Reperatur der deutschen Wahrnehmung -
Bernsdorf nach dem Tod eines Nazis
Bernsdorf, Sebnitz und
Düsseldorf:
> der “Aufstand der Anständigen” endet
mit kollektivem Freispruch.
To mend the German perceiption
- Bernsdorf after a neo-nazis death
english
version Bernsdorf
in Ostsachsen: nach dem, wie die ansässigen Lokalmedien berichten,
und nach dem, wie's sich anhört Bernsdorf - wäre zu vermuten,
dass es sich bei Bernsdorf um ein gewöhnliches kleines braunes
Drecknest handelt. Und doch haben wir es hier mit einer respektablen
Kleinstadt zu tun, mit immerhin 6 000 Einwohnern. Kaum zu glauben:
die Einwohner geben freundlich Auskunft zu den örtlichen Pilgerorten
(Friedhof, neuer Markt) und bauen die Todesstelle des Nazis dezent
in ihre Wegbeschreibungen ein. Es herrscht Normalität, die
angesichts der Ereignisse in Bernsdorf einem Horrorfilm gleicht,
in dem sich böse (natürlich böse) Aliens unter die
Menschen mischen und "unerkannt" bleiben. Nur: die Deutschen SIND
die Aliens. Alle bisher in Bernsdort ansässigen Familien, die
aus Vietnam migrierten, haben sich Ende Dezember in Sicherheit gebracht
- bei Freunden oder Verwandten in größeren Städten.
In der Region zwischen Hoyerswerda und Kamenz gibt es kaum noch
Flüchtlinge und MigrantInnen. In Hoyerswerda (50 000 EW) selbst
gibt es nach dem Pogrom im September 1991 heute nur noch ca. 200
MigrantInnen. In Bernsdorf aber ist der "normale" Ablauf des Horrorfilms
ein wenig aus dem Konzept geraten: hier hat sich einer offensiv
verteidigt, ein Nazi starb, ein anderer wurde schwer verletzt.
Die Einwohner ahnen, dass diese Geschehnisse darauf verweisen, dass
Bernsdorf nun mal ein braunes Kacknest ist. Thung, der auf die Nazis
einstach, lebt seit etwa fünf Jahren in Bernsdorf und hat bisher
alle Rassismen schweigend ertragen - nach einem Ratschlag. Mehrheitsdeutsche
Freunde hat er keine, deutsch spricht er kaum - wozu auch? Am 9.
Dezember 00, betrieb seine Familie einen Stand auf dem örtlichen
Weihnachtsmarkt. Als eine Nazihorde pöbelnd über den Markt
zog, den Weihnachtsmann angriff und schließlich beim Stand
seiner Familie rassistische Parolen brüllte und die Warenauslagen
umkippte. Woraufhin die Familie zusammenpackte und zusah, dass sie
wegkam - an diesem 9. Dezember hat es gereicht. Thung holte sich
zwei Küchenmesser, und wenig später, während einer
Auseinandersetzung mit der Nazihorde stach er zu.
Seit 10. Dezember sitzt er in U-Haft - immerhin in Görlitz,
wo neben Nazis vor allem Abschiebehäftlinge einsitzen. Aus
irgendwelchen perfiden Gründen darf er keine Besuche und keine
Post außer von seiner Anwältin empfangen. Thung, ein
15-jähriger ruhiger Junge sitzt im Knast und ist mit der Geschichte
allein gelassen. Die Opferperspektive Görlitz versucht zu erreichen,
dass sie ihn besuchen dürfen - bisher ohne Erfolg.
Wo sind die Pressegeier über Bernsdorf?
Die
Einwohner laufen inzwischen rund. "Hier geht jetzt die Angst um,
dass Bernsdorf erledigt ist." (zitiert nach taz 12/14/00). Die
übliche Angst vor dem imaginären Feind, denn bisher
haben kaum überregionale Zeitungen über die Geschehnisse
berichtet - und es ist schon gar niemand auf die Idee gekommen,
das Nest als das zu bezeichnen, was es ist. Es ist angeblich Angst,
die die Bürger umtreibt, Angst "vor einem zweiten Sebnitz"
(Zitat von Bürgern in Lokal-SächsZ 12/11/00 "In Bernsdorf
ist nichts mehr, wie es war" und Lokal-SächsZ 12/13/00 "Angst
vor 'Sebnitzer Verhältnissen'"). Die Angst, die sie dazu
bringt, einen Diskurs anzufangen, der kurz mit "Presse und TV
lügen" umschrieben werden kann.
Der Bürgermeister versucht zu deeskalieren: "Im Grunde genommen
hat ein Bernsdorfer einen anderen erstochen. (...) Sehen sie,
John Lennon wurde auch erschossen." (taz 12/14/00). Das sehen
die örtlichen "Jugendlichen" anders. "Dein Tod war so sinnlos,
warum kam niemand hinterher?" fragen sie in ihren Gedichten, die
öffentlich aushängen. Neben Nazisymbolen, Blumen und
Kerzen. Eine illustre Gesellschaft hatte anläßlich
der Beerdigung am 18. Dezember einen Gedenkmarsch veranstaltet:
Angeführt vom PDS-Bürgermeister marschierten 300 Nazis
- unter ihnen Vertreter der Kittlitzer Kameradschaft "Odins Legion",
organisierte Rechte aus Hoyerswerda, Bautzen und Dresden (z.B.
Alexander Kleber). Umgeben mit illustren Symbolen wie "White Pride",
"White Power" und "88".
Als feindlich gelten Presse und sogar Polizei. Die Bürger
entdecken, dass sie diese zwei Institutionen schon immer komisch
fanden. Presse ganz klar, die hat schon Sebnitz einen "nicht wiedergutzumachenden
Schaden angerichtet". Am 23. Nov. hatte BILD getitelt "Neonazis
ertränken Kind. Und eine Stadt hat es totgeschwiegen." -
so hätte es durchaus gewesen sein können - und
plötzlich sind BILD die unsachlichen Heißmacher.x An
dieser Stelle und nicht damals, Anfang der 90iger, als BILD mit
"Asylantenflut" titelte. Und nun, zeitgleich zu den Ereignissen
in Bernsdorf ist es sogar Sachsen Regierungschef Biedenkopf, der
"Medienschelte" betreibt, z.B. in seiner Regierungserklärung
zu Sebnitz am 15. Dez im Landtag. Diese Art "Medienkritik" kann
auch noch viel weiter greifen: In Fernsehreportagen anlässlich
der neuen Erkenntnisse zum Sprengstoffanschlag in Düsseldorf
(das es doch keine Nazis waren) und zu Sebnitz wurde die Glaubwürdigkeit
und Wirkungsweise der Medien kritisiert. Dabei wurde festgestellt,
dass statements, wie die von Paul Spiegel (dass es vielleicht
ein Fehler war, dass Juden in Deutschland geblieben sind) Nazi-Übergriffe
provozieren und legitimieren, also quasi verursachen. Die Berndorfer
können in dieser Stimmung wie Fische im Wasser schwimmen.
Die Beschimpfung einer Gruppe Presse-Fotographen aus dem Nazi-Gedenkmarsch
heraus wird im lokalen Blättchen "neutral" berichtet, mit
den Zitaten "Ihr seid die größten Verbrecher." und
"Euch sollte man einsperren." (Lokal-SächsZ 12/18/00). Klar,
schließlich hat die NPD auch Anzeige gegen BILD erstattet
- wegen Sebnitz.
Die Polizei, die den getöteten Nazi "der rechten Szene zuordnete"
wird ebenfalls diskreditiert. Sie habe Bernsdorf anläßlich
der Beerdigung "systematisch besetzt" (Lokal-SächsZ 12/18/00).
Das weckt angenehme Assoziationen zur Besetzung durch die Allierten
nach 1945, oder? "Polizeipatrouillen? Es schmeckt nach DDR" schreibt
die taz (12/18/00). Es läuft darauf hinaus, dass diejenigen,
die Nazis oder ein Naziproblem benennen, quasi die sind, die das
Problem erschaffen. Eine bekannte Argumentation; die vor der Staats-Antifa-Debatte
gegen Antifas angewandt wurde.
Im Falle von Bernsdorf wird ein weiterer ebenso beliebter Trick
angewandt: Opfer werden zu Tätern gemacht, Täter zu
Opfern. Doch angesichts der deutschen Realität kann Thung
kein Täter sein, aber es sei ihm doch gestattet, seine Opferrolle
nicht unwidersprochen hinzunehmen.
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