Vortrag im Jour Fixe der Initiative Sozialistisches Forum
am 18. Juni 2002
Die Fakten
In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945
griff die Royal Air Force die bis dahin weitgehend verschont
gebliebene Stadt Dresden mit großen Bomberverbänden
an. Der erste Angriff erfolgte von 22.03 bis 22.28, durch 235
viermotorige Lancasters und 9 zweimotorige Mosquitoes der 5.
Group und war erfolgreicher und genauer als erwartet. Von 01.25
bis 01.55 erfolgte der zweite mit 524 Lancasters der 1., 3.,
6., und 8. PFF Group. Beide Angriffe erfolgten unter den Schutzschirm
von Fernnachtjägern der 100. Group und der 11. Group des
Fighter Command. Der erste Angriff hatte einen Feuersturm ausgelöst,
der die Innenstadt, ca. 15. Quadratkilometer, niederbrannte.
Hierbei kamen 15 bis 30.000 Menschen um, da für Luftschutz
nicht hinreichend gesorgt war. Am darauf folgenden Tage ging
von 12.17 bis 12.31 ein dritter Angriff auf das Stadtgebiet
nieder, diesmal amerikanische Flugzeuge, 311 B-17 »Flying
Fortress« der 379., 303., 384. ,305., 92., 306., 401.,
457. und 351 Bombardment Group in der 8. US-Air-Force unter
dem Schutz von 187 Langstrecken-Jägern, der wegen des Wetters,
fliegerischer und technischer Pannen wenig erfolgreich war und
das Ziel, den Verschiebebahnhof Friedrichstadt, verfehlte.
Im Rahmen der Bombardierung von Städten,
die Ursache dafür waren, daß die Alliierten den Krieg
gewannen, war die einzige Besonderheit, daß Dresden vorher
kaum Angriffen unterlag und die Bevölkerung keinerlei Erfahrung
mit Luftangriffen hatte. Daraus ergaben sich auch nicht immer
böswillige Fehlerinnerungen an die Ereignisse, die später
instrumentalisiert wurden.
Die Stadt Dresden war ein wichtiges Zentrum der
Verwaltung, des Transport- und Kommunikationswesen, neben Berlin
und Leipzig die größte deutsche Stadt unmittelbar
im Rücken der Ostfront, besaß eigene militärische
Anlagen, Kasernen und Truppen. Die Produktionsbetriebe waren
vollständig in die Struktur der Rüstungsindustrie
integriert.
»Dresden wurde, in Erwartung alliierter
Luftangriffe, von verschiedenen Luftabwehrsystemen geschützt:
Flugabwehrkanonen und Scheinwerfern. Die Dresdner Luftverteidigung
unterstand dem gemeinsamen Luftwaffenbefehlsbereicht für
Dresden (Korpsgebiet IV) und Berlin (Korpsgebiet III).«
[1]
schildert Joseph W. Angell die Erfahrung aus dem
Jahre 1944, aufgrund dessen davon auszugehen war, daß
Dresden verteidigt würde und als legitimes Kriegsziel zu
gelten hatte. Besonders bedrohlich waren allerdings nur die
Flak-Konzentrationen um Ruhland und Brüx, nachdem ein Teil
der Flak in den Westen abgezogen worden war. Allerdings hatte
die Royal Air Force schon ihre schmerzliche Erfahrung mit der
deutschen Flugabwehr gemacht.
Denn für die Royal Air Force war der Bombenkrieg
zunächst einmal eine sehr verlustreiche Sache. Waren die
Deutschen zuerst bei den ersten Nachtangriffen auf das Ruhrgebiet
im Mai 1940 überrascht worden und hatte wenig Vorkehrungen
getroffen, so begann alsbald unter der Führung von Luftwaffengeneral
Joseph Kammhuber der Aufbau eines Verteidigungssystems, das
unter dem Namen »Kammhuber-Linie« bekannt wurde.
Eine Staffel schwerer Nachtjäger vom Typ Me 110 ging gegen
die von der Flugabwehr mit Scheinwerfern angestrahlten britischen
Bomber vor. Da die Luftangriffe in Intervallen erfolgten, hatten
die Nachtjäger genug Zeit ein Flugzeug nach den anderen
anzugreifen. So wurden 1940 492 und 1941 1034 Bomber abgeschossen,
ca. ein Drittel davon von Flakgeschützen. Die Verlustquote
war so hoch, daß das Bomber Command Schwierigkeiten hatte,
die ausgefallenen Maschinen zu ersetzen. Erst im Frühjahr
1942, nachdem am 23. Februar Luftmarshall Arthur Harris zum
Chef des Bomber Commands ernannt wurde, begannen technische
und taktische Verbesserungen. Harris war in den 30er Jahren
zum Befürworter von Bombardierungen geworden und war davon
überzeugt, daß »das Kriegspotential des Feindes
zu zerstören« die sicherste Methode sei, einen Krieg
zu gewinnen. Nach dem Krieg wurde Harris unberechtigt beschuldigt,
für die Flächenbombardierungen persönlich verantwortlich
zu sein und dabei um einer strategische Chimäre willen,
der Brechung der Kriegsmoral der Bevölkerung, einen Terrorbombenkrieg
geführt zu haben. Diese Anschuldigung ist aber keineswegs
triftig, die Strategie der Flächenbombardierung hatte sich
schon weit früher als notwendige Konsequenz durchgesetzt:
»Die Strategie der Flächenbombardierung
hatte sich schon Monate vor Harris´ Übernahme des
Bomberkommandos als operative Notwendigkeit durchgesetzt. Die
Ungenauigkeit der Angriffe auf einzelne Fabriken oder Eisenbahnknotenpunkte
zwang das Bomberkommando dazu, andere Wege zu gehen, um eine
allgemeine Unterbrechung der Kriegsanstrengungen und Demoralisierung
der Fabrikarbeiter zu erreichen. Im Mai 1941 sandte Lord Trenchard,
bis 1930 Chef des Luftstabs, ein Memorandum zur Luftkriegsführung
an Churchill, das schon angestaubtes Diktum von der niederschmetternden
moralischen Wirkung der Bombardierung wiederholte und mit der
These verband, die Deutschen seien besonders anfällig für
,Hysterie und Panik´. Der Bericht wurde von den Oberbefehlshabern
der Streitkräfte mit Zustimmung gelesen. (...) Im Februar
1942, eine Woche vor Harris´ Ernennung, wies man das Bomberkommando
förmlich an, alle Anstrengungen ,auf die Moral der feindlichen
Zivilbevölkerung´ zu konzentrieren. Die Konzeption
der Flächenbombardierung war also längst festgelegt,
als Harris sein Amt antrat, und ist nicht erst von ihm erfunden
worden. Harris hegte nicht den geringsten Zweifel daran, daß
,die Moral´ ein äußerst problematisches Zielobjekt
darstellte und einem ,aus der Verzweiflung geborene(m) Rat´
entsprang. Er ging davon aus, daß die Deutschen nicht
so schnell zu demoralisieren waren, wie seine Kollegen hofften,
und bezweifelte sogar den strategischen Nutzen der Zerstörung
der Moral, angesichts einer Alltagswirklichkeit, zu der das
,Konzentrationslager um die Ecke´ gehörte. Harris
hielt vielmehr an seiner Überzeugung fest, daß es
darauf ankomme, die materielle Kriegsfähigkeit Deutschlands
zu zerstören, und dieses Ziel war seiner Ansicht nach nur
mit massiver und fortgesetzter Bombardierung zu erreichen. Dazu
gehörten für ihn Fabriken, Transportwesen und Dienstleistungsbereiche
ebenso wie die Arbeiterviertel selbst. Die Demoralisierung der
Bevölkerung konnte für Harris nur ein Nebenprodukt
des Abnutzungskrieges gegen die deutsche Wirtschaft sein.
Diese von Harris verfochtene Konzeption nahm zwangsläufig
Tote in der Zivilbevölkerung in Kauf, was 1942 eine bedeutend
breitere Zustimmung fand, als es das liberale Gewissen heute
wahrnehmen möchte. Die Auswahl der Zielobjekte und die
1942 zur Verfügung stehende neuste Technik machten ein
hohes Maß an zivilen Opfern - im heutigen Militärjargon
Kollateralschäden genannt - unvermeidlich.« [2]
Die Sunday Times vom 15. Februar 1998 berichtet,
daß Sebastian Cox, der offizielle Historiker der RAF,
neue historische Beweise präsentierte, die zeigen, daß
Air Marshall Sir Arthur Harris das Opfer innerer Kämpfe
der RAF war und beweisen, daß seine Politik des Flächenbombardements
höchst effektiv war, um Deutschland niederzuringen. Cox
legte dar, daß Harris den Makel des Befehls Churchills,
den Vormarsch der Sowjets zu unterstützen, indem östliche
deutsche Städte wie Dresden bombardiert wurden, auf sich
nahm. Nach dem Krieg wurde ihm zufolge Harris zum Sündenbock
für die massive Zerstörung, die resultierte.
Denn nach dem Krieg leitete ausgerechnet Zuckerman,
ein Zoologe, der früher in Konflikt mit Harris in der hitzigen
Debatte über die Ziele der Bomber Command geraten war,
den offiziellen Untersuchungsausschuß hinsichtlich der
Effektivität der Operationen. Damals vertrat er die Auffassung,
daß das Bomber Command sich darauf konzentrieren sollte,
das deutsche Schienennetz zu bombardieren, während andere
argumentierten, daß die Ölversorgung der Nazis das
Ziel sein sollten, Forderungen, die sich aus technischen Gründen
als illusorisch erwiesen hatten. Das Ressentiment aber blieb
und lange blieb der Ruf von Harris geschädigt.
Harris konnte ein weiteren Vorteil nutzen, daß
sein Bomber Command nicht länger allein kämpfen mußte,
nachdem die USA 1942 begannen ihre Luftwaffe für den Kampf
gegen Deutschland zu organisieren. Die 8. US-Luftflotte stellte
eine militärische Bereicherung dar, sowohl personell -
junge selbstbewußte und unerschrockene Luftwaffensoldaten
- als auch technisch. Die schon 1935 entwickelte Boeing B-17
»Flying Fortress« wurde zum Mittelpunkt der amerikanischen
Bombengeschwader, da sie eine große Flughöhe und
Reichweite erlaubte, eine starke Panzerung aufwies und eine
spezielle Bewaffnung, gegen Angriffe sich zu verteidigen. Dies
erlaubte auch Tagesflüge und somit eine bessere Sichtung
der Zielobjekte. Das Norden-Bomben-Zielgerät, das der RAF
nicht zur Verfügung gestellt wurde, steigerte die Trefferquote
beträchtlich. So ergab sich die Arbeitsteilung, daß
die RAF Industriegebiete bei Nacht, die 8. US-Luftflotte ausgewählte
Fabriken, Bahnhöfe oder Treibstofflager bei Tage angriff.
Die Auseinandersetzungen in der Nachkriegszeit,
die suggerierten, daß ein ungleicher, brutaler Kampf zwischen
Bombern und Zivilbevölkerung stattgefunden habe, übersahen,
daß die Bomber gegen feindliche Verteidigungskräfte,
Jagdflugzeuge und Flak-Batterien und nicht gegen die Einwohner
antraten. Der Weg zu den Zielobjekten mußte hart erkämpft
werden, die Piloten saßen frierend und beengt in unbequemen,
lauten, leicht verwundbaren Flugzeugen, die sie durch einen
dichten Sperrriegel von über 50.000 über das Land
verteilten Flugabwehrgeschützen lenken mußten. Auf
den Rückflügen bereiteten Wetterbedingungen, Treibstoffknappheit
und Beschädigungen durch Flak-Treffer immense Probleme.
Jeder Einsatz war eine militärische Konfrontation, die
das Todesrisiko der Besatzungen deutlich erhöhte. Daß
die Bomberoffensive dann letztlich doch erfolgreich war, lag
auch an den falschen Prioritäten und Rachsucht Hitlers.
Statt zusätzliche Flugzeuge für die Bomberabwehr zur
Verfügung zu stellen, drängte er Göring, statt
dessen zu terroristischen Vergeltungsschlägen:
»aufhören wird der Engländer nur,
wenn seine Städte kaputtgehen, durch sonst nichts.«
[3]
Eines steht fest, wie Richard Overy betont:
»Die Bomberoffensive war ein entscheidendes
Element für den Sieg der Alliierten.« [4]
Befragungen gleich nach dem Krieg bestätigten
das, sowohl in Japan wie in Deutschland. Die Wachsende Kriegsmüdigkeit
wurde von 36 % der Befragten in Deutschland auf die Bombardierung
zurückgeführt und auf die Frage »Was war das
Schlimmste für die Zivilbevölkerung während des
Krieges?« antworteten 91 %: die Bombardierung. Zwar hatte
Harris recht, daß die Bombardierung keine Welle der Panik
und Enttäuschung zeitigen würde, die die Kriegsbereitschaft
hinwegspülen würde, aber dennoch war sie ein demoralisierendes
Kollektiverlebnis. Vice-Marshal Tony Mason wird in dem schon
erwähnten Artikel der »Sunday Times« zitiert:
»Erst jetzt sind wir in der Lage, die Wirkung
der Flächenbombardierung richtig einzuschätzen. Es
ist klar, daß die deutsche Kriegswirtschaft sehr empfindlich
getroffen wurde beim Versuch gegen das Bomber Command sich zu
verteidigen. Insbesondere die Luftwaffe war unfähig die
Ostfront zu verstärken, wegen der Notwendigkeit den Luftraum
zu verteidigen. Dies hatte eine sehr schwerwiegende Wirkung
auf den ganzen russischen Feldzug.« [5]
Arthur Harris´ Rufschädigung durch
Zuckerman, konnte Cox zufolge nicht verhindert werden konnte,
weil er einige Jahre vor diesem verstarb, als die Beweise noch
nicht auf dem Tisch lagen.
» Erst jetzt sind wir überhaupt in
der Lage aufzuzeigen, daß die Bomber Offensive wesentliche
effektiver gewesen ist als früher geschildert wurde.«
[6]
Sir Arthur Harris hatte folgendermaßen in
seinem Memorandum vom 28. Juni 1942 die Aufgaben und Leistungen
des Bomber Commands geschildert.
»Es ist unmöglich, in einer Denkschrift
auch nur einen Teil der ungeheuren Zerstörungen zu nennen,
die wir in Deutschland verursacht haben. Während etwa 7000
Flugstunden benötigt werden, um ein U-Boot auf See zu versenken,
konnte mit der gleichen Zahl von Flugstunden ein Drittel der
Stadt Köln zerstört werden...
Die rein defensive Verwendung von Luftstreitkräften
ist eine erhebliche Verschwendung. Der Einsatz von Flugzeugen
im Seekrieg bedeutet ein bloßes Picken am Rande der feindlichen
Stärke, ein Warten auf Gelegenheiten, die vielleicht niemals
kommen... Dieser Einsatz gleicht dem Suchen einer Stecknadel
im Heuhaufen. Man versucht dabei, ein kleines Äderchen
nach dem anderen zu durchschneiden, anstatt die Hauptader zu
durchtrennen. Das Bomberkommando greift die Basis der gesamten
Seemacht an...
Zusammenfassend muß gesagt werden, daß
das Bomberkommando die einzigen offensiven Kampfhandlungen durchführt,
die gegen Deutschland unternommen werden.... Das Bomberkommando
gibt uns die einzige Möglichkeit, Rußland rechtzeitig
zu unterstützen. Die einzige Möglichkeit, Deutschland
so weit physisch zu schwächen und nervlich zu erschöpfen,
daß eine Invasion aussichtsreich erscheinen könnte,
liegt daher bei der Art der Gewaltanwendung, die unseren Feind
jetzt schädigen und später den Sieg sicherstellen
kann. Das ist auch die einzige Gewaltanwendung, die wir direkt
gegen Japan ins Feld führen können...« [7]
Dies wird durch die Forschung der letzten Jahre
bestätigt. Im Kalten Krieg änderten sich allerdings
die Interessen der Sowjets. Die Sowjetpropaganda begann mit
der Diffamierung der Kriegsführung ihrer ehemaligen Koalitionäre.
Zum 10. Jahrestag im Jahre 1955 erklärte der DDR-Ministerpräsident
Otto Grotewohl die Bombardierung Dresdens wie folgt:
»Dieses unsinnige Verbrechen diente ebenso
wie die Zerstörung von Brücken, Talsperren und anderen
lebenswichtigen Einrichtungen durch die SS dem Zweck, eine Trümmerzone
zu schaffen, die den siegreichen Sowjetarmeen das weitere Vordringen
unmöglich machen sollte.«
Das verdreht die Tatsachen gänzlich, drangen
doch im Gegenteil die Sowjets auf eine Forcierung des Krieges.
Am 6. Oktober 1942, als in Stalingrad die Kämpfe einen
Höhepunkt hatten, verspottete gar noch die Pravda die Briten
mit einer Karikatur, die Briten geißelte, sie würden
versäumen, mit einem Angriff auf die rückwärtige
Front der Deutschen den verzweifelt kämpfenden Roten Armee
zur Hilfe zu kommen. Deutschland hatte 1941 den Krieg gegen
die Sowjetunion fast gewonnen und stand 1942 im Begriff, den
entscheidenden Sieg zu erringen. Im August hatten Stalin und
Churchill sich getroffen. Churchill versuchte zu erklären,
weshalb eine militärische Unterstützung noch nicht
möglich sei. Stalin sah zwar ein, daß er den Westen
nicht gegen seinen Willen zum Kämpfen animieren konnte,
reagierte aber mürrisch und gereizt bis Churchill das Angebot
der Westmächte auf den Tisch legte, nämlich die Bombardierung
Deutschlands und eine anglo-amerikanische Landung in Nordafrika
im Spätjahr 1942 (die Operation Torch). Overy schildert
die Begeisterung Stalins:
»Stalin gefiel das Vorhaben einer Landung
in Nordafrika, da diese seiner Ansicht nach die Niederlage Rommels
besiegeln und den Kriegsaustritt Italiens beschleunigen würde.
Noch besser gefiel ihm die Idee der Bombardierung. Hierin ,stimmten
die beiden Männer zum ersten Mal überein´, telegrafierte
Harriman am nächsten Tag dem amerikanischen Präsidenten.
Stalin regte an, neben Fabriken auch Wohnhäuser zu bombardieren,
und machte Churchill Vorschläge, welche Städte sich
am besten als Ziele eigneten. ,Bald hatten die beiden - jedenfalls
auf dem Papier - die bedeutendsten Industriestädte Deutschlands
zerstört´, berichtete Harriman nach Washington. Die
gespannte Atmosphäre hatte sich gelockert. Stalin akzeptierte,
daß die Briten ihren ,Beitrag nur durch die Bombardierung
Deutschlands zahlen´ konnten, wie Churchill es formulierte,
und der britische Premier versicherte seinem Gastgeber, daß
diese Bombardierung ,gnadenlos´ sein werde, um die Moral
der deutschen Bevölkerung zu brechen.« [8]
Stalin drängte also den Westen ihre Anstrengung
zu forcieren und blieben bis zum Schluß in Kontakt, wie
der Briefwechsel zeigt, den Jürgen Elsässer erwähnt:
Ȇberliefert ist ein reger Briefwechsel
zwischen Winston Churchill und Josef Stalin; Churchill erstattete
detailliert Bericht über die Erfolge der Städtebombardements,
legte oft sogar Luftaufnahmen und Dias bei. So erhielt Stalin
am 12. Januar 1944 von Churchill eine Geheimbotschaft mit dem
launigen Text: ,Teilen Sie mir bitte rechtzeitig mit, wann wir
aufhören sollen, Berlin zu zerstören, damit genügend
Unterkünfte für die Sowjetarmee stehen bleiben.´
Stalin antwortete todernst: ,Unsere Armeen haben in der letzten
Zeit wirklich Erfolge erzielt, aber bis nach Berlin ist es für
uns noch sehr weit... Folglich brauchen Sie die Bombardierung
Berlins nicht abzuschwächen, sondern sollten Sie möglichst
mit allen Mitteln verstärken.´ Der Angriff auf Dresden
wurde den Sowjets durch die US-Militärmission in Moskau
vorab mitgeteilt; sie erhoben keine Einwände. Der in Moskau
lebende KPD-Führungskader Anton Ackermann äußerte
sich im Februar 1945, in Kenntnis der schweren Luftangriffe
und eventuell auch in Kenntnis des Angriffes auf Dresden, anerkennend
darüber, wie ,die amerikanischen und englischen Luftflotten
täglich stärker auf das rückwärtige Gebiet
jener deutschen Armeen wirken, die der Roten Armee gegenüberstehen
und dieser somit vom Westen her helfen.´« [9]
Schließlich kommen wir auf die Toten und
Verletzten. Götz Bergander zitiert die Schlußmeldung
über die vier Luftangriffe auf den LS-Ort Dresden am 13.,
14. und 15. Februar des Höheren SS- und Polizeiführers
Elbe« vom 15. März 1945, in Eilenburg angefertigt,
deren entscheidende Sätze lauten:
»Bis 10.3. 1945 früh festgestellt:
18375 Gefallene, 2212 Schwerverwundete, 13718 Leichtverwundete.
350 000 Obdachlose und langfristig umquartierte (...) Die Gesamtzahl
der Gefallenen einschließlich Ausländer wird auf
Grund der bisherigen Erfahrungen und Feststellungen bei der
Bergung nunmehr auf etwa 25000 geschätzt.« [10]
Um 3. April 1945 erschien der Lagebericht Nr.
1414 des Berliner Polizeichefs. Darin hieß es »BdO.
Dresden - Nachtrag. 13. /14.2 Dresden. Die Zahl der geborgenen
Gefallenen beträgt nach dem Stand von 31.3. 45: 22 096
Personen.« [11]
1993 wurden im Stadtarchiv Dresden bislang nicht
beachtete Nachträge des Marstall- und Bestattungsamtens
entdeckt. Es stellte sich heraus, daß zwar die oberen
Behörden bei Kriegsende ihre Akten vernichtet hatten, aber
Unterlagen aus einigen Ämtern wie Baupolizei, Ernährungs-,
Fürsorge und Bestattungsamtes davon ausgenommen waren,
die Friedrich Reichert zufolge, die Zahlen bestätigen.
[12]
Wenn man noch nicht geborgene Tote schätzt,
wird man nicht auf mehr als 35000 Luftkriegstote kommen. Einzig
Walter Weidauer1965 und Götz Bergander 1977 zogen die Schlußmeldung
heran, während andere Autoren nicht belegte Augenzeugenberichte
und Vermutungen zur Grundlage nahmen. Weitere Luftangriffe sollten
nicht vergessen werden. Es gab bereits am 7. Oktober 1944 und
16. Januar 1945 amerikanische Bombardements und hinterher am
2. März und 17. April. Die Zahl der Opfer ergaben sich
auch daraus, daß man Luftschutzmaßnahmen für
die Menschen vernachlässigte, während die kriegswichtigen
Betriebe, wie das Goehle-Werk und die Firma Ernemann (Zeiß-Ikon-Kameras)
äußerlich Bunkern glichen,
»über seinen Fenstern waren schräge
Flächen zum Abweisen von Brandbomben vorgezogen. Bei Ernemann
war eine Treppenhausschutzanlage gebaut worden, wie u.a. auch
bei den Wanderer-Werken in Chemnitz und in Chemnitz-Schönau,
das heißt, die Treppenhäuser selbst oder von ihnen
abgetrennte Geschoßpodeste wurden stabil genug errichtet,
um den Zerknall von 500 kg Bomben auszuhalten.
Wenn in Dresdner Wohnhäuser irgendwo sichere
Luftschutzräume eingebaut wurden, entstanden sie allein
dank privater Initiative.« [13]
Und Gauleiter Martin Mutschmann baute sich einen
privaten Bunker. Bei der Vernehmung durch die Rote Armee bedauerte
er die Zerstörung von Kunstschätzen und anderen Dingen
der Stadt, auf die Frage, ob er an Menschenopfer nicht denke,
sagte er:
»Menschen sind natürlich auch viele
umgekommen. Aber ich meine nur, die Kunstschätze kann man
nicht mehr ersetzen.« [14]
Und auf den mangelnden Luftschutz angesprochen:
»Nach den Luftangriffen warf man mir vor,
ich hätte in Berlin energischer auftreten müssen und
einfach bei einer weiteren Verweigerung von Luftschutzbauten
die Verantwortung ablehnen sollen. Da hätte ich jedoch
dem Führer meinen Posten als Gauleiter zur Verfügung
stellen müssen, und das tut man doch wegen so etwas nicht.«
[15]
up
Memoria rerum gestarum
Hätten sich nicht allerlei Mythen und Legenden
um die Wirklichkeit des Luftkrieges über Dresden gesponnen,
wäre darüber gar nichts mehr zu sagen oder gar zu
beklagen. Es war Krieg - genauso schlecht und gut - wie in anderen
Städten auch und die Menschenverluste waren solcher »Menschenliebe«
wie des eben zitierten Gauleiters zu verdanken, die sich um
Sachen und den Endsieg mehr sorgen machen als um Menschen.
Die Mythen betreffen mehrere Gesichtspunkte, einmal
die Zahl der Toten, die bis über 300.000 übertrieben
wurden. Dann die Kriegswichtigkeit und der Erfolg der Angriffe,
der schon gezeigt wurde und dann die Erfindung oder auch nur
Einbildung von Tiefflieger-Angriffen. Der Mythos, der Produkt
des Kalten Krieges war, die Behauptung der Sowjetkommunisten,
die Zerstörung Dresdens sei ein Kalkül der Westalliierten
gewesen, den Vormarsch der Roten Armee zu behindern und eine
prospektive sowjetische Besatzung zu hintertreiben, ist schon
bei der Behandlung der Tatsachen widerlegt worden.
Wenn historische Vorgänge derart verzerrt
dargestellt werden, ist es angebracht die Frage nach den konstitutiven
Bedingungen des Gegenstandes zu stellen, nach Gedächtnis
und Erinnerung, nach der Geschichtskultur,
dem »Inbegriff der Deutungen von Zeit durch
historische Erinnerung, die für eine Gesellschaft notwendig
ist, um ihre Lebensformen und -vollzüge im aktuellen Prozeß
des zeitlichen Wandels sinnhaft zu organisieren« [16].
Der Fortschritt von einem Geschichts- und Zeitbegriff,
der von Erinnerung abstrahiert zu einem durch Erinnerung konstituierten
Begriff von Geschichte wird in Walter Benjamins Passagenwerk
als kopernikanische Wende der geschichtlichen Anschauung aufgefaßt:
»Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen
Anschauung ist dies: man hielt für den fixen Punkt das
,Gewesene` und sah die Gegenwart bemüht an dieses Feste
die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses
Verhältnis umkehren und das Gewesene seine dialektische
Fixierung von der Synthesis erhalten, die das Erwachen mit den
gegensätzlichen Traumbildern vollzieht. Politik erhält
den Primat über die Geschichte. Und zwar werden die historischen
»Fakten« zu einem uns soeben Zugestoßenen:
sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und Erwachen
ist der exemplarische Fall des Erinnerns. Jener Fall, in dem
es uns gelingt, des Nächsten, Naheliegendsten (des Ich)
uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen
der Möbel meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks
erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen
und kollektiv gesichert wird. Es gibt ,noch nicht bewußtes
Wissen´ vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur
des Erwachens hat.« [17]
In der Erinnerung erkennt sich die Gegenwart nicht
nur als durch die Vergangenheit bedingt, sondern die Gegenwart
wird in den Mittelpunkt gerückt. Es gibt zwei Varianten
[18] dieses Textes, die verschieden nuancieren, in der späteren
- hier nicht zitierten - Fassung überwiegt das unwillkürliche
Moment in den historischen Fakten, das dem politischen Willen
und der Aktion zugrunde liegt, während in der früheren
das Moment der Synthesis mehr betont wird, auf das es mir vorrangig
ankommt. Das Erwachen aus einem Traum, das den Bildspender abgibt,
bedeutet das Wahrnehmen von Geschichte als eigener. Im Traum
gibt es keine Erinnerung an das Ich, diese entsteht im Erwachen,
in Blochs »Schlafkammer des gelebten Augenblicks«.
[19]
Der Dresden-Mythos ist gekennzeichnet durch ein
Ausfall von Synthesis-Leistungen, die ähnlich wie der manifeste
Trauminhalt der Deutung bedarf: Walter Benjamin analogisiert:
»Die Verwertung der Trauminhalte beim Aufwachen
ist der Kanon der Dialektik. Sie ist vorbildlich für den
Denker und verbindlich für den Historiker.« [20]
Freuds Traumdeutung analysiert die psychischen
Mechanismen, die den manifesten Trauminhalt selegieren, die
Mechanismen, die eine Zensur bewirken.
In analoger Weise ist auch die Erinnerung an Dresden
zensiert, was Schuldgefühle weckt wird ausgeblendet. Die
unmittelbaren - wie auch immer traumatisch verzerrt - erlebten
Ereignisse in der Nacht vom 13. zum 14. Februar werden immer
wieder herbeizitiert, aber nicht auf ihren historischen Kontext
bezogen. Der Konkretismus dabei könnte mit Adorno Konkretinismus
genannt werden. Es ist so wie mit dem armen, verlassenen Waisen,
der seine Eltern ermordet hat und das ausblendend um Mitleid
fleht, er sei doch ein armer Waiser und man möge ihn nicht
auch noch mit Schuldvorwürfen quälen. Ist sein elendes
Dasein als Waise nicht Strafe genug? Die traumatisierenden Ereignisse
werden aus ihrem historischen Kontext gerissen, sie verlieren
ihre historische Sinnhaftigkeit und die Bombenangriffe werden
nur noch als sinnloser Terror gewertet, das Bewußtsein
verharrt in einer mythischen Bewußtseinslage, die nur
durch historische Erfahrung zu sprengen wäre, an der gar
kein Interesse besteht, außer dasjenige, nichts an sich
heranzulassen, das Schuldgefühle wecken könnte. Die
reale Möglichkeit des Erinnerungsverlust ergibt sich aus
der spezifischen Konstitution kapitalistischer Produktionsweise,
als einer, in der die Tradition in den Mitteln stattfinde, während
die Geschichtserinnerung polemisch mit der bürgerlichen
Überwindung traditionaler Herrschaft ausgelöscht wurde.
Benjamin verwendet ein Bild aus dem trojanischen
Krieg:
»Das kommende Erwachen steht wie das Holzpferd
der Griechen im Troja des Traums.« [21]
Mit dem Kapitalismus - so Benjamin - sei ein »neuer
Traumschlaf über Europa« gekommen und damit »eine
Reaktivierung der mythischen Kräfte« [22]. Mit der
Konstitution bürgerlichen Gesellschaft etablierte sich
also eine prinzipielle Verdrängung von Geschichte, wie
sie bereits von dem französischen Revolutionär Sieyes
ganz bewußt propagiert wurde:
»Dürfte man die Dinge beim Namen nennen,
könnte man fragen, was der Unterschied zwischen einem Bürger
(Bourgeois) und einem richtigen Privilegierten ist. Nun, dieser
blickt unablässig zurück in die edle Vergangenheit;
dort sieht er seine Stärke, er lebt seinen Vorfahren. Der
Bürger dagegen blickt unverwandt auf die allgemeine Gegenwart
und die gleichgültige Zukunft, mit seinem Fleiß ernährt
er jene und bereitet die andre vor. Er ist, statt gewesen zu
sein; ihn trifft die Strafe ... und die Schande, all seinen
Verstand, all seine Kraft für unseren jetzigen Dienst einzusetzen
und von seiner Arbeit zu leben, auf die alle angewiesen sind.
Ach, warum geht der Privilegierte nicht in die Vergangenheit,
genießt das seine Titel und Würden und überläßt
der dummen Nation die Gegenwart und die Unfeinheit!« [23]
Tradition wird in der Gesellschaft negiert, wo
sie irreflexiv in den Produktivkräften bzw. Produktionsmitteln
bewahrt wird. Kontinuität ist somit nicht gegeben, sondern
kann nur konstruiert werden. Erinnerung ist anders als in traditionaler
Vergesellschaftung nicht konstitutiv für die Aufrechterhaltung
der Herrschaft und wird somit fungibel und somit zum Objekt
von Geschichtspolitik. Sie kann durch nationalistische Indoktrination,
die in Deutschland stets den Juden als Antagonisten hatte, ersetzt
werden. Und dabei stört Erinnerung nur, insbesondere, sofern
sie Schuldgefühle weckt.
Diesen Sachverhalt berührt Walter Benjamin:
»Das träumende Kollektiv kennt keine
Geschichte. Ihm fließt der Verlauf des Geschehens als
immer nämlicher und immer neuester dahin. Die Sensation
des Neusten, Modernsten ist nämlich ebenso Traumform des
Geschehens wie die ewige Wiederkehr alles gleichen. Die Raumwahrnehmung,
die dieser Zeitwahrnehmung entspricht, ist die Superposition.
Wie sich nun diese Formen auflösen im erhellten Bewußtsein,
treten an ihrer statt politisch-theologische Kategorien zu tage.
Und erst unter diesen Kategorien, die den Fluß des Geschehens
erstarren lassen, bildet sich in dessen Innern als kristallinische
Konstellation Geschichte. - Die ökonomischen Bedingungen,
unter denen eine Gesellschaft existiert, bestimmen sei nicht
nur im materiellen Dasein und im ideologischen Überbau:
sie kommen auch zum Ausdruck. Genauso wie ein Schläfer
ein übervoller Magen im Trauminhalt nicht seinen ideologischen
Überbau findet, genau so mit den ökonomischen Lebensbedingungen
das Kollektiv. Es deutet sie, es legt sie aus, sie finden im
Traum ihren Ausdruck und im Erwachen ihre Deutung.« [24]
Welcher latente Inhalt sich im manifesten ausdrückt,
gilt es zu fragen. Was ist bei der Konstitution des Dresden-Mythos
der latente Inhalt, der die Verzerrung von Geschichte bewirkt?
Es ist dasselbe Motiv, das heute auch bei der Beurteilung der
Politik Israels eine Rolle spielt und dasselbe, das auch in
Japan dazu führte, daß die Täter nicht zu mehr
in der Lage waren als zu einer erzwungenen Reue, erzwungen durch
die internationale Öffentlichkeit. Die Verdrängung
der Kriegsschuld erfolgt in Japan ähnlich wie im Falle
Dresden mit Hiroshima und Nagasaki.
Die heimliche Logik, die sich in den Mythen verbirgt,
ist simpel. Es denkt in den Deutschen: Wenn ich schon die Schuld
des deutschen Kollektivs, mit dem ich identifiziert sein und
bleiben will, nicht leugnen kann, dann sollen doch wenigstens
die anderen auch nicht besser sein. Und so tendieren Darstellungen
des Bombenkriegs nicht zufällig dahin, in Formulierung
und Gestus gängiger Darstellungen der Taten der Deutschen
sich anzuähneln. Projektion als »typisch bürgerliche
Pathologie«(H.J. Krahl) ersetzt die historisch-kritische
Konstitution, die synthetischen Leistungen des Verstandes und
die Rekognition im Begriffe werden - sei´s pathologisch
affiziert, sei´s propagandamäßig genudelt -
korrumpiert. Die Medien dominieren der Einsicht Günther
Anders zufolge die Wirklichkeit.
»Wenn das Phantom wirklich wird, wird das
Wirkliche phantomhaft.« [25]
Ich zitiere aus einer Webseite, die Dresden gedenkt,
die offenkundig das ausspricht, worum es geht, nämlich,
die Bombardierung Dresdens so herzurichten, daß sie zur
Entlastung des Gewissens hinsichtlich der Verbrechen der Deutschen
in der NS-Zeit instrumentalisierbar wird. Dieser Bezug ist nicht
von außen an die Sache geführt, sondern wird von
den Legendenbildnern selber hergestellt, was ich daher an einem
Beispiel ausführlich dokumentiere,das aus dem letzten Jahr
stammt:
»Dürfen wir um Dresden trauern?
Trauer und Gedenken stehen in Deutschland 56 Jahre
nach dem Ende des Krieges hoch im Kurs. Religiöse und ethnische
Minderheiten haben schreckliche Verfolgungen erlitten, dies
ist gewiß ein Grund zum Gedenken. Gewiß. Aber es
wurden auch Millionen von deutschen Menschen getötet, Menschen,
die genauso unschuldig waren wie die heute herausgehobenen Opfer.
Auch sie hatten nichts anderes getan, als zu einem unterlegenen
Volk zu gehören.
Genauso unschuldig...
Das deutsche Volk war ahnungslos. Es war durch
die Massenmedien der Zeit im Sinne des Zeitgeistes indoktriniert,
im Unwissen gehalten, betrogen und getäuscht über
das, was im Hintergrund ablief. Daß sich so viele Menschen
täuschen lassen konnten, ist den Nachgeborenen heute kaum
noch vorstellbar. Es sollte uns gerade heute eine Warnung sein.
Auch heute ist das Wissen durch ein System von Schlagworten
ersetzt, die die allgemeine Ahnungslosigkeit mit Phrasen verhüllt.
Besonders gering ist das Wissen um die historische Situation
und die vielen Gründe, die in einen Krieg führten,
in dem Millionen von Deutschen bis zum äußersten
gekämpft haben.
...für Deutschland gekämpft
Sie haben für Deutschland gekämpft,
nicht weil sie für Hitler waren, sondern weil sie ihr Vaterland
retten wollten, das in eine schier ausweglose Situation geraten
war. Unsere Großväter und Väter waren keine
Verbrecher - bis auf wenige Ausnahmen wie in anderen Völkern
auch -, sondern sie haben gekämpft, ,weil sie ihr Land
liebten´, - so hat es Francois Mitterand noch am 8. Mai
1995 unseren Politikern ins Stammbuch geschrieben.
Und jeder, der von Verbrechen redet, möge
zuerst in seiner eigenen Familie nach Tätern und Opfern
suchen, bevor er sich mit Pauschalurteilen gegen die Generation
seiner Väter stellt.
Eine kollektive Schuld der Deutschen hat es nie
gegeben, alle Kinder und Greise, alle Frauen und Mädchen,
die Opfer des Bombenterrors, der Vertreibung und der Hungerjahre
wurden, hatten keine Schuld. Sie waren Opfer, auch Opfer einer
kollektiven Verleumdung.
In der Sowjetzone wurde diese Schuld-Propaganda
besonders gerne von jenen aufgenommen, die unter dem Mantel
der Freundschaft mit einer fremden Macht den Kampf gegen Deutschland
von innen weiterführten.
Wer das eigene Volk beschuldigte, der war sich
der Gunst der Siegermächte sicher, und so ist es nicht
erstaunlich, wie groß mit den Jahren das Heer derjenigen
wurde, die sich vor Selbstbezichtigung geradezu überschlugen.
Die von der östlichen Siegermacht installierten
Zeitungen und Rundfunkanstalten machten sich an die Bearbeitung
der Volksseele; anstelle der natürlichen Zuneigung zum
eigenen Land konnte sich ein nationaler Selbsthaß zum
Mittelpunkt eines neuen Nationalbewußtseins entwickeln,
der bis heute seine Blüten treibt.
Den Massenmedien mit ihren feinen Methoden des
selektiven Erinnerns und des selektiven Vergessens ist eine
Bearbeitung des Bewußtseins der Nation gelungen, die heute
ein Gedenken daran, daß auch Millionen Deutsche Opfer
waren, zu einem öffentlichen ungeliebten Unterfangen machen.
Dies ist ein unnatürlicher Zustand, der in
kaum einem anderen Lande möglich wäre. Welche deutsche
Familie hat keine Toten in diesem Krieg zu beklagen?
Es ist unnatürlich, wenn die Menschen nicht
um ihre nächsten Angehörigen trauern, nicht derer
gedenken, mit denen sie durch die Gemeinschaft der Liebe und
des Schicksals unzertrennbar verbunden sind.
Es ist menschenverachtend, würdelos, ja niederträchtig,
wenn ein Volk nicht seiner eigenen Toten gedenkt. So wie die
Toten verschwiegen, geleugnet, als ,selber schuld gewesen´
verhöhnt werden, so werden auch die Zahlen heruntergerechnet.
Meist sind offizielle Zahlen unter Verschluß.
Dies gilt für Dresden, wo ARD und ZDF sich
auf ,über 15.000´ geeinigt haben, genauso wie für
die Gesamtzahl der getöteten Deutschen, die bei mindestens
9 Millionen - nach anderen Untersuchungen sogar bei über
13 Millionen Toten - liegt.
Nur weil sie Deutsche waren
Für diese Toten, die auch Opfer eines kollektiven
Schicksals wurden, die allein deshalb starben, weil sie Deutsche
waren, gibt es in diesem Land keine angemessene Ehrung.
Für diese nationale Katastrophe gibt es kein
zentrales Museum, keine Gedenkstätte, keinen Gedenktag,
kaum feierliche Reden der ,Großen dieses Staates´.
Wo sollte man ihrer gedenken?
Sie liegen verstreut in den zerbombten Städten
zwischen Köln und Königsberg, sie liegen verscharrt
an den Wegrändern in Ostpreußen und Schlesien, in
den Rheinwiesen und in Sibirien, und sie liegen auf allen Friedhöfen
der Hungerjahre, an die sich heute keiner mehr erinnern will.
Nur an einem Ort ist der massenhafte Tod unschuldiger
deutscher Menschen und die Zerstörung deutscher Kultur
wie keinem an anderen versammelt:
In Dresden
Hier sollten wir des Schicksals jener Millionen
von Deutschen gedenken, für die das Kriegsende keine Befreiung
war.« [26]
Die Deutschen waren demgemäß so unschuldig
wie ihre Opfer, vor allem Juden, gehörten ebenso einem
unterlegenen Volk an, ahnungslos und indoktriniert hätten
sie gekämpft für das Vaterland, Pauschalurteile -
wer wollte dem schon widersprechen - seien nicht angebracht
und dann läuft es darauf hinaus, eine Kollektivschuld-Vorwürfe
abzuwehren, die niemand erhebt, ein famoses Verfahren, das Günther
Anders schon als eines erkannt hatte, das darauf abzielt die
Kollektivunschuld unter dem Strich herauskommen zu lassen. Behauptungen
wie die, die offiziellen Zahlen - ich hatte einige davon zitiert
- seien unter Verschluß, sind leicht zu widerlegen, indem
man sie zitiert. Daß die ach so unschuldigen Deutschen
gestorben sind, weil sie Deutsche sind, so wie die Juden, weil
sie Juden sind, ist dann wohl die dreisteste der Projektionen.
Ähnlich wie Täter und Opfer in Bitburg geehrt werden
sollten, so werden die Opfer der Deutschen mit den Toten der
Luftangriffe gleichgesetzt. Da das nicht so ohne Weiteres geht,
wenn man sich an die Wirklichkeit hält, müssen an
der Realität einige quantitative und qualitative Veränderungen
vollzogen werden. Wirklichkeit und Bild sind im Folgenden an
zwei Punkten zu konfrontieren.
up
Überhöhte
Zahlen
Von den zahlreichen Autoren, die über die
Zerstörung Dresdens schrieben, war es ausgerechnet Geschichtsfälscher
David Irving, der in einem Prozeß unterlag, den er gegen
Deborah Lipstadt anstrengte, derjenige, der die meiste Aufmerksamkeit
auf sich zog. Genauer als in diesem Fall ist wohl noch nie jemand
das Geschichtsfälschen nachgewiesen worden. Das Problem
ist, daß das Buch schon längst seine Wirkung gehabt
und dessen Inhalt wie ein Gerücht sich fortpflanzt und
in den Köpfen festgesetzt hat. Hier finden wir alle Legenden
bereits vorgearbeitet, so daß darauf genauer einzugehen
lohnt. Mittlerweile hat sich Irving als Anhänger Hitlers
demaskiert, der ein Interesse hat die Taten klein zu reden,
wie die Maßnahmen der Alliierten zu übertreiben.
Und so kommt er dem, was in den Deutschen denkt, entgegen und
wurde so durch seine Arbeiten äußerst wirksam. Daß
er Engländer ist, wäre ja nur durch einen Juden zu
toppen.
Die der Wirklichkeit am nächsten kommende
Opferzahl von höchsten 35.000 hat Irving eine eins vorgesetzt
und log dreist:
»Die Deutschen haben einfach die erste Ziffer
weggelassen, um die Zahl für die Russen annehmbarer zu
machen, die behauptet hatten, das Bomberkommando sei keine besonders
wirksame Waffe.« [27]
Richard J. Evans erwiderte richtig, daß
im Gegenteil die Russen eher ein Grund gehabt hätten, die
Zahl im kalten Krieg aufzubauschen und daß es keine Beweise
gäbe, daß die erste Stelle weggestrichen wurde. Aber
das reichte ja Irving noch nicht. Gegenüber dem »Stern«
äußerte er, es sei
»interessant zu sehen, wie die Zahl der
Luftkriegstoten stetig wuchs, wie man es erwarten konnte.«
»Ist das nicht imponierend?« [28]
Da waren bei ihm nun die Zahlen schon auf 200.000
angewachsen. Besondere Bedeutung hatte ein Dokument, von dem
Irving eine Kopie besaß mit dem Titel »Der höhere
SS und Polizeiführer Dresden: Tagesbefehl Nr. 47«,
das einem Oberst Grosse zugeschrieben wurde, das sich als Auszug
aus der Schlußmeldung des Dresdener Polizeipräsidenten
ausgab. Allerdings hatte schon 1955 Max Seydewitz, früherer
Bürgermeister von Dresden das Dokument als Fälschung
abqualifiziert und Irving hatte selber die Einschätzung
1963 akzeptiert und als raffinierte Propaganda bezeichnet.
Da Irving wegen des Prozesses gezwungen war, den
Anwälten des Prozeßgegners die Privatkorrespondenz
und die Notizen für seine Forschung zugänglich zu
machen, hatte der Gutachter Evans einen guten Einblick in dessen
Arbeitsweise. Seine indirekte Quelle war ein Dr. Max Funfack,
der Irving allerdings einen entrüsteten Brief schrieb,
in dem er betonte, er hätte Zahlen nur von dritter Hand
erfahren und diese differierten erheblich, er sei auch gar keine
Standortsarzt gewesen, sondern nur Urologe im Lazarett und er
betont:
»Ich kann also keinerlei verbindliche Aussagen
über die Zahl der Toten machen, sondern nur das wiedergeben,
was mir berichtet wurde.« [29]
Irving hatte das Dokument von Walter Hahn bekommen,
der mit Funfack befreundet war und ohne dessen Wissen eine Abschrift
angefertigte hatte. Irving log gegenüber dem RAF-Historiker
Noble Frankland, er habe das Dokument von Funfack erhalten,
der während des Krieges Standortarzt gewesen sei. Das wirkliche
»Original« war selber eine Fälschung und enthielt
ganz einfach Zahlen, mit den Goebbels die Korrespondenten der
Auslandspresse in Berlin fütterte und die in Auslandssendungen
der Nazis auftauchten. Irving war also einer Abschrift eines
Dokuments aufgesessen, das Aktivitäten des Goebbelschen
Propagandaministerium entsprang. Die Zahlen sind absurd. Die
Bergung von 200.000 bis 250.000 Leichen in einem Monat hätte
mehr Personal und Transporter gekostet als vorhanden waren.
Und Irving wurde von Theo Miller, der dem Räumungsstab
angehörte, mitgeteilt, daß
»alle aufgefundenen Leichen entweder bestattet
oder auf dem Altmark verbrannt wurden« [30]
Und er zeigte auf, daß so große Mengen
in der Zeit zu bergen, wie Irving behauptete, technisch nicht
möglich wäre.
Irving mußte, nachdem der - von mir schon
zitierte - Schlußbericht auftauchte einen demütigenden
Rückzieher machen, der entsprechende Leserbrief erschien
in der »Times«. Aber der Mythos hatte sich schon
genügend verbreitet. Evans zitiert L.A. Jackson, Chefhistoriker
des britischen Luftministeriums nach dem Erscheinen des Leserbriefes
von Irving:
»Es ist praktisch unmöglich, einen
Mythos dieser Art zu zerstören, wenn er sich erst einmal
ausgebreitet hat und vielleicht in anderen Büchern auf
der ganzen Welt gedruckt worden ist.« [31]
Aber Irvings Widerrufung war so vorbehaltlos nicht.
Er bestritt weiterhin, daß die Polizei eine so große
Anzahl wie 18 375 Leichen gezählt haben könne, allerdings
daß sie 202 040 Tote zählen könne, daran hatte
er seltsamerweise keinen Zweifel gehabt. In der deutschen Neuauflage
1967 spielte der »Tagesbefehl 47« immer noch eine
herausragende Rolle wie in der englischen Ausgabe 1966 und die
überhöhte Zahl von 135.000 war auch nicht revidiert.
In der englischen Ausgabe von 1971 wurden die erbetenen Änderungen
nicht gemacht, die Zahl wurde lediglich auf 100.000 reduziert
und der gefälschte »Tagesbefehl 47« war immer
noch im Anhang enthalten. Nun fiel Götz Bergander eine
Abschrift des wirklichen Dokuments in die Hände, die Werner
Ehlich hatte. Dort betrug die Zahl der Todesopfer 20204, die
Zahl der erwarteten Opfer 25000 und die der kremierten Leichen
6865. Offenbar hatte jemand, vermutlich aus Goebbels Propagandaministerium
hinter jede der Zahlen eine Null angehängt. Erst 1977 rang
sich Irving durch, die Fälschung als Fälschung zuzugestehen.
Nur hielt er weiterhin an höheren Zahlen fest. Er vergrößerte
sogar die eigenen Zahlen. Aus einer ständigen Bevölkerung
Dresdens von 650.000 Einwohnern und hundertausenden von Flüchtlingen
wurden dann eine bis zwei Millionen Flüchtlinge. Den Zuwachs
bezeichnet Evans zurecht als Produkt der Phantasie. Bergander
ermittelte eine Zahl von rund 200.000 Flüchtlingen. Friedrich
Reichert, ein Dresdner Historiker, wies nach, daß die
Einwohnerzahl wegen der abwesenden Frontsoldaten nicht 650.000,
sondern 567.000 betragen hatte und addierte 100.000 Flüchtlinge
dazu, was ja schon eine beträchtliche Zahl ist, aber weit
von 2 Millionen entfernt.
So viel zu den Totenzahlen. Überhöhte
Zahlen kursieren eh und je, teilweise finden sich in ein und
derselben Tageszeitung gleich drei abweichende Zahlen.
up
Die Legende von den
Tieffliegern
Waren die Zahlen, mit der man hantierte, übertrieben,
so kommen wir jetzt zu den reinen Phantasieprodukten, die Erzählungen
und Augenzeugenberichte von Tieffliegerangriffen auf Dresden
und Umgebung.
Einen ersten schriftlichen Beleg solcher Legenden
zitiert Helmut Schnatz, dessen gründliche Arbeit ich zur
Grundlage meiner Argumentation genommen habe. Es handelt sich
um einen Brief, den der Leiter der Quäker-Hilfe Carl J.
Welty in Koblenz am 10. 2. 1947 an seine Frau schrieb.
«Es gab drei schwere Luftangriffe in einer
Nacht (sic)... Diejenigen, die in die wenigen Parks flohen,
um den Flammen zu entkommen, wurden von Tieffliegern mit Maschinengewehren
beschossen (machineguned by low-flying airplanes). Harry sagt,
er wolle versuchen, zutreffende Zahlen und Fakten über
Dresden zu erhalten, weil dies das schrecklichste Beispiel eines
Massenmords aus der Luft ist neben Hiroshima und dieser anderen
japanischen Stadt, was im Krieg vorkam.« [32]
Dies bezeugt, daß Gerüchte über
ungewöhnliche Umstände bei den Angriffen schon kurz
danach kursierten.
Im Merian-Heft Dresden vom Juni 1949 findet sich
schon gedruckt gelogen eine frühe Erzählung.
»... Auf den Strom der Flüchtlinge,
der sich in den Großen Garten ergoß, wohin sich
auch die Tiere aus dem benachbarten Zoologischen Garten flüchteten,
machten englische und amerikanische Flieger ebenso wie auf den
Elbwiesen in Tiefangriffen mit Maschinengewehren Jagd.«
[33]
Hier sind schon die Elemente der Legende versammelt,
die alsbald immer wieder auftauchen, die Lokalisierung, die
Vorstellung von Menschenjagden mit Flugzeugen und Bordwaffen
und die Verwerflichkeit solcher Kriegshandlungen wird schon
angedeutet. Übertroffen wird diese Darstellung in dem zuerst
im »Grünen Blatt« erschienen vermeintlichen
Tatsachenbericht »Der Tod von Dresden« von Axel
Rodenberger, der dann als Buch herauskam. Der Ullsteinverlag
war sich nicht zu blöd, das von massenhaften sachlichen
Unrichtigkeiten nur so strotzende Buch doch tatsächlich
1995 wieder aufzulegen, immerhin aber mit einer distanzierenden
Bemerkung im Nachwort, was die historische Richtigkeit der Tieffliegerangriffe
angeht. Die Anschaulichkeit der Darstellung steigert sich in
der Legendenbildung immer mehr, die Fülle von Details suggerieren
Authentizität:
»Eine Steigerung des Entsetzlichen war kaum
noch denkbar. Und doch stieg noch das Grauen. Im Tiefflug brausten
Jagdbomber das Elbtal entlang, über die Elbwiesen hinweg.
Ihre Bordkanonen und Maschinengewehre sprühten feurige
Garben in diese dunklen Flächen hinein. Wie Perlenschnüre
glitzerten die langen Reihen der Leuchtspurmunition, bis sie
im Dunkel verschwanden... Die noch Lebenden bewegten sich nicht
... Und die Bordkanonen bellten. Die Maschinengewehre ratterten.
Wieder - wieder - wieder! In steiler Kurve wendeten die huschenden
Schatten. Erneut sprühte das Feuerwerk der Vernichtung.
Durch die feuerspeienden Schatten fielen die Bomben neuer Verbände.
Kein Zufallstreffer wischte einen der huschenden Schatten hinweg.
Sie flogen unbeirrt und kehrten zurück. Wieder - wieder
- wieder!« [34]
Noch dreister ist die Darstellung von Karl Bartz:
»Drei Stunden später (nach dem ersten
Nachtangriff, d. Vf.) schlug das Verhängnis wieder zu.
Wieder erschienen 1000 Bomber, diesmal im Tiefflug (Hervorhebung
des Verfassers) und warfen in die Menschenmenge Spreng- und
Splitterbomben, und dann schlossen sie mit Bordwaffen in die
sich windende Menschheit!« [35]
Die Bomber flogen nämlich in Höhen zwischen
6930 und 2310 Metern. Und wären sie tiefer geflogen, dann
hätten die Bombenschützen nicht gleichzeitig in den
MG-Türmen sich befunden haben können, um schnell mal
ein paar Leute abzuknallen.
In der DDR war die Literatur auch nicht besser,
Max Seydewitz umfangreiches Werk kommentierte den zweiten Angriff:
»Dieselben Herren, die dem Rundfunksprecher
in London den Auftrag gegeben hatten, den Menschen in dem brennenden
Dresden zu empfehlen in den Großen Garten zu gehen, dieselben
Menschen beauftragten ihre Bombengeschwader, über den Großen
Garten zu fliegen und dort auf die hilf- und schutzlosen Männer
und Frauen, Kinder und Greise ihre Bomben abzuwerfen, über
sie glühenden Phosphor auszugießen und schließlich
die trotz Bomben und Phosphorbränden noch nicht Umgekommenen
mit Bordwaffen abzuschießen.«
Und in Bezug auf den dritten Angriff:
»Und wieder gab es Tote und Verwundete,
brennende und zusammenstürzende Häuser, Entsetzen
und Verzweiflung. Dann folgen die Flieger über die Elbwiesen,
die schwarz von Menschen waren, die sich aus der brennenden
Stadt gerettet hatten, und schossen dort im Tiefflug am hellichten
Tag in die Menschen hinein« [36]
So aufbereitet drang die Legende 1959 auch in
die wissenschaftliche Literatur ein, in Maximilian Czsesanys
Dissertation »Der Luftkrieg 1939-1945«. Die Formulierungen
deckten sich im Wortlaut und Darstellung mit den schon zitierten.
Und Anfang der 60er Jahre übernahm David Irving, den wir
schon als Geschichtsfälscher kennengelernt haben, die Sache
publizistisch. In der »Neuen Illustrierten« erschien
ein Bericht von 35 Folgen, der so erfolgreich war, daß
er 1964 als Buch herauskam. So war die Tieffliegerlegende so
sehr in den Köpfen, daß man mit Tatsachen und Beweisen
sie nur noch schwer erreicht. Irving wiederholte allerdings
nicht die Legenden über nächtliche Tieffliegerangriffe,
wohl weil er gewissen Kenntnisse in die technischen Möglichkeiten
der geflogenen Flugzeuge hatte, sondern bezog sich auf die angeblichen
amerikanischen Tiefangriffe:
»Aber es sind nicht die Bomber, die diesen
Angriff so schrecklich machten, ... Es sind die Begleitjäger
vom Typ Mustang. Sie haben den Befehl (Hervorhebung des Verfassers),
die Verwirrung auf den Ausfallsstraßen bis zur Panik zu
steigern. ...«
»In den Krankenwagen, die mit großen,
weithin sichtbaren roten Kreuzen versehen sind, liegen zahlreiche
Schwerverwundete. Als die Tiefflieger angreifen, halten sie
es in dem Wagen nicht mehr aus .... Vor uns steht ein offener
Lastwagen. Auf seine Ladefläche liegen schwerverwundete
Soldaten. Die Fliegen schießen aus allen Rohren mit Bordwaffen.
.... Und immer wieder kehren die Maschinen zurück, nehmen
alle Wagen auf den Elbwiesen unter Feuer ... Wie auf den Elbwiesen,
so ist es auch im Großen Garten, so ist es vor allem auch
in den Außenbezirken der brennenden Stadt an der Elbe,
wo sich die endlosen Kolonnen der Treckfahrzeuge vorwärtschieben.
Das sind die , Truppenverbände´ und , Marschkolonnen´,
die nach den Berichten der Piloten angegriffen werden sollen.«
[37]
Irvings Darstellung suggerierte Wissenschaftlichkeit,
indem er auf angebliche Befehle, beteiligte Einheiten, genaue
Uhrzeiten, technische, fliegerische und organisatorische Details
abhob. Und selbst nachdem bereits 1977 Götz Berganders
seriöse Arbeit über den Luftkrieg über Dresden
Zweifel an der Existenz von Tiefangriffen erhoben hatte, wurde
die Erstauflage 1990 und 1995 unverändert nachgedruckt.
Die Legenden wurden immer wieder zitiert, gingen in Nachschlagewerke
ein, wurden zu den Jahrestagen in den Tageszeitungen und in
Fernsehserien wiederholt. Es könnten unzählige Belege
gebracht werden, ich verweise auf die detaillierte Darstellung
von Helmut Schnatz.
Eines haben dies Darstellungen gemeinsam, sie
zeigen, daß die »Zeugen« gar keine klaren
Vorstellungen hatten, was Tiefflieger und Tiefangriffe sind.
Die Bilder, die über die Wirklichkeit dominieren, stammen
aus Propagadafilmen wie »Kampfgeschwader Ätzow«.
Dort werden die deutschen Bordschützen glorifiziert, sie
würden Polen mit Bordwaffenbeschuß verjagen und so
genau treffen, daß keine Volksdeutschen in Gefahr geraten.
Das ist allerdings schier unmöglich, wie soll man mit einem
mit 200-300 km/h fliegenden Flugzeug einzelne Personen ausmachen.
Die deutschen Wochenschauen zeigen Bilder, wie aus Bugkanzeln
von Bombern (He 111 oder Ju 88) aus niedriger Höhe auf
gegnerische Fahrzeugkolonnen mit Maschinengewehren gefeuert
wurde Solche Tiefangriffe waren selten, zumal die niedrig fliegenden
Flugzeuge ein schönes Ziel für die Flak-Verteidigung
boten. Schnatz beschreibt die am häufigsten und erfolgreichsten
Tiefangriffe folgendermaßen, es greifen
»ein- oder zweimotorige Jäger oder
Jagdbomber, also kleine, sehr schnelle und wendige Flugzeuge«
mit »Bordwaffen, also schweren Maschinengewehren oder
Maschinenkanonen« an. Unter Jagdbomber sind zu verstehen:
»Jagdflugzeuge, die speziell dafür ausgerüstet
sind, auch Raketen oder ein oder zwei Bomben kleinen Kalibers
(insgesamt 100 lb. = 453 Kg) mitführen zu können und
die in Frontnähe gegen Ziele am Boden eingesetzt werden.
Haben sie Bomben abgeworfen, können sie mit Flugeigenschaften
wie Jagdflugzeuge gegnerische Flugzeuge angreifen oder sich
gegen sie verteidigen. Solche Flugzeuge waren nicht an den Luftangriffen
auf Dresden am 13. und 14. Februar beteiligt, obwohl das in
den zahlreichen Aussagen immer wieder gesagt wird.« [38]
Die Maschinengewehre oder leichten Kanonen von
Jägern und Jagdbombern waren starr im Rumpf oder den Tragflächen
eingebaut, so daß das Ziel mit dem gesamten Flugzeug anvisiert
werden mußte, so daß sie in gerader Linie genau
auf das Ziel zuflogen und das hatte in einer Mindesthöhe
von 200 bis 300 Metern zu erfolgen, wenn man sich nicht in einen
Kamikazeflieger verwandeln wollte. Und aus so einer Höhe
muß ein Ziel überhaupt erst einmal erkannt werden.
Tiefangriffe, die dicht über den Dächern oder in Häuserhöhe
erfolgen, sind technisch mit Bordwaffen gar nicht möglich.
Ein Ziel von 2x2 m wirkt im Visierkreis des Zielgeräts
wie eine Briefmarke. Überhaupt etwas zu treffen ist selbst
für geübte Piloten schwer. Man hat etwa 1,5 Sekunden
Zeit zum Zielen und treffen, so daß allerhöchstens
ein Ziel getroffen werden kann. Die Schilderungen von rauschhaften,
frischfröhlichen, übermutigen, waghalsigen Aktionen,
»Germans in Rudeln zu jagen« sind nicht einmal denkbar,
da es sich um gefährliche Flugmanöver handelt, die
Beherrschung des Flugzeugs, Selbstkontrolle, höchste Konzentration
erfordern. Das Stereotyp: »Sie schossen auf alles was
sich bewegte« entsprach überhaupt nicht der Wirklichkeit
von Tiefangriffen. Wenn Tiefflieger auftauchten, erstarrte alles
oder man, sah zu Züge oder Fahrzeuge zu verlassen. Geschossen
wurde höchstens auf alles, was man überraschen konnte.
Aber nun mal nicht in Dresden.
Helmut Schnatz weist detailliert nach, welche
Rahmenbedingungen notwendig gewesen wären, damit Tiefangriffe
hätten möglich gewesen sein können. Jede einzelne
fehlende Bedingung macht für sich genommen solche Angriffe
technisch unmöglich. Zu den angebliche Tiefangriffen bei
Nacht ist zu sagen: Die Lancaster Bomber scheiden für die
Annahme von Tiefangriffen von vornherein aus. Der Mosquito dagegen
war ein kleines und wendiges Flugzeug, käme also grundsätzlich
in Betracht. Der Typus, der als Markierungsflugzeug eingesetzt
wurde besaß keine Bordwaffen und kam dafür insofern
nicht in Frage. Andere Typen wären für die Fernnachtjagd
im Prinzip möglich. Diese erschienen ab Winter 1943/44,
um die Einflüge der Bomber abzuschirmen. Man wußte,
daß durch die Benzinknappheit, Treibstoff bei den Deutschen
sparsam eingesetzt werden mußte, so daß es keine
zwei größere Nachtjagdeinsätze der Deutschen
hätte geben können. Der Schwerpunkt des Einsatzes
lag also in der ersten Operation. Allerdings waren die meisten
Einsätze dieser Flugzeuge nicht im Ostbereich, sondern
in der Westhälfte des Reiches. Schnatz geht einige Möglichkeiten
durch, eine Gruppe von Squardronen ließ sich leicht ausschließen:
»Scheidet man ... alle die Mosquitos aus,
die aus Gründen des Einsatzraumes für Tiefangriffe
in Dresden nicht in Betracht zu ziehen sind, so zeigt sich,
daß sie gleichzeitig auch aus Gründen der Flugzeitangaben
hierfür nicht in Betracht kommen. Aus dem Flugzeitendiagramm
für die Nacht des 13. /14. Februar 1945 (...) geht klar
hervor, daß fast alle Mosquioto- Nachtjäger so frühzeitig
in England landeten, daß für sie die Zeitspanne zwischen
dem zweiten Angriff auf Dresden (nach dem ja dann die Tiefangriffe
stattgefunden haben sollen) und der Landezeit in England für
den Rückflug viel zu kurz gewesen wäre - mit anderen
Worten, diese Flugzeuge scheiden in jedem Fall für Tief
aus.« [39]
Für andere Typen stellt Schnatz komplizierte
Berechnungen der Flugzeiten an, am Maßstab der Flugzeiten
der Markierungsflieger und gemäß der erzielbaren
Geschwindigkeiten. Die Mosquitos waren allesamt auf dem Rückflug,
als der erste Angriff schon lief. Fazit:
»Aus den britischen Einsatzaufträgen,
Flugdaten und -strecken wie aus den deutschen Luftlagemeldungen
ergibt sich damit, daß es keine britischen Tiefangriffe
mit Bordwaffen gegeben hat. Auch die Markierer kommen nicht
in Frage, da die von ihnen geflogenen Bomberversionen, wie schon
erwähnt, keine Maschinengewehre und -kanonen besaßen.«
[40]
Schnatz geht aber noch weiter und nimmt hypothetisch
Tiefangriffe an, die durch Piloten erfolgten, die von ihrem
eigentlichen Auftrag abwichen, wie das ein Leserbrief in der
FAZ meinte behaupten zu dürfen. Die 6 Flieger, die nichts
zu tun gehabt haben sollen, hätten dann dieser Argumentation
zufolge im »Rausche des Mordens« ihre eigenen Ziele
gesucht. Dann aber bleiben immer noch die atmosphärischen
Bedingungen und ihre Auswirkungen auf die Flugzeuge. Vor allem
die Feuerstürme und Flächenbrände machten Tiefangriffe
dort generell unmöglich:
»Selbst wenn also einzelne Nachtjäger
unmittelbar über Dresden geflogen wären, so wären
sie schlichtweg lebensmüde gewesen, sich mit ihren leichten
Maschinen hinunter in die Hölle zu stürzen,die am
Boden und natürlich auch in Bodennähe in den Höhelagen
der Tiefflieger raste.« [41]
Es sei also die Zusammenfassung der Argumentation
zitiert:
»Wie sich aus der Untersuchung ergibt, sind
die behaupteten Tiefangriffe in der Nacht Phantasmagorien, geboren
aus dem Schrecken einer urplötzlich hereingebrochenen unerwarteten
Katastrophe gigantischen Ausmaßes. Von den Hunderten von
Flugzeugen, die die britische Luftwaffe in der Nacht des 13.
/14. Februar 1945 gegen Deutschland fliegen ließ, war
nur ein sehr kleiner Teil, nämlich Maschinen des Typus
Mosquito, in der Lage, Tiefangriffe der Art, wie Literaten und
Augenzeugen sie behaupten, zu fliegen.
Von den Mosquitos wiederum war
= der weitaus überwiegende Teil nicht gegen
Dresden selbst, sondern räumlich weit davon entfernt eingesetzt
und
= ist auch nicht dorthin geflogen;
= von denjenigen, deren Auftrag der Schutz der
Bomberverbände auf ihrem Weg nach und von Dresden war,
scheitet ein weiterer Teil
= aus Zeitgründen aus;
= diejenigen, die danach noch verbleiben könnten,
kommen nicht in Frage, weil ihre Flugstrecke in dieser Nacht
nicht weit genug oder
= ihre Flughöhe zu hoch und
= ihre Tätigkeit, wie einwandfrei dokumentiert,
eine andere war als Tiefangriffe.
= Selbst wenn die wenigen - insgesamt drei - Piloten,
die in Frage kämen, es gewollt hätten, die Auswirkungen
des Feuerorkans, der in und um Dresden tobte, hätten ihnen
eine Ausschau nach Zielen in Gestalt von Personen am Boden und
ein Fliegen, wie es die Taktik des Tiefangriffs erfordert, schlichtweg
unmöglich gemacht.« [42]
Amerikanische Tiefangriffe erscheinen prima facie
plausibler, allerdings richteten diese - wo sie tatsächlich
stattfanden - gegen andere Ziele. Auf Züge, die wegen Treibstoffmangel
das wichtigste Transportmittel der Wehrmacht waren. Daher wurden
zusätzlich Wagen mit Flak-Geschützen angehängt
und die ersten Wagen blieben als Schutzwagen leer. Weitere Ziele
waren Schiffstransporte und seltener der militärische und
zivile Straßenverkehr. Dies betraf allerdings mehr das
offene Land, wo mit leichter Flak gerechnet wurde, große
Städte wurden gemieden, wegen der Flak-Konzentration. Des
weiteren hätten auch die Auswirkungen der britischen und
amerikanischen Luftangriffe und die Wetterbedingungen ein Tiefangriff
entgegengestanden. Die Sicht war nicht nur in großer Höhe,
sondern auch am Boden so schlecht, daß Tiefangriffe Kamikaze-Flüge
gewesen wären. Tiefangriffe über Dresden wären
unverantwortlich, leichtsinnig gegenüber den eigenen Leuten
gewesen. Schnatz vergleicht das, was die Piloten hätten
leisten sollen mit den Kunstflügen 1988 über der US-Air
Base in Ramstein, bei der neun Flugzeuge im Tiefflug kollidierten.
Und das aber waren Piloten, die ihr Programm immer wieder eingeübt
hatten.
Zusammenfassend zu den angeblichen Tiefangriffen
bei Tage schreibt Schnatz:
= »Entgegen Seydewitz, Irving und anderen
ist festzuhalten, daß es keine Befehle gegeben hat, mit
Tiefangriffen die Dresdner Bevölkerung zu terrorisieren,
sondern daß nur auf dem weiteren Rückweg und nur
unter der Bedingung Tiefangriffe erlaubt waren, daß keine
Jäger erschienen waren oder erwartet wurden,
= daß diese Bedingung im Fall Dresden nicht
gegeben war, sondern daß dort und in der weiteren Umgebung
vor, während und nach dem Angriff Luftkämpfe im Gang
waren,
= daß demnach der Operationsrahmen, aber
auch Operationsverlauf für Tiefangriffe am Ziel keinen
zeitlichen Spielraum ließen,
= daß die schnelle Entwarnung ohne Vorentwarnung
in Dresden nach den letzten Bombenwürfen beweist, daß
der Luftraum Dresden nach der Bombardierung tatsächlich
zügig geräumt wurde,
= daß dieser Umstand auch von der Luftlagereportage
des deutschen Flugmeldedienstes bestätigt wird,
= daß die Treibstoffsituation wegen der
Wetterlage und der Operation in der Nähe der Reichweitengrenze
Tiefangriffe auf Dresden riskant machte,
= daß Tiefangriffe zwar tatsächlich,
aber erst dann geflogen wurden, als die Abwehrlage für
die US-Jäger geklärt und die amerikanische Streitmacht
mitsamt ihren Begleitjägern schon weit von Dresden entfernt
war,
= daß es wegen der Koinzidenzen der deutschen
und amerikanischen Überlieferungen keinen Grund zur Behauptung
gibt, die amerikanischen Piloten hätten ihre Tiefangriffe
auf Dresden in ihren Berichten verschwiegen und
= daß es die behaupteten Menschenjagden
in den Straßen und auf den Grünflächen Dresdens
am 14. Februar nicht gegeben hat.« [43]
Nun darf man sich den Vorwurf der Projektion nicht
so einfach machen, zur Projektion bedarf es immer eines epistemischen
Korrelats, das Projektion ermöglicht und Bedingungen, die
die Neigung zur Projektion bedingen. Die SD-Berichte der SS
sprechen des öfteren von Gerüchten, die auf mangelnder
Information und bewußter Desinformation beruhen. Ein Beispiel:
Karl-Heinz Mistele zeigte in einem Aufsatz [44]
anhand von ähnlichen Kriegsgerüchten, die in verschiedenen
Städten Deutschlands auftauchten, daß sie allesamt
strukturell der Geschichte von »Hildebrand und Hadubrand«
nachgebildet sind, der Sage vom Sohn der Stadt, der auf feindlicher
Seite kämpft. In einem Fall soll es ein jüdischer
Emigrant namens Walter gewesen sein, der nachts über Bamberg
fliegend der Versuchung widersteht Bomben auf die Stadt abzuwerfen;
die selbe Geschichte soll dann in Heilbronn ähnlich sich
zugetragen haben, mit dem emigierten Juden Oppenheimer, der
sich durch Mosquito-Störangriffe an den Heilbronnern rächte
und die gleiche Geschichte findet sich dann in Oberlahnstein,
anders variiert in Fulda und sicher an vielen anderen Orten.
Alles nach dem literarischen Vorbild, das in der deutschen Literatur
im 9. Jahrhundert beginnt und tradiert wurde. Es ist - auch
antisemtischen - Wahn, aber hat System.
Wehrmachtsberichte im Winter 1944/45 suggerieren,
daß Tiefangriffe sich hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung
richteten. Entsprechend waren die Erwartungen, das Moment der
Projektion steckt ja bereits in einem nicht-pathologischen Sinne
in jeder Wahrnehmung. Unter extremen Bedingungen vermengen sich
die Wahrnehmungen, die zeitlich verschoben stattfinden. Schnatz
weist darauf hin, daß die Tiefflieger-Legende auch mit
der Intensität und Modulierung der Motorengeräusche
zusammenhängen könnte., die Motorengeräusche
hörten sich ungewöhnlich an, so daß wirklich
der Schein von Tiefangriffen entsteht. Dazu kommt, daß
die Dresdner mit Luftkriegshandlungen gar keine eigene Erfahrung
hatten und schwer psychisch traumatisiert waren. So war so schon
die Wahrscheinlichkeit groß, daß äußere
Vorgänge anders aufgefaßt und erlebt wurden als sie
objektiv beschaffen waren. Eine Vielzahl von Geräuschen
affizierte die Menschen. Die Feuerstürme gehen mit einem
Prasseln und Knattern einher, aus den überreizte Nerven
leicht das von der Propaganda suggerierte und somit erwartete
Bordwaffenfeuer machen, Explosionen, wie die eines Munitionszuges
im Bahnhof Neustadt könnten auch ähnliche Eindrücke
erzeugen. Die Luftkämpfe am Tage im Elbtal taten ein Übriges.
Und die Kommandobehörden der Wehrmacht richteten ja an
ihre Flugzeugführer das Verbot
»durch zu starkes Drücken der Maschinen
den Eindruck eines Sturzangriffes entstehen zu lassen. Sie müssen
bei Flügen unter 500m alles vermeiden, was zur Verwechslung
mit einem Tiefangriff führen könnte.« [45]
Dies sollte dem Schutz gegen Beschuß durch
eigene Truppen dienen, etwa daß Flak-Kanoniere die eigenen
Flugzeuge abschießen und wenn schon Fachleute keine Tiefflieger
erkennen können, wie Otto Normalverbraucher.
Ein Stück weit erklären solche Phänomene
die häufigen gleichlautenden Zeugenaussagen. Nur gibt es
wiederum auch gegenteilige realitätstüchtige Zeugenaussagen,
die ich nicht verschweigen möchte:
Werner Ehlich berichtet folgendes:
»Dem Abschießen von Menschen durch
Bordwaffen steh ich mit Skepsis gegenüber. Ich habe den
Mittagsangriff im Gr. Garten mit selbst erlebt, an der Hauptallee
unter einem Baum liegend; da zuckelten freilich Bündel
von Stabbrandbomben auf uns nieder, aber keine eigentlichen
Geschosse. Wie ein Wunder wurde ich nicht getroffen von einer
Stabbrandbombe, die für mich greifbar wie ein Zauberbuquet
niederging und sich ausbreitete. ... Auch von Tieffliegerangriffen
die Menschen - angeblich bergeweise - hinwegrafft (sic) ist
mir polizeilich nichts bekannt geworden. Jedenfalls gehörte
ich dem II. Polizeirevier (nebst Präsidialwache) an, das
sich erstreckte zwischen Elbe - Güntzstr,. Pirnaische Str.
und Schiessgasse. Meine Kameraden hätten sonst etwas davon
erzählt.« [46]
Christian Just wirkt als ein sehr genauer Beobachter:
»Den 2. Nachangriff erlebte ich im Freien,
an der Südostecke der Kreuzung Albrechtstraße / Hans-Schemm-Allee
(heue Blüherstraße) und Johann-Georgen-Allee (heute:
Lingnerallee). Es war Ödland, auf dem man 1939 mit dem
Bau eines ,Gauforums´ begonnen hatte. An jener Stelle
hatte man mehrere Reihen von Sandsteinblöcken gelagert,
zwischen denen meine Mutter und ich uns zunächst gesetzt,
nach Ertönen der Alarmsirenen (weit weg, im Süden)
hingelegt haben. Bei diesem Angriff registrierte ich einen Zusammenhang
zwischen dem Geräusch der fallenden Bomben und deren Detonation:
wenn der Ton hoch ansetzte, kam das Explosionsgeräusch
aus ,weiter Ferne´; hörte man nur - ganz kurz - einen
tiefen Ton, erfolgte die Explosion unmittelbar darauf und in
nächster Nähe. Einmal prasselte dann danach die ausgeworfene
Erde auf meinen Rücken; der dazugehörige Bombenkrater
befand sich, wie ich am nächsten Morgen sah, in etwa 50-60
m Entfernung. Nach dem Bericht von Kreuzkantor Mauersberger
sollen auf eben dieser Johann-Georgen-Allee bei diesem Angriff
Tiefflieger auf die Menschen dort geschossen haben (Mauersberger
war allerdings nicht selbst dabei und berichtete nur, was er
von anderen gehört hat) (Einf. i. Orginal). Ich habe nichts
dergleichen wahrgenommen. Viele Tote und Verwundete lagen am
nächsten Morgen in diesem Gelände, aber es waren Bombenopfer
(auch Bekannte von uns). Wann ich auf die Elbwiesen kam, kann
ich nicht sagen, wir hatten keine Uhr dabei. ... (Wir) waren
... nach Überquerung der Albertbrücke auf der Neustädter
Seite zu den Elbwiesen hinuntergegangen, Richtung Waldschlößchen.
Dort waren auch einige Gruppen Soldaten mit Schaufeln u. ä.
Angetreten. Auf einmal spritzten diese auseinander und warfen
sich zu Boden (einer begann sogar, sich einzugraben). Wir taten
es ihnen nach. Gesehen habe ich nichts, gehört nur die
Bomber, das Geräusch der fallenden Bomben und die Detonationen.
Es schien mir aber alles weiter entfernt zu sein. Meine Mutter
sagte mir allerdings, sie haben einen Bomben-Reihenwurf - etwa
120 m seitlich von uns - in die Elbe gehen sehen. Als die Soldaten
aufstanden, taten wir es ihnen gleich. Eine Veränderung
der Umgebung habe ich nicht festgestellt. Als wir dann vor dem
Waldschlösschen den Hang hinaufgingen, fiel mir eine Reihe
nicht zu tiefer Bombenkrater auf. Ich meinte damals, sie wären
ganz frisch - also ein Ergebnis dieses Tagesangriffs-, ich war
mir aber nicht sicher.« [47]
Solche vorsichtigen Berichte sind überzeugender
als diejenigen, die schon vorgeformt nur so heraussprudeln und
von Mal zu Mal gesteigert werden, wie manche es aus Lanzergeschichten
ihrer Eltern oder Großeltern kennen. Wenn nun Autoren
wie Irving Mythen weiterhin aufrechterhalten, die sie selber
als »gefährliche Legende« der überhöhten
Zahl der Opfer bezeichnete, dann wissen sie was sie tun und
das tun sie mit Stolz:
»Mir wurde klar, dass es in dem, was ich
[über Dresden] erfuhr, um etwas ging, das wir heute wahrscheinlich
als einen Holocaust bezeichnen würden, von dem wir Engländer
damals, 1961, absolut nichts wussten. Natürlich spricht
heute jedermann über Dresden im gleichen Atemzug wie über
Auschwitz und Hiroshima. Das ist mein Verdienst, meine Damen
und Herren. Ich bin ein wenig stolz, wenn ich jedes Jahr am
13. oder 14. Februar, am Jahrestag [der Luftangriffe], die Zeitungen
lese, und dort steht etwas über Dresden, denn bevor mein
Buch zu diesem Thema erschien, hatte die Außenwelt noch
nie etwas über Dresden gehört, wo gegen Kriegsende
bei einem Luftangriff durch amerikansiche und RAF-Bomber auf
eine unverteidigte Stadt in einer einzigen Nacht 100000 Menschen
getötet wurden.« [48]
Diejenigen Deutschen, die ein Interesse an der
Unwahrheit haben, werden solche Botschaften in sich aufsaugen.
Und sie werden auch gern die Botschaft entgegennehmen, daß
zwischen der Bombardierung Dresdens und Auschwitz kein Unterschied
bestünde, wie er explizit in einem Interview sagte.
»Interviewer: Juden an Gruben aufzustellen
und mit Maschinengewehren niederzuschießen war also ebensoschlecht
wie die Bombardierung Dresdens?
Irving: Ich sehe da kaum ein Unterschiede«
[49]
Damit kann man Leuten helfen, ihre Lebenslügen
aufrechtzuerhalten. Nun haben aber die Deutschen das Morden
nicht selber beendet und ohne den Krieg der Alliierten würden
wir heute noch in einem geistig umnebelten Zustand, mit gebeugten
Rückrat arische Urlaute brüllen oder schon längst
in der Gaskammer gelandet sein. Das das nicht - nicht mehr,
nie mehr oder noch nicht - der Fall ist, dafür danke ich
den Alliierten. Die Ressentiments, die heute nicht nur den ehemaligen
Kriegsgegner, sondern auch den Opfern oder deren Nachkommen
entgegenschlagen, sprechen nicht dafür, daß die Erinnerung
an die NS-Vergangenheit bei den Nachkommen der Täter und
denen der Opfer konvergieren könnte. Und in diesem Sinne
zitiere Jean Améry zum Schluß:
»Hält unser Ressentiment im Schweigen
der Welt den Finger aufgerichtet, dann würde Deutschland
vollumfänglich und auch in seinen künftigen Geschlechtern
das Wissen bewahren, daß es nicht Deutsche waren, die
die Herrschaft der Niedertracht beseitigten. Es würde dann,
so hoffe ich manchmal, sein vergangenes Einverständnis
mit dem Dritten Reich als die totale Verneinung nicht nur der
mit Krieg und Tod bedrängten Welt, sondern auch das eigene
Herkommen begreifen lernen, würde die zwölf Jahre,
die für uns andere wirklich tausend waren, nicht mehr verdrängen,
vertuschen, sondern als seine verwirklichte Welt- und Selbstverneinung,
als sein negatives Eigentum in Anspruch nehmen. Auf geschichtlichem
Felde würde sich das ereignen, was ich vorhin hypothetisch
für den engen individuellen Kreis beschrieb: Zwei Menschengruppen,
Überwältiger und Überwältigte, würden
einander begegnen am Treffpunkt des Wunsches nach Zeitumkehrung
und damit nach Moralisierung der Geschichte. Die Forderung,
erhoben vom deutschen, dem eigentlich siegreichen und von der
Zeit schon wieder rehabilitierten Volke, hätte ein ungeheueres
Gewicht, schwer genug, daß sie damit auch schon erfüllt
wäre. Die deutsche Revolution wäre nachgeholt, Hitler
zurückgekommen. Und am Ende wäre wirklich für
Deutschland das erreicht, wozu das Volk einst nicht die Kraft
oder nicht den Willen hatte und was später im politischen
Mächtespiel als nicht mehr bestandsnötig hat erscheinen
müssen: die Auslöschung der Schande.« [50]
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Fussnoten
[1]Joseph W. Angell jr. Historical Analysis oft
the 14-15 February 1945 Bombings of Dresden, Washington D.C.
1953
[2]Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum
die Allierten den zweiten Weltkrieg gewannen. Reinbek bei Hamburg
2002, S. 150f
[3]cit. Bei Overy, a.a.O. S. 157
[4]A.a.O. S. 174
[5]»Only now are we able to measure precisely
the effect of the carpet bombing of Germany. It's clear that
the German war economy was very seriously affected by the effort
of defending against Bomber Command. Specifically, the Luftwaffe
was unable to reinforce the eastern front because of the need
to defend Third Reich airspace. This had a very serious effect
on the whole Russian campaign.« Sunday Times 15. Februar
1998
[6]»We have only now been able to show that
the bombing offensive was actually far more effective than has
previously been portrayed.« Sunday Times 15. Februar 1998
[7]Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg,
Würzburg 1998, S. 327
[8]Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum
die Allierten den zweiten Weltkrieg gewannen. Reinbek bei Hamburg
2002, S. 137f
[9]Jürgen Elsässer, Drei Dresdenlügen
in: aus: J.Elsässer, Wenn das der Führer hätten
erleben dürfen. 29.
Glückwünsche zum deutsche Sieg über
die Alliierten.
[10]Cit. bei Götz Bergander, Dresden im Luftkrieg,
1998 Würzburg S. 224f
[11]a.a.O. 226
[12]Friedrich Reichert, Verbrannt bis zur Unkennlichkeit,
in: Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Die Zerstörung Dresdens
1945,. Begleitbuch zur Austellung im Stadtmuseum Dresden Februar
bis Juni 1995, Dresden 1994, S. 40ff
[13]Götz Bergander, a.a.O. S. 95
[14]Cit. bei Bergander a.a.O. S. 110
[15]ebenda
[16]Jörn Rüsen, Geschichtskultur als
Forschungsproblem, in: Jahrbuch für Geschichtsdidaktik
Bd. 3, Pfaffenweiler 1991/92, S. 39-50, hier S. 40
[17]Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte
Schriften Bd. 5, S. 1057f
[18]Die andere Variante findet sich auf den Seiten
490f.
[19]Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 353
[20]Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte
Schriften Bd. 5, S. 580
[21]A.a.O. S. 495
[22]A.a.O S. 494
[23]Emmanuel Joseph Sieyes, Politische Schriften
1788-1790, übersetzt und herausgegeben von Eberhard Schmitt
und Rolf Reichardt, Darmstadt und Neuwied 1975 S. 102
[24]A.a.O. S. 1023
[25]Günther Anders, Die Antiquiertheit des
Menschen Bd. 1, 19877, S. 105
[26]Die Homepage ist zu finden unter der Adresse
http://home.broadpark.no/~aduus/Dresden1/dresden1.html
[27]Dok. 142: Zeitungsausschnitt aus dem Daily
Sketch, 29. April 1963 cit. bei: Richard J. Evans, Der Geschichtsfälscher.
Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozeß,
Frankfurt a.M. 2001, S. 196
[28]a.a.O. S. 200
[29]DJ 35. Max Funfack an Irving 19. Januar 1965
cit. bei Evans a.a.O. S. 201
[30]Cit bei Evans a.a.O. S. 214
[31]Cit. bei Evans a.a.O.
[32]cit..bei Helmut Schnatz, Tiefflieger über
Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln, Weimar, Wien
2000, S. 7, der erwähnte Harry ist sein Mitarbeiter Harry
Pfund.
[33]Fritz Löffler, Das heutige Stadtbild.
In: Heinrich Leippe (Hrsg.), Merian Dresden, Hamburg 1949 S.
59 cit. bei Schnatz a.a.O. S. 7
[34]Axel Rodenberger, Der Tod von Dresden, berlin
1952, S. 128 cit. bei Schnatz a.a.O.S. 8
[35]Hans Rumpf, Der hochrote Hahn, Darmstadt 1952,
S 349 cit. bei Schnatz S. 9
[36]Max Seydewitz, Zerstörung und Wiederaufbau
von Dresden, Berlin (Ost), 1955, S. 79
[37]David Irving, und Deutschlands Städte
sterben nicht, Zürich 1964
[38]Schnatz, a.a. O. S. 39
[39]Schnatz a.a.O. S. 54
[40]a.a.O. S. 61
[41]a.a.O. S. 67
[42]a.a.O. S. 69
[43]a.a.O. S. 123
[44]Karl-Heinz Mistle, Kriegsgerüchte. In:
Lebendige Volkskultur, Festgabe für Elisabeth Roth zum
Geburtstag, Bamberg 1980, S. 151
[45]Stellvertretendes Generalkommando XII. A.K.
(Wehrkreiskommando XII), Schutz deutscher Flugzeuge gegen Beschuß
durch eigene Truppen über deutschen Hoheisgebiet, 1. 9.
1941, Barch-MArch RW 17/63 cit. Schnatz S. 153
[46]Brief von Werner Ehrlich, Dresden, an Bergander
vom 2.3. 1985 cit. Schnatz S. 33f
[47]Brief von Christian Just, Freiburg i. Br.
an Ver., 20.3. 1995 cit. Bei Schnatz a.a.O. S. 34
[48]Videokassette 175: Irving im Elangani Hotel,
Durban, Südafrika, 5. März 1986 cit. bei Evans, a.a.O.
S.234
[49]Videokassette 226: unredigiertes Material
der Sendung »This Week«, 29. November 1991, cit.
bei Evans a.a.O. S. 235
[50]Jean Améry, Jenseits von Schuld und
Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten.
Stuttgart 1980 S. 124f
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