| Walser's schlechtestes Buch
+ coming out als crass-core Antisemit (Juni 2002)
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Walser mit
seiner antisemitischen Mord-Phantasie wird durch die Sächsische
Akademie der Künste unterstützt
Lesung mit Walser ("Verteidung der
Kindheit") am 22. Juni 02 18 Uhr in
Pirna abgesagt
für 'ne Provokation war's ein echter Sturm im Wasserglas
Die klassischen antisemitischen Bilder,
die in einer Mord-Phantasie gipfeln (in Walsers neuen Roman "Tod
eines Kritikers") finden volles Verständnis bei der
sächsischen Akademie der Künste (deren Mitglied
Walser ist).
Die Akademie hat in einer Erklärung zu der von ihr am 22.
Juni in Pirna geplanten Lesung mit Walser (hat abgesagt) behauptet,
der Roman werde von Literatur-Kritikern "noch vor seinem
Erscheinen zerrieben" - nun richtet sich die antisemitische
Mord-Phantasie in Walsers Roman zufällig gegen einen
Litaratur-Star-Kritiker.
Die Akademie legitimiert damit real, was im Roman als reale deutsche
Vernichtungs-Phantasie geschieht: Deutsche "wehren"
sich stets gegen Feinde, sehen sich stets als Opfer, nicht Täter,
die sie sind.
Eigentlich hatte Walser ins Exil - an den
"Grossen Walsersee" - gehen wollen, stattdessen bleibt
er - und will das grauenvolle Pirna besuchen, nächster Termin
unklar. Im Juni verliessen die Sendilmens Pirna - vom rassistischen
Terror vertrieben.
Provokateur und Pseudo-Tabu-Brecher Walser will wohl in dieser
hintersten Provinz ein Sturm im Wasserglas
erzeugen - wenn seine Skandälchen auf diesem Niveau
bleiben ist's ja wunderbar. (Nichts gegen die Jahrestagung der
sächs. Akademie der Künste - aber 's scheint kein bedeutungsschweres
Projekt zu sein.)
Laut Berliner Zeitung vom 5. Juni 02 war Herr Walser sauer gewesen,
und hatte entschlossen nach Österreich auszuwandern. Und
zwar dorthin, wo seine Vorfahren bis 1720 gewohnt haben - an den
"Grossen Walsersee". Wenn er dort sein Lebensende mit Angeln verbringt,
ist sein Entschluss sehr zu begrüssen. Zynischerweise sind es
Juden in Deutschland, die ernsthaft ein Exil erwägen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung druckt den
Walser-Roman nicht ab - sondern eine Anti-Laudatio
auf den neuen Walser
"Lieber Martin Walser, Ihr Buch werden wir nicht drucken"
- Frank Schirrmacher in der faz über den neuen Walser: die
Mord-Phantasie ist eine Fortführung dessen, was die Nazis
nicht geschafft haben: sie richtet sich gegen den Shoa-Überlebenden
Marcel Reich-Ranicki
(Schirrmacher hatte bei Walsers Paulskirchen-Rede 1998 die Laudatio
auf Walser gehalten, wobei Walser von der "Auschwitz-Keule"
sprach)
Frankfurter Rundschau 31. Mai 02: Von der
Leine gelassen - Vom primären zum sekundären Antisemitismus -
von Thomas Haury
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Frankfurter Rundschau 30. 05. 2002 Die Fälle
Jürgen W. Möllemann und Martin Walser: Die Elite und der Mob -
von Jan Philipp Reemtsma
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| Walser liest am 22. Juni in Pirna,
Marien-Kirche, Eintritt ab 18 Uhr - kostenlos
früh.kommen.sichert.die.besten.plätze
Sächsische Zeitung Montag, 10. Juni 2002
Martin Walser liest am 22. Juni in
Pirna
Sächsische Akademie der Künste hat Autor eingeladen
Am 22. Juni liest der bekannte Schriftsteller
Martin Walser in der Pirnaer Marienkirche aus seinem Roman "Die
Verteidigung der Kindheit". Die Veranstaltung mit freiem Eintritt
beginnt 18 Uhr. Sie wurde von der Sächsischen Akademie der Künste
organisiert, die ab 21. Juni ihre Jahrestagung in Pirna durchführt.
Dazu werden in- und ausländische Künstler erwartet, teilt die
Akademie in einer Presseinformation mit.
Ihren Mitgliedern ist die Brisanz der Situation
nach dem um den noch unveröffentlichten Roman "Tod eines Kritikers"
durchaus bewusst. In einer Erklärung kritisiert die Akademie "die
Vorverurteilung Martin Walsers durch eine große Tageszeitung"
(
FAZ - Anti-Laudatio,
d.R.). Die Institution schätzt sich glücklich, diesen Autor in
Pirna begrüßen zu können, "der sich durch Werk und persönliches
Engagement stets zur kulturellen und staatlichen Einheit Deutschlands
bekannte". Martin Walser ist seit 1996 Mitglied der Sächsischen
Akademie der Künste.
Die Erklärung enthält unter anderem folgende Aussagen: "Der Streit
um Martin Walsers neuen Roman betrifft ein Buch, das man erst
dann beurteilen kann, wenn es in autorisierter Fassung vorliegt
. Dass ein Roman, dessen Absicht es offenbar ist, den medialen
Literaturbetrieb zu karikieren, noch vor seinem Erscheinen in
dessen Mühlen zerrieben wird, ist eine Herausforderung an die
Literatur, der diese zuletzt nur mit ihren eigenen - also ästhetischen
- Mitteln wird begegnen können." (SZ/phi)
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| Frankfurter Allgemeine Zeitung,
29.05.2002
Lieber Martin Walser, Ihr Buch werden wir nicht drucken
Der neue Roman von Martin Walser:
Kein Vorabdruck in der F.A.Z.
Lieber Herr Walser,
Ihr neuer Roman wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Nur ein
kleiner Zirkel von Eingeweihten kannte bisher den Inhalt. Mittlerweile
kenne auch ich ihn. Nicht weil Rechercheure die Panzerschränke
im Suhrkamp-Haus geknackt hätten. Sie selbst haben uns, unspektakulär
genug, die Fahnen gegeben. Sie wünschen, daß Ihr neuer Roman,
"Tod eines Kritikers", in dieser Zeitung vorabgedruckt wird. Sie
legen Wert darauf, daß er hier und gerade hier erscheint.
Ich muß Ihnen mitteilen, daß Ihr Roman nicht in dieser Zeitung
erscheinen wird. Die Kritiker mögen entscheiden, wie gut oder
wie schlecht dieses Buch unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit
ist. "Auch ein schlechter Walser ist ein Ereignis", sagte einmal
ein bekannter Redakteur.
Ihr Roman ist eine Exekution. Eine Abrechnung - lassen wir das
Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite!
- mit Marcel Reich-Ranicki. Es geht um die Ermordung des Starkritikers.
Ein Schriftsteller wird als Täter verdächtigt. Ein anderer, der
Erzähler, recherchiert. Später erfährt man, daß beide ein und
diesselbe Person sind. Am Ende die Aufklärung: Der Kritiker ist
nicht tot, er hat nur tot gespielt, um sich mit seiner Geliebten
zu vergnügen. Dazwischen eine Art Gesamtanalyse des Starkritikers,
des literarischen Lebens unter Aufbietung halbverschlüsselter
Figuren wie Joachim Kaiser und Siegfried Unseld.
In Wahrheit aber: die Beschreibung eines Verhängnisses, das sich
in André Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki über die Literatur
in Deutschland legt.
Ehe Sie, lieber Herr Walser, mit den Begriffen Fiktion, Rollenprosa,
Perspektivwechsel antworten - ich bin durchaus im Bilde. Ich bin
imstande, das literarische Reden vom nichtliterarischen zu unterscheiden.
Man hat mich unterrichtet, wie oft und wo überall in der modernen
Literatur Kritiker gemordet werden. Doch die Burgtore des Normativen,
der literarischen Tradition und Technik stehen Ihnen als Zuflucht
nicht offen. Denn das alles wären ja nur Kategorien für ein "schlechtes"
oder "gutes" Buch.
Ich aber halte Ihr Buch für ein Dokument
des Hasses. Und ich weiß nicht, was ich befremdlicher finden soll:
die Zwanghaftigkeit, mit der Sie Ihr Thema durchführen, oder den
Versuch, den sogenannten Tabubruch als Travestie und Komödie zu
tarnen.
Nicht wahr, Sie haben das "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein
Rezensent" nur wörtlich genommen? Werden Sie mir glauben, daß
ich umgekehrt nun beginne, Sie wörtlich zu nehmen?
Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie. Daß der Mord
keiner ist, macht die wonnevolle Spekulation unangreifbar. "Habe
allerdings keinen, der für mich tötet", sagt der Erzähler beispielsweise
einmal. Und mehr als einmal fällt der Satz: "Eine Figur, deren
Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus."
Sie haben sich eine Art mechanisches Theater aufgebaut, in dem
es möglich ist, den Mord auszukosten, ohne ihn zu begehen.
Doch es geht hier nicht um die Ermordung des Kritikers als Kritiker,
wie es etwa bei Tom Stoppard geschieht.
Es geht um den Mord an einem Juden.
Die Signale sind unübersehbar, und sie sind unheimlich. "Das Thema
war jetzt", heißt es, "daß Hans Lach einen Juden getötet hatte."
Das kommt so nebenbei, aber es ist Ihr Thema, es ist das Thema
dieses Buches.
Sie denken sich die Sache so richtig durch.
Was würde das große Nachrichtenmagazin schreiben?
"Wolfgang Leder erklärte scharf und genau, daß es von nichts als
Antisemitismus zeuge, wenn die Ermordung eines Juden, wenn er
denn einer gewesen sei, moralisch schlimmer geahndet werde als
die Ermordung eines Nichtjuden. Philosemiten seien eben, wie bekannt,
Antisemiten, die die Juden liebten."
Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Verdächtigen
dadurch besonders verdächtig zu machen, daß der in höchster Wut
dem Starkritiker in Hitler-Sprache droht, "ab 0.00 Uhr wird zurückgeschlagen",
worauf der Kritiker tatsächlich wie vom Erdboden verschwindet.
Welch ein Spaß, wenn man erfährt, daß diese Kriegserklärung an
den Kritiker von einem Unschuldigen stammt!
Natürlich kann Ihr Kritikerpapst nicht richtig Deutsch. Ihr Reich-Ranicki
sagt nicht "deutsch" sondern "doitsch", nicht Literatur, sondern
"Literatür", und er hat einen kapitalen Messiaskomplex: "Aber
in einer Hinsicht sei jeder, der sich im keritischen Dienst verzehre,
in der Nachfolge des Nazareners: der habe gelitten für die Sünden
der Menschheit, der Keritiker leidet unter den Sünden der Schschscheriftstellerrr."
Sie, lieber Martin Walser, wissen, was Sie hier tun. Und wer es
literarhistorisch nicht weiß, lese die Parodien des Juden Karl
Kraus auf den Juden Alfred Kerr.
Die "Herabsetzungslust", die "Verneinungskraft", das Repertoire
antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar, und wenn "André
Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch
Opfer des Holocaust", dann ist Ihr "darunter" besonders hervorhebenswert,
als wäre die große Mehrheit der europäischen Juden eben nicht
Opfer gewesen. Das sind so Kleinigkeiten, die mich stutzig machen
und hinter denen ich schließlich zu meiner eigenen Überraschung
Methode vermute.
Gut, Ihr Kritiker hat einen Sprachfehler, und er trainiert sogar
seine sprachliche Eigenheit. Und dann, weil Sie glauben, Sie seien
nun salviert, schreiben Sie diesen Satz, den man im Schriftbild
vor sich sehen muß, um die Verballhornung des Jiddischen heraushören
zu können: "Denken Sie nur an den Ehrl-König-Sound, wenn er über
doitsche Scheriftsteller spericht und über die Sperache, die sie
schereiben und wie scherecklich es ist, sein Leben geweiht zu
haben einer Literatür, die zu mehr als noinzig Perozent langeweilig
ist" und so weiter und so weiter.
Aber das alles ist nichts gegen den Clou
dieses Buches. Mord, Mordkommission, das alles spielt hier immer
mit der Erinnerung an den Massenmord der Nazis. Doch der Kritiker
ist nicht tot. Seine Frau, die kettenrauchend, kaum deutsch, sondern
französisch sprechend, unter ihm leidet, weiß es die ganze Zeit.
Warum? Sie sagt es, ein Champagnerglas in der Hand: "Umgebracht
zu werden paßt doch nicht zu André Ehrl-König."
Es ist dieser Satz, der mich vollends sprachlos macht. Er ist
Ihnen so wichtig, daß er zweimal in dem Roman vorkommt.
Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß Marcel Reich-Ranicki der
einzige Überlebende seiner Familie ist, halte ich den Satz, der
das Getötetwerden oder Überleben zu einer Charaktereigenschaft
macht, für ungeheuerlich.
Ich habe, lieber Herr Walser, in meiner
Laudatio in der Paulskirche eine Summe ihres Werkes und Wirkens
gezogen. Ebenso klar sage ich, daß ich fatal finde, was Sie jetzt
zu tun im Begriff sind. Als Adolf Hitler seine Kriegserklärung
gegen Polen formulierte, die Sie in Ihrem Roman so irrwitzig parodieren,
war dies auch eine Kriegserklärung an den damals in Polen lebenden
Marcel Reich und seine Familie.
Nicht viele europäische Juden haben diesen Satz von Adolf Hitler
überlebt. "Darunter", um Sie zu zitieren, noch weniger das Warschauer
Ghetto. Und noch mal viel, viel weniger haben den Aufstand im
Warschauer Ghetto überlebt. Und noch viel weniger konnten dann
in einem Kellerloch in Polen überdauern. Und von all denen, die
das überlebt haben, gibt es nur noch einen Bruchteil eines Bruchteils,
der heute noch lebt.
Zwei davon, lebend also wider jede Wahrscheinlichkeit, sind der
heute zweiundachtzigjährige Marcel Reich-Ranicki und seine Frau
Teofila.
Verstehen Sie, daß wir keinen Roman drucken werden, der damit
spielt, daß dieser Mord fiktiv nachgeholt wird? Verstehen Sie,
daß wir der hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude
sei unverletzlich, kein Forum bieten werden?
Ich muß diese Absage öffentlich machen. Sie haben bereits vorauseilend
die Vermutung geäußert, eine Absage wäre nur auf den undurchschaubaren
Einfluß Marcel Reich-Ranickis zurückzuführen. Doch die reale Hauptfigur
Ihres Romans weiß nichts von diesen Vorgängen. Es gibt keine Verschwörung.
Sie, lieber Herr Walser, haben oft genug
gesagt, Sie wollten sich befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre
Freiheit ist unsere Niederlage.
Mit bestem Gruß FRANK SCHIRRMACHER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2002,
Nr. 122 / Seite 49.
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Von der Leine gelassen
Vom primären zum sekundären Antisemitismus
Von Thomas Haury
Hat sich Jürgen Möllemann lediglich durch "engagierte Äußerungen
zum Nahostkonflikt" (Ulrike Flach, Stellvertreterin Möllemanns)
hervorgetan? Praktiziert er mit seinen Attacken auf Michel Friedman
den "Schulterschluss mit Antisemiten" (Paul Spiegel) oder hat
er sich gar "als Antisemit geoutet" (Charlotte Knobloch)? Fragen
über Fragen. Da kann es hilfreich sein, die veränderten Bedingungen,
Antriebe und Artikulationsformen, die den Antisemitismus der Gegenwart
auszeichnen, zu klären.
Im Kaiserreich bildete sich der Antisemitismus als umfassende
welterklärende Ideologie heraus. Die gesamte als bedrohlich empfundene
moderne Gesellschaft wurde als Produkt verderblichen jüdischen
Tuns fantasiert. "Die Juden" standen dem "deutschen Volk" als
absoluter Feind entgegen. Die Juden identifiziert mit Geld und
Handel, Banken und Börse. Angeblich kontrollierten sie weltweit
die Wirtschaft, Krisen und Ausbeutung wurden ihnen zur Last gelegt.
In der Wahrnehmung antisemitischer Stereotypen beeinflussen oder
bestimmen die Juden gar die Politik, sei es durch Infiltration
von Parlament und Verwaltung, durch Bestechung oder die Abhängigkeit
der Staaten von Krediten. Schon seit 1840 spielte die Behauptung
eine Rolle, "die Juden" beherrschten die Tagespresse. Als "unumschränkte
Gebieter der öffentlichen Meinung" würden sie sowohl das Volk
manipulieren als auch die Regierungen in ihrem Sinne lenken.
Antisemitismus nach Auschwitz
Vor 1945 galt der Antisemitismus als relativ reputable Weltanschauung,
zu der man sich offen bekennen konnte. Seit dem nationalsozialistischen
Mord an den europäischen Juden dagegen ist vor allem in den westlichen
Staaten offener Antisemitismus moralisch diskreditiert und aus
dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen. Als private Einstellung
allerdings existiert er trotzdem weiter. Umfragen in Deutschland
ergeben, dass rund fünfzehn Prozent der Bevölkerung stark antisemitisch
eingestellt sind. Antisemitismus nach Auschwitz ist jedoch weniger
ein geschlossenes Weltbild denn ein diffuses Ressentiment. Es
macht sich vor allem anlassbezogen bemerkbar, sei es in Form ausdeutbarer
Anspielungen oder als eindeutig antisemitische Entgleisung.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht der Antisemitismus
vor dem Problem, angesichts von Millionen ermordeter Juden den
Judenhass rechtfertigen zu müssen - auch vor sich selbst. Deshalb
werden die Juden als Täter gebraucht, nicht als Opfer. Seit der
Gründung des Staates Israel 1948 konnte der neue "jüdische Täter"
präsentiert werden . Zwar wird behauptet, man habe nichts gegen
Juden, sondern beanstande lediglich die israelische Politik. Doch
von der "normalen" Kritik an einem beliebigen Staat unterscheidet
sich die antisemitisch motivierte Israelfeindschaft durch zahlreiche
Merkmale.
Sie ist gekennzeichnet durch doppelte Beurteilungsstandards.
Die israelische Politik wird in glühendem Zorn gegeißelt; die
arabischen Monarchien und Diktaturen sowie die Palästinenser werden
hingegen wohlwollend beurteilt bis hin zur Billigung des Terrors
gegen Israel. Der "Judenstaat" wird zum "Juden unter den Staaten"
gemacht. Er gehe brutal wie kein anderer Staat vor, trage allein
die Schuld am Konflikt und gefährde mithin den Weltfrieden. Das
alte Motiv der jüdischen Weltverschwörung feiert seine Wiederkehr
.
In Deutschland kam nach 1945 noch ein zusätzliches Moment zum
Tragen. Denn hier ging durch die "deutsche Tat Auschwitz" verloren,
worauf jedes Bedürfnis nach "nationaler Identität" konstitutiv
angewiesen ist: die fraglose Gewissheit, einer "guten Nation"
anzugehören. Auschwitz bildet eine Schranke für jedes Bedürfnis
nach "nationaler Identität". Hieraus resultiert ein starker Wunsch
nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit, der nur allzu
leicht in einem Antisemitismus "nicht trotz, sondern wegen Auschwitz"
(Henryk M. Broder) mündet. Dieser "sekundäre Antisemitismus" macht
die Juden für den prekären Zustand einer "deutschen Identität"
verantwortlich und wird spätestens dann manifest und aggressiv,
wenn sich das Bedürfnis nach "Normalität" und "Schlussstrich"
durch Einspruch von jüdischer Seite bedroht sieht. Dies belegen
alle vergangenheitspolitischen Debatten der letzten Jahre.
Der Mechanismus ist immer gleich. Die Deutschen sind das unschuldige
Opfer, Juden die schuldigen Täter. Folgerichtig kann den Juden
wieder vorgeworfen werden, sie seien selbst schuld am Antisemitismus.
Nichts anderes trieb Martin Walser, als er 1998 gegen "die unaufhörliche
Präsentation unserer Schande" klagte und Ignatz Bubis aggressiv
anfuhr: "Dann müssen Sie sich nicht wundern, wenn die Leute sich
wehren."
Innerhalb dieser spezifisch deutschen Situation erbringt die
Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus einen zusätzlichen
ideologischen Mehrwert. Nicht nur werden die Juden zu schuldigen
Tätern erklärt, sondern gleichzeitig wird die störende deutsche
Vergangenheit entsorgt. Insbesondere die Neue Linke leistete auf
diesem Feld der Vergangenheitsbewältigung Pionierarbeit, wenn
sie zum Beispiel anlässlich des Libanon-Feldzuges 1982 vom "Holocaust"
an den Palästinensern und der "Endlösung der Palästinenserfrage"
sprach.
Jamal Karsli setzte mehrfach Israel dem NS gleich, schrieb von
"Nazimethoden" einer "rücksichtslosen Militärmacht" und einer
drohenden "Vernichtung der Palästinenser". Ebenfalls mehrfach
fantasierte er von einer mächtigen "zionistischen Lobby", die
"jede auch noch so bedeutende Persönlichkeit kleinkriegen" könne.
Zu Recht antisemitisch grundierter Israelkritik bezichtigt, sieht
sich Karsli jetzt selbst als Opfer einer weltweiten jüdischen
Verschwörung, die im Hintergrund die Fäden ziehe und ihre Gegner
vernichte. Sein Fall sei auf Betreiben des Zentralrats der Juden
von den Medien "innerhalb kürzester Zeit zu einer großen Kampagne
aufgebauscht worden", um an einem Israelkritiker "ein Exempel
zu statuieren".
Möllemann, langjähriger Präsident der Lobby-Vereinigung Deutsch-Arabische-Gesellschaft
(D-A-G), erhob bereits im Herbst letzten Jahres den Vorwurf, Israel
betreibe mit seiner Liquidierungsliste "Staatsterrorismus" und
Sharon würde "seine Soldateska im Westjordanland von der Leine
lassen". Er bekräftigte das Existenzrecht Israels, zeigte allerdings
erheblich mehr Verständnis und Sympathie für die palästinensische
Seite. Möllemann verlautbarte damals, dass in Deutschland "aus
einem Gefühl der Schuld heraus" sich kaum jemand getraue, die
Politik Israels zu kritisieren. "Die ganze Nation duckt bei diesem
Thema weg." Selbst Außenminister Fischer habe "Angst zu sagen,
was ist. Er macht eine liebdienerische Politik gegenüber Israel."
Wer jage den Deutschen so viel Angst ein? Michel Friedman. "Wer
sich mit ihm im Fernsehen anlegt, wird zum Antisemiten erklärt."
Möllemanns eindeutig vieldeutige Haltung gegenüber den palästinensischen
Selbstmordattentaten und seine militärischen Kampffantasien führten
zu heftigen Reaktionen keineswegs nur des Zentralrates der Juden.
Seinem verhinderten Parteifreund Karsli gegenüber legte Möllemann
eine mehr als nachsichtige Haltung an den Tag: Er wollte bei diesem
keinen Antisemitismus, sondern lediglich entschuldbare "missratene
Formulierungen" erkennen. Er bat deshalb Karsli, seine Wortwahl
zu überdenken, da "Begriffe wie zionistische Lobby in Deutschland
leicht antisemitisch missdeutet werden" könnten. Die Frage, wie
sich Möllemann eine richtige Deutung von "zionistischer Lobby"
vorstellt, hat er nicht beantwortet. Vielmehr konterte Möllemann
die Kritik an seiner Haltung umgehend mit Anwürfen an Michel Friedman.
Dabei bediente er sich des typischen antisemitischen Vorwurfs,
die Juden seien selbst schuld am Antisemitismus. Oder wie soll
zu verstehen sein, dass, so Möllemann, "kaum jemand den Antisemiten
mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland
ein Herr Friedman mit seiner untoleranten, gehässigen und überheblichen
Art"?
Tabus brechen
Auf den Sturm der Entrüstung und den vom Zentralrat der Juden
bis hin zu Otto Graf Lambsdorff erhobenen Vorwurf des Antisemitismus
reagierte Möllemann nach dem Motto: "Jetzt erst recht!" Er habe
nichts zurückzunehmen und werde trotz der "öffentlichen Hetzjagd"
weiterhin das aussprechen, was alle denken. Während "die Kluft
zwischen dem, was die politische Klasse sagt, und dem, was die
Menschen empfinden", immer größer werde, werde er, Möllemann,
von einer Woge der Zustimmung des "ganzen Volkes in ganz Deutschland"
umbrandet und erhalte Tausende von zustimmenden Briefen. Denn
er breche endlich das Tabu und lasse sich in seiner Israelkritik
nicht länger vom Zentralrat der Juden bevormunden.
Der Verlauf der Auseinandersetzung ist aufschlussreich. Sie begann
zwar mit Möllemanns heftiger Israelkritik. Aber richtig in Fahrt
kam dieser erst durch die Kritik des Zentralrats. Virtuos spielt
Möllemann seitdem auf der Klaviatur des antisemitisch-nationalistischen
Ressentiments. Die Medienmacht der Juden, personifiziert in Michel
Friedman und dem von ihr wachgehaltenen "Gefühl der Schuld", sei
so groß, dass niemand in Deutschland, nicht einmal der Außenminister,
sagen könne, was er eigentlich denke. Sich selbst präsentiert
Möllemann als von Juden verfolgte Unschuld, die sich durch die
ungerechtfertigten Antisemitismusvorwürfe nicht davon abhalten
lasse, der Stimme des Volkes Ausdruck zu verleihen. Solche Populismen
tendieren eindeutig zu einem sekundären, spezifisch deutschen
Antisemitismus.
Solche Äußerungen haben in Möllemanns Umfeld Tradition. Liest
man im Internet den Newsletter der D-A-G, traut man kaum seinen
Augen. Dessen Herausgeber, Ministerialrat Harald M. Bock, Generalsekretär
der von Möllemann präsidierten Vereinigung, ergeht sich hier Monat
für Monat in antisemitischen Ausfällen. In Deutschland sieht Bock
eine "wie auf Fernsteuerung sich empörende Presse" eine "Hexenverfolgung"
gegen alle Israelkritiker veranstalten, in Berlin säßen lediglich
"gewählte Politclaqueure", "geistige Lakaien", die ständig "Ergebenheitsadressen
nach . . . Tel Aviv senden".
Beim Thema Israel angelangt, bricht es dann erst richtig aus
Bock heraus. "Scharon und seine Totschlägerregierung" führten
nichts anderes als einen "Vernichtungskrieg gegen das palästinensische
Volk". Die israelische "Vernichtungs- und Tötungsmaschinerie"
habe das "Lager Dschenin förmlich ausradiert" und ziele auf eine
"ethnische Säuberung", um die Westbank "palästinenserfrei" zu
machen. Bocks Urteil hält in seiner Offenheit nicht hinter dem
Berg: "Israel hat jeden Kredit verspielt." Was das heißt? "Israel
wird auf diesem Wege vollends seiner physischen Rechtfertigung
verlustig gehen." Je genauer man hinschaut, desto antisemitischer
schaut es zurück.
Im September erscheint Thomas Haurys Buch "Antisemitismus von
links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antisemitismus
in der frühen DDR" im Verlag Hamburger Edition.
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| Frankfurter Rundschau 30. 05. 2002
18 - aha
Die Fälle Jürgen W. Möllemann und
Martin Walser: Die Elite und der Mob
Von Jan Philipp Reemtsma
Frank Schirrmacher hat erklärt, warum die FAZ den neuen Roman
von Martin Walser nicht vorabdruckt (s. FR von gestern). Diese
Entscheidung dürfte richtig sein und gut ist, dass der damalige
Friedenspreis-Laudator sie begründet. Walser phantasiere, so hören
wir, in seinem Roman die vermeintliche Ermordung eines alter ego
von Marcel Reich-Ranicki namens André Ehrl-König. Schirrmacher
sagt, was angesichts des dem deutschen Mordregime wider alle Wahrscheinlichkeit
entronnenen Reich-Ranicki über so eine veröffentlichte Phantasie
zu sagen ist. Ich fasse es kurz: es ist eine literarische Barbarei.
Schirrmacher zitiert aus den Druckfahnen des Romans außerdem folgenden
Satz: "Umgebracht zu werden passt doch nicht zu André Ehrl-König",
und interpretiert ihn als Anspielung auf den unsterblichen ewigen
Juden. Er hätte noch mehr sagen können. Walser jongliert nämlich
mit einem der schlimmsten Sätze des von Reich-Ranicki verehrten,
von Walser oft geschmähten Thomas Mann, den er anlässlich der
Ermordung Theodor Lessings durch ein Nazi-Mordkommando geschrieben
hat: ein solcher Tod passe zu ihm.
Wir werden jetzt wieder über Walser sprechen, dessen Rede in
der Paulskirche für Ignatz Bubis der Anlass war, zu sagen, er
habe nichts erreicht. Vielleicht wird der Skandal um Walser dazu
führen, dass wir aufhören, über Jürgen Möllemann zu reden, von
dem Paul Spiegel sagt, die Juden in Deutschland seien nach 1945
noch nie so beleidigt worden wie durch ihn. Aber eins verbindet
Möllemann und Walser; beide haben sich zur Rechtfertigung ihrer
öffentlichen Auslassungen auf den bloßen Umstand berufen, Applaus
erhalten zu haben. Viel Applaus. Beide haben auf jenen Faktor
gesetzt, in dem Hannah Arendt eines der Erfolgsmomente des Nationalsozialismus
gesehen hat, das Bündnis von Elite und Mob. Das Projekt 18, das
Möllemann der FDP aufgeschwatzt hat, soll wohl jugendlichen Überschwang
an der Mündigkeitsgrenze signalisieren und zu dieser Jugendlichkeit
gehört auch, dass Möllemann im Neuen Deutschland eine Kolumne
mit dem Titel "Die neue Zeit" schreibt, die den europaweiten Rechtspopulismus
als Emanzipation der Demokraten hochleben lässt und dafür prompt
Beifall von Jörg Haider erhält.
Was sind die Schlagworte des Populisten Möllemann? Zum Beispiel,
dass man in Deutschland die Politik Scharons nicht kritisieren
dürfe. Dafür erhalte er Beifall. Das ist ziemlich verrückt: die
Politik Scharons wird mehrheitlich kritisiert. Möllemann hat gesagt:
"Herr Friedman muss akzeptieren, dass Kritik an der israelischen
Regierung erlaubt ist." Die Unterstellung, Friedman habe jemals
etwas anderes gesagt, ist bodenlos. Es gibt einen überparteilichen
Konsens: die Existenzberechtigung Israels anzuerkennen. Dieser
wird auch von Möllemann nicht in Frage gestellt. Er sagt nur,
dass er, wenn Deutschland angegriffen würde, kämpfen würde, auch
im angreifenden Land. Das war im Kontext der Selbstverteidigung
Israels gegen Terrorangriffe im eigenen Land eine eindeutige Rechtfertigung
des palästinensischen Terrorismus, aber wörtlich hat er das natürlich
nicht gesagt.
Möllemann hat allerdings gesagt, dass Michel Friedman den Antisemitismus
schüre. Diese Aussage hat er inzwischen als unbedacht bezeichnet:
"Ich war zornig und bin aus der Haut gefahren", denn es sei "nicht
fair" gewesen, ihn "einen Antisemiten zu nennen." Wenn man jemanden
einen Antisemiten nennt, dann muss man wohl darauf gefasst sein,
dass der so Genannte zur Widerlegung des Vorwurfs prompt den klassischen
antisemitischen Topos äußert: die Juden seien schuld am Antisemitismus.
Irgendwas muss an denen doch faul sein, dass wir sie seit Jahrhunderten
verfolgen. Aber Antisemitismus, so Möllemann, sei mit "seinem
liberalen Menschenbild unvereinbar". Antisemitismus hätte auch
mit einem christlichen, mit einem sozialistischen, mit einem aufklärerischen
Welt- oder Menschenbild unvereinbar sein sollen und ist es nicht
gewesen. Was ist das, Bauernfängerei oder Ignoranz, oder das Bündnis
von Elite und Mob im eigenen Kopf?
Es gibt Antisemiten, deren Denken und Handeln vom Antisemitismus
beherrscht wird, der Typus Streicher oder Hitler. Die sind gut
zu erkennen und niemand würde wohl Möllemann dieser Gruppe zurechnen.
Wir leben aber in Europa und hier gehört nun einmal der Antisemitismus
zu den traditionsreichsten Glaubensrichtungen, und auch dort,
wo man sich nicht mehr zu ihm bekennt, ist er im allgemeinen Gefühlshaushalt
überall latent präsent. Es kann vielen passieren, dass ihnen bei
einem Klischee oder einem Argument plötzlich wohl wird, bloß weil
es so vertraut klingt. So wie Norbert Blüm, der von einem israelischen
"Vernichtungskrieg" spricht, um das Wort endlich einmal nicht
nur auf den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion und die Ermordung
der Juden durch SS und Wehrmacht anwenden zu müssen, sondern um
es auf den Krieg der Söhne und Enkel der Opfer beziehen zu dürfen.
Es ist unrealistisch, zu hoffen, irgendeine europäische Nation
- und speziell die deutsche oder österreichische - könne 50, 60,
70 und mehr Jahre nach dem Holocaust von solchen Affekten frei
sein. Es ist eben aus diesem Grunde unerlässlich, zu verlangen,
dass solche Affekte erkannt und benannt werden. Es ist intellektuell
unreif und politisch verantwortungslos, im Namen eines Generationswechsels,
einer neuen Zeit oder einer allfälligen Historisierung oder Normalisierung
eine diesbezügliche Aufmerksamkeit als "Alarmismus" zu denunzieren.
Jürgen Möllemann richtet seine Strategie politischer Meinungsäußerungen
augenscheinlich an den Anforderungen aus, die an ihn als Lobbyisten
gestellt werden. Möllemann ist ein Populist und weiß, dass man
den Leuten einreden kann, man führe sie an, obwohl man bloß hinter
ihnen herrennt - und dass man sich auf diese Weise an die Spitze
einer so geschaffenen Bewegung setzen kann. "Emanzipation der
Demokraten" eben. Möllemann scheint aber auch gewissen Affektstürmen
ausgeliefert zu sein, wie er hartnäckig demonstriert. Daher stammt
das lustige Wort seiner Parteifreunde vom "Quartals-irren". Noch
streiten die Statistiken darüber, wie erfolgreich der Populismus
von Möllemann ist. Dass, wie ein seit Neuestem umlaufender Witz
behauptet, das Projekt 18 darum so heiße, weil die Neonazis gerne
einen Buchstaben-Zahlen-Code verwendeten, also einen Treff darum
Club 88 nennen, weil H der achte Buchstabe des Alphabets ist und
88 Heil Hitler bedeuten soll, ist nicht mal als Witz besonders
gut. Dass ihn möglicherweise irgendein Vollzeitirrer aus der Neonazi-Szene
ernstnimmt und darum FDP wählt, hat Möllemann durch sein Gerede
möglich gemacht.
Es geht darum, Grenzen zu ziehen. Schirrmacher hat dies getan.
Politikerinnen und Politiker der FDP haben das bisher nur angekündigt.
Der Autor ist Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung.
Frankfurter Rundschau 2002
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