Deja-vu?

ART Dresden

Wenn sogenannte „Freie Kräfte Sachsen“ für den 19. März 2005 zu einer Demonstration „Gegen linke Gewalt“ aufrufen, sich zu diesem Zweck am Neustädter Bahnhof treffen und Lutz Giesen einer der auftretenden Redner sein soll, könnte man geneigt sein, ein solches Deja-vu-Erlebnis zu vermuten.
Denn auf den ersten Blick erinnert dieses Szenario an den 27. Juli 2002. Damals marschierten etwa 100 Nazis, aufgerufen vom „Aktionsbündnis Dresden“ unter dem Motto „Gegen den Antifaschistischen Konsens in Dresden“ über die Königsbrücker Straße. Und es war Lutz Giesen, der zu diesem Anlass über das Leid der Kameraden klagte und die Probleme von Kleingärtnern schilderte.
Und wie 2002 möchten wir einen Überblick geben, wer hinter dieser Demonstration steckt und was wir zu erwarten haben.

Die „Freien Kräfte Sachsen Sektion Dresden“ treten sporadisch bereits seit 2000 in der Öffentlichkeit auf. Die Problematik solcher parteiunabhängiger low level Organisierungen bei Nazis kann an ihrem Beispiel recht gut dargestellt werden. In unserem Infoflyer zum o.a. Aufmarsch schrieben wir 2002: „Seit mindestens zwei Jahren gibt es in Dresden die Bestrebung, sich in Kameradschaftsstrukturen zu organisieren. Mit bisher eher mäßigem Erfolg. Zentrale Figur der „Freien Kräfte Dresden“ in der Öffentlichkeit ist dabei Ronny Thomas. (...) Es bleibt abzuwarten, ob der eigene Treffpunkt, die Kneipe „Thor“ und der sogenannte „Dresdner Rundbrief“ zu einer Festigung der Strukturen führen werden.“

Durch antifaschistische Aktivitäten musste die Kneipe „Thor“ schließen und die zentrale Figur Ronny Thomas sitzt bis heute eine Knaststrafe wegen mehrerer Körperverletzungsdelikte ab. Damit wurden die „Freien Kräfte Dresden“ zwei ihrer wichtigsten Organisationspunkte beraubt und die Folge schilderte Rene Despang, der Dresdner NPD-Kreisvorsitzende im „Freien Rundbrief Dresden“ Ausgabe 10/2004: „Richtig ist, dass nachdem R.T. ins Gefängnis musste, die Aktivitäten zurück gingen.“ Das unorganisierte Umfeld wendete sich teilweise wieder der NPD zu. Andere zogen sich zurück bzw. ließen sich nur noch sporadisch mobilisieren. „Parteiunabhängige“ Nazis sind nicht nur auf Infrastruktur angewiesen, sondern sind vor allem von örtlichen Führungspersonen, die organisieren, mobilisieren und Kontakte zu anderen halten, abhängig.

Mit der Eröffnung des „Klub 14“ auf der Weimarischen Straße im April vergangenen Jahres und dem seit letztem Jahr wieder regelmäßiger erscheinenden „Freien Rundbrief Dresden“ sind zwei Standbeine in Dresden wieder neu entstanden. Und mit Sven Hagendorf, als ehemaligen Betreiber des „Thor“ und nun Betreiber des „Klub 14“ ist eine personelle Kontinuität nicht zu übersehen. Dennoch kommt die Hauptdynamik der Organisierung der „Freien Kräfte Sachsen“ derzeit eher aus dem Umland von Dresden. Der Aufmarsch am 13. Februar diesen Jahres ließ das gegenwärtige regionale Mobilisierungspotential erkennen. Über verschiedene Vorab- Treffpunkte sammelten sich etwa 300 Nazis am Dresdner Hauptbahnhof und gingen geschlossen zum Kundgebungsort am Dresdner Landtag. Darunter zahlreiche Nazis aus der sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge einschließlich Freital.

Diese Konstellation hat nicht überrascht. Schon seit dem Verbot der SSS gibt es gerade in der Sächsischen Schweiz Bemühungen sich dezentraler zu organisieren. Über die Jahre hat sich hier und im Osterzgebirge ein Konglomerat aus örtlichen Kameradschaften, regionalen Rundbriefen, Läden, Versänden und einzelnen Führungspersonen herausgebildet. Wie bei der SSS ist die Organisierung sehr subkulturell geprägt. Selbstverständlich lassen sich auch hier personelle Kontinuitäten feststellen. Thomas Sattelberg, Gründungsmitglied der SSS, wurde erst im Dezember vorübergehend in Untersuchungshaft genommen, als bei 29 Beschuldigten eine Razzia wegen der Fortführung einer verbotenen Organisation stattfand. Der zweite in der ersten Staffel der SSS-Prozesse als Rädelsführer verurteilte, das ehemalige SSS-Member Thomas Rackow gestaltete nicht nur den Entwurf für eine Internetseite der „Freien Kräfte Sachsen“, die durch den Hack des „Heimatschutznetzwerkes“ bisher nicht online ging, er zeichnet auch für die unter einem schlechten Stern stehende Mobilisierungsseite zum Aufmarsch am 19. März verantwortlich.

Daneben etablierten sich jüngere Nazis als neue Organisatoren. Der sich zur Zeit am aufdringlichsten benehmende ist Karsten Scholz. Ursprünglich aus Pirna, inzwischen nach Dresden gezogen und Schuhe verkaufend, gibt er das Fanzine „Rufe ins Reich“ heraus, organisiert Nazikonzerte und ist, wie vor wenigen Tagen auf indymedia stand, an der Vorbereitung einer bundesweiten Schülerzeitung von Nazis beteiligt. Zuletzt mobilisierte er zu gewalttätigen Gegenaktionen am 27. November nach Pirna, um die antifaschistische Kampagnendemo „Schöner Leben ohne Naziläden“ zu attackieren. Vielen dürfte er als verhinderter Bart Simpson im Gedächtnis sein.

Neben dem Kern aus einer Handvoll Protagonisten, ist das Umfeld der „Freien Kräfte Sachsen“ und deren Mobilisierungspotential, wie bereits erwähnt, weitaus größer. Dieses Umfeld rekrutiert sich zumeist über Musik und Fußball. So finden in Sachsen regelmäßig gut besuchte Nazikonzerte statt. Solche Konzerte bieten eine Erlebniswelt, stiften Identität und binden damit Leute an die Naziszene und schaffen so Nachwuchs für Kameradschaften. Für die schon organisierten Nazis, wie Rene Wuttke, Ricardo Gutte, Mirko Hesse oder Martin Schaffrath stellt die Musik, ebenfalls ein wichtiges bindendes Element dar.

Ganz ähnlich funktioniert das Prinzip beim Fußball. Etliche Nazis der „Freien Kräfte Dresden“ verkehren im Dynamo-Stadion. Die Übergänge zwischen Hooligan und Nazi sind da fließend. In Pirna war dieses Konglomerat aus unorganisierten Nazihooligans und organisierten Nazis bereits zweimal gut zu beobachten. Sowohl am 12.6. als auch am 27.11. 2004 setzte sich das Potential, welches versuchte die Antifademo anzugreifen, genau aus diesem Spektrum zusammen.

In Chemnitz besteht diese Mischung schon seit einigen Jahren in verbindlicherer Form und nennt sich dort HOONARA (Hooligans Nazis Rassisten). Dass am 25.09. letzten Jahres genau diese Zusammenstellung aus Nazis, Hooligans und Security versuchte die Antifademo „Schöner Leben ohne Naziläden“ gegen das Backstreetnoise anzugreifen, war demzufolge kaum verwunderlich. Und auch in Dresden zeigen sich die ebenso gewachsenen Verbindungen immer deutlicher.

Auffällig an diesem erlebnisorientierten Spektrum ist, dass der Großteil der Beteiligten meist kaum direkt an Aufmärschen teilnimmt, sondern sich viel eher im Umfeld dieser aufhält, um die Auseinandersetzung mit Antifagruppen zu suchen. So bewegte sich auch am 8.Mai letzten Jahres eine Gruppe von Nazihooligans, welche sich selbst als „Braune Engel“ bezeichneten im weiten Umfeld des JLO-Aufmarsches. Bei dieser Gruppe wurden die subkulturellen Übergänge besonders deutlich, denn diese „Braunen Engel“ setzten sich z.T. aus dem oben beschriebenen Kreis aus dem Musik- und Fußballbereich zusammen.

Auch am 19. März ist durchaus damit zu rechnen, dass sich wieder eine solche Gruppe jenseits des Aufmarsches bewegt oder aber aggressiv aus dem Aufmarsch heraus agieren wird.

Wollte das „Aktionsbündnis Dresden“ 2002 noch „auf die skandalösen Verflechtungen zwischen kriminellen und gewalttätigen Antifabanden und städtischen Behörden des Ordnungsamtes, sowie den diesen Staat sichernden Organen des Staatsschutzes (politische Polizei) bis hin zu Fraktionsmitgliedern des Dresdner Stadtrates und des Sächsischen Landtages“ hinweisen, soll sich diesmal „inhaltlich mit dem Thema `Gewalt von Links´“ auseinandergesetzt werden. Was auf den ersten Blick wie ein Lernprozess weg von ihren kruden Thesen von 2002 aussieht, entpuppt sich schlussendlich auch nur als verschwörungstheoretischer Ansatz. Und so geht es ihnen darum „ein Zeichen zu setzen“ und zwar „im Herzen des Stadtviertels, wo die meisten antifaschistischen Gewalttaten geplant werden“, wie es in ihrem Aufruf zum 19. März heißt. Die Neustadt als Planungsbüro von antifaschistischen Aktionen. Auf so einen gequirlten Unsinn kann nur ein „überpolitischer Gedankenkreis“, wie sich die „Freien Kräfte Sachsen“ selbst bezeichnen, kommen. Der Aufruf der Nazis zeigt aber auch, dass die vermehrten Aktivitäten der Antifa, vor allem mit den Demonstrationen in den Regionen, in denen die Nazis bisher ungestört agieren konnten, den Nerv treffen.

Deshalb, ohne einer Kiezmentalität das Wort zu reden, kann es nur darum gehen den Aufmarsch durch die Neustadt nicht hinzunehmen. Dass die Nazis sich von einem Ort gestört fühlen, an dem sie sich im Alltag nicht entfalten können und deshalb genau hier einen Aufmarsch durchführen wollen, sollte am 19. März für alle Ansporn sein, dass die Nazis keinen Fuß in die Neustadt setzen. In Zukunft kann es nur darum gehen, solcherart Orte auszubauen.

Mobilisiert wird für den Aufmarsch am 19. März hauptsächlich über das Internet durch die sogenannten Aktionsbüros. Hinter diesen steht eine überregionale Vernetzung von Nazis aus dem Kameradschaftsspektrum. Im realen Leben existiert für die östlichen Bundesländer eine solche Organisierung im Rahmen des „Nationale[n] und Soziale[n] Aktionsbündnis Mitteldeutschland“ (NSAM). Seit dem vergangenen Jahr versuchen Nazis unter diesem Dach überregional vor allem beim Thema Sozialabbauch und speziell HartzIV zu punkten.

Wichtiger Bestandteil dieses NSAM ist der Märkische Heimatschutz (MHS) einer der derzeit wohl umtriebigsten Neonazi-Kameradschaften. Die unter Mitwirkung des derzeitigen Bundesgeschäftsführers der NPD Frank Schwerdt aufgebaute Gruppe hat ihre Heimat in Nordost-Brandenburg. Seit geraumer Zeit ist sie aber auch stark in Berlin verwurzelt wo sie u.a. enge Kontakte zu der kürzlich verbotenen Berliner Alternative Südost (BASO) pflegte.
„Vorsitzender“ des MHS und seit seiner Gründung im Jahr 2001 tonangebend ist der 24jährige Eberswalder Gordon Reinholz, der am 19. März neben Lutz Giesen auch als Redner angekündigt ist. Unter ihm verfolgt der Märkische Heimatschutz im Umgang mit dem politischen Gegner in der Strategie eine Mischung aus Anti-Antifa und
Querfront. Während auf der einen Seite Linke von Reinholz immer wieder auf eine Zusammenarbeit im vermeintlich „gemeinsamen Kampf“ angesprochen werden, betreibt die Gruppe andererseits klassische Anti-Antifa-Arbeit. So wurde unter dem presserechtlich Verantwortlichen Schwerdt Anfang 2002 ein, dem Anspruch Recherchebroschüre nicht gerecht werdendes Blatt zur Enttarnung angeblicher „Linksextremisten“ aus Angermünde bei Schwedt veröffentlicht. Anschläge auf das Alternative Literaturcafe der Stadt führten zu zahlreichen Hausdurchsuchungen bei MHS-Aktivisten.

Neben Gordon Reinholz sind es vor allem die beiden MHSler Christian Banaskiewicz und Sebastian Schmidke, welche auf Demos von Hamburg bis Wunsiedel wechselnd als Anti-Antifa-Fotographen, Ordner und Einpeitscher auffallen.
Wie wichtig dem MHS die Kontakte in die hiesige Region sind, zeigte sich beispielsweise in der Teilnahme von MHSlern um Banaskiewicz und Schmidke an der Wahlkampfauftaktdemo des “Nationalen Bündnis Dresden” in Dresden-Gorbitz im Mai vergangenen Jahres. Auch sonst fehlte die Gruppe auf keiner größeren Demonstration der letzten Jahre in Sachsen. Insofern stellt die organisatorische Beteiligung des Märkischen Heimatschutzes an der Demo am 19. März in der Neustadt keine Überraschung dar, sondern ein erwartungsgemäßes Engagement für befreundete Kameraden in einem dem MHS vertrauten Metier.

 
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