Zeitschrift Konkret,
Januar 2006
Gunnar Schubert
Oral Hystery
Guido Knopps "Drama von Dresden"
ist mit einem Emmy ausgezeichnet worden. Wegen seiner Authentizität.
Für diese Begründung verdient
die Jury eine Nominierung in der Kategorie Comedy.
In einer Folge der ZDF-Serie "Ein starkes Team" stöbert
selbiges während der Hausdurchsuchung bei einer schlagenden
Verbindung in den gedruckten Unterlagen. Woraufhin ein Kriminaler
ungläubig einen Buchtitel zitiert: "Dresden - Der Massenmord
der Alliierten. - Tja, so kann man es auch sehen." In keiner
Geschichtssendung des ZDF ist bislang Klügeres gesagt worden.
Der Fall spielte in Berlin. Kein Dresdner Kommissar wäre
auf den Gedanken gekommen, den Studenten mit besten Verbindungen
in die Naziszene so verächtlich anzusehen. Denn in der Elbmetropole
ist der Geschichtsrevisionismus nicht die Ausnahme des "äußert
rechten Lagers", sondern Sache aller ordinary Germans. Hier
kann man es nicht auch so sehen, so sieht man es hier ausschließlich.
Als Guido Knopp zum Jahrestag der alliierten Luftangriffe 2003
am Dresdner Elbufer stand, um dort etwas von 35.000 Bombentoten
ins Mikrofon zu lügen, war leider keine gnädige Flut
da, die den ganzen gebührenfinanzierten Unrat mit sich fortriß.
Prof. Knopps abendfüllende Dokusoap "Das Drama von Dresden"
(siehe KONKRET 3/05) ist am 21. November 2005 mit einem International
Emmy, dem Oscar der TV-Branche, für die beste Dokumentation
ausgezeichnet worden. "Daß uns ausgerechnet im Jahr
der wiedererstandenen Frauenkirche dieser prominente Preis für
eine Dokumentation über die Zerstörung Dresdens vor
60 Jahren verliehen wird", kommentierte der hocherfreute
ZDF-Chefhistoriker, "ist nicht nur Anerkennung dafür,
daß wir die richtige Filmsprache für das bewegende
Thema gefunden haben, sondern auch ein Zeichen der historischen
Versöhnung."
Als sehr authentisch befanden die Mitglieder der Jury die schwülstige
Geschichtslektion. Wie es tatsächlich um den Realitätsgehalt
dieser "Dokumentation" bestellt ist, sei im folgenden
anhand einiger Beispiele vorgeführt.
Er sei, berichtet da ein Zeitzeuge, aus einem nicht näher
benannten Kino nahe des Hauptbahnhofs gekommen. Noch ganz angetan
von dem seit Weihnachten 1944 ständig ausverkauften Film
"Frau meiner Träume" mit Marika Rökk geriet
der junge Helmut Camphausen in das Bombardement.
Warum aber zeigt Knopp zu dieser Aussage immer wieder den Schriftzug
der Schauburg, die sich seit 1927 in der Nähe des Neustädter
Bahnhofs befindet und zu Fuß 45 Minuten vom Hauptbahnhof
entfernt ist? Und warum ist der laut Untertitelung "damals
15 Jahre" alte Zeitzeuge im Offkommentar "der 17jährige
Helmut Camphausen"? Möglicherweise, im ersten Fall,
ein Effekt zur Illustration, möglicherweise eine dieser weltanschaulichen
Schlampigkeiten, die einen "der besten Filme, die in der
ZDF-Redaktion ›Zeitgeschichte‹ entstanden sind"
(Knopp) so prägend gemacht haben. Der Zeitzeuge immerhin
kann den Rökk-Film gesehen haben, ausweislich aber nur im
1916 eröffneten Prinzeß auf der Prager Straße.
Allerdings nicht am 13. Februar, denn bereits am 5. Februar waren
alle Kinos geschlossen worden. Erst im April öffneten einige
wieder. Das Prinzeß war nicht darunter, denn es wurde, wie
22 weitere Filmtheater, während der Bombardements zerstört.
Aber haben Knopps Zeitzeugen einmal Feuer gefangen, schlagen
die Flammen der Empörung hoch. "Da lief der Phosphor
richtig runter. Und das sah alles wie golden aus", erinnert
sich Katharina Brünnel, die die brennende Kuppel des Zirkus
Sarrasani von ferne gesehen haben will. Und auch der Zirkusartist
Leandro Marton-Karoly ist sich sicher: "Da muß ein
..., auch ein Phosphorkanister auf die Kuppel gefallen sein. Und
die ist dann gleich abgebrannt. Und durchgefallen, richtig in
die Manege rein." Hitlers junger Helfer Werner Hanitzsch
erklärt nach Dresdner Logik ultimativ: "Und wenn jemand
behauptet, es wäre kein Phosphor abgeworfen worden, dann
kann man nur sagen, der hat noch nie einen Luftangriff erlebt."
Während die Beteuerungen der gänzlich unschuldigen deutschen
Opfer an keiner Stelle auch nur hinterfragt werden, darf der Leiter
des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bei der Landespolizeidirektion
Sachsen Thomas Lange, der seit Jahren bei fast allen Bombenentschärfungen
dabei war, hier in Teilen widersprechen: "Ein Masseneinsatzmittel
auch im Bereich Dresden war dieser sogenannte Benzinkanister,
die gefüllt worden sind mit einer Brandmasse, nicht mit Phosphor.
Also ausdrücklich: wirklich nicht mit Phosphor. Sondern in
diese Brandmasse, es war ein Kautschukgemisch, hat man Phosphor,
weißen Phosphor, einlaboriert, der eigentlich nur die Aufgabe
hatte, wenn der Zünder unten aufschlägt - der zerplatzt,
relativ dünnwandig - und bei Zufuhr von Luftsauerstoff entzündet
sich weißer Phosphor. Und diese Zündung hat ausgereicht,
um dieses Brandgel zu entzünden. Der Effekt bei den Kanistern
ist: Wenn dieser auf eine Straße aufschlägt, zerbricht
er und die Masse spritzt dann tatsächlich meistens bis zum
ersten Stock hoch." An dieser Stelle heißt es im Offkommentar:
"Später bekamen solche Bomben einen Namen: Napalm."
Der Historiker Helmut Schnatz, der auch den Schwindel um Scharfschützen
in Tieffliegern aufdeckte und im "Drama von Dresden"
nicht zu Wort kommt, nennt Langes Darstellung ein Beispiel für
die bis heute wuchernde "Legendenbildung". Man verbreite
"die falsche Version, es seien am 13./14. Februar 1945 in
Dresden Brandkanister als Masseneinsatzmittel abgeworfen worden,
deren Füllung später als Napalm bezeichnet worden sei".
Sollte sich die vom ZDF verbreitete Version Thomas Langes durchsetzen,
könnte man in Dresden immerhin die Lüge vom Phosphor
endlich aufgeben. "Bild Dresden" hat die passende Sprachregelung
schon vorgegeben: "Bisher hieß es, Briten und Amerikaner
hätten Dresden lediglich (Hervorhebung von G. S.) mit Phosphor
gefüllten Brand- und Sprengbomben angegriffen."
"Das Drama von Dresden" mag in den USA als eine Art
Persiflage auf "Bad Ass" verstanden worden sein. Regisseur
Sebastian Dehnhardt, dessen "Stalingrad"-Film bereits
nominiert war, bestätigt diese Theorie: "Ohne die Zeitzeugen,
die ihre persönlichsten und schlimmsten Erinnerungen mit
uns teilen, könnten solche Filme nicht entstehen." Der
britische Regisseur und Schauspieler Ken Finkleman, der für
seinen bösen Humor in der Serie "The Newsroom"
ausgezeichnet wurde, sagte in seiner Dankesrede, die Deutschen
hätten sicher auch in der Kategorie Comedy "gewonnen,
wenn sie den Film ›Der Untergang‹ eingereicht hätten".
Von Gunnar Schubert erscheint in diesen Tagen "Die kollektive
Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos
wurde" (konkret texte 42)
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