis ist.
Außerdem sollte der Nazi-Barde Frank
Rennicke auftreten. Aus ganz Deutschland kamen Gruppierungen
angereist. Führende Kader des gesamten deutschen Neonazi-Spektrums
waren anwesend. Sonst allgegenwärtige Szene-Streitereien
spielten keine Rolle.
Spektrenübergreifend kamen Teilnehmer von der DSU, DVU, NPD,
Kameradschaften bis hin zu Republikanern und weiteren. Bei klassischer
Musik, schwarzen Luftballons und schwarzen Fahnen setzte sich
der Zug von etwa 2.200 Alt- und Jungnazis in Bewegung. Als Anmelder
fungierte der Freiberger Neonazi
Alexander Kleber, der auch sächsischer Funktionär
der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen ist. Maßgeblich
an der Organisation und Durchführung des Aufmarsches beteiligt
war, mehr noch als in den vorherigen Jahren, die NPD und das 2003
gegründete Nationale Bündnis Dresden. Auffällig
war , dass eine Vielzahl „subkultureller“ Neonazis
aus dem Anti-Antifa und Hooligan-Spektrum teilnahm.
Schon
am Abend des 13. Februar marschierten ca. 180 Neonazis durch Dresden,
am Vormittag legten sie während einer städtischen Gedenkveranstaltung
insgesamt 14 Trauerkränze am Heidefriedhof ab, der letzten
Ruhestätte für die Toten des Bombenangriffs. Dies geschah,
ebenfalls wie in den Jahren zuvor, ohne dass sich Offizielle,
wie Oberbürgermeister, Landtagspräsident und BürgerInnen
von den Neonazis distanzierten.
Dieses Hinnehmen der Neonazi-Aktivitäten passt auch in das
Bild, welches sich für Antifas bot. „Gegen jeden Geschichtsrevisionismus“
fand schon am 13. Februar eine Antifa-Demonstratiuon statt, welche
unter massiver Polizeibegleitung stand und durch das städtische
Ordnungsamt an die Peripherie der Stadt verlegt wurde. Auch am
14. selbst wurden Aktivitäten gegen den Neonazigroßaufmarsch
rigoros polizeilich unterbunden, währenddessen die Neonazis
fast ohne Polizeispalier liefen und dabei immer wieder Protestierende
angreifen konnten. Im Nachhinein zur Demonstration konnten Gruppen
von bis zu 200 Neonazis ungestört durch die Innenstadt ziehen.
Weitgehend desinteressiert nahmen die DresdnerInnen den bisher
größten Neonaziaufmarsch zur Kenntnis. Nur einige Hundert
nahmen an einer Bündnisdemonstration gegen die Neonazis teil,
ebenso beteiligten sich etwa 600 AntifaschistInnen an Gegenaktivitäten.
Dennoch blieben die Nazis fast völlig ungestört. Sollte
sich dies in Zukunft nicht deutlich ändern, ist nach dem
Heß-Marsch im August, im Februar 2005 ein nächster
Großaufmarsch in Dresden zu befürchten.
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