|
Jüdische
Allgemeine vom 18.06.2003
17. Juni 1953:
Auf der anderen Seite der Barrikade
Der "Volksaufstand" vom 17. Juni 1953 und die Juden...
Am Abend des 16. Juni hatten dreitausend
SED-Funktionäre am kurzfristig einberufenen Parteiaktiv teilgenommen.
Mit der Ermahnung "Morgen tiefer in die Massen!" waren
die Agitatoren von Ulbricht in die Nacht entlassen worden. Die
Genossen hatten nach der Veranstaltung die "Internationale"
angestimmt und sich vom Berliner Friedrichstadtpalast aus zu einem
Demonstrationszug formiert. Alexander Abusch und Klaus Gysi -
beide wurden später Kulturminister der DDR - waren im Auto
vorausgefahren, um sich ihm auf der Höhe des Zeughauses anzuschließen.
Aus dem Fahrzeug heraus - geschützt und gefangen zugleich
- wurden sie Zeugen einer Massenschlägerei zwischen "guten"
Genossen und einer anrückenden Kolonne von jungen Radfahrern,
die sofort als Provokateure aus dem Westen identifiziert wurden.
Im Gedächtnis der beiden jüdischen Kommunisten verknüpfte
sich die Szene nächtlicher Gewalt mit Ereignissen, die über
dreißig Jahre zurücklagen. Die jungen Westberliner
erinnerten Abusch an die Freikorps im Frühjahr 1920 und an
den Fackelzug der SA im Januar 1933.
Auch zu den legendären Bauarbeitern
der Stalinallee gingen die Funktionäre auf Distanz. Bis dahin
waren sie besonders klassenbewußte Arbeiter an der Schaumeile
des Sozialismus gewesen. Doch nun bildeten sie die Vorhut des
Aufstands. Die "Helden" rissen sich gewissermaßen
die Maske vom Gesicht und offenbarten ihre feindliche Haltung:
zum Vorschein kam der Faschist und Mitläufer von gestern.
Nicht nur Funktionäre wie Abusch oder Kurt Barthel dachten
so. Der parteilose Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in
Leipzig, Eugen Gollomb, der Auschwitz überlebt hatte, wurde
beim Anblick von verprügelten SED-Mitgliedern, die das Parteiabzeichen
trugen, von Ängsten heimgesucht, daß der Aufruhr zuletzt
in den Gaskammern enden könnte. Der Neubürger Stefan
Heym, der erst Anfang der fünfziger Jahre aus den USA in
die DDR übergesiedelt war, fühlte sich in seinem sozialistischen
Wunschbild erschüttert. Ihm war am 17. Juni ähnlich
zumute wie in der Ardennenschlacht, beim Durchbruch der Nazis.
Er verspürte vor allem Empörung über "die
Deutschen". Und der Literaturwissenschaftler Hans Mayer erinnerte
noch Jahre später ein diffuses Glücksgefühl über
die Rückkehr zur bürokratischen Tagesordnung nach der
Niederschlagung des Aufstands.
Auch die literarischen Verarbeitungen des
17. Juni sprechen vom Trauma der Verfolgung. In Jurek Beckers
Roman Der Boxer ist der Hauptfigur Aron an der Beibehaltung des
Status quo gelegen, weil sich der Haß wieder gegen die Juden
richten könnte.
Juden in der DDR nahmen den eskalierenden
Aufruhr in spezifischer Weise als Gefahr wahr. Er galt ihnen weniger
als Ausdruck eines Freiheitswillens, sondern als Vorbote des Unheils.
Kommunisten jüdischer Herkunft und parteilose Juden dachten
an mögliche Pogrome. Was sie sahen, fügte sich nahezu
bruchlos in die kollektive jüdische Erfahrung ein. Die Ereignisse
evozierten Erinnerungen: Bilder der "Machtergreifung",
Bilder der "Kristallnacht", zeitlose Bilder vom Judenhaß.
Der Volksaufstand weckte spontane Ängste. Er führte
die Urszenen der Verfolgung vor Augen. Für jüdische
Kommunisten rückte das Objekt ihrer assimilatorischen Sehnsucht
- die Arbeiterklasse, das Volk - in schmerzliche Entfernung.
Keiner von ihnen schloß sich den Demonstranten
an. Die gewerkschaftlichen Forderungen nach Rücknahme der
Normerhöhungen waren augenblicklich diskreditiert durch die
Verwandlung der Arbeiterklasse in eine feindliche, streikende
Masse. Jüdische Kommunisten standen auf der anderen Seite
der Barrikade.
Der 17. Juni war für sie Schlußakkord
und Zäsur: Bis 1949 hatten die Remigranten und Überlebenden
versucht, die Erschütterungen ihres marxistischen Weltbildes
zu verarbeiten. Die Nachrichten vom Völkermord an den Juden
hatten vor allem unter den Westemigranten die ökonomistische
Faschismusanalyse ins Wanken gebracht und auch die biographische
Entscheidung zum Kommunismus in Frage gestellt. Nur mühsam
und mit inneren Konflikten gelang ihnen die Integration in die
deutsche Nachkriegsgesellschaft.
Andererseits gehörten Kommunisten jüdischer
Herkunft bald zu den ersten Patrioten des zweiten deutschen Staates.
In der neuen politischen und kulturellen Elite waren sie zahlreich
vertreten. Da die SED bei der Besetzung von Ämtern dringend
auf Professionalität angewiesen war, stand es um die Karrierechancen
der Remigranten und Überlebenden nicht schlecht. Als Partei-
und Kulturfunktionäre, ergebene Juristen, Diplomaten, Außenhandelsexperten,
Journalisten und Künstler liehen sie einem kleinen Teilstaat
von zweifelhafter Legitimität, beschränkter Souveränität
und fehlender Anerkennung ihre Stimme.
Doch zur selben Zeit begannen die Säuberungen,
die erst mit Stalins Tod zu einem Ende kamen. Die Moskauer Politemigranten
konstruierten eine verdächtige Erfahrungsgemeinschaft: die
Westemigranten. Betroffen waren vor allem jüdische Genossen.
Sie galten als infiziert mit dem Lebensstil und dem politischen
Denken des Westens. Als mutmaßliche Agenten des amerikanischen
Imperialismus wurden Funktionäre aus Führungspositionen
abgezogen und zum Teil verhaftet.
Im Herbst 1952 gerieten jüdische Kommunisten
in die antizionistische Kampagne. Zwar wurde in der DDR mit Paul
Merker ein Nichtjude zum Hauptangeklagten eines Geheimprozesses
ausgewählt. Dennoch befanden sich jüdische Kommunisten
in der prekären Defensive. Im Kern lautete der Vorwurf, jüdische,
bürgerliche "Elemente" hätten die Arbeiterpartei
infiltriert. Ihre Pläne einer Vermögensrestitution an
Überlebende des Holocaust und an ihre Nachkommen galten ebenso
wie Reparationen an Israel als Ausverkauf von Volksvermögen.
Die Flucht von über fünfhundert Juden - darunter fast
allen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden -, war aus Sicht
der SED ein untrüglicher Beweis für den Verrat. Kurz
vor ihrer Enttarnung entlarvten sich die mutmaßlichen Agenten
durch ihre Flucht selbst.
Doch der Zionismusverdacht trieb nur wenige
jüdische Parteifunktionäre außer Landes. Die meisten
blieben, kooperierten und versuchten, sich vom unsichtbaren gelben
Fleck durch Selbstkritik oder Denunziation zu reinigen. Wiederholt
bekräftigten sie die biographische Entscheidung ihrer Jugend
für die rote Assimilation. Wer die antizionistischen Säuberungen
politisch degradiert oder kaltgestellt, aber physisch unversehrt
überlebt hatte, dem war nur wenig später, am 17. Juni,
Gelegenheit zur Bewährung gegeben. Der Volksaufstand schmiedete
jene affektive Loyalität mit der SED, die sich auch künftig
bewähren sollte.
Mit umso größerer Verve führten
jüdische Kommunisten nach 1953 den Kampf gegen die bürgerliche
Demokratie. Der Antifaschismus, der in der DDR nun endgültig
zur Staatsdoktrin geworden war, machte ehemalige Nazis und Militaristen
ausschließlich in der Bundesrepublik aus. Die Konstellation
komplementärer Zweistaatlichkeit wirkte psychologisch und
ideologisch überaus entlastend. Und sie machte es jüdischen
Kommunisten leichter, sich überhaupt als Deutsche fühlen
zu können.
www.juedische-allgemeine.de
Jüdische Allgemeine vom 18.06.2003
up |