AND 36 (Februar 1999)
Wurzen - immer eine Demo wert! |
Pop-Feminismus
Die kulturelle Revolution der
Geschlechter Feminismus in neuen Formen
In der Mitte des 19. Jahrhundert
begann in Deutschland die erste öffentlich sichtbare Frauenbewegung
als eine ursprünglich soziale Bewegung. Bürgerliche
Frauen forderten Recht auf Bildung und Arbeit um ihr Leben selbständig
bestimmen zu können und um es interessanter zu machen. Proletarische
Frauen forderten Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterinnen
und waren größtenteils auch in der revolutionären
Arbeiterbewegung.
Seit dem hat sich viel verändert in der Frauenbewegung. Feminismus
heute ist etwas völlig anderes geworden. Es geht nicht mehr
primär um soziale Forderungen oder um soziale Revolution.
Heute geht es um die Umdeutung kultureller Normen, um die Auflösung
der Konstrukte von Männlichkeit und Weiblichkeit, letztlich
um die Abschaffung der Kategorie Geschlecht. Feministische Ansätze
waren nie so öffentlich und populär wie heute. Dadurch
bekommt der Widerstand von Frauen größere Bedeutung
und größere Wirkungskraft. Jede Schülerin entwickelt
automatisch Strategien gegen die subtile Unterdrückung durch
Typen - ohne feministische Theorie zu kennen. Die weit verbreitete
Girlie-Bewegung hat einige bemerkenswerte Grundsätze, die
im klassischen Sinne feministisch sind. Überall findet massenhafter
Widerstand von Frauen statt - in den Familien, in Beziehungen,
am Arbeitsplatz,... All diese Kämpfe zusammen machen den
heutigen Feminismus aus: die kulturelle Revolution der Geschlechter.
Es geht schlicht darum: "Strukturen wie Gefühle offenzulegen,
das Private zum Politischen zu machen, gesellschaftlich normierte
Lebensvorgaben (Liebe, Paarbindung, Kleinfamilie, geregelter Job)
in Frage zu stellen." (Tine Plesch in: "Schneewittchen versus
Solex" aus Test-Card Nr. 6)
Der Widerstand gegen das Patriarchat hat sich zwar etabliert,
ist aber nach wie vor die Sache der Frauen geblieben, als sei
es normal, daß die Unterdrückten sich wehren und die
Täter nichts tun. Inzwischen wird von Frauen sogar erwartet,
daß sie sich wehren. Was dies allerdings an Kraft und Nerven
kostet, danach fragt niemand. Frauen, die im Patriarchat ohnehin
schon mehr Arbeit leisten müssen, haben nun zusätzlich
noch Arbeit zu investieren, um eine Veränderung herbeizuführen.
Der feministische Theorie-Diskurs findet in kleinen intellektuellen
Zirkeln statt, meist in universitären Kreisen. Interessanterweise
gibt es ebenso kleine Kreise in der Praxis, wo diese Theorien
schon gelebt werden. Judith Butler veröffentlichte 1993 ihre
Theorie, daß nicht nur das sog. soziale Geschlecht (gender)
sozial, kulturell und sprachlich konstruiert wird, sondern das
auch das sog. biologische Geschlecht (sex) auf einer kulturell
konstruierten Ideologie beruht. So gerät nicht nur die Kategorie
Geschlecht ins Wanken sondern auch scheinbar feststehende Kategorien
wie Natur, Biologie und Körper. Dadurch das sich Lesben,
Schwule, Transen und andere über Subkultur und politische
Aktionen bemerkbar machen, war Butlers Ansatz in der Praxis schon
vorhanden. Allerdings konnte sich die heterosexuelle, zweigeschlechtliche
"Normalität" leicht von denen abgrenzen, die ihre Normen
in Frage stellen - indem sie sie als krank, "unnormal" usw. klassifizierten.
Trotz alledem ist die Unterdrückung der Frauen noch immer
real, die Machtverhältnisse sind nach wie vor schief. Deswegen
ist es wichtig und gut, daß Frauen Wut darüber ausdrücken.
Anfang der 90iger gab es eine "Riot-Grrrl-Bewegung", die genau
dies tat. Bands wie "Bikini Kill" thematisierten in ihren Texten
z.B. Vergewaltigung und sexuellen Mißbrauch oder auch lesbische
Liebe. Das sich wütende Frauen nicht nur in Liedtexten artikulieren
ist klar. Und doch ist mit entschiedener Empörung zu rechnen,
wenn sich Wut so äußert, daß Typen dadurch Konsequenzen
für ihr Verhalten tragen müssen.
Feminismus als Pop kommt aber dennoch nicht ohne feministische
Theorie oder öffentliche politische Aktionen aus. Denn inzwischen
ist es weit verbreitet zu behaupten, es gäbe eine Gleichberechtigung
und damit sei alles erreicht. Gerade dadurch, daß es chic
und in ist, eine emanzipierte Frau zu sein, entsteht der Eindruck,
einzig die Veränderung der Rolle der Frau sei die Lösung
für das Geschlechterproblem. Um deutlich zu machen, daß
wesentliche Forderungen der Frauenbewegung nach wie vor nicht
umgesetzt wurden, müssen wir diese und unsere Wut wieder
auf die Straße tragen. Das viele so empfinden, zeigt die
Vorbereitung des 8. März in Dresden. Anfang diesen Jahres
ergriff die Frauengruppe "Courage" die Initiative und lud zu einem
Vorbereitungsbündnis ein. Dieser Einladung folgten Frauen
aus Gewerkschaften, Parteien, Frauenvereinen, Frauengruppen und
Unorganisierte.
Ein Konsens unter diesen vielen verschiedenen Frauen war schnell
gefunden: kämpferisch,
laut, fordernd, antirassistisch
und antifaschistisch soll der 8. März begangen werden. Also:
Demo am 8. März
Treff 16.30 Uhr an der Trümmerfrau
beim Rathaus
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Wurzen - immer eine
Demo wert!
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| Diesem Gedanken folgten ca. 500 AntifaschistInnen
letzten Samstag und forderten "Weg mit dem Nazi-Spuk in Wurzen!" Das
die Wurzener Naziszene, wie im Aufruf zur Demonstration vom Leipziger
Bündnis gegen Rechts beschrieben, zu den aktivsten und gewalttätigsten
in Deutschland gehört, bewies sich auch an diesem Tag. Seit langem
wurde wieder eine Demonstration mehrerer hundert AntifaschistInnen
von Nazis attackiert. Schon im Vorfeld ließen die verantwortlichen
Stellen nichts auf "ihre Jungs und Mädels" kommen und verboten
den Aufzug. In der Begründung bekräftigte das Landratsamt
den Zusammenhalt mit der rechten Jugend. Neben den üblichen Horrorszenarien
von marodierenden linken Horden, die die öffentliche Ordnung
und Sicherheit gefährden, ging es in der Argumentation weiter.
Sie legten der Anmelderin nahe "nochmals Sinn und Notwendigkeit
der Demonstration vor dem Hintergrund der bisher in Wurzen bereits
stattgefundenen Versammlungen und der sich anschließenden positiven
Entwicklung (sic!) in Bezug auf das Ziel und das Motto der heute angemeldeten
Demonstration zu überdenken." urteilten und begründeten
ihr Verbot folgendermaßen: "Im übrigen kann derzeit
nicht nachvollzogen werden, was mit der Demonstration erreicht werden
soll. Die Verwaltungsbehörden, die überwiegende Mehrheit
der Bevölkerung Wurzens und sogar die Ortsgruppe Wurzen und die
Kreistagsfraktion der PDS stehen der Veranstaltung mit Unverständnis
und Ablehnung gegenüber. Dies richtet sich nicht etwa gegen antifaschistisches
Gedankengut und deren Publizierung. Die Kritik bezieht sich auf die
Art und Weise der Propagierung. Es kann nicht hingenommen werden,
dass die Stadt Wurzen von außen her seit Jahren immer wieder
ungerechtfertigt zum Symbol als 'Nazi-Hochburg hochstilisiert wird
und dies zum Anlaß genommen wird, eine Art Demonstrationstourismus
zu organisieren. Dies kann nur bewirken, dass alte, längst beigelegte
Konflikte erneut geschürt werden und die bisherigen Erfolge der
Bemühungen um eine Normalisierung der Lage zunichte gemacht werden.
Die Demonstranten ziehen danach wieder ab und die ortsansässige
Bevölkerung (sic!) muß die Folgen tragen." Mal davon
abgesehen, dass das Versammlungsrecht ausgehebelt wird, wenn deren
Verbot davon abhängig gemacht wird, ob die genehmigenden Behörden
einen Sinn in der Versammlung sehen bzw. ob sie ihnen in den Kram
passt, läßt sich auf diese Begründung nur noch mit
Käpt'n Blaubär antworten "Alles im Lot auf'm Boot - Alles
in Butter auf'm Kutter". Probleme gibt es erst, wenn Nazis benannt
werden und linke Demonstranten kommen.
Antifa heißt auch denken! Angesichts dieser Situation stimmt
die Parole "Bürger lasst das Glotzen sein - Kommt herunter,
reiht Euch ein!" schon nachdenklich. Ganz konfus wurde es aber im
Zusammenhang mit dem Fäkalienangriff auf die Demonstration.
Nachdem sich Polizisten vor dem Hauseingang pöpelnder BewohnerInnen
aufbaute kam erwartungsgemäß "Deutsche Polizisten schützen
die Faschisten". Nicht einmal eine Minute später werden von
Nazis Güllebeutel aus dem Nachbarhaus in die Menschenmenge
geworfen. Dass jetzt grosse Teile der Demonstration in Gejohle ausbrechen
und den Einsatz der Polizei gegen die Nazis beklatschen, hat einen
gewissen Gehalt von Komik, zeugt aber in erster Linie von einem
ungeklärten Verhältnis zu diesem Staat und seiner Instrumente.
Eines ist aber klar: Wir fahren noch öfter nach Wurzen damit
"die bisherigen Erfolge der Bemühungen um eine Normalisierung
der Lage zunichte gemacht werden" Es ist eine mörderische
Normalisierung für alle, die nicht für "deutsch" gehalten
werden.
alle kursiv geschriebenen Textstellen aus der Verbotsverfügung
des Landratsamtes Muldentalkreis vom 23.02.1999
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