| Sächsische
Zeitung
29. April 2004
Turbulente Maifeier
Aus Angst vor Umtrieben sperrt
Roßberg die Fraktionen aus / „Wall“-Absage
hat juristisches Nachspiel
Von Thilo Alexe
Heraus zum 1. Mai: Unterschiedlichste
Gruppierungen machen auf Dresdens Straßen und Plätzen
mobil. Um den Protest gegen einen rechten Aufmarsch entwickelt
sich derweil eine Provinzposse.
Der Tag der Arbeit ruft, doch nicht alle
dürfen kommen: Aus Angst vor zivilem Ungehorsam hat Oberbürgermeister
Ingolf Roßberg (FDP) den Stadtratsfraktionen untersagt,
am 1. Mai ihre Zimmer im Rathaus zu betreten. Falls sich doch
ein Stadtrat hineintrauen sollte, wird flugs der Strom abgedreht.
Hintergrund der skurrilen Anweisung, die
Grünen-Vorstand Jens Hoffsommer genüsslich präsentiert:
Am 13. Februar hatte die Fraktion aus dem Fenster ihrer Rathauszimmer
eine Versammlung rechter Kräfte mit Klezmer-Musik und einem
Song von Konstantin Wecker („Sag‘ nein“) beschallt.
Sechs Polizisten und Ordnungsbürgermeister
Detlef Sittel (CDU), erinnert sich Hoffsommer, waren noch während
der Kundgebung im Raum erschienen, ein Beamter zog schließlich
den Stecker. Der Staatsschutz ermittelte wegen der Störung
einer politischen Veranstaltung, jetzt liegt die delikate Angelegenheit
beim Staatsanwalt.
Um Wiederholungen auszuschließen,
hat die Stadt jetzt mit dem seltsamen Verbot reagiert. Nicht
ganz ohne Anlass: Erstmals wollen rechte Kräfte an drei
aufeinander folgenden Wochenenden im Wonnemonat durch die Stadt
marschieren: am 1. Mai das Bündnis Rechts aus Lübeck,
am 8. Mai die Junge Landsmannschaft Ostpreußen und am
15. Mai das Nationale Bündnis Dresden. „Für
die Aktion am Sonnabend haben wir bereits Auflagen erteilt“,
sagt Ordnungsamtsleiter Ralf Lübs. So sind den Teilnehmern
etwa das Tragen von Springerstiefeln und anderer typischer Utensilien
untersagt. Gerichtlich verbieten lassen will die Stadt die Aufmärsche
nicht: „So lange die Organisationen selbst nicht verboten
sind, würden wir damit scheitern“, sagt Ordnungsbürgermeister
Detlef Sittel (CDU).
Kenner der rechten Szene rechnen allerdings damit, dass zumindest
am 1. Mai kaum Kameraden in die Innenstadt kommen. Denn zeitgleich
sind auch in Leipzig und Berlin Kundgebungen der Rechten geplant.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat seine Dresdner Gegendemonstration
schon abgesagt.
Unabhängig davon werden die Gewerkschaften
am Sonnabend um 11 Uhr ihre traditionelle Kundgebung auf dem
Schloßplatz abhalten. Der scheidende DGB-Chef Rolf Neher
rechnet mit rund tausend Besuchern. Wie viele am Vorabend dorthin
zur PDS kommen, ist noch unklar. Fieberhaft verhandelt die Partei
nach einem Ersatz für das Kieler Ballett, das seine „Wall“-Inszenierung
nicht bei einer Wahlveranstaltung tanzen darf. PDS-Stadtrat
André Schollbach kündigt an, dass die Stadt Kiel
auf rund 60 000 Euro verklagt werde. Die Kommune habe eine von
der PDS gesetzte Frist zur Klärung der kurzfristigen Absage
verstreichen lassen.
Ohne juristisches Nachspiel dürften
dagegen die Aktionen der anderen Parteien verlaufen. Die CDU
präsentiert sich zum Maibeginn auf der Prager Straße,
die SPD im Plauener Fichtepark. Glamourösen Rocksound gibt
es nicht, dafür solide böhmische Blasmusik. Wem das
nicht zünftig genug ist, muss zum Goldenen Reiter –
zum Mittelalterfest.
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Sächsische Zeitung
29. April 2004-05-01
Gelassen
Von Thilo Alexe
Rechte wählen Dresden als Aufmarschgebiet
– und das Rathaus reagiert fast schon gelassen. Der Ordnungsbürgermeister
spart sich den Gang vor Gericht, statt dessen erteilt sein Amt
Auflagen und trifft im Vorfeld Absprachen. Motto: Sollen sie
doch marschieren und danach wieder verschwinden, ein funktionierendes
Gemeinwesen wird auch das überstehen. Die Haltung der Stadt
ist richtig. Verbotsversuche schaffen nur Märtyrer und
werten die Veranstaltung auf. Im Übrigen hat das Rathaus
mit dieser Taktik gute Erfahrungen gemacht. Wochenlange Debatten
über rechte Aufmärsche blieben ebenso aus wie Straßenschlachten.
Warum die Verwaltungsspitze allerdings Lautsprechermusik aus
Fraktionsräumen so sehr fürchtet, dass sie die Räume
am 1. Mai sperrt, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Auch hier
wäre Gelassenheit Trumpf.
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DNN 28. April
2004
Protest gegen rechts hat Rechtsfolgen
Heha
"Sag' nein". Konstantin Wecker
mit seinem Aufruf zur Zivilcourage schien der grünen Stadtratsfraktion
genau der richtige Titel für den Anlass. Am 13. Februar,
als vor dem Rathaus Neonazis bei einer Kundgebung Parolen austauschten,
hielten sie mit voller Lautsprecherkraft aus dem Rauthausfenster
dagegen.
Nein, sagt jetzt der Oberbürgermeister.
Mit einem Schreiben vom 20. April wird am 1. Mai - an dem wieder
rechte Demonstranten in Dresden erwartet werden könnten
- den Stadtratsfraktionen der Zugang zu ihren Räumen im
Rathaus verweigert. "Sollte es dennoch zu Störungen
kommen", heißt es weiter, "hat das Liegenschaftsamt
den Auftrag erhalten, die Stromversorgung ... zu unterbrechen".
Ohne Strom keine Musik, also keine "Störung einer
nicht untersagten Versammlung".
Was wie eine böse Posse klingt, hat
zwei Seiten. Die Grünen stehen für eine - hoffentlich
- große Mehrheit der Dresdner, die nicht tatenlos zusehen
will, wie die Rechten Dresden als Aufmarschplatz missbrauchen.
"Aber die Stadt ist verpflichtet, dafür zu sorgen,
dass eine angemeldete Veranstaltung störungsfrei ablaufen
kann", sagt Rathaussprecher Kai Schulz.
Am 13. Februar verschafften sich deshalb
erst das Ordnungsamt und dann die Polizei Zugang zu dem Zimmer
mit dem hohen Geräuschpegel und zog schließlich den
Stecker. Jetzt schaltete sich selbst der Staatsschutz ein. Der
Fraktion droht ein Bußgeld bis etwa 500 Euro wegen Verstoßes
gegen das Versammlungsrecht. Eigentlich wollten sie mit ganz
legalen Mitteln die Kundgebung verhindern und selbst eine Veranstaltung
anmelden. Dabei erfuhren sie, dass die Junge Landsmannschaft
den Platz an der Trümmerfrau für den 13. Februar schon
bis 2012 "reserviert" hat. Die Grünen haben jetzt
für die Jahre von 2012 bis 2075 angemeldet.
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DNN, 29. April 2004
Rechte nutzen ihre Rechte dreifach
th
Rechte Gruppierungen haben an drei aufeinander
folgenden Wochenenden in Dresden Aufmärsche angemeldet.
Wie Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) gestern mitteilte,
will ein "Bündnis rechts" am 1. Mai durch die
Landeshauptstadt marschieren. Für den 8. Mai habe die "Junge
Landsmannschaft Ostpreußen" einen Aufmarsch angemeldet.
Am 15. Mai wolle das "Nationale Bündnis" in Gorbitz
in den Kommunalwahlkampf einsteigen.
Ordnungsamtsleiter Ralf Lübs erwartet
wenig Resonanz auf die für den 1. Mai angemeldete Demonstration.
Der Anmelder aus Lübeck habe sich offenbar nicht mit der
hiesigen rechten Szene abgestimmt. Das Potenzial konzentriere
sich an diesem Tag auf Berlin und Leipzig.
Für die Demonstrationen am 8. und
am 15. Mai seien noch keine Versammlungsbescheide erlassen worden,
so Lübs. Die Stadt werde Auflagen wie ein Verbot von Springerstiefeln
und von T-Shirts der Marke "Lonsdale" verfügen.
Detlef Sittel erklärte, es sei nicht Aufgabe der Verwaltung,
politische Zeichen zu setzen. "Politisch motivierte Verbote
von Kundgebungen werden durch die Gerichte kassiert." Das
Oberverwaltungsgericht Bautzen vertrete die Auffassung, dass
eine Demokratie rechte Aufmärsche ertragen müsse,
auch wenn die Mehrheit der Einwohner dagegen sei.
Gleiches gelte für Forderungen, das
"Nationale Bündnis" nicht zur Kommunalwahl zuzulassen.
"Diese Gruppierung hat ausreichend Unterstützerunterschriften
vorgelegt, in einigen Stadtbezirken doppelt so viele wie erforderlich."
Der Gemeindewahlausschuss müsse nun über die Zulassung
zur Wahl entscheiden. Ein Ausschluss wäre nur möglich,
wenn dem rechten Bündnis formale Verstöße unterlaufen
wären, so der Ordnungsbürgermeister. "Der Wähler
muss politische Zeichen setzen. Nicht die Behörde."
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