Presseartikel
(Auswahl):
21. 08. 2007, Spiegel Online
ANTIFA-DEMO
NACH HETZJAGD
Schwarzer Block schreckt
Mügeln auf
Von Philipp Wittrock, Mügeln
Sie kamen wie aus dem Nichts und waren genauso
schnell wieder verschwunden: Rund 200 Antifaschisten aus ganz
Sachsen haben nach der Hetzjagd auf Ausländer in Mügeln
spontan gegen Rassismus demonstriert. Der Protest legte tiefe
Gräben in der Bevölkerung der Kleinstadt offen.
Mügeln - Die alte Frau am Fenster weiß nicht so recht
wie ihr geschieht: Dort, wo sonst alle paar Minuten einmal ein
Auto vorbeizuckelt, vielleicht ein Nachbar vorbeikommt und zum
Plausch kurz Halt macht, ziehen scharenweise dunkel gewandete
Jugendliche vorbei. Sie tragen schwarze Sonnebrillen und brüllen
ihr aus voller Kehle "Schämt Euch!" ins Hochparterre.
Die Seniorin schreckt zurück, greift sich ihr Kissen, schließt
das Fenster, zieht die Gardine zu. Ungläubig blickt sie noch
einmal hinter dem Spitzenvorhang hervor, dann lässt sie den
Rollladen herunter.
Die Linken sind da. Rund 200 Antifaschisten
aus ganz Sachsen suchen am frühen Dienstagabend die Kleinstadt
Mügeln im Landkreis Torgau-Oschatz heim. Die Sammelanreise
in privaten Pkw bis zu einem Supermarktparkplatz am Ortsrand haben
sie bestens organisiert, und so stehen sie sie um kurz nach halb
sieben wie aus dem Nichts in der Nähe des Marktplatzes.
Dort hatten am Wochenende während des
Stadtfestes Dutzende Deutsche acht Inder gehetzt und geprügelt,
bis diese in einer Pizzeria Zuflucht fanden. Insgesamt 14 Menschen
waren bei den Ausschreitungen verletzt worden. Zeugen berichteten
von ausländerfeindlichen Parolen der Angreifer.
Die linken Demonstranten geben in der dörflichen
Idylle ein bizarres Bild ab. Viele von ihnen kommen im Dresscode
des schwarzen Blocks der Autonomen, schirmen den Protestzug an
den Seiten mit langen Transparenten ab. Großstadt-Gebaren
in einer 5000-Seelen-Gemeinde.
Polizei lässt Spontandemonstranten
gewähren
Die Spontandemo ist bei den Behörden
nicht angemeldet. Weil das Treffen jedoch nicht allzu konspirativ
vorbereitet wird, bekommt auch die Polizei Wind von den Plänen.
Mit mehreren Mannschaftswagen ist sie vor Ort, die Teilnehmerzahl
überrascht die Sicherheitskräfte aber offenbar dennoch.
Noch kurz vor Ende des Protests treffen zusätzliche Kräfte
aus Dresden und Leipzig ein.
Die Uniformierten lassen die Demonstranten jedoch gewähren
und zu großen Teilen unbegleitet durch die engen Straßen
des Ortes ziehen, vorbei an der Pizzeria Picobello, wo sich die
Inder verschanzt hatten. Ein Verkehrschaos ist in Mügeln
nicht zu befürchten, zudem bleibt alles friedlich, "Nazis
raus" und "Nie wieder Mügeln" schallt es durch
die Gassen. Am Brunnen auf dem Marktplatz beobachtet ein Kurzgeschorener
provokativ grinsend das Demotreiben. Seine Freundin schiebt ihn
weg, als die Linken ihn als "Nazi" beschimpfen und ihm
drohen.
Am Rande des Demonstrationszuges offenbaren
sich tiefe Gräben, die der Vorfall vom Wochenende in der
Bevölkerung Mügelns gerissen hat. Während einige
Einheimische sich in den Protestzug einreihen, Beifall klatschen
oder bereitwillig Münzen oder Scheine in die Spendendose
stecken, die für die Opfer des Übergriffs in der Menge
herumgereicht wird, schütteln etliche Schaulustige mit dem
Kopf.
"Du hängst doch genauso mit
drin!"
Die einen empfinden den Anblick der dunkel
gekleideten und sonnenbebrillten Jugendlichen mit den schwarzen
oder roten Fahnen schlicht als bedrohlich. Vor allem die Älteren
machen es der alten Frau gleich und ziehen sich lieber in ihre
Wohnung zurück. Die anderen haben eine ganz klare Meinung
von den Protestierern: "Was will dieses Pack hier?",
pöbelt ein Mittvierziger am Straßenrand, "Gesocks",
schimpft eine Frau in den Fünfzigern.
Ein offensichtlich angetrunkener Mann im
grünen Arbeitsoverall hebt den Arm kurz grinsend zum Hitler-Gruß.
Von den Demonstranten bekommt es niemand mit. "Was wissen
die denn schon, die waren doch gar nicht dabei", ereifert
sich der Mann neben ihm - auch ihn hüllt eine Alkoholfahne
ein.
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk
wieder vorbei. Der Protestzug endet friedlich am Parkplatz, wo
die Fahrzeuge der meist Jugendlichen stehen. Rund um den Marktplatz
ist eigentlich wieder Ruhe eingekehrt, als sich ein Mann im blau-roten
Jogginganzug und eine Frau - offensichtlich Einheimische - quer
über die Straße anschreien. "Halt Dein Maul",
brüllt die Frau. Er schreit zurück: "Du hängst
doch genauso mit drin!" Sie: "Du Nazi-Schwein!"
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21. August 2007 - Freie
Presse, Freiberger Zeitung
(Kommentar webgroup: Beispiel für
die Berichterstattung einiger regionaler Medien. Noch 2 Tage nach
dem Übergriff wird der rassistische Hintergrund in Zweifel
gezogen und der Übergriff - hier als "Streit" -
verharmlost.)
Streit zwischen Indern und Deutschen:
Auslöser noch unklar
Widersprüchliche Bewertungen des Vorfalls - Vernehmungen
erst am Anfang - Rechter Hintergrund weder bestätigt noch
ausgeschlossen
Von Eva Prase
Mügeln. Widersprüchliche Angaben und Bewertungen gab
es gestern zu der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Indern,
die sich am Wochenende beim Stadtfest in Mügeln ereignet
hat. "Wir wissen bislang nur, dass es bei einer Tanzveranstaltung
gegen 0.30 Uhr zu Rangeleien zwischen Deutschen und Indern gekommen
ist. Wer diese ausgelöst hat, müssen die Ermittlungen
ergeben. Damit sind wir erst am Anfang", sagte Polizeisprecher
Reinhard Böttcher. In Folge der Tätlichkeiten flüchteten
die Inder in die nahe Pizzeria "Piccolo". Etwa 50 Deutsche
und viele Schaulustige folgten ihnen. "Von einer Hetz-Jagd
durch die Stadt kann aber nicht die Rede sein", widersprach
Böttcher anderslautenden Meldungen. Pizzeria und Festzelt
lägen dicht beieinander. Beim Versuch, in die Pizzeria einzudringen,
wurden Türen eingetreten. Durch Einschreiten von 70 Polizisten
wurde die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt. Gegenwärtig
würden Ermittlungen in alle Richtungen geführt. Ein
ausländerfeindlicher Hintergrund könne weder ausgeschlossen
noch bestätigt werden. Gestern verschaffte sich auch Ministerpräsident
Georg Milbradt (CDU) einen Überblick über die Vorfälle.
Meldungen, wonach der Mügelner Bürgermeister die Polizei
bereits im Vorfeld von möglichen Ausschreitungen informiert
haben soll, dementierte dieser. "Ich habe lediglich die Veranstaltung
angemeldet", sagte Gotthard Deuse.
Unabhängig davon, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen
erst am Anfang steht, ist für Kerstin Köditz, Sprecherin
für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Landtag,
die Sache klar. "Wenn rund 50 junge Deutsche acht Nicht-Deutsche
durch den Ort jagen, stellt dies eine erschreckende neue Qualität
dar", heißt es in einer Mitteilung von ihr. Sie wolle
sich vor Ort umgehend informieren und sich dafür einsetzen,
dass die Opfer jegliche Hilfe bekommen. Daneben werde sie diesen
"massiven Übergriff" im Innenausschuss des Landtags
thematisieren.
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20.09.2007, Tagesspiegel
"Bei uns gibt es keine Rechtsextremen"
Im sächsischen Mügeln jagt ein Mob nach einem Fest acht
Inder und verprügelt sie. Erst ein Großaufgebot der
Polizei kann Schlimmeres verhindern. Die Bürger der Kleinstadt
schauen der Hetzjagd zu. Doch in Mügeln wiegelt man ab und
will von Rechtsradikalen nichts gewusst haben.
MÜGELN -
Acht Inder flüchten vor einer Horde von etwa 50 zumeist jungen
Deutschen quer über den Marktplatz. Ein Landsmann öffnet
ihnen seine Pizzeria. Gemeinsam verbarrikadieren sich die Ausländer
in dem Lokal. Die Angreiferhorde zertritt Türen und demoliert
das Auto des Lokalbesitzers los. Gespenstische Szenen, die die
sächsische Gemeinde Mügeln mit einem Schlag bundesweit,
vielleicht sogar international bekannt gemacht haben.
In der Nacht zum Sonntag hatte das Altstadtfest
der rund 5000- Einwohner-Gemeinde eine dramatische Wende genommen,
an dessen Ende die Hetzjagd mit acht verletzten Indern stand.
Zeugen berichten von Nazi-Parolen und Schaulustigen, die das Geschehen
tatenlos verfolgten. Erinnerungen an die Magdeburger Himmelfahrtskrawalle
im Mai 1994 werden wach. Oder an die Ausländerhatz in Rostock-
Lichtenhagen vor 15 Jahren. Am Tag danach herrscht reflexhafte
Abwehrstimmung in Mügeln. Die Bewohner des gut 50 Kilometer
von Leipzig entfernten Orts weichen den angereisten Journalisten
aus. Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) bemüht sich
um Schadensbegrenzung: "Bei uns gibt es keine rechtsextreme
Szene." Wenn der Angriff einen fremdenfeindlichen Hintergrund
habe, müssten die Täter aus Nachbarorten kommen, wehrt
er ab.
Die Polizei brauchte mehr als 20 Stunden,
um über die Tat zu berichten
Opfer Singh Gorvinda (26) berichtet, dass
er bislang nie Probleme in Mügeln hatte. Auch sein Bekannter
Kulvir Singh, der seit April in dem Ort lebt, hatte noch keine
Anfeindungen erlebt. Nun sind sie gezeichnet von dem Überfall,
haben Schnittwunden, die Gesichter sind von Blutergüssen
geschwollen. Es gibt Aussagen, wonach im Vorfeld bekannt war,
dass Rechtsextreme zum Fest anreisen wollten. Auch Deuses erste
Einschätzungen lassen sich so verstehen. In der "Leipziger
Volkszeitung" wird er damit zitiert, dass es entsprechende
Hinweise vom Mügelner Jugendclub gegeben habe. Diese Information
habe er an die Polizei weitergegeben. In diesem Punkt wiegelt
Deuse ab. Kein Wort auch zu dem rechtslastigen Musikversand im
Ort oder zu Rechten-Konzerten in der Region.
Die Polizei betont, dass die Ermittlungen
in alle Richtungen gehen. "Das Ganze hat an Eigendynamik
gewonnen", sagt eine Sprecherin. Sie könne nicht bestätigen,
dass Schaulustige tatenlos zugesehen hätten, ausländerfeindliche
Rufe habe es aber gegeben: "Ein fremdenfeindliches Motiv
wird nicht ausgeschlossen." Mehr als 20 Stunden hatte die
Polizei am Sonntag gebraucht, um offiziell über die Ereignisse
zu berichten. Trotz massiven Drucks der Medien kamen die Informationen
zunächst nur spärlich. Zeugen zufolge hat es auch in
der Tatnacht etwa eine Stunde gedauert, bis rund 70 Beamte aus
Oschatz, Döbeln, Leipzig und Leisnig herbeigezogen waren.
Opfervereine kritisieren sächsische
"Strategie des Verschweigens"
Vorgänge, die an Geschehnisse im benachbarten
Sachsen-Anhalt erinnern. Mehrfach gab es dort Pannen und Fehler
bei Einsätzen der Polizei gegen Rechtsradikale: Im Juni unterschätzen
Beamte die Lage bei einem Überfall von Rechten auf eine Theatergruppe
in Halberstadt, vor wenigen Wochen war es bei einem Überfall
auf eine vietnamesische Familie in Burg ähnlich. Auch in
Sachsen kommt es immer wieder zu Überfällen, die der
rechten Szene zugeordnet werden. So wurden bei einem Angriff auf
ein Döbelner Café im Februar zwei Menschen verletzt.
15 bis 20 Unbekannte waren in das Gebäude eines Vereins eingedrungen,
der sich gegen Diskriminierung und Gewalt im Landkreis einsetzt.
Geschehnisse, die der Dresdner Verein BürgerCourage kritisch
beobachtet. Er hat die "Strategie des Verschweigens"
von rechtsextremen Tendenzen in Sachsen kritisiert. Die Landesregierung
müsse die Gefahren durch Rechtsextremismus klarer als bisher
benennen, fordert der Verein.
(mit dpa)
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19. 08. 2007, Leipziger
Volkszeitung (LVZ)
Auseinandersetzung zwischen Deutschen
und Indern bei Stadtfest in Mügeln
Mügeln/Leipzig. Während eines Stadtfestes in Mügeln
(Landkreis Torgau-Oschatz) ist es in der Nacht zum Sonntag zu
einer Auseinandersetzung zwischen etwa 50 Deutschen und acht Menschen
indischer Nationalität gekommen, meldet die Leipziger Volkszeitung
(Montagausgabe). 69 Polizeibeamte waren im Einsatz, 14 Personen
wurden verletzt – zwei Beamte der Bereitschaftspolizei,
acht Inder und vier Deutsche. Das erklärte Landespolizeipräsident
Bernd Merbitz gegenüber der Leipziger Volkszeitung.
Es werde nun in alle Richtungen ermittelt
– "auch dahingehend, ob eine fremdenfeindliche Straftat
vorliegt". Die Polizeidirektion Westsachsen habe eine Ermittlungsgruppe
gebildet, und der Staatsschutz sei eingeschaltet. "Wir werden
alles tun, um diese Straftat so schnell wie möglich aufzuklären",
sagte Merbitz.
Bei dem Vorfall hätte die etwa 50-köpfige
Gruppe die Inder vom Festgelände bis in eine Pizzeria verfolgt
und dort Scheiben sowie ein Auto des Pizzeria-Besitzers beschädigt.
"Wäre die Polizei nicht gekommen, hätte hier noch
viel schlimmeres passieren können", sagte der Pizzeria-Besitzer
der Leipziger Volkszeitung. Mügelns Bürgermeister Gotthard
Deuse vermutet einen rechtsradikalen Hintergrund. Nach seinen
Informationen seien ausländerfeindliche Parolen gerufen worden.
Ein Augenzeuge berichtete von den Parolen "Ausländer
raus" und "Hier regiert der nationale Widerstand".
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