Aufruf zur
antirassistischen Demonstration am 6. April 2006 in Dresden
aus Anlass des 15. Todestages von Jorge Gomondai.
Aufruf zur Demo als .pdf:
Gomondai2006Aufruf.pdf
Das bisschen
Totschlag bringt so manche_n um…
In der Nacht des 1. April 1991 wurde der als „Gastarbeiter“
in die DDR gekommene Mosambikaner Jorge Gomondai Opfer eines brutalen
Neo-Nazi Überfalls am Dresdner Albertplatz.
Die Täter hatten Gomondai in einer Straßenbahn angegriffen
und zum Sprung aus der fahrenden Straßenbahn gezwungen.
Er erlag einige Tage später seinen schweren Verletzungen.
Jorge Gomondai war eines der ersten Todesopfer des nach der Wiedervereinigung
offen ausgelebten rassistischen Wahnsinns.
Er sollte nicht das letzte Opfer sein. Seit 1991 sind mehr als
einhundert Menschen in Deutschland durch Neonazis und RassistInnen
ermordet wurden.
Tausende rassistische Gewalttaten in diesem Zeitraum sprechen
eine deutliche Sprache. Ortsnamen wie Hoyerswerda, Mölln,
Rostock-Lichtenhagen, Lübeck, Bernsdorf, Sebnitz und wie
zuletzt Pömmelte, wo ein farbiger Junge von rassistischen
Jugendlichen stundenlang gequält wurde, sind zu Begriffen
geworden. Sie stehen für die rassistische Realität und
Kontinuität in Deutschland.
Die Welt zu Gast bei Freunden…
rassistische Realität in Deutschland
Böse Blicke von PassantInnen auf der Straße, schikanierende
Polizeikontrollen auf öffentlichen Plätzen, für
alle die „fremd“ aussehen….[stop]
…Aus bösen Blicken werden Schläge… BeamtInnen
erlassen diskriminierende Vorschriften. In Schulen werden MigrantInnen-Kinder
benachteiligt und ihnen damit die persönliche Perspektiven
entzogen….[stop]
MigrantInnen in Deutschland merken schnell, dass sie unerwünscht
sind.
Entgegen der Realität fühlen sich die „guten Deutschen“
bedroht von „Asylanten“ und „Ausländern“.
Rassismus bestimmt die Wahrnehmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Dies findet seine Fortsetzung in den Entscheidungen des staatlichen
Verwaltungs- und Polizeiapparates.
Dennoch, die Situation seit der Ermordung Gomondai`s hat sich
verändert.
Weiterhin gibt es den Strassenrassismus, weiterhin können
sich Menschen, die nicht in das rassistische und ressentimentgeladene
Bild passen, in weiten Teilen Ostdeutschlands nicht sicher fühlen.
Die rot-grüne Politik von 1998 bis 2005 veränderte dabei
den Hintergrund vor dem in Deutschland über Rassismus, Integration
und nationale Identität diskutiert wird.
Identitäre Kampagnen „gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit“
oder „für Multikulturalismus und Toleranz“ fragen
nach: „Was ist deutsch?“
Hierbei wird dennoch mit den gleichen Mustern der Ausgrenzung
geworben.
Das Bild des „Fremden“ und dessen was „deutsch“
ist wird dabei nicht hinterfragt. Vielmehr wird die konstruierte
Verschiedenheit, die kulturelle Bereicherung durch „das
Fremde“ hervorgehoben. Das bedeutet in der Konsequenz Determinierung
konstruierter Merkmale und ebenso zugeschriebener kultureller
Erscheinungen. Deutschland will durch Vielfalt und Toleranz bestechen,
dennoch wird vorgegeben, welche „gemeinsamen“ Regeln
zu gelten haben, wie es etwa durch so genannte Einbürgerungstests
erreicht werden soll.
Die Diskussion um das Zuwanderungsgesetz und die folgende Änderung
des Staatsbürgerrechtes veränderten die Bedingungen
für den Zugang zur deutschen Gesellschaft und beeinflussten
stark die Diskussion der Deutschen um ihre Identität.
Die Fristen für „legal“ hier lebende MigrantInnen
zur Einbürgerung wurden deutlich gesenkt. Das Abstammungsprinzip
bei der Geburt in Deutschland durch das Territorialprinzip ersetzt.
Kinder „nicht-deutscher“ Eltern müssen sich dennoch
mit dem 23. Lebensjahr entscheiden, welche Staatsbürgerschaft
sie annehmen. Ohne die Erlernung der deutschen Sprache läuft
sowieso nichts, wobei dies Asylsuchenden schon allein durch ihre
miese soziale Situation verunmöglicht wird. Von einbürgerungswilligen
MigrantInnen wird die „Loyalität zur Verfassung“
erwartet und soll in Zukunft durch diskriminierende Fragebögen
überprüft werden. Viele Deutsche wissen zwar auch keine
Antworten auf die gestellten Fragen, aber sie müssen sie
ja auch nicht beantworten.
Boote, die voll werden können,
gehören abgeschafft! Luxusliner für alle!
Zur Situation der Flüchtlinge in Deutschland
Die, aus den 90ern stammende Rassistenparole: „Das Boot
ist voll“ wurde gänzlich in Politik umgesetzt und institutionalisiert.
Nach den Progromen von Hoyerswerda, Rostock und den unzähligen
Übergriffen, wurde die bewusst erzeugte Stimmung in Deutschland
genutzt um das alte Asylrecht abzuschaffen. Gleichzeitig errichtete
man ein Grenzregime rings um Europa das seines gleichen sucht.
Seitdem sank die Zahl der AsylbewerberInnen von Jahr zu Jahr,
bis auf den bisher niedrigsten Stand im Jahr 2005, d.h. 28.000
Personen. Nur 411 von über 48.000 Entscheidungen fielen für
die Betroffenen positiv aus.
Die Situation der AsylbewerberInnen in Deutschland kann dabei
nur als skandalös und exemplarisch bezeichnet werden:
So unterliegen sie etwa der Residenzpflicht, d.h. sie dürfen
den Landkreis, in dem sie gemeldet sind nicht verlassen. Unter
unwürdigen Bedingungen müssen sie meist in Heimen wohnen,
die an entlegenen und schlecht erreichbaren Orten liegen, wie
bspw. das Heim in Porschendorf zwischen Pirna und Stolpen.
Diese bewusste Isolation ist Ausdruck repressiver Migrationspolitik.
Dadurch erhöht sich die Gefahr rassistischer Angriffe, wie
etwa der Angriff deutscher Jugendlicher auf ein Heim russischer
Immigranten in Freital (bei Dresden) im August 2005 gezeigt hat,
bei dem drei Menschen verletzt wurden.
Gleichzeitig wird ihnen die ökonomische Selbstständigkeit
entzogen, indem oftmals keine Arbeitserlaubnis erteilt wird. Unterhalt,
unter Sozialhilfeniveau, wird zum Grossteil nicht in Bargeld,
sondern als Sachleistung gewährt.
AsylbewerberInnen, die sich weniger als drei Jahre in Deutschland
aufhalten sind gezwungen sich von Lebensmittelpaketen zu ernähren,
deren Qualität zu wünschen übrig lässt.
Deutschland ist wirtschaftlich und politisch führendes Land
der Europäischen Union und hat maßgeblich die rassistische
Abschottung der „Festung Europa“ forciert.
Der wirtschaftliche Wohlstand soll durch militärische und
polizeiliche Maßnahmen vor den Menschen geschützt werden,
die der Kapitalismus überflüssig macht.
So wurde zu Beginn des Jahres 2006 von den EU-Staaten, als Reaktion
auf die Massenfluchtversuche in den spanischen Exklaven Ceuta
und Melilla, eine „Arbeitgruppe der Schnellintervention“
gegründet, die in intensiver Kooperation zur „Sicherung
der territorialen Abschottung“ dienen und „Ströme“
von MigrantInnen und Asylsuchenden kontrollieren soll.
Nach der Logik: Willkommen ist, wer uns „nützt“,
legitimiert Aufenthalt in Europa nach reinen Verwertungskriterien.
Wer uns nicht „nützt“ sind, nach der Verwertunglogik
all jene die etwa vor den beschissenen politischen, sozialen,
patriarchalen und rassistischen Bedingungen in ihren Herkunftsländern
fliehen.
Was sie allerdings hier erwartet, ist staatlich organisierte
soziale, kulturelle und politische Repression.
Dazu gehört, neben den beschriebenen Bedingungen, unter denen
Flüchtlinge leben müssen auch die Abschiebepraxis der
Festung Europa.
Im Zuge dessen leiden Menschen unter psychisch und physischer
Gewalteinwirkung durch Polizeibeamte. Die extrem repressive, psychische
Gewalt, wie sie sich etwa durch die dauernde Angst vor Abschiebung
ausdrückt, veranlasst viele Betroffene zu Flucht- und Selbstmordversuchen,
die tödlich enden können.
Nicht nur das Menschen in deutschen Abschiebeknästen zu Tode
kommen, auch bei den Abschiebungen selber wird auf brutale Art
und Weise sichergestellt, dass die Betroffenen jeden Widerstand
aufgeben, z.B. durch die Fixierung in Flugzeugen.
Das öffentliche Interesse daran ist verschwindend gering.
Die deutsche Mehrheitsbevölkerung interessiert sich nicht
für das tägliche Schicksal der Flüchtlinge und
Illegalisierten.
So ist z.B. nur durch eine erneute Polizei-„Panne“
in den Dresdner Regionalblättern der Erpressungsversuch der
Ausländerbehörde, gegenüber einer seit mehreren
Jahren in Dresden lebenden Asylbewerberin aus Angola Mitte März
bekannt geworden.
Die Frau wurde durch die regelrechte Entführung ihres 3-jährigen
Kindes aus der Kita und der Drohung es allein nach Angola abzuschieben
massiv unter Druck gesetzt, sich der Abschiebung nicht weiter
zu entziehen. Die Frau befindet sich im Moment auf der Flucht
vor den Behörden.
Als Skandal wird dabei nicht unbedingt der Umstand gesehen, dass
diese Frau nach Angola abgeschoben werden sollte, sondern das
dilletantische Vorgehen der BeamtInnen. Man will Ruhe im Apparat.
Smash racism!
Auf der einen Seite wird auf ganz brutale Art und Weise mit Asylsuchenden
und Flüchtlingen in Deutschland umgegangen, auf der anderen
Seite führt die deutsche Gesellschaft einen fortwährenden
Diskurs um ihre Identität und um Integration, angesichts
der Segregation ganzer Bevölkerungsteile, die dann als „Parallelgesellschaften“
denunziert werden
Zentral erscheint die Frage nach den „gemeinsamen“
Grundsätzen dieser Gesellschaft. Wer gehört dazu und
wer nicht? Wo verlaufen die Grenzen?
Dabei handelt es sich jedoch offensichtlich um eine Diskussion
der Ausgrenzung.
Praktizierte rassistische Ausgrenzung und einseitige gesellschaftliche
Homogenisierung sind für eine antirassistische und antifaschistische
Linke nicht hinnehmbar. Diesem Diskurs entgegen zu setzen ist
die Solidarität mit den von Rassismus betroffenen und die
praktische Auseinandersetzung mit RassistInnen, um Ihnen das Handwerk
zu legen.
Das Grenz- und Abschieberegimes Deutschlands und der EU muss dabei
weiter skandalisiert und bekämpft werden.
Einen Beitrag dazu soll unsere Demonstration zum Todestag von
Jorge Gomondai leisten.
Antifa Dresden
AntifaRechercheTeam (ART) Dresden
Antifa Hochschulgruppe Dresden
gruppe sabotage
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