Lokalpresse
Sächsische Zeitung , 16. Februar 2004
Rechte und linke Gruppen nutzen
Dresden als Bühne
Massives Polizeiaufgebot verhindert
Übergriffe
Von Alexander Schneider
Dresden hat ein langes Wochenende mit zahlreichen Demonstrationen
hinter sich. Der Anlass, die Zerstörung der Stadt vor 59
Jahren, führt inzwischen dazu, dass Extremisten aller Richtungen
Dresden als Aufmarschgebiet nutzen und ihre Anhänger bundesweit
mobilisieren - ähnlich wie regelmäßig am 1. Mai.
Nur einem massiven Aufgebot von jeweils knapp 1 000 Polizisten
ist es zu verdanken, dass es Freitag und Sonnabend ruhig blieb.
Dennoch kam es an beiden Tagen zu erheblichen Staus.
Die Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), die wegen rechtsextremistischer
Akteure in ihren Reihen vom Verfassungsschutz beobachtet wird,
eröffnete anlässlich des Totengedenkens den Wahlkampf
für ein rechtes Kommunalwahlbündnis. Während sie
am Freitagabend 180 auf die Straße brachte, waren es am
Sonnabend mehrere tausend Rechte aus dem ganzen Bundesgebiet,
die von der Semperoper, über Albertplatz und Bautzner Straße
zum Güntzplatz zogen. Es war eine der größten
Rechten-Aufmärsche in Dresden. Und wenn es nach Rednern des
NPD- Bundesvorstands geht, soll das auch so bleiben. Es ist das
erklärte Ziel, die hohe Symbolwirkung der Stadt und ihrer
Zerstörung auszunutzen. Linke und autonome Gruppen, insgesamt
mehrere Hundert Teilnehmer, versuchten mehrfach die Umzüge
zu stören. So ließen sie in der Hoyerswerdaer Straße
bunte Luftballons und Konfetti auf den JLO-Zug regnen.
2 000 Menschen beim Bündnis gegen
Rechts
Am Sonnabendvormittag hatten rund 2 000 Dresdner zwischen Altmarkt
und Rathaus an einer Kundgebung des Bündnisses Dresden gegen
Rechts teilgenommen. „Hass und Intoleranz dürfen hier
auch in Zukunft keinen Platz erhalten“, sagte Schirmherr
Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP). Die Initiative
wird von Gewerkschaftern, Parteien, Kirchen, Friedensgruppen und
auch der TU Dresden getragen.
Auch am Freitag gab es Störungen. Beim Gedenken am Heidefriedhof
nahm die Polizei einen Rechten fest, der verbotene Kennzeichen
trug. Wegen Verunglimpfung des Staates müssen sich auch Linke
verantworten, die auf der Demo eines antifaschistischen Bündnisses
eine Deutschlandfahne verbrannten. Versammlungsleiter und PDS-Landtagsabgeordneter
Uwe Adamcyk ist laut Polizei nicht eingeschritten. An der Frauenkirche
versuchten linke Störer am späten Abend, die Gedenkveranstaltung
zu behindern. Insgesamt landeten am Wochenende mehr als ein Dutzend
linke und rechte Demonstranten im Polizeigewahrsam.
up
DNN, 16. Februar 2004
1000 Polizisten für drei
Demonstrationen
Thomas Hartwig
14. Februar, 10.45 Uhr, Altmarkt: Zwei Menschengruppen, getrennt
durch die Wilsdruffer Straße. Am Kulturpalast vielleicht
300 junge Leute. Viele mit bunten Haaren. Auf dem Altmarkt stehen
mehr als 1000 Menschen. Unter ihnen Oberbürgermeister Ingolf
Roßberg (FDP), mehrere Stadträte und der Dresdner DGB-Chef
Rolf Neher.
Beide Menschengruppen haben das gleiche Ziel: Protest gegen einen
rechtsextremen Aufmarsch am Mittag. Gegen 11 Uhr setzt sich der
Demonstrationszug vom Altmarkt zum Rathaus in Bewegung. Die Truppe
am Kulturpalast versucht, zum Zwingerteich durchzubrechen. Dort
sammeln sich die Neonazis. Polizeikräfte schreiten ein. Sechs
Personen werden festgenommen. Später marschieren die Jugendlichen
über die Carolabrücke in die Neustadt.
Am Rathaus ruft Roßberg den Demonstranten zu: "Hass
und Intoleranz dürfen in dieser Stadt keinen Platz haben,
nationalistische und faschistische Ideen keinen Raum gewinnen."
Der Oberbürgermeister hat sich an die Spitze des überparteilichen
Bündnisses "Dresden gegen Rechts - jetzt Gesicht zeigen"
gestellt. Pfarrer Joachim Zirkler von der Kreuzkirche ruft zu
einer Kultur des Gedenkens auf, die den Blick auf alle Opfer weitet:
"Auch die Toten von Auschwitz sind unsere Toten. Ich wehre
mich gegen eine Instrumentalisierung des 13. Februar, von welcher
politischen Gruppierung auch immer." 11.45 Uhr: Der Großteil
der Demonstranten geht nach Hause.
12 Uhr, Zwingerteich: Neonazis aus ganz Deutschland sammeln sich.
Redner hetzen gegen die von der Stadt verhängten Auflagen.
Glatzköpfe müssen ihre Springerstiefel ausziehen. 14
Uhr: Der Zug zieht über die Marienbrücke durch die Neustadt.
Der Verkehr bricht zusammen. Vereinzelt protestieren junge Menschen.
"Stalingrad!", rufen sie den Marschierenden zu. 15 Uhr:
In der Hoyerswerdaer Straße regnet es bunte Luftballons
und Konfetti auf die braunen Horden.
16 Uhr, Güntzplatz: Der Umzug formiert sich zur Abschlusskundgebung.
Als der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke zur Gitarre
greift, bröckelt die Front. Gruppen von 50 Personen verlassen
den Ort. 17.45 Uhr wird die Kundgebung aufgelöst. Da sind
noch rund 400 Personen anwesend.
Bilanz: Dresden war Schauplatz eines der größten Aufmärsche
von Rechtsextremisten in den vergangen Jahren. Knapp 1000 Polizisten
verhinderten Übergriffe und Ausschreitungen. Der Steuerzahler
trägt die Kosten.
up
SächsZ., 14.Februar 2004
Aus der Vergangenheit lernen
Tausende Dresdner erinnern an die
Bombardierung der Stadt am 13. Februar 1945 und mahnen Frieden
an
Von Claudia Schade
Mit Kranzniederlegung, Gottesdiensten, einer Kundgebung und stillem
Gedenken haben die Dresdner an die Zerstörung der Stadt vor
59 Jahren erinnert.
Das Gedenken ist hier noch so lebendig.“ Anette Houweleng
ist beeindruckt von den Erinnerungsveranstaltungen zur Zerstörung
Dresdens am 13. Februar 1945. „Die Menschen erinnern sich
hier viel intensiver als bei mir zu Hause in Rotterdam“,
sagt die 20-Jährige, deren Heimatstadt ebenfalls im Zweiten
Weltkrieg bombardiert wurde.
Die junge Frau ist mit neun anderen Niederländern nach Dresden
gekommen, um Eindrücke für ein Kunstwerk zu sammeln,
das in der Rotterdamer Innenstadt entstehen und die Verbundenheit
mit Dresden symbolisieren soll. Am Freitag nahm sie an der Gedenkveranstaltung
auf dem Heidefriedhof teil.
Mit einer Kranzniederlegung erinnerten Oberbürgermeister
Ingolf Roßberg (FDP), Landtagspräsident Erich Iltgen
(CDU) und der britische Verteidigungsattaché Brigadegeneral
Robert Pridham mit rund 200 Menschen an die Bombardierung vor
59 Jahren. Einige der Anwesenden hatten sich vorher an dem 18
Kilometer langen Friedenslauf von der Gedenkstätte Münchner
Platz zum Heidefriedhof beteiligt.
„Die Botschaft ist Versöhnung“
„Dies ist kein Tag für Rechthaberei und laute Töne“,
sagte Pfarrer Stephan Fritz später in der Frauenkirche. „Die
Botschaft dieses Tages ist Versöhnung, nicht das Aufmachen
alter Rechnungen.“ Rund 250 Gläubige waren am Abend
dem Aufruf zu einer ökumenischen Andacht gefolgt, beteten
für Frieden und empfingen einen Segen auf hebräisch.
Unterdessen demonstrierten antifaschistische und rechte Gruppen
in der Innenstadt und verursachten dort erhebliche Verkehrsbehinderungen.
Insgesamt waren 750 Polizisten am Abend in der Stadt im Einsatz.
Zu einer Kundgebung auf dem Altmarkt hatte die „Interessengemeinschaft
13. Februar 1945“ aufgerufen. Dort sind nach den schweren
Bombennächten etwa 7 000 Opfer verbrannt worden. „Das
erkannte eigene Leid lässt das Leid in der Ferne besser begreifen“,
sagte OB Roßberg in einer Ansprache. „Das Dresdner
Gedenken mahnt alljährlich über die Grenzen hinweg:
Nie wieder und nirgendwo Krieg.“
Die junge Niederländerin Houweleng traf sich am späten
Abend mit vielen Dresdnern mit Kerzen in der Hand an der Frauenkirche
und lauschte dem 15-minütigen Geläut aller Dresdner
Kirchenglocken. Sie ist sich gewiss: „Unser Kunstwerk, das
wir in Rotterdam aufstellen wollen, wird nur indirekt auf die
Bombardierung hinweisen. Denn wichtig ist die Zukunft und das,
was wir aus der Vergangenheit lernen.“
up
DNN, 14.Februar 2004
Gedenken an Symbolen und vergessenen
Orten
Thomas Hartwig
Eine schlichte Metallplatte mit der Aufschrift "Ort 59".
Mehr ist nicht zu sehen am Treppenaufgang der Klinik für
Orthopädie in der Pfotenhauerstraße. Wer in Eile ist,
übersieht die Platte. Wer Zeit hat, schaut genauer hin. Stellt
vielleicht Fragen. Das beabsichtigen die Künstler Jens Herrmann
und Arend Zwicker, die gestern Nachmittag das "Mahndepot
59" versenkten. An dem Ort, an dem bis zum 13. Februar 1945
die Städtische Frauenklinik stand.
Rund 50 Dresdner wohnten der Kundgebung vor der Klinik in der
Johannstadt bei. "Ich finde es gut, dass die Künstler
an Punkte erinnern, die nicht mehr so im Bewusstsein sind",
meinte Inge Kießling. "Die Frauenkirche ist ein Symbol
für den 13. Februar. Aber es gibt viel mehr Orte, an denen
Leid geschehen ist. Deshalb bin ich hier." Helga Reißler
hat den Angriff auf Dresden als Sechsjährige miterlebt. "Das
Heulen der Sirenen hat mich mein Leben lang begleitet. Das lässt
einen nie wieder los. Ich fühle mich einfach verpflichtet,
am 13. Februar der Opfer der Bombenangriffe zu gedenken."
An 59 vergessenen Orte haben die Künstler "Mahndepots"
versenkt. Metallhülsen mit einer kurzen Schilderung des Geschehens
vor 59 Jahren. "Die neue Katastrophe beginnt dort, wo die
alte vergessen wird", meinte Jens Herrmann, "wir wollen,
dass bemerkenswerte Orte im Zusammenhang mit der Vernichtung dieser
Stadt erkennbar bleiben." Kein instrumentalisiertes Gedenken
vor Symbolen, sondern nachvollziehbare Geschichte an Hand von
Geschichten. "Die meisten Hinweise für die Orte unserer
Depots haben wir von Dresdnern erhalten."
Mit einer Kranzniederlegung hatten am Vormittag die Feiern zum
Gedenken an die Zerstörung der Stadt vor 59 Jahren begonnen.
An der von etwa 200 Menschen besuchten Veranstaltung auf dem Heidefriedhof
nahmen unter anderen Oberbürgermeister Ingolf Roßberg
(FDP), der sächsische Kultusminister Karl Mannsfeld und Landtagspräsident
Erich Iltgen (beide CDU) teil.
Am Abend sagte Roßberg vor etwa 500 Menschen auf dem Altmarkt,
das Trauma des Krieges und der sinnlosen Zerstörung habe
die Bevölkerung der Stadt zum unbedingten Friedenswillen
geführt. "Wenn wir heute unserer Toten gedenken, dann
gedenken wir aller Toten, die dieser furchtbare Krieg forderte."
Der Krieg sei von Deutschland ausgegangen und habe am Ende auf
Dresden grausam zurückgeschlagen.
Überschattet wurde das Gedenken an den Jahrestag der Zerstörung
Dresdens von Provokationen und Ausschreitungen. Eine Gruppe angetrunkener
rechtsorientierter Jugendlicher brüllte am frühen Abend
an der Frauenkirche Parolen, teilte ein Polizeisprecher mit. Daraufhin
beorderte die Einsatzzentrale ein größeres Polizeiaufgebot
auf den Neumarkt, das mehrere Platzverweise aussprach und ein
Gedenken in Würde und Stille absicherte. Auf dem Altmarkt
kam es am Abend zu einer Schlägerei zwischen links- und rechtsorientierten
Personen, die von der Polizei unterbunden wurde. Auf einer "antifaschistischen"
Kundgebung mit 450 Teilnehmern am Güntzplatz wurde eine Deutschlandfahne
verbrannt. Insgesamt waren 900 Beamte im Einsatz.
Für Sonnabend haben mehrere rechte Gruppierungen eine Demonstration
angekündigt. Das Bündnis "Dresden gegen Rechts
- jetzt Gesicht zeigen" ruft für 11 Uhr am Kulturpalast
zu einer friedlichen Demonstration gegen rechte Umtriebe auf.
up
SächZ , 14. Februar 2004
Über 1000 Demonstranten
gegen Aufmarsch von Neonazis
dpa
Dresden - Mehr als 1000 Demonstranten haben in Dresden gegen
einen Aufmarsch der rechtsextremen Vereinigung „Junge Landsmannschaft
Ostpreußen“ protestiert. Unter den Demonstranten war
auch Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP).
Wie die Polizei mitteilte, richtete sich die Demonstration gegen
eine Veranstaltung, zu der rund 2000 Neonazis an die Elbe gekommen
waren. Der Protest war vom Bündnis „Dresden gegen Rechts“
organisiert worden, an dem neben anderen der Deutsche Gewerkschaftsbund
(DGB) und Bündnis 90/ Die Grünen beteiligt sind.
Zudem gab es eine Spontandemonstration von etwa 300 Menschen
gegen den Neonaziaufmarsch. Die am Samstag vom Zwingerteich aus
durch Dresden ziehenden Rechtsextremen wurden von der Polizei
begleitet und zum Teil kontrolliert.
Die „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“ versucht
seit mehreren Jahren, mit Veranstaltungen die Erinnerung an die
Bombenangriffe auf Dresden am 13. Februar 1945 zur Propagierung
ihres Gedankenguts zu nutzen. Dabei war es immer wieder zu Auseinandersetzungen
mit Gegendemonstranten gekommen. Am Samstag gab es nach Polizeiangaben
zunächst keine Zwischenfälle.
up
Sächsische Zeitung , 14. Februar 2004
Wenn Bücher nach Leichen
stinken
Jörg Friedrich, Autor von
„Der Brand“, polarisiert mit einem Bildband
Von Jonas Grashey
Über ausgebombte Städte, abgebrannte Häuser und
verkohlte Kinderleichen, über Bilder, die die Abgründe
der Menschheit dokumentieren, spricht niemand emotionslos. Das
weiß der Historiker Jörg Friedrich und zeigt genau
das in seinem Bildband „Brandstätten“. Er zeigt
Städte, Häuser und Leichen, die eines gemeinsam haben:
Sie liegen auf deutschem Boden darnieder. Deutsche Opfer der alliierten
Bombenangriffe. Englands Premier Churchill bezeichnete das Vernichten
deutscher Zivilbevölkerung damals selbst als Terror.
Darauf beruft sich Friedrich gerne – auch wenn er für
sein Buch wirbt, wie am Donnerstag im Dresdner Dreibrückenhaus
vor 250 Zuhörern. Er weiß, dass er emotionalisiert.
Seine Darstellungen deutscher Opfer sind aber zugleich Wasser
auf die Mühlen derer, die die Opferrolle Deutschlands beschwören
– selbst wenn Friedrich dies nicht beabsichtigen mag. Der
Grat, auf dem er mit nach verbrannten Menschen stinkendem Bildmaterial
wandelt, ist schmal. Und wer die Augen nicht für die historische
Realität öffnen mag, fällt hinab. Oft nach rechts.
Gewagte Vergleiche mit der Gegenwart
Er zieht Parallelen zwischen dem Terror alliierter Bomber und
dem palästinensischer Selbstmordattentäter von heute.
Terroristen seien Erzieher, die Veränderungen erzwingen müssten.
Es erscheint fragwürdig, ob eine Diskussion an Gehalt gewinnt,
die ohnehin Tausende von Nachkommen schmerzt, wenn sie auf eine
sehr vereinfachende Ebene gezerrt wird. Eine Erklärung für
sinnloses Sterben, so es denn überhaupt sinnhaftes Töten
gibt, findet Friedrich auf diesem Weg nicht. Das weiß er
– gerade deshalb verwundern solch sehr gewagte Vergleiche.
Eine plausible Begründung für den Flächenbrand
deutscher Städte ohne militärischen Wert ab 1945 gibt
es nicht. Zumal das „moral bombing“, das die deutsche
Gefolgschaft der Diktatur beenden sollte, das Volk weiter in die
Fänge des Nazi-Regimes trieb.
In den USA herrscht die Meinung, diese Angriffe hätten für
den Krieg nicht viel, für den Frieden danach jedoch umso
mehr gebracht. Der neue deutsche Pazifismus fußt auf den
Trümmern Dresdens – nach Friedrichs Vergleich terroristische
Pädagogik. Verheerendes Flächenbombardement war eine
deutsche Erfindung, erprobt über Guernica, London und Coventry,
Friedrich lässt dies nicht unbeachtet. Er verfälscht
Geschichte nicht und ist auch kein Revisionist, wie es ihm vorrangig
der linke Flügel des politischen Spektrums vorwirft. Doch
mit einer einseitigen Perspektive und nach Sensation heischenden
Bildern nährt er den Mythos des deutschen Opfervolks.
Jörg Friedrich, Brandstätten – Der Anblick des
Bombenkriegs. Propyläen-Verlag, 29 Euro
up
Sächsische Zeitung (Kultur ), 13.02.2004
Geschichte
Unterwanderte Erinnerung
Das Gedenken an die Zerstörung Dresdens wird immer stärker
von Rechtsextremen ausgenutzt, und Linksextreme halten immer lauter
dagegen
Oliver Reinhard
Sie marschieren wieder. Wie in jedem Jahr stiefeln hunderte Rechtsextremisten
am 13. Februar nach Dresden, um das Gedenken an den Bombenangriff
von 1945 für ihre Zwecke zu nutzen. Die deutsche Rechte –
allen voran NPD und „Nationale Jugend“ (NJ) –
hat Dresden zur „Hauptstadt der Bewegung“ erkoren
und sucht sie bei mehreren Gelegenheiten heim. Am liebsten im
Februar; längst ist das Gedenken an die Bombardierung „national“
unterwandert. Matthias Neutzner von der „Interessengemeinschaft
13. Februar“ befürchtet, dass „das Datum für
die rechte Szene irgendwann eine ähnliche Bedeutung bekommt
wie ,Führers Geburtstag‘“.
Das Bisherige ist schon bedenklich genug. So werden sich heute
wohl wieder, wie in den Jahren zuvor, Größen der rechten
Szene wie der NPD-Vorsitzende Holger Apfel und -Landeschef Winfried
Petzold mit weiteren „Kameraden“ zur offiziellen Kranzniederlegung
auf dem Heidefriedhof anstellen. Am 14. findet ihr „Trauermarsch“
statt. Offenes Auftreten von Rechtsextremen in Schweige- oder
ähnlichen Märschen ist eine bedrohliche Plage, ihre
eher heimliche Präsenz – wie auf dem Friedhof –
aber ist ungleich gefährlicher. Und gerade in dieser Strategie
werden die Bemühungen jedes Jahr intensiver.
Der Charakter der Veranstaltung macht es der Rechten relativ
leicht, mit Bauernfänger-Sprüchen auch von unpolitischeren
Menschen akzeptiert zu werden. Schließlich gilt das Gedenken
zunächst deutschen Opfern und ist für viele ein Ventil,
um sich vom Druck des (historisch unhaltbaren) „Tätervolk“-Stigmas
zu befreien. Dass es an diesem Tag weniger um deutsche Täterschaft
und Kriegsschuld geht, liegt an der Natur des Ereignisses, dessen
gedacht wird. Das ist nicht unproblematisch – und wird von
der extremen Rechten ausgenutzt.
Ihr geschichtsideologisches Hauptziel ist die Relativierung der
NS-Verbrechen. Da kommen ihnen die Dresdner „Kriegsverbrechen“
der Alliierten gerade recht. „An disem zentralen Punkt der
historischen Identität der Stadt knüpfen sie an“,
sagt Jens Hommel von der Böll-Stiftung. „Die extreme
Rechte behauptet, auch hier habe Völkermord stattgefunden.
Den rechnen sie auf gegen den tatsächlichen, den Holocaust.“
Ihre übergeordnete und mehrheitsfähige Forderung nach
„würdigem Gedenken“ an die Opfer – das
wollen schließlich viele – ist dabei gewissermaßen
das Einfallstor in die Köpfe anderer Trauernder. Und ihr
Verhalten: Neonazis und „Nationale“ machen auf handzahm,
diszipliniert, verschrecken die zumeist älteren Bürger
nicht, integrieren sich als scheinbar harmlose Mittrauernde in
die Menge, um sich selbst und ihre „Thesen“ darin
hoffähig zu machen.
Wer sich über ihre Aktionen informieren will, ist bei der
Stadtverwaltung an der falschen Adresse. Das Bündnis „Dresden
gegen Rechts“ (www.dresden-gegen-rechts.de) ruft unter Schirmherrschaft
von OB Roßberg für den 14. Februar zur Gegendemo auf.
Das informativste Web-Portal ist jedoch das der Dresdner Antifa
(venceremos.antifa.net). Es gibt detailliert Auskunft über
geplante Aktionen, Köpfe und Teilnehmer rechtsextremer Umtriebe.
Und über Aktionen wie die eigene Antifa-Gegendemo, die am
Freitag um 17 Uhr am Albertplatz startet. Gleichzeitig zeigt sich
dort auch die ganze Problematik der linksextremen Antifa: Sie
stellt das Opfer-Gedenken vollständig als Revisionismus dar.
„Keine Tränen für Krauts“ heißt es,
und „Deutsche Täter sind keine Opfer“.
„Dresden war sicher keine unschuldige
Stadt“
Damit spricht sie den Gedenkenden jedes Recht auf Trauer ab.
Und ignoriert, dass gerade in Dresden die Verschränkung von
deutscher Täter- und Opferschaft besonders intensiv war.
Ohne diesen Zusammenhang aber ist weder die Dresdner Geschichte
noch die NS-Zeit insgesamt zu begreifen.
„Dresden war sicher keine unschuldige Stadt“, sagt
Matthias Neutzner. „Aber Opfer Betrauernde als Revisionsten
darzustellen, dem liegt ein höchst fragwürdiger moralischer
Maßstab zu Grunde. Man darf den Blick aufs Gedenken nicht
so unzulässig verengen.“ Es gibt triftige Gründe
für den Zorn der Antifa. Doch leidet ihr Anliegen –
das Aufmerksam-Machen auf rechte Infiltration – zusätzlich
darunter, wie sie dies tun: „Dass sie gegen Rechte stänkern,
ist in Ordnung“, sagt Jens Hommel. „Leider beschimpfen
sie auch normale Trauernde, verteilen verhöhnende Flugblätter,
werfen Stinkbomben.“ Mit der Folge, dass die Antifa bei
vielen Trauernden als „Krawallos“ dastehen, im Gegensatz
zu den „zahmen“ Neonazis in deren Reihen. Das Dresden-Dilemma
ist tief: Je intensiver sich Rechtsextreme das Gedenken aneignen,
umso wütender reagiert die extreme Linke. Doch kann rechte
Verzerrung von Geschichte und Gegenwart kaum sinnvoll durch linke
Pauschalurteile bekämpft werden. Ebensowenig wie ein Verbrechen
das andere aufhebt.
Demo des „Bündnis gegen Rechts“: ab Sonnabend,
11 Uhr, Kulturpalast (DD)
Kleines Zeugnis großen Leids – auf dieser Karte vom
16. Februar 1945 hinterließ eine Mutter die Worte: „Alle
drei leben, Stadt weg“.
up
Sächsische Zeitung, 13.2.2004
Vereinter Protest
Dresden zeigt Gesicht gegen Rechts
/ Morgen Demo
Für morgen haben sich 1 500 Rechtsextreme zu einer Großdemonstration
in Dresden angekündigt. Die Extremisten wollen den Jahrestag
der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg für ihre
Zwecke instrumentalisieren.
Doch Elbflorenz ist für den Aufmarsch der "braunen
Kameraden" gerüstet, das Bündnis "Dresden
gegen Rechts" organisiert eine Gegendemo.
Seit Wochen werben 300 Plakate über die Stadt verteilt,
fordern die Dresdner auf, Gesicht zu zeigen. Diesem Aufruf sollen
vor allem junge Leute nachkommen, wenn morgen Vormittag gegen
Rechts demonstriert wird. "Gerade Jugendliche sollten klar
machen, dass diese Stadt ihnen gehört", sagt Organisator
Rolf Neher. Die jungen Menschen müssten den Geist der Friedensdemos
fortsetzen und sich gegen rechte Einflüsse wehren.
Darin besteht auch die Arbeit des Bündnisses gegen Rechts.
Personen und Gruppen aus der Region haben sich in ihm zusammengeschlossen,
um gemeinsam gegen Rechtsextremismus vorzugehen. Auch der Stadtschülerrat
ist in der Vereinigung dabei und setzt sich für deren Ziele
ein.
Julia Bonk wird morgen selbst auf die Straße gehen, weil
"wir als junge Generation in der Verantwortung stehen",
so die Vorsitzende des Stadtschülerrats. Deshalb sei es besonders
wichtig zu zeigen, dass sich die Rechtsextremen in der Minderheit
befinden.Cornelius
Treff zur Demo ist morgen, 11 Uhr vor dem Kulturpalast.
www.dresden-gegen-rechts.de
up
Sächs.Z, Freitag, 13. Februar 2004
Der Maler Rudolf Reimer vor seinem Bild „Inferno“
in seinem Langebrücker Atelier. Mit seiner Palette und dem
Pinsel konnte er die Erlebnisse aus dem Jahr 1945 verarbeiten.
Foto: Michael Trapp
Eine ganze Stadt in Flammen
13. Februar 1945: Der Langebrücker
Rudolf Reimer erlebte den Bombenangriff auf Elbflorenz mit
Von Iris Schmidt
Kurz vor 18 Uhr nehmen 245 Lancaster-Maschinen und neun Mosquito-Bomber
der Royal Air Force Kurs auf Dresden. Um 21.39 Uhr wird in der
Stadt Fliegeralarm ausgelöst. Fünf Minuten nach zehn
fällt eine der ersten Markierungsbomben am Stadion im Ostragehege.
Der Angriff beginnt um 22.13 Uhr. Die Innenstadt steht in Flammen.
Ein zweiter Angriff folgt in der nächsten Nacht. Dresden
brennt auf einer Fläche von 15 Quadratkilometern. Der Uhrmachermeister
und Maler Rudolf Riemer erinnert sich.
Dieses Datum, das sich in das Gedächtnis vieler Menschen
eingebrannt hat, fiel 1945 auf einen Dienstag. Es war der 13.
Februar, der Faschingsdienstag kurz vor Kriegsende, also Fastnacht.
Der heute 80-jährige Mann war damals in der Stadt. Genauer
in der Johannstadt, in der Pfotenhauer Straße. Dort besaß
die Familie eine Filiale ihres Uhrmachergeschäftes. Eigentlich
war Reimer in Pirna in der Waffenmeisterei stationiert. Auf der
Suche nach seinem Bruder trieb es ihn nach Dresden. Vorbei an
der Vogelwiese, wo Gräben ausgehoben waren. Sie sollten vor
Granatsplittern schützen.
Der Mann steht vor seinem Bild, das den Canaletto-Blick nachempfindet.
Allerdings im Jahr 1945. 34 Personen sind hier verewigt. Seinen
Erlebnissen hat Reimer Erzähltes hinzugefügt. Damals
war ein Zirkus in der Stadt. Eine Artistin, die mit ihrer Kostümierung
im Zentrum der Komposition steht, hat ihr Pferd am Zügel.
Kurze Zeit später ist sie tot. Vor der Hofkirche im Hintergrund
laufen menschliche Fackeln in Richtung Elbe, versuchen, sich zu
retten. Alle sind auf der Flucht. „In Richtung Weißer
Hirsch oder wenigstens in die Neustadt, raus aus dem Zentrum von
Dresden“, erinnert er sich. Rudolf Reimer fasst sich an
die Stirn. Es folgt eine Handbewegung. „Knapp einen halben
Meter waren die Menschen groß, nach dem Phosphorangriff“.
Der Maler und Uhrmachermeister hat lange gebraucht, diese traumatischen
Erlebnisse zu verarbeiten. Das Bild „Inferno“ wollte
er im nächsten Jahr fertig haben. Dann jährt sich der
Angriff auf Dresden zum 60. Mal. Dass das Gemälde jetzt schon
vollendet ist, nur das Entstehungsjahr neben der Signatur fehlt
noch, begründet er mit seinem Alter. „Man hat mit 80
nicht mehr so viel Zeit“, sagt Reimer.
Der Wahl-Langebrücker ist seit 1980 am Heiderand zu Hause.
Der Uhrmachermeister wurde in Bernstadt in der Oberlausitz geboren.
Nach der Schule und der Lehre im Betrieb des Vaters war er im
Krieg Soldat und in russischer Kriegsgefangenschaft. „Ich
habe immer gemalt, aber damals besonders“, sagt Rudolf Reimer
über diesen Lebensabschnitt. Auf Papierschnipseln hielt er
damals seine Erinnerungen fest. Auch die, an die Artistin Sarah,
die mit ihrer Pferdedressur damals berühmt war.
Nur mit dem Pinsel in der Hand konnte er die Erlebnisse vom Februar
1945 bewältigen. Den Betrachter seines Bildes überrascht
der leuchtend blaue Himmel und der Feuerschein. „Der Rauch
und der Qualm kamen erst später. Der Himmel war rot damals“,
weiß Rudolf Reimer. In den beiden Nächten der Angriffe
auf Dresden, am 13. und 14. Februar, war es taghell vom Feuerschein.
35 000 Tote - für ihn noch immer unfassbar. Damals wollte
eine Großmacht der anderen etwas beweisen, ist sich Reimer
sicher. „Die Russen standen doch schon an der Neiße“,
begründet er seine Ansicht. Alle Kategorien des Schreckens
hätten die Dresdner erlebt. Und die Worte, die man dafür
hätte, wären alle zu schwach. Furchtbar, schrecklich,
grausam, Phosphor. Auch heute, 59 Jahre danach, kann er kaum darüber
sprechen. In die Johannstadt zurückgekehrt, standen vom Haus
seines Vaters nur noch ein paar Wände. „Vom Laden aus
im Parterre konnte man den Himmel sehen, denn die Häuser
brannten ja von oben nach unter durch“, sagt Rudolf Reimer.
Wenn eine Stadt in Flammen steht...
Am Sonntag, dem 7. März, wird eine Ausstellung mit seinen
Bildern im Radeberger Schloss Klippenstein eröffnet. Da sind
dann bis zum 2. Mai Werke von Rudolf Reimer zu sehen. Auch das
Dresden Bild „Inferno“ ist dabei. Es wird direkt neben
seiner aus dem Jahr 1939 stammenden Ansicht vom Königsufer
aus hängen.
Heute um 21.45 Uhr läuten in Dresden alle Kirchenglocken
zum Gedenken an die Opfer vom 13. und 14. Februar 1945 und erinnern
an die Zerstörung der Stadt.
up
Sächsische Zeitung Dresden, 12. Februar
2004
Mit zahlreichen Störungen
muss gerechnet werden
Freitag und Sonnabend viele Demos
in der Innenstadt
Von Alexander Schneider
Alle Jahre wieder am 13. Februar marschieren Rechtsextremisten
durch die Dresdner Innenstadt. Da der 13. jedoch 2004 auf einen
Freitag fällt, planen die Rechten zusätzlich am Sonnabend
einen Umzug. Und weil das so ist, sind nun auch andere Initiativen
aktiv geworden, darunter das Bündnis Dresden gegen Rechts
mit Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) an der Spitze.
Dresden steht ein extremes Demo-Wochenende bevor – Staus
werden unvermeidbar sein. Und wohl auch Störungen einzelner
Veranstaltungen, die bereits mehr oder weniger offen angekündigt
sind.
Veranstalter der rechten Umzüge ist die Junge Landsmannschaft
Ostpreußen (JLO), eine Organisation, in der bekannte Rechtsextremisten
aktiv sind, und die daher seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet
wird. Die JLO hat für Freitag ab 18 Uhr und Sonnabend ab
12 Uhr Versammlungen angemeldet. Treff ist am Zwingerteich. Von
dort werden die Rechten losmarschieren – wenn auch nicht
in Springerstiefeln, denn die müssen auch in diesem Jahr
zu Hause bleiben. Die Stadtverwaltung hat bei ihrer Auflagen-Liste
auf die des vergangenen Jahres zurückgegriffen.
Linksextreme, antifaschistische und autonome Gruppen haben angekündigt,
diese Veranstaltungen behindern zu wollen. Zur Erinnerung: Vor
einem Jahr wurde nach der JLO-Veranstaltung am Sachsenplatz von
links-autonomen Kreisen in der Lennéstraße eine Straßenbahn
gestürmt, in der Teilnehmer des JLO-Marsches saßen.
Eine Gruppe namens „Freitag der Dreizehnte“ will am
Freitag, 17 Uhr, vom Albertplatz „lautstark und fröhlich“
gegen den deutschen Opfermythos Stimmung machen – Richtung
Innenstadt und vielleicht auch vor der Frauenkirche. Denn auch
dort wird wieder mit Provokationen zu rechnen sein.
Mit Fingerspitzengefühl, aber angemessen
„Wir werden mit Fingerspitzengefühl, aber angemessen
reagieren“, sagt Dresdens stellvertretender Polizeichef
Andreas Wunderlich dazu. Doch die Menschen sollen hier in Ruhe
der Opfer gedenken können. Viele Staus und ein großer
Polizeieinsatz werden sich jedoch am Wochenende nicht vermeiden
lassen. Wunderlich: „Öffentliche Versammlungen sind
Grundrechte, die wir schützen müssen.“
Das Bündnis Dresden gegen Rechts trifft sich am Sonnabend
11 Uhr am Kulturpalast. Die Veranstalter – darunter der
Deutsche Gewerkschaftsbund, Kirchen, Parteien und die TU Dresden
– rufen die Bürger auf, erneut Gesicht gegen rechte
Umtriebe in der Stadt zu zeigen. Das Motto lautet „Dresden
rechts? – Dresden reicht’s!“ Die Demo führt
über Pirnaischen Platz und Rathaus zurück zum Altmarkt.
„Wir wollen den Nazis zeigen, dass wir für die übergroße
Mehrheit stehen“, sagt DGB-Chef Rolf Neher.
up
Sächsische Zeitung Kultur 11.02.2004
Gravuren des Krieges
Dresdner Künstler arbeiten
an einer imaginären Landkarte des Erinnerns an die Zerstörung
von 1945
Von Birgit Grimm
Je länger die Zerstörung Dresdens zurückliegt,
umso dichter wird das Netz der Erinnerung. Seit drei Jahren arbeiten
Karin Esther du Vinage, Jens Herrmann, Matthias Neutzner und Arend
Zwicker als Künstlergruppe „kunstplan“ an einer
imaginären Landkarte. Sie markieren in Dresden Orte der Zerstörung,
Orte der Erinnerung. „Mahndepots“ werden – unter
tatkräftiger Hilfe einer Firma namens „Betonknacker“
– in den Boden eingelassen. In Edelstahlhülsen –
sechs Zentimeter im Durchmesser und zehn Zentimeter lang –
befinden sich Informationen über die Geschichte des Ortes
und ein aktuelles Foto. Da sie mit der Straßenoberfläche
abschließen, sind sie kaum zu erkennen, auch wenn die Verschlusskappe
mit dem Wort ORT beschriftet ist und eine Nummer trägt. Nachdem
im ersten Jahr zahlreiche Mahndepots gesetzt wurden, folgt nun
zu jedem 13. Februar eines.
Am Freitag. dem 59. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, wird
von den Künstlern der 59. Ort an der Pfotenhauer Straße
90, der Orthopädie des Uniklinikums Dresden, markiert. Folgenden
Text geben sie in die Erde: „Wie für alle anderen medizinischen
Einrichtungen galt für die renommierte Staatliche Frauenklinik
die Anordnung, nicht ,reichsdeutsche‘ Patienten strikt getrennt
vom normalen Betrieb zu behandeln und unterzubringen.
Im angrenzenden städtischen Gerhard Wagner Krankenhaus waren
dazu mehrere Baracken errichtet worden. Die fachlich hoch geschätzte
Leitung der Frauenklinik widersetzte sich dem und brachte Fremd-
und Zwangsarbeiterinnen zusammen mit deutschen Frauen unter. Die
im Winter 1944/45 immer spürbarere Luftkriegsgefahr bedrohte
alle Patientinnen gleichermaßen. Für bauliche Schutzmaßnahmen
oder eine umfassende Evakuierung fehlten jedoch auch in der Frauenklinik
die notwendigen Ressourcen, so dass sich die Vorkehrungen weitgehend
auf organisatorische Regelungen beschränkten.
Die Namen sind noch in Erinnerung
Nachdem am späten Abend des 13. Februar 1945 Fliegeralarm
ausgelöst wurde, transportierte das Personal der Frauenklinik
Patientinnen und neugeborene Kinder in provisorisch vorbereitete
Kellerräume. Die Gebäude der Frauenklinik wurden bereits
während des ersten nächtlichen Angriffes schwer getroffen.
Während mehr als 70 Neugeborene geborgen und per Lkw abtransportiert
werden konnten, starben viele Frauen in verschütteten Kellerräumen.
Frau J. berichtet: „Unter ihnen befand sich eine Frau aus
meinem Haus, die Zwillinge erwartete. Die Namen Regine und Gesine
sind mir noch in Erinnerung. Der Vater wollte eigentlich an einem
Mittwoch, das war die nächste Besuchszeit, kommen und seine
Familie in die Arme nehmen. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.
Unter den Toten waren auch die junge Frau und ihre Zwillinge.“
Auch im Gerhard Wagner Krankenhaus hatten die Luftangriffe schwere
Schäden zur Folge. Die Kinderklinik und weitere Gebäude,
darunter die Krankenhauskirche, wurden durch Sprengbomben getroffen
oder brannten aus.“
Öffentliche Markierung des 59. Ortes am 13. Februar, 15
Uhr im Uniklinikum Dresden, Pfotenhauer Str. 90
up
Sächsische Zeitung,
5. Februar 2004
Erfahrung mit Gänsehaut
Schüler im Gespräch mit
Augenzeugen des Angriffs
„Mir kamen fast die Tränen.“ Nadine Berndt geht
in die elfte Klasse am Gymnasium Klotzsche und war gestern Nachmittag
eine von nur neun Schülern im Stadtarchiv. Das hatte zum
Gespräch mit Augenzeugen des Bombardements auf Dresden eingeladen.
„Wenn man die Menschen sieht, die den Angriff am 13. Februar
1945 überlebt haben, ist das viel eindringlicher, als wenn
man nur darüber liest“, sagt die Schülerin. Sie
hat bei den Schilderungen der Beteiligten eine Gänsehaut
bekommen. „Ich frage mich, wie sie in der Lage waren, danach
ein normales Leben zu führen.“ Bei der Gedenkveranstaltung
stellte die Initiative Kunstplan außerdem den 59. Ort vor,
den sie als Mahndepot am 13. Februar markieren will. Mit der Versenkung
einer Edelstahlhülse auf der Pfotenhauer Straße 90
soll der Bombardierung der Frauenklinik gedacht werden. Dort starben
während des ersten nächtlichen Angriffs auf die Stadt
viele Frauen in verschütteten Kellerräumen. Mehr als
70 Neugeborene konnten jedoch rechtzeitig mit Lastwagen weggebracht
und dadurch gerettet werden. (SZ/cs)
up
Sächsische Zeitung (Dresden), 03. 02.
2004
Anwohner kämpfen gegen Ruine
Schandfleck mitten im Wohngebiet
ist noch ein Relikt des Zweiten Weltkriegs
Von Sebastian Thiel
Schon lange ist den Anwohnern das Ruinengrundstück in der
Lindengasse, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, ein Dorn
im Auge. Die Reste der ehemaligen „Lindengaragen“
sind noch ein Relikt des Zweiten Weltkrieges. Es ist kaum zu glauben,
dass fast 60 Jahre später und unweit vom touristischen Zentrum
Dresdens Menschen noch immer täglich mit den Narben der Zerstörung
konfrontiert werden. Für Frank Schröter, der selbst
langjähriger Anwohner war, Grund genug, die Initiative zu
ergreifen: „Viele ältere Menschen hier haben den Angriff
noch selbst miterlebt und werden durch die Ruine noch oft daran
erinnert. Für die anderen ist es zumindest ein unschöner
Anblick – nicht nur für die Anwohner, sondern auch
für die vielen Touristen, die täglich auf dem benachbarten
Parkplatz halten.“
In der Vergangenheit wurden auf dem Gelände eine Kfz-Werkstatt
und eine Tankstelle betrieben. Der durch Ölschlämme
kontaminierte Boden und unterirdische Tanks bereiten den Nachbarn
Sorgen. Seit der Wende versuchte die Stadt erfolglos, einen Investor
zu finden, der das Gelände saniert und Wohnungen baut. Seit
letztem Jahr ist das Bundesvermögensamt für das Grundstück
zuständig. Dessen Vertreter, Ivo Grünewald, dämpft
jedoch die Hoffnungen der Anwohner auf eine baldige Lösung
des Problems: „Das Interesse der Investoren ist derzeit
gering, hinzu kommt der erhebliche Sanierungsbedarf des Untergrunds.“
Am 12. Februar, 19 Uhr, befasst sich der MDR-Sachsenspiegel mit
dem Thema.
up
Sächsische Zeitung
, 31. Januar 2004
Notiert
Dresden wehrt sich
gegen rechten Aufmarsch
Dresden. Das Bündnis „Dresden gegen Rechts“
hat zu Protesten gegen einen am 13. Februar in der Landeshauptstadt
geplanten Neonazi-Aufmarsch aufgerufen. Mehr als tausend Rechtsextremisten
wollten erneut das Gedenken gegen die Zerstörung Dresdens
vor 59 Jahren für ihre Zwecke missbrauchen, heißt es
in dem Aufruf, der unter anderen von Oberbürgermeister Ingolf
Roßberg (FDP) und dem Intendanten des Staatsschauspiels,
Holk Freytag, unterzeichnet ist. Gegen den Aufmarsch sei am 14.
Februar, 11 Uhr eine Demonstration am Kulturpalast vorgesehen.
(epd)
up
Dresdner Neueste Nachrichten,
31. Januar 2004
Bündnis gegen Rechts fordert Zivilcourage
Das überparteiliche Bündnis "Dresden
gegen Rechts - Jetzt Gesicht zeigen" ruft am Sonnabend, dem
14. Februar, um 11 Uhr am Kulturpalast zu einer friedlichen Demonstration
gegen rechtsextreme Umtriebe auf. Hintergrund des Aufrufs sind
geplante Aufmärsche rechter Gruppierungen am 13. und 14.
Februar in der Landeshauptstadt. Oberbürgermeister Ingolf
Roßberg (FDP) hat nach Auskunft der Initiative die Schirmherrschaft
übernommen. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs sollen unter
anderem Schauspiel-Intendant Holk Freytag und Universitäts-Rektor
Hermann Kokenge zählen.
Es sei beschämend, so die Initiative, dass Dresden aus Anlass
des 13. Februar zum Schauplatz des bundesweit zweitgrößten
rechtsextremen Aufmarschs werden soll. Gerade am Jahrestag der
Zerstörung Dresdens durch Bombenangriffe der Engländer
und Amerikaner solle es eine trauernde Erinnerung und kritische
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geben, nicht aber einen
Tag der Fackel tragenden Aktivisten und Mitläufer alter und
neuer Nazis. "Wir wollen Widerstand gegen Geschichtsfälschung
und Relativierung der Nazi-Verbrechen zeigen", heißt
es in dem Aufruf.
In den vergangenen Jahren hatten rechte Gruppierungen den 13.
Februar zu Aufmärschen durch Dresden genutzt. So demonstrierten
2003 mehr als 1000 Sympathisanten der rechten Szene von der Semperoper
zum Sachsenplatz. Nur vereinzelt war der Aufmarsch auf Widerstand
gestoßen. Die Initiative befürchtet, dass die rechte
Szene mit einer am Sonnabend, 14. Februar, angemeldeten Demonstration
bundesweit Anhänger mobilisiert.
Die Dresdner müssten auch vor dem Hintergrund der bevorstehenden
Kommunalwahl ein Zeichen setzen, heißt es in dem Aufruf.
Mehrere einst zersplitterte rechte Parteien hätten sich zu
einem Bündnis zusammengeschlossen, um den Einzug in das Stadtparlament
zu schaffen. "Wir wollen nicht zulassen, dass menschenverachtenden
Ideologien in unserer weltoffenen und toleranten Stadt ein Platz
gegeben wird." Es gehe nicht um eine Behinderung des Rechtes
auf freie Meinungsäußerung, sondern um ein Zeichen
von Zivilcourage der Dresdner auf den Straßen ihrer Stadt.
Th. Hartwig
up
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