| 05. Juni 2002
Die sächsischen Grünen
fordern: "Laden Sie Herrn Möllemann aus!"
Es gibt noch Zeichen und Wunder: Selbst
in der sächsischen Provinz gibt es Oppositiönchen zu
den antisemitischen Äußerungen von FDP-Politikern...
Der Anlass: Die FDP lud Möllemann als Stargast zur Liberalen Elbsommernacht
am 14. Juni 2002 in Dresden ein. Ein klarer Fall für die
Opposition.
Die begrüssenswerte Forderung (Ausladung
Möllemanns) der sächsischen Grünen ist leider ärgerlich
begründet. Der Landessprecher der Grünen meinte: "Niemand
hat Herrn Möllemann vorgeworfen, dass er die israelische Politik
kritisiert. Kritik an der Regierung Scharon und ihrem Vorgehen
in den besetzten palästinensischen Gebieten ist notwendig und
alles andere als ein Tabubruch. Inakzeptabel ist hingegen, dass
Herr Möllemann in der Art seiner Kritik nach dem Prinzip "die
Juden sind selber schuld" übelste antisemitische Ressentiments
bedient. "
Dazu folgendes Zitat vom Berliner Bündnis gegen IG Farben
bei einer Kundgebung gegen die FDP: "Möllemann artikuliert
seinen Hass nicht mehr nur in der scheinbaren "Kritik" an Israel,
sondern überzieht ressentimentbewusst seine Angriffe, so dass
selbst seine vorgeblichen Kritiker nur noch gebetsmühlenhaft wiederholen
können: Ja, man dürfe Israel kritisieren, selbstverständlich sei
dies nicht antisemitisch etc."
Nun darf man das Ganze ausserdem ruhig im gesellschaftlichen Zusammenhang
betrachten, schließlich haben wir inzwischen mit Walsers
angeblichen Tabu-Brüchen die zweite (und grössere) Debatte
zu Antisemitismus, bzw. antisemitische Debatte in Deutschland.
Das Simon-Wiesenthal-Zentrum stellte vor einigen Wochen im Rahmen
seines Jahresberichtes fest, dass sich in Europa derzeit die schlimmste
Welle des Antisemitismus seit 1945 bahnbricht.
Zu bemerken haben die Grünen in ihrer
Pressemitteilung stattdessen folgendes: "Die FDP Sachsen
hat in einer bundesweiten Premiere mit der NPD auf kommunaler
Ebene in Sebnitz eine Fraktion gebildet." - Was allerdings
für Sebnitzer Verhältnisse glatt unerheblich ist, aber
netter Zusammenhang.
Also liebe Grünen: immer schön
kommunalpolitisch bleiben, den Weichspülgang benutzen und
bloss keine überregionalen Zeitungen lesen!
up Der
Spiegel vom 27. Mai 2002
Ein moderner Antisemit
Von Henryk M. Broder
Es kann sein, dass Möllemann ein taktischer
Antisemit ist. Oder ein emotionaler. Einer, der mit dem Bauch
denkt und mit dem Kopf fühlt. Oder nur ein Opportunist. Ein Antisemit
ist er auf jeden Fall.
Der Streit um den Ex-Grünen Jamal Karsli,
der sich zu einem Schlagabtausch zwischen FDP-Vize Jürgen Möllemann
und dem jüdischen Zentralratsmitglied Michel Friedman auswuchs,
führte auch unter SPIEGEL-Autoren zu Kontroversen.
Henryk M. Broder in Berlin seziert die antisemitischen Tendenzen,
wie er sie in den Äußerungen des Liberalen findet. Ein Antisemit
hat nichts gegen die Juden, sie haben etwas gegen ihn, und deswegen
muss er sich gegen sie zur Wehr setzen. Er ist das Opfer, der
Jude ist der Täter. Der Antisemitismus war, von seinem Selbstverständnis
her, immer eine Notwehrbewegung gegen die Anmaßung und die Herrschaftsgelüste
der Juden. Hätten sich die Juden nicht vorgenommen, die Welt zu
erobern, hätten die Nazis den Kampf gegen sie nicht aufnehmen
müssen, zum Wohle der ganzen Welt, wenn auch vergeblich.
Deswegen hat der Antisemit auch immer ein gutes Gewissen. Mit
den Folgen seiner Untaten konfrontiert, schämt er sich nicht,
er fühlt sich durch das Ergebnis nachträglich bestätigt, denn
die Juden, wie minderwertig sie sein mögen, haben sich mal wieder
als unbesiegbar erwiesen.
Die Juden ihrerseits, die nicht so klug
sind, wie ihnen immer nachgesagt wird, verstehen den Antisemitismus
nicht. Sie glauben, nach Auschwitz hätte dem Hass die Luft ausgehen
müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein idealistisches Verbrechen,
das nicht zu Ende gebracht wurde, schreit nach Fortsetzung, denn
jeder Überlebende erinnert die Täter daran, dass sie nicht nur
Verbrecher, sondern auch Versager sind.
Wie jede Mode, jede private und öffentliche
Regung der Moral, jedes Ressentiment geht auch der Antisemitismus
mit der Zeit. Es gibt reaktionäre Antisemiten ("Den Holocaust
hat es nicht gegeben!") und moderne Antisemiten ("Die Juden ziehen
aus dem Holocaust ihren Nutzen!"), und wer ganz cool und up to
date sein möchte, der verurteilt zuerst "die Verbrechen der Nazis",
distanziert sich vom "Rassismus jeder Art", um anschließend zu
fragen, warum denn die Juden beziehungsweise die Israelis aus
der Geschichte nichts gelernt hätten.
Der aufgeklärte Antisemit hat ein großes Anliegen an die Juden:
dass sie endlich aufhören, sich danebenzubenehmen. Sonst muss
er nämlich böse werden.
Möllemann ist der Prototyp des modernen
Antisemiten. Man muss ihn nur beim eigenen Wort nehmen. In einem
Interview mit der "taz" sagte er unter anderem: "Was würde man
denn selbst tun, wenn Deutschland besetzt würde? Ich würde mich
auch wehren, und zwar mit Gewalt. Ich bin Fallschirmjägeroffizier
der Reserve. Es wäre dann meine Aufgabe, mich zu wehren. Und ich
würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land
des Aggressors."
Möllemanns Selbstverteidigungsphantasien hatten nichts mit einer
Besetzung Deutschlands zu tun, nicht einmal mit einer Reserveübung
der Bundeswehr im südlichen Westfalen. Auf eine für ihn charakteristische,
agile bis debile Weise, drückte er sein Verständnis für die Aktionen
palästinensischer Selbstmordattentäter in Israel aus.
Denn ebenso wie deutsche Antisemiten handeln auch palästinensische
Terroristen immer in Notwehr, egal wie viele Unbeteiligte sie
in den Tod mitnehmen. Es trifft keine Unschuldigen, denn unschuldige
Juden beziehungsweise Israelis kann es nicht geben.
In einem Interview mit dem ZDF sagte Möllemann
bald darauf: "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die
es in Deutschland leider gibt und die wir bekämpfen müssen, mehr
Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein
Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art."
Das klassische Klischee: der Jude als Verursacher des Antisemitismus.
Nehmen wir an, Möllemann hätte Recht und Friedman wäre intolerant
und gehässig und noch einiges dazu. Und? Reicht das, um die Wahnidee
des Antisemitismus faktisch abzusichern? Darf ein Jude nicht intolerant
und gehässig sein, ohne dass alle Übrigen dafür abgemahnt werden?
Die Haltung hat Tradition.
Wo immer zu Ostern ein Ritualmord nicht begangen wurde, mussten
alle Juden dafür büßen.
Würde umgekehrt Möllemanns aufgeblähtes, dumpfes, schmierantenhaftes
Auftreten als Begründung für aufkommenden Antigermanismus reichen?
Nicht einmal ansatzweise. Aber wenn es um Juden geht, bestehen
die Antisemiten auf einer Kollektivhaftung.
Möllemanns schönster Satz freilich, mit
dem er sich einen ewigen Platz in der Hall of Fame des Antisemitismus
gesichert hat, ist kaum bemerkt worden. In einem Interview mit
Ulrich Wickert in den "Tagesthemen" sagte er, der Ex-Grünen-Politiker
Jamal Karsli könne kein Antisemit sein, er sei doch "selbst ein
Semit".
Dabei machte Möllemann ein Gesicht, als wären die Nürnberger Gesetze
in seinem Wahlkreis noch immer nicht aufgehoben worden.
Abgesehen davon, dass Möllemann unbelesen und ungebildet ist und
sowohl vom "jüdischen Selbsthass" (Theodor Lessing) wie vom Judenhass
mancher Araber (Osama Bin Laden) keine Ahnung hat, es ist schon
lange nicht mehr der Begriff des "Semiten" in die politische Debatte
eingeführt worden.
Wer so viel rassistische Unbefangenheit an den Tag legt, der schleppt
ein Problem mit sich herum: seine eigene ungelöste Arier-Frage.
Die Juden, die mal wieder nicht verstehen,
wie ihnen geschieht und wieso ein jüdischer Dandy, dem man allenfalls
seinen Friseur und seinen Maßschneider vorwerfen könnte, zum antisemitischen
Fixpunkt eines Großmauls aus der rheinisch-westfälischen Etappe
werden konnte, werden sich den Namen Möllemann eine Weile merken.
Dann werden sie wieder zur Tagesordnung übergehen, die bewaffneten
Posten vor den jüdischen Schulen und Gemeindezentren für etwas
Selbstverständliches halten und sich mit einem alten Witz trösten,
dessen Aktualität wieder einmal bewiesen wurde: "Antisemitismus
ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich
natürlich ist."
up
100-facher
Einspruch gegen Möllemann
Journalisten mischen sich
in die Debatte ein
Mehr als 100 renommierte Journalisten und
Medienschaffende haben bis zum Montag (3. Juni 2002) eine Erklärung
unterzeichnet, die den Titel "Einspruch!" trägt.
Sie bekunden darin ihre Solidarität mit Michel Friedman. "Jürgen
W. Möllemann hat unseren Kollegen Michel Friedman rassistisch
angegriffen und verletzt. Dagegen verwahren wir uns", heißt es
darin. Ausdrücklich betonen die Unterzeichner das Recht auf Kritik,
sowohl an der Person Friedmans, wie an der Politik des Staates
Israel als eine demokratische Selbstverständlichkeit.
Diese Kritik dürfe sich jedoch nicht auf die Religion beziehen:
"Wer das eine mit dem anderen verquickt, argumentiert rassistisch
und legitimiert Antisemitismus."
Zu den Erstunterzeichnern gehören unter anderen der Intendant
des ORB, Hansjürgen Rosenbauer, der ARD-Chefredakteur Hartmann
von der Tann, die Chefredakteure des BR, HR, SFB, ORB, SWR, SR,
Sigmund Gottlieb, Manfred Krupp, Petra Lidschreiber, Johannes
Unger, Michael Zeiß, Elke Herrmann, der Leiter des ARD-Hauptstudios
Thomas Roth und der Börsenmoderator Frank Lehmann.
Zeitungsjournalisten wie Henryk M. Broder, Josef Joffe, Hellmuth
Karasek und Jochen Siemens gehören ebenso dazu, wie die Schriftstellerin
Eva Demski, die Verleger Wolfgang Ferchl und Edmund Jacoby, die
Schauspielerin Hannelore Hoger, der Kabarettist Christian Springer,
die Publizistin Gisela Marx und die Filmemacher Rosa von Praunheim
und Andres Veiel.
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