|
![]() |
|
Und monatlich grüsst das Murmeltier!Diese Assoziation entsteht, wenn man bedenkt, dass in Dresden innerhalb diesen Jahres bereits sieben Naziaufmärsche stattfanden. Diese waren mal kleiner, mal größer. Eines hatten aber alle trotz unterschiedlicher Organisationen gemeinsam: das marschierende Volk waren vornehmlich Skinheads aus dem Umfeld der NPD und freier Kameradschaften. Für drei der Aufmärsche zeichnete die Interessengemeinschaft für die Wiedervereinigung Gesamtdeutschlands e.V. (IWG), für jeweils zwei die Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO) und die NPD verantwortlich. Im vorliegenden Text wird die Wirkung und Bedeutung der Aufmärsche der IWG näher beleuchtet.
Was ist die IWG?Hinter dieser so gut wie unbekannten Interessengemeinschaft verbirgt sich ein Bündnis verschiedener faschistischer, revanchistischer Gruppen und Organisationen. Wobei nicht ein offenes Bündnis zwischen den Gruppierungen prägend ist, sondern eine Überschneidung von Funktionsträgern. Es bestehen Verbindungen zum Bund der Vertriebenen (BdV), der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP), der Deutschen Gildenschaft, dem Witikobund, der Deutschen Liga für Volk und Heimat (DLVH), dem Bund für Gesamtdeutschland, den Repubulikanern (REP) und selbstverständlich zur NPD. Vorsitzender dieser wirren Vereinigung ist Georg Paletta, ein unscheinbarer, an Großdeutschland hängengebliebener alter Mann. Neben den oben genannten Organisationen hat Paletta auch Beziehungen in das militante Lager der Rechtsextremisten. So bestehen Kontakte zum Bündnis Rechts (Zusammenschluß sog. "Freien Kameradschaften" und rechtsextremer Parteien bzw. Organisationen vornehmlich im norddeutschen Raum), in dessen Mitteilungsblatt "Lübbscher Aufklärer" er zuweilen schreibt. Schon für den 3. Oktober 1998 plante er eine "Großdemonstration", bei der er mit einhunderttausend TeilnehmerInnen durch das Brandenburger Tor ziehen wollte. Es kamen aber nur zwanzig. Ende letzten Jahres lud er in der Nähe von Nürnberg zu einer Veranstaltung ein, an der auch Udo Voigt teilnahm. Selbst dem Milleniumwahn verfallen liess sich Paletta etwas Grosses einfallen. Er wollte jeden Monat in einer anderen Stadt für das "Recht auf Heimat" demonstrieren. Gesagt -getan! Die erste Station war im Januar Magdeburg. Gerademal drei weitere Nazis wollten sich seinen Haspelleien hingeben. Nichtsdestotrotz plante Paletta weitere "Grossdemonstrationen". Immer noch von seiner Idee besessen ging es Ende Februar nach Erfurt. Hier schien sein Versuch zunächst von Erfolg gekrönt. Der Thüringer Heimatschutz hatte, wohl eher im eigenen Interesse mobilisiert. So standen auf einmal, überraschend, 450 Nazis in der Innenstadt. Nach einigen Änderungen im Terminplan fand der dritte Akt Ende März in Dresden statt. Seitdem ist die als Demonstration angemeldete Veranstaltung jeden letzten Sonnabend des Monats in der sächsischen Landeshauptstadt.
Klappe - die erste! - 25.03.2000Verwundert erblickten BeobachterInnen einen für Naziaufmärsche doch relativ untypischen, größtenteils angetrunkenen und unorganisierten Faschohaufen. Im wahrsten Sinne des Wortes "planlos" liess sich Paletta von der Polizei durch die Stadt geleiten. Der Mob von reichlich einhundert Nazis trottete ihm hinterher . Die Abschlusskundgebung war eher von Chaos geprägt, als von Ordnung und Disziplin. Der Singsang Palettas ging in allgemeinen Störungen völlig unter und interessierte nicht einmal mehr die noch anwesenden DemonstrationsteilnehmerInnen, die sich lieber Wortgefechte mit den AntifaschistInnen lieferten.
Klappe - die zweite! - 29.04.2000Mit der erneut angereisten Kameradschaft Gera, die wohl die Hoffnung hegte, es würde irgendwann noch mal so wie in Erfurt werden, waren insgesamt nur dreißig Nazis dem Aufruf Palettas gefolgt. Daraufhin fiel der Aufmarsch erstmal aus und statt dessen wurde eiligst eine Kundgebung angesetzt. Diesmal ging die Rede nicht nur in verbalen Störungen unter, die Nazis hatten sich auch noch den körperlichen Angriffen von Seiten der Antifa zu erwehren. Die Dresdner Kameraden machten sich daher schleunigst aus dem Staub und die Kameradschaft Gera musste, wie schon beim ersten mal, im Laufschritt von der Polizei zum Bahnhof gebracht werden.
Klappe - die dritte! - 24.06.2000Diesmal wagte sich Paletta sogar in die Dresdner Neustadt. Zwar ohne die Kameradschaft Gera, dafür mit Unterstützung durch Leipziger Nazis, kam er auf achtzig TeilnehmerInnen. Nachdem sie sich auf einem Parkplatz postiert hatten, zogen sie eine Minirunde um den Block. Und weil es so kurz war, wollten sie gleich nochmal, aber das untersagte das Ordnungsamt. Die Abschlußkundgebung fand sofort statt und weil Paletta sich schon zweimal zum gleichen Thema artikulieren durfte, gab er das Megafon an Rigolf Henning weiter, der laut NPD-KV DD immerhin der "Staatspräsident vom Freistaat Preussen" sei. Der Rest war fast schon Routine. Das da capo fiel aus weil niemand zuhörte, die Antifa störte und warf Eier und Rigolf wurde wütend. Die Polizei nahm es gelassen und empfahl Paletta, nachdem eine Antifaschistin eines seiner Schilder zerstört hatte, doch endlich seine Sachen einzupacken und zu verschwinden. Der hilflose und empörte Mann fuhr dann auch. Der Rest der Nazidemo wurde von der Polizei bis zur Augustusbrücke begleitet und hatte dann freie Bahn. Diese nutzten vor allem anwesenden Hooligans und es kam zu Angriffen auf AntifaschistInnen auf der Altstadtseite.
Klappe - die vierte und letzte? - 29.07.2000Am letzten Samstag des Monats Juli folgten dem Ruf Palettas nur 40 Kameraden nach Dresden. Ursprünglich war eine Demonstation ausgehend vom Schillerplatz geplant. Doch aufgrund der wenigen TeilnehmerInnen, fand nur eine Kundgebung auf dem Parkplatz unter dem Blauen Wunder statt. Bei strömenden Regen hielt Palletta seine übliche Rede, welche die Kameraden, größtenteils aus Dresden und der Kameradschaft Germania Berlin, wenig interessierte. Biertrinkend und sichtlich amüsiert standen sie um den alten Mann herum, bis es ihnen selbst unter der Brücke zu nass wurde und sie den Heimweg antraten. Da half auch Palettas Bitten, doch noch zu bleiben und die erste Strophe zu singen, nichts mehr. Enttäuscht und wütend über dieses Debakel, will er nun nie wieder nach Dresden kommen. (Wir werden sehen!) Anders, als bei den vorangegangenen IWG-Aufmärschen war an diesem Tag nicht einmal mehr die Ordnergruppe anwesend. Nur Sven Hagendorf tauchte kurz am Kundgebungsort auf, blieb aber nicht lange. Das mag an dem NPD- Infostand, der Samstag früh in Pieschen stattfand, gelegen haben oder aber das Interesse an Georg Paletta ist in Dresden deutlich gesunken. Antifaschistische Gegenaktivitäten fanden an diesem Tag keine statt...!
Zwischen Normalisierung und LächerlichkeitDie Situation bei allen Aufmärschen erscheint grotesk. Im Grunde genommen hört sich ein Kern der immer gleichen Nazis dieselbe Rede Palettas an. Keine neuen Inhalte, kaum öffentliche Außenwirkung und die Nazis selber scheint das Thema wenig zu interessieren. Die Ansprache von Paletta, die bis auf Antifas kaum jemand verfolgt, ist völlig verworren. Dennoch zog es den Anmelder bisher jeden Monat nach Dresden und es fanden sich immer Nazis vor Ort, die die Demonstration organisierten. Es wird ihnen leicht gemacht. In dieser Normalisierung von Naziaufmärschen liegt die Brisanz. Für alle in der Stadt ist der letzte Samstag des Monats zu einem festen Termin geworden, aber außer antifaschistischen Initiativen äussert sich niemand in Dresden zu den Aufmärschen. Die Verwaltung wälzt die Auseinandersetzung einzig auf die juristische Ebene ab und scheitert jedesmal mit ihrem Verbot vor Gericht. Selbst das Veröffentlichen der Demonstrationsanmeldung verweigert sie konsequent, angeblich um ein Aufwerten der Nazis in ihren Augen zu vermeiden. Diesem Schweigekonsens schließen sich ausnahmslos alle Parteien und Gewerkschaften an, ausser sie werden unter Druck gesetzt. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Etablierung Dresdens als Aufmarschort findet bis jetzt nicht statt. Auch der Antifaschistische Widerstand befasst sich wenig mit einer inhaltlichen Bewertung des Geschehens. Er beschränkt sich zusehends auf oben beschriebene Szenarien. Damit schafft er, sicherlich ungewollt, einen zusätzlichen Anreiz für Nazis an den Aufmärschen teilzunehmen. Die Möglichkeit einer direkten Auseinandersetzung mit Antifas sorgt für eine nicht zu unterschätzende Spannung. Es ist nicht verwunderlich, dass mittlerweile auch Hooligans davon angezogen werden. Wir wollen nicht davon abraten die Naziaufmärsche direkt anzugreifen, nur sollte und darf der Antifaschistische Widerstand nicht zum Alibi verkommen. An diesem Punkt müssen neue Formen erdacht und umgesetzt werden. |
||
|
|
|||
| back |