| Psychiatrisierung
- die vernichtende Dimension des sozialen Netzes
1.) Die Psychiatrie als ein institutionalisierter
Ausdruck biologistischer Denkweisen macht soziale, d.h. gesellschaftliche
Konflikte zu medizinischen Fällen.
a) Der folgende Text soll zunächst
darstellen, wie "soziale Konflikte" in einer unterdrückungsförmigen
Gesellschaft auftreten. Gesellschaft meint die Gesamtheit der Interaktionen
der menschlichen Individuen. Diese Interaktionen sind heute weitgehend
von unterdrückungsförmigen Mustern geprägt, die in
einem komplexen Verhältnis zueinander stehen. Die einzelnen
Unterdrückungsverhältnisse sind so verwoben, dass jede
Person eine gesellschaftliche Position hat, aus der sie, bezogen
auf jeweils spezifische Unterdrückungsverhältnisse, als
Täter agiert oder mit Täter-Aktionen konfrontiert ist.
Wehren sich nun Individuen gegen Unterdrückung, erfolgt prinzipiell
eine Reaktion derer, die sich innerhalb des betreffenden Unterdrückungsverhältnisses
als Täter identifizieren, mit der Absicht es aufrechtzuerhalten.
Diese Reaktion tritt meistens in zwei Varianten auf, die sich jeweils
aufeinander beziehen und in ihrer Wirkung ergänzen: einmal
die Integration der Kritik in die bestehenden Verhältnisse,
zum anderen deren repressive Bekämpfung. Bei beiden Varianten
bleibt die Auflehnung als Ausdruck eines sozialen Konfliktes erkennbar,
die Reaktionen sind als gesellschaftliche Interaktionen verstanden.
Was aber, wenn sich das Individuum diesen beiden Varianten entzieht,
d.h. auf diese Reaktion einfach nicht anspricht, sich nicht zu deren
Adressat erklärt? Das heißt, Auflehnung findet statt
ohne dass sie integriert oder niedergeschlagen werden kann.
b) Wir stellen diese Überlegungen an,
um ein grundsätzliches Verhältnis des Individuums gegenüber
der Gesellschaft darstellen zu können. Wir nähern uns
dem Gesellschaftsbegriff von einer Perspektive, die die Möglichkeit
des Nicht-Adressatentums integriert. Während das Individuum
in Bezug auf bestimmte Unterdrückungsverhältnisse TäterIn
sein kann oder von ihm betroffen, beansprucht die Gesellschaft,
nun gedacht als Gesamtheit der Unterdrückungsverhältnisse,
die Unterworfenheit des Individuums unter die Unterdrückungsförmigkeit
der Interaktionen. Interaktionen, die nicht unterdrückungsförmig
sind, d.h. weder in einer Täter- noch in einer Opferrolle getätigt
werden, gefährden das Funktionieren der Gesellschaft in ihrer
Unterdrückungsförmigkeit. Die Gesellschaft im Sinne dieser
systemisch reduzierten Definition erklärt also diese Interaktionen
als nicht gesellschaftliche, ebenso wie den Akteur. Anders kann
das systemische Funktionieren nicht gewährleistet werden. Von
da an ist es möglich, das Nicht-Verhalten des Individuums zum
Problem ausschließlich desselben zu erklären. Ein Konflikt
ohne Interaktion, dargestellt durch eine "Person-an-sich". Die Erfindung
des nicht gesellschaftlichen Individuums. Schließlich ist
der zugrundeliegende Konflikt dann auch kein gesellschaftlicher
mehr, sondern der des auf seine/ihre Körperlichkeit reduzierten
Individuums. Körper können ausgegrenzt, eingesperrt, gefesselt,
medikamentiert, unter Strom gesetzt oder vernichtet werden. Der
Konflikt, aufgrund dessen das Individuum in den Focus der gesellschaftlichen
Gewalt stellt, den es mit seiner Auflehnung darstellt, wird quasi
entwirklicht. Es "gibt ihn nicht mehr", es gibt nur noch das in
dem Körper des Individuums verortete Problem der Nicht-Gesellschaftlichkeit.
Wer "das Problem" in einem gestörten Gehirnstoffwechsel erkennt,
braucht sich die Frage nach Verantwortung in der Interaktion mit
dem Individuum nicht zu stellen. Wer die Existenz von vererbter
Geisteskrankheit annimmt, kann leicht für eine glückliche
Zukunft "aller" durch Eugenik eintreten. Wer an die grundlegende
Andersartigkeit (!) der "Verrückten" glaubt, sichert sich nachhaltig
die eigene Normalität.
2.) Psychiatrie in Nazi-Deutschland
It was not the nazis who needed the doctors, it was the doctors
who needed the nazis.
(der Abschnitt ist einem Vortrag von
Ernst Klee entnommen, aus Irrenoffensive Nr. 9)
1940/41 wurden in insgesamt sechs Vergasungsanstaltungen
70 273 Menschen ermordet. Das Gas liefern die IG Farben Ludwigshafen.
Das Zahngold der Ermordeten bekommt die Degussa. Die Gehirne verarbeiten
das Kaiser-Wilhelm-Institut für Gehirnforschung in Berlin und
das Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie in München
(beide heute Max-Planck-Institute). Den Gasmord organisiert eine
Zentralstelle in der Berliner Thiergartenstraße 4 (T4). Im
August 1941 verordnet Hitler einen Vergasungsstopp. Dennoch wird
weiter gemordet: mit Medikamenten, mittels Hunger, im Einzelfall
per Elektroschock. Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was
nicht Psychiater lange vor den Nazis gefordert hatten. Ernst Rüdin
1934: "Der Psychiater muß sich mit den Gesunden gegen Erbkranke
verbünden ... Dem hohen Zuchtziel einer erbgesunden, begabten,
hochwertigen Rasse muß der Psychiater dienstbar sein ....
Erst duch Hitler wurde endlich unser mehr als dreißigjähriger
Traum zur Wirklichkeit, Rassenhygiene in die Tat umsetzen zu können."
Der nahezu unaussprechliche Höhepunkt deutscher Psychiatriegeschichte:
sie sagten "behandeln", wenn sie mordeten. Es gibt keinen Psychiater,
der dem Massenmord Widerstand leistete. Im Gegenteil: Sie bitten
die KZ's ihre Patienten einzuweisen. Die Vernichtung der "Unheilbaren"
versetzte die Beteiligten, so T4-Psychiater Prof. Friedrich Panse,
in "eine berauschende Gehobenheit". Prof. Paul Nitsche, psychiatrischer
Leiter beim Massenmord: "Es ist doch herrlich, wenn wir in den Anstalten
den Ballast los werden und nun wirklich richtige Therapie treiben
können." Richtige Therapie, das heißt: Cardiziazol-Schocks,
Insulin-Schocks, Elektro-Schocks.
3.) normalisierender Alltag - das sozialrassistische
Dogma als Vorraussetzung des vernünftig funktionierenden Subjektes
Was wir unter 1. als Verhältnis Individuum/Gesellschaft
beschrieben haben, treffen wir im Alltag als Verhältnis bestimmte
Person/soziales Umfeld an. Die Psychologisierung, die jeder Psychiatrisierung
kurz- oder langfristig, ob von Angehörigen, FreundInnen oder
medizinischen Autoritäten getragen, vorausgeht, ist Ausdruck
eines der grundlegenden Widersprüche der herrschenden Verhältnisse.
Mit Psychologisierung meinen wir Prozesse, die eine Person innerhalb
einer Gruppe als grundlegend andersartig den sozialen Status betreffend
stigmatisieren. Das allgemeine Unterdrückungsverhältnis
Kranker durch Gesunde wird noch offensichtlicher, wenn wahrgenommen
wird wie willkürlich und den Einflussbereich der Betroffenen
nicht berührend der Krankheitsbegriff plötzlich auf die
Psyche, eine historisch recht neue Konzeption, angewandt wird und
so schnell den Sinngehalt von sozial unangepasst, politisch unlieb,
realitätsuntauglich oder betroffen von Gewalt erfüllen
kann. Eine Identität als "Kranke" ist das Ergebnis einer (Rollen-)Zuschreibung,
die von den "Gesunden", mit dem Ziel ihrer Konstruktion als solche,
ausgeht. Auch und gerade autonome Organisierungen hantieren mit
Zuschreibungen, die der (Selbst)identifizierung mit krank zuträglich
sind. Schnell und unreflektiert, werden die "Intelligenz", die Frage
ob jemand "fit" ist, als Kriterium für eine politische Zusammenarbeit
angewendet. Psychologisierende Ansätze der Beschreibung des
Umgangs mit gesellschaftlichen Phänomenen werden, teils nur
der griffigen Polemik wegen, mit medizinischen Metaphern belegt.
(z.B. Horkheimer/Adornos Begriff der "pathischen Projektion" - verwendet
im Sinne von "wahnhaftem/wahnsinnigem" Denken Deutscher in Bahamas,
etc.) Realitätstauglichkeit, die es nach der Analyse einer
unterdrückungsförmigen Gesellschaft nicht geben kann,
wird auch in linken Zusammenhängen eingefordert und erwartet.
Unterdrückungsverhältnisse, wie z.B. Sexismus in der Linken,
werden nicht anerkannt und so kann das Wehren dagegen als "verrückt"
stigmatisiert werden. Im Zusammenhang mit den sexistischen Übergriffen
im letzte Herbst und den Aktivitäten dagegen kam es zu Sprüchen
wie: "die vernunft ist nicht mehr in der lage deine wand des wahnsinns
im Kopf zu durchbrechen" und "du gehörst in die Psychiatrie".
Als die Aktivitäten gegen die sexistischen Übergriffe
abnahmen, wurde dies mit dem Spruch: "Na, wieder realitätstauglich"
kommentiert.
"ZwangsPsychiatrie mit VOrsorgeVOllmacht - das Ende des Alptraums"
Veranstaltung mit Werner-Fuß-Zentrum; Irrenoffensive Berlin
zur Rolle der Psychatrisierung in der Gesellschaft + Schutz vor
Zwangspsychiatrisierung durch die VOrsorgeVOllmacht ( www.vo-vo.de)
Do, 8. Juni 00, 18.00
Infocafe Robert-Matzke-Str. 16
Dresden Pieschen
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