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"Forum Geschichte" der Sächsischen Zeitung
7./8. Juni 2003
Wenn der "berechtigte
Volkszorn" kocht ...
... oder wie Leser der
SäZ den 17.Juni 1953 interpretieren
Sicher sind die Autoren der
Leserbriefe als historische Quelle zu hinterfragen, und die Darstellung
der Ereignisse ist eine Interpretation, die Aspekte des Streiks,
der seinen Ursprung auch in den sympathischen Forderungen nach
weniger Arbeit und besserem Leben fand, völlig ausklammert.
Heute, 50 Jahre später stellen die Leser der Sächsischen
Zeitung die häßliche Fratze deutschen "Aufstands"
stolz in den Vordergrund.
..., aber alles übertönt
ein Sprechchor aus erregten Männerkehlen, der für
uns Kinder Unfassliches fordert: "Wir wollen Freiheit Frieden
Brot, schlagt Grotewohl und Ulbricht tot!" Es ist nicht
zu glauben. Sensationell. Durfte man das? Verhielt man sich
so?
Jürgen
Schäpe aus Weinböhla hatte damals so seine
Bedenken, hatte er doch im Konfirmandenunterricht gelernt, er
solle keine Menschen töten. Doch heute, nach über zehn
Jahren Berliner Republik, sieht er den Mordaufruf an Antifaschisten
etwas abgeklärter.
Dass wir Kinder an einem
Volksaufstand teilnahmen, bei dem der Volkszorn berechtigt kochte,
und bei dem Sitte, Moral und feine Umgangsformen gemeinhin außer
Acht gelassen werden, wussten wir damals natürlich nicht.
Da das "Volk" gemeinhin
seinen Protest in der Absicht eines Progroms gestaltet, ist es
also nicht zu beanstanden. Und viele der damals Beteiligten hatten
ja nie etwas anderes gekannt.
... erzählten, dass die
Demonstranten bis in das Amtszimmer des Oberbürgermeisters
eingedrungen seien, und dieser, begleitet von Schmähungen
der Bürger, blutend auf der Jakobstraße gesehen wurde.
Am Nachmittag begab ich mich in die Stadt. Ich war versunken in
Gedanken, dachte an die Verse von Freiligrath, die uns unlängst
im Schulunterricht vermittelt wurden: "Das Volk steht auf,
der Sturm geht los"
begeistert von diesem "Volkssturm"
zeigt sich Jürgen
Wenske aus Görlitz. Seinen Schilderungen zufolge
machte sich dieser zunächst daran, die Gefängnisse zu
stürmen. Ein Hauch von französischer Revolution, wäre
nicht allzu offensichtlich, dass es vornehmlich Nazis und Kriegsverbrecher
waren, die der Mob befreite, wie könnte es auch in Deutschland
anders sein.
Auf dem Postplatz ...
stand ein kleiner Lastwagen besetzt mit Sowjetsoldaten. Görlitzer
versuchten, den Lastwagen und dessen Insassen umzukippen. Ein
älterer Bürger schlug immer wieder heftig auf das
Fahrzeug und seine Insassen mit seinem Stock ein, wahrscheinlich
wollte er damit seiner Wut auf die sowjetische Besatznungsmacht
Luft machen.
... und auf den verlorenen
Krieg. Besonders hervorhebenswert hält jedenfalls der Autor
folgende Begebenheit:
Eine kleine Gruppe Vertriebener
aus Schlesien östlich der Neisse, die in Görlitz -
westlich der Neisse - eine Heimat gefunden hatten, intonierten
das Schlesierlied, hoffend, nach dem Gelingen dieses Aufstandes
und einem Friedensvertrag in ihren ehemaligen Wohnorten wieder
ein Heimatrecht zu erhalten.
Und so kommt der Leserbriefautor
auf das, was er in den 17. Juni 2003 hereininterpretiert. Wie
die Gewichtung sozialer und völkischer Inhalte aus damaliger
Sicht auch immer gewesen sein mag, so zeigt sich doch, dass mit
diesem deutschen Mob auch mit an sich sympathischen Positionen
keine gemeinsame Sache zu machen ist.
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