Gedenkpolitik –
was nicht passt wird passend gemacht
Die offizielle Bewertung der Ereignisse
im Laufe der Auseinandersetzungen um den 60. Jahrestag hat sich
verändert, da diese maßgeblich von der politischen
Wirksamkeit in der Berliner Republik geprägt ist. Die bereits
kurz nach dem Bombardement von der NS-Propaganda gestiftete und
in der DDR weitergeführte Geschichtsschreibung von der „völlig
sinnlosen und brutalen Zerstörung“ der Stadt, die zudem
die Ursachen des Krieges und die Opfer des Nationalsozialismus
völlig ausblendete, ist mittler weile weitgehend ad absurdum
geführt. Bis auf die Nazis als einzig gesellschaftlich relevante
Gruppe führt heute kaum jemand diese Argumentation weiter.
Im offiziellen Bild der Stadt und im Rahmen des bundespolitischen
Geschichtsdiskurses ist mittlerweile eine zeitgemäßere
und d.h. eben auch politisch brauchbarere Interpretation etabliert.
Diese Interpretation räumt eine deutsche Schuld ein, verweist
aber auf eine gesamteuropäische Verantwortung an der Shoa.
So verspricht Schröder zum 60. Jahrestages des DDay:
„Europa hat seine Lektion gelernt und gerade wir Deutschen
werden sie nicht verdrängen.“ Sie bietet Platz für
ein Gedenken an die Opfer des NS, um im gleichen Atemzug ein Gleichberechtigtes
Trauern an „deutsche Opfer“ einzufordern. Die Opfer
der Shoa werden in einer totalitären Vermengung aller Opfer
von „Gewaltherrschaft, Krieg und Terror“gleichgesetzt.
Die Singularität Auschwitzs wird verwaschen, um eine Normalisierung
im Umgang mit Deutschland in Europa und dem Rest der Welt zu erleichtern.
Gedenken an die Opfer der Shoa
in Dresden
In keiner anderen deutschen Stadt gab es
prozentual so viele NSDAP-Mitglieder wie in Dresden. Die
erste Bücherverbrennung Nazideutschlands fand in Dresden
statt; am 8. März 1933, wesentlich getragen von nationalsozialistischen
Studierenden und Hochschulangehörigen. Bis zum 1. April 1940
wurde ein Großteil der verbliebenen jüdischen Bevölkerung
in 36 „Judenhäuser“ interniert und am 23. November
1942 ins „Judenlager“ Hellerberge verschleppt; damit
war Dresden offiziell „judenfrei“. Wenige Monate später,
am 2. März 1943, wurden alle Bewohner_innen des „Judenlagers“
ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bis
dahin mussten die Jüd_innen in unterschiedlichen Dresdner
Betrieben, vor allem für die Zeiss-Ikon A.G., Zwangsarbeit
leisten, entsprechend eng war die Kooperation zwischen jenen Firmen
und der Gestapo, der SS und anderen Behörden. Die Jüd_innen
und ihr Leiden waren durchaus wahrnehmbarer Teil des wirtschaftlichen
und sozialen Lebens der Stadt. So wurden die jüdischen Menschen,
ehe ihnen ab dem 1. Mai.1942 die Benutzung von Verkehrsmitteln
untersagt wurde, mit einer gelb gestrichenen „Judenbahn“
zu den Orten ihrer Zwangsarbeit gebracht. Dies rief, wie sich
die Überlebende Henny Brenner erinnert, wiederum den Unmut
der „arischen“ DresdnerInnen her vor, da sie diese
Bahn nicht nutzen konnten und einige Minuten länger warten
mussten. „Wenn wir eingestiegen sind, haben sie uns bedroht
und beschimpft, als ob wir uns eine eigene Bahn bestellt hätten.“
Insgesamt sind über 200 Zwangsarbeitslager der NS-Zeit in
Dresden belegt, darunter das er wähnte „Judenlager“
Hellerberge 1942-43, mehrere KZ-Außenlager 1944-45 und zahlreiche
weitere, nicht wenige mit zynischen Bezeichnungen wie „Ausländerkinderpflegestätte“
oder „Reichsbahnwohnlager“.
In Dresden ist all dies fast unbekannt. Erst in den letzten Jahren
konnte die Öffentlichkeitsarbeit der Jüdischen Gemeinde
und der Christlich Jüdischen Zusammenarbeit Gehör finden.
Auch in Publikationen und Veranstaltungen zu und über jene
Zeit wird der Kontext, die nationalsozialistische Gesellschaft,
als auch die Opfer des NS heute regelmäßig erwähnt.
Mittlerweile gibt es eine Gedenktafel für die Internierten
des „Judenlagers“. Allerdings sehr dezent; wer sie
nicht kennt oder nicht sehen will, kann und wird sie übersehen
- die Opfer des NS kommen in der Erinnerung noch immer nur sehr
marginal vor. Im Dresdner Gedenkdiskurs liegt der Fokus seit jeher
auf der Bombardierung durch die Alliier ten. Nur wer ins Konstrukt
passt, die_der wird auch erinnert. Der überlebende jüdische
Dresdner Victor Klemperer etwa war von Anfang an im Diskurs präsent.
Er ist zum einen als intellektueller Dresdner seit spätestens
1920 eine wichtige Figur in der kulturellen und wissenschaftlichen
High Society und kann als Repräsentant des „Alten Dresden“
vor der Zerstörung dargestellt werden. Zum anderen war er
Opfer, nicht Täter des NS; eine Position, die besonders gemäß
der DDR-Doktrin der überwiegenden Mehrheit der Deutschen
zugeschrieben wurde. Einige wenige weitere Repräsentant_innen
der NS-Opfer kamen in den letzten Jahren hinzu - dem gegenüber
steht allerdings eine neue Hochkonjunktur von Dresden-Büchern,
-Filmen und -Merchandising in neuem, gesamtdeutschen Kontext.“
Mythos Dresden – gestern
und heute
Bevor der klassische Dresden Mythos ab Ende
der 1990er Jahre zumindest in Frage gestellt wurde, war in der
offiziellen deutschen Geschichtsschreibung, sowohl in Ost als
auch in West, weitgehend die bereits beschriebene Ansicht verbreitet,
der Angriff auf Dresden sei illegitim gewesen, da der Krieg fast
vorbei war. Diese ursprünglich nationalsozialistische Interpretation
war maßgeblich für das Entstehen des Symbols „Dresden“
als zentrale Chiffre für deutsches Leid im zweiten Weltkrieg.
Solche Geschichtsschreibung war und ist revisionistisch, verharmlost
sie doch die kausale Schuld der Deutschen am Ausbruch des zweiten
Weltkrieges, in dessen Rahmen es notwendig war, auch deutsche
Städte zu zerstören um die nationalsozialistische Kriegsmaschinerie
zu schwächen. Ebenso verdrängt diese Sicht die Opfer
der deutschen Vernichtung, der zum Zeitpunkt der Bombardierung
Dresdens mehrere Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren.
Zudem wurde in diesem Zusammenhang „Dresden“ in einem
Atemzug mit „Auschwitz“ genannt bzw. TäterInnen
mit Opfern gleichgesetzt und damit der organisierte antisemitische
Massenmord der Deutschen relativiert.
Trotz der historischen Fakten war ein einseitiges Gedenken an
die Bombardierung, wie es in Dresden über Jahre praktiziert
wurde, widerspruchsfrei möglich. Auch heute steht die Bombardierung
im Geschichtsdiskurs der Stadt Dresden an erster Stelle, auch
wenn es eine sachlichere Betrachtung der Fakten gibt. So zum Beispiel
im Begleittext zur Ausstellung „Mythos Dresden“, die
anlässlich der 800 Jahr Feier 2006 konzipiert wurde: „Die
Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 markiert eine
Etappe auf dem Sieg der Alliierten über Nazieutschland.
Der Luftangriff brachte mit rund 30.000 Toten unermessliches Leid
über die Dresdner Bevölkerung.“ (...) „Die
Bomben der Briten und Amerikaner trafen unschuldige Menschen,
aber keine „unschuldige Stadt“. Wie in anderen deutschen
Städten wurden auch in Dresden jüdische Mitbürger
verfolgt, Bücher verbrannt und moderne Kunstwerke als „entartet“
verhöhnt. Wegen ihrer geografischen Lage war die Stadt Drehkreuz
des Bahnverkehrs und zahlreiche Dresdner Fabriken stellten kriegswichtige
Produkte her. Doch schon die Nazis sprachen von der „völlig
sinnlosen Zerstörung der unschuldigen Stadt“ und konstruierten
damit einen Mythos, der sich bis heute beharrlich gehalten hat.“
Mit der Vorstellung von der "sinnlosen Zerstörung"
können sich auch weiterhin die Legenden um die angebliche
Tieffliegerangriffe und Phosphorbombeneinsätze, sowie die
militärisch-wirtschaftlich unbedeutende Kulturstadt in der
Dresdner "oral history" halten. Hier erreichen die städtisch-offiziellen
Bemühungen um Versachlichung ihre Grenzen - das jahrzehntelang
ungestörte kollektive Gedächtnis der Trauergemeinde
wird sich davon jedoch kaum beeindrucken lassen.
Totalitarismustheorie - In der Nacht
sind alle Katzen grau.
Während die offen zur Schau getragene
Ignoranz oder gar Verleugnung deutscher NS-Verbrechen an Salonfähigkeit
eingebüßt hat, etablierte sich im gedenkpolitischen
Mainstream eine andere Form der Verharmlosung deutscher Geschichte
– die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und realexistierendem
Sozialismus. Basierend auf den Annahmen der Totalitarismustheorie,
die Überschneidungen zwischen Nationalsozialismus und realexistierendem
Sozialismus zu bestimmen versucht, werden beide zu vielleicht
nicht ganz deckungsgleichen, mindestens jedoch zu annähernd
übereinstimmenden politischen Phänomenen. Die Theorie
definiert sie als Erscheinungen im Zusammenhang mit der industrialisierten
Gesellschaft und im Unterschied und Gegensatz zu einer liberal-demokratischen
Gesellschaftsordnung. Es wird die These aufgestellt, dass sowohl
Nationalsozialismus als auch realexistierender Sozialismus gleichermaßen
eine „totalitär geführte Gesellschaft“ implizieren
würden und infolgedessen in diktatorische Regimes gipfeln.
In einer lediglich ideengeschichtlichen und allenfalls noch die
Herrschaftsform berücksichtigenden Analyse werden die konkreten
historischen, sozialen und politischen Ausgangsbedingungen, genauso
wie die konträren Zielsetzungen, ignoriert. Unbeachtet bleibt,
dass die prekäre Lage des Proletariats im 19. und 20. Jahrhundert
sehr wohl real war, die „jüdische Bedrohung der nordischen
Rasse“ hingegen seit jeher eine Imagination. Auch sagt die
Totalitarismustheorie nur wenig über gesellschaftliche Ursprünge
des Nationalsozialismus aus, vielmehr trennt sie ihn genauso aus
den historischen wie auch gegenwärtigen sozialen und politischen
Strukturen heraus. Dies gipfelt im „kausalen Nexus“
des deutschen Historikers Ernst Noltes, der die nationalsozialistische
Judenvernichtung als logische Konsequenz auf den sowjetischen
Bolschewismus beschreibt und dabei den schamlosen Versuch unternimmt,
der Shoa eine „Sinnhaltigkeit“ zu entlocken. Er erklärt
die Extreme aus sich selbst.
Und so macht die Lehre vom Totalitarismus
den Weg frei für eine Geschichtsrezeption, die die spezifischen
Züge des Nationalsozialismus im Bild des “Europas der
Diktaturen“ verschwinden lässt – der Bolschewismus
wird zum ebenbürtigen Terrorsystem. Die Beantwortung der
Frage nach deutscher Schuld ist nur noch mit einem gleichzeitigen
Verweis auf Verbrechen von Menschen aus anderen Nationen und auf
die „zahlreichen unschuldigen deutschen Opfer“ denkbar.
Grenzen zwischen TäterInnen und Opfern verwischen, nicht
zuletzt indem Widerstandshandlungen gegen den Nationalsozialismus
delegitimiert werden. Dies geschieht einerseits durch den Hinweis
auf den kommunistischen Background von Widerständigen und
die beispielsweise in der stalinistischen Sowjetunion verübten
Verbrechen. Oder den Widerständigen wird die Verstrickung
eigener „Volksangehöriger“ in das NS-Regime vorgehalten,
die es doch erst einmal aufzuarbeiten gelte. Diesem Muster folgend
bleibt – ausgenommen der bürgerliche, deutsche Widerstand
– keine_r übrig, die_der sich nicht auf irgendeine
Art und Weise die Hände schmutzig gemacht hat, sei es durch
Kollaboration mit dem NS-System oder aber durch dessen –
kommunistisch motivierte – Bekämpfung. Die politische
Dimension des Widerstandes, dem es auch um die gesellschaftlichen
Bedingungen von Nationalsozialismus und Faschismus ging, wird
in diesen totalitarismustheoretischen Ansätzen diskreditiert.
Erinnerung an den Widerstand wird entpolitisiert dargeboten und
zu einem zwar emotional-bewegenden aber ansonsten weitgehend belanglosen
Part in der europäischen Geschichte. Beispielhaft manifestiert
sich das im sächsischen Gedenkstättengesetz. Unter dem
Einfluß des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung
wurde es 2003 beschlossen und darin ein unterschiedloses und analogisiertes
Gedenken sowohl an die Opfer des Nationalsozialismus als auch
an die der Nachkriegszeit festgeschrieben. Auf bundespolitischer
Ebene wurde 2004 ein ähnlicher Gesetzesantrag von CDU/CSU
aufgrund von Protesten im Vorfeld zunächst zurückgezogen.
Ihm reichte schon die räumliche Überlagerung von NS-Konzentrations-
und sowjetischen Internierungslagern, um einen Zusammenhang zwischen
den Regimen zu konstruieren. Zudem forderte der Antrag die Aufnahme
von „Opfern von Krieg und Vertreibung“ und von „zivilen
Opfern der alliierten Luftangriffe“ in das nationale Gedenkstättenkonzept.
Die Funktion der Totalitarismustheorie ist
offensichtlich, dem bürgerlich-kapitalistischen Staat wird
eine widerspruchsfreie Geschichtsschreibung ermöglicht, welche
nicht nach der Involvierung in die Bedingungen von Auschwitz und
ihrem gegenwärtigen Fortbestehen fragen muss. Darüber
hinaus wird Kritik, die über die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse
hinausweist, mit der Gleichsetzung von „rechts“ und
„links“ und der kolportierten totalitären Wesensverwandtschaft
delegitimiert. Diese Gleichsetzung setzt sich fort im Umgang mit
den Auseinandersetzungen um die Interpretation historischer Ereignisse.
Sei es der jährliche Volkstrauertag in Halbe, die jährlichen
Nazidemos zum Todestag von Rudolf Hess oder eben der 13. Februar
in Dresden. Der Naziaufmarsch in Dresden wird kurzerhand zum „Missbrauch
des Gedenkens“ erklärt, während den antifaschistischen
Demonstrant_innen vorgehalten wird, das Gedenken zu verhöhnen,
also die andere Seite der Medaille darzustellen. Übrig bleibt
ein angeblich authentischer, einzig richtiger, von jeden politischen
Interessen unbelasteter Umgang mit deutscher Geschichte bzw. dem
13. Februar, den es gegen die „Extremisten von Rechts und
Links“ zu verteidigen gilt.
Deswegen:
Kommt zur antifaschistischen Demonstration
am 13. Februar 2007, 16 Uhr,
Dr.-Külz-Ring/Altmarktgalerie in Dresden!
Deconstruct! Gegen jeden Geschichtsrevisonismus.
Deutsche TäterInnen sind keine Opfer. Nazigroßaufmarsch
verhindern. |