| 8. März
- alles, nur nicht Pop
Ein derart eigenartiges Sammelsurium von Bündnispartnern
hat es wohl noch nie zu einer Demo in Dresden gegeben. Was sich
da unter dem Motto "Mann und Frau für die Befreiung der Frau"
zusammenfand, war eine wilde Mischung von Leuten, die alle möglichen
Motivationen zu dieser Demo trieb, nur nicht die "Befreiung der
Frau" (was auch immer das ist). Die Sozialisten, die in verschiedenen
Splitterparteien zu dritt, zu viert oder allein von der Arbeiterbewegung
träumen (MLPD, SAV, KPD - allesamt männlich) witterten
am 8. März eine Frauenbewegung, die es zu vereinnahmen gilt.
Denn: Bewegung ist schließlich Bewegung und Hauptsache "von
unten". Und da eine MLPD nun mal keine Bewegung ist, heißt
das für sie, auf jeden Zug aufzuspringen, der das mit sich
machen läßt. So kommt es dann zu Plakaten wie: "Frauen-
und Arbeiterbewegung - gemeinsam unschlagbar, MLPD Dresden". Frechheit.
Weitere Agitations- und Propaganda-Vereinigungen durften natürlich
nicht fehlen. So warb der "Rebell", eine revolutionäre Jugendorganisation,
um Mitglieder, ebenso die Frauengruppe "Courage". Zwischendurch
noch zwei Sätze zur schlechten Finanzlage der Dresdner Frauenprojekte
und dann weiter zur Mitgliederwerbung der MLPD. An wen sich die
Propaganda richten sollte blieb unklar, da bei Zwischenkundgebungen
die Demo eh unter sich war.
Andere Organisationen bemühten sich wenigstens noch um eine
thematische Verknüpfung von ihren und feministischen Inhalten.
So trug das Euromarschbündnis ein Transpa mit der Aufschrift:
"die meisten Flüchtlinge der Welt sind Frauen", daneben waren
frauenspezifische Fluchtgründe aufgeführt. Von PDS und
Grünen, die zur Demo mit aufgerufen hatten, waren nur wenige
Vertreter auf der Demo: zwei Landtagsabgeordnete der PDS und eine
Grüne, die ein Holzgestell mit der Aufschrift "den aufrechten
Gang erlernen" (sic) trug.
Was nicht fehlen durfte, das war die soziale Schiene, die, wenn
es vorrangig um Frauen geht, für feministisch gehalten wird.
So sprangen Gewerkschafterinnen von der HBV (Handel, Banken, Versicherungen)
herum, die gegen geringfügige Beschäftigung "kämpften".
Und zur Anfangskundgebung sprach eine "Betroffene", die gern arbeiten
möchte, aber keinen Job kriegt.
Erstaunlich war, daß die meisten Bündnispartner nicht
fähig waren, trotz agitatorischem und massenbewegerischem Ansatz,
ihr Klientel zur Demo zu mobilisieren. Es blieben diejenigen, die
ohnehin schon politisch aktiv sind, unter sich. Doch der vordere
Teil der Demo skandierte munter: "Hey ho, da kommt sie schon, von
unten die neue Opposition". Allerdings wollte sich der hintere Teil
der Demo nicht zu dieser "neuen Opposition" zugehörig fühlen.
Der FrauenLesben-SonnenbrillenBlock störte die unsägliche
Parole mit: "FrauenLesben Hand in Hand, scheißen auf das Vaterland"
oder dem Lieblingslied des antirassistischen FrauenLesbenCamps (Sommer
98): "Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer".
Der SonnenbrillenBlock hatte sich entschlossen, hinter den Kurdinnen
zu laufen, um Solidarität mit dem kurdischen Kampf gegen die
Türkei zu zeigen. So kam es zu gemeinsamen Parolen wie: "deutsche
Waffen raus aus Kurdistan". Bei einer Zwischenkundgebung wurde gemeinsam
an Andrea Wolf erinnert, eine Frau aus FrauenLesben-Zusammenhängen,
die in der kurdischen Frauenarmee gekämpft hatte und von türkischen
Sicherheitskräften ermordet wurde.
Als die Demo über die Prager Straße zog, gab es am Rande
Paßkontrollen durch die Polizei. Dabei können sich die
Bullen so richtig als Deutsche fühlen, denn nicht jede Person
wird kontrolliert, sondern es es gilt zu klassifizieren: "deutsch"
- "undeutsch", eine Unterscheidung, die in diesem Land Tradition
hat. Die Kontrollen wurden abgebrochen, als sich DemoteilnehmerInnen
interessiert um die Bullen herumstellten. Die Kurdinnen bereiteten
sich mental auf die Kontrolle vor: "Den türkischen Paß
können sie kriegen, den können sie sogar behalten." Später
tauchte noch ein Nazi auf, der genötigt wurde, seinen Aufnäher
"Der Osten bleibt deutsch" abzugeben.
Das Sammelsurium an Leuten brachte also ein Sammelsurium an Themen
hervor. Scheinbar ist der Anlaß 8. März völlig beliebig
füllbar. Und scheinbar ist es völlig egal, welchen Politikansatz
die einzelnen Bündispartner haben, solange sie sich der "Frauenbewegung"
als Sammlungspunkt bedienen.
Moral: Nie mehr auf gutklingende aber schwammige Grundsätze
einlassen, die da hießen: "antifaschistisch, antirassistisch".
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