| Presseartikel
zum "Dresden"-Film
Der TV-Schinken, der am 5. und
6. März ausgestrahlt werden soll, wird in diversen Presseartikeln
hochgelobt. Jedoch reicht es im Grunde diesem einen hier zu lesen
und sich ein anderes Abendprogramm zu überlegen.
25.02.06
- Tagesspiegel
Liebesbomben auf Dresden
Von Roger Boyes, The Times
Der Große Schwurgerichtssaal in Wien
hat ungleich mehr theatralisches Flair als die graue, sauerstoffarme
Moabiter Justizanstalt. Wer dort in der ersten Reihe sitzt und
wie ein Labrador mit der Nase schnuppert, kann den U-Haft-Geruch
des Angeklagten aufnehmen. David Irving, der Historiker-Provokateur,
stolzierte in den Saal aus der Habsburg-Epoche wie ein englischer
Gentleman; am Ende des tagelangen Ausgrabens seiner vielen Lügen
über Hitler und Auschwitz machte er eine müde und gebrochene
Figur. Aus seiner Richtung waberte ein merkwürdiger Geruch:
der scharfe Duft des Gefängnisses, in dem er die kommenden
drei Jahre verbringen wird. Physisch wirkte er wie einer jener
müden Männer in deutschen Städten, die ihren Ehefrauen
vorspielen, zur Arbeit zu gehen, aus Angst davor, zugeben zu müssen,
dass sie arbeitslos sind. Sie sitzen depressiv auf Parkbänken
und füttern Tauben. Ich kann mir kein besseres Schicksal
für einen arbeitslosen Holocaust-Leugner vorstellen.
Der österreichische Richter zwang Irving,
sich für seine Karriere zu entschuldigen, die daraus bestand,
die Existenz von Gaskammern und Todeslagern in Frage zu stellen.
Ich wünschte mir, Richter hier besäßen die gleiche
Autorität, um öffentlich die brüchigen Argumente
von Ernst Zündel zu zerstören, dem nächsten Nazi-Apologeten,
der verurteilt wird.
Aber vor allem wünschte ich mir, dass
den Fernsehfritzen das Erzählen des „Dritten Reichs“
untersagt würde. Sie, nicht die Zündels und Irvings,
sind nämlich die neuen Verfälscher. Da gibt es die Verzerrungen
des Quotenführers Guido Knopp, der sich künstliche Themen
sucht – Hitlers Frauen! –, um beim jungen Publikum
zu punkten. Und es gibt die Zyniker, die zweifelhafte Helden aus
bösen Menschen wie dem SS-Arzt Schenck machen – siehe
Eichingers „Untergang“.
Der nächste Revisionismus folgt zur
besten Sendezeit am Sonntag, den 5. März im ZDF: Dresden,
das Inferno. Es heißt, der Film habe 10 Millionen Euro gekostet.
Das ist die Summe, die man mir zahlen müsste, damit ich ihn
mir ein zweites Mal anschauen würde. Auf der Oberfläche
ist alles authentisch: die Hitze des Feuersturms vom Februar 1945,
der Wind, der Lärm, das herumfliegende Glas. Aber da die
Geschichte nicht nur aus deutscher Sicht erzählt werden darf
– das würde uns „in die falsche politische Ecke
stellen“, sagt Produzent Nico Hofmann –, wurde dem
Film eine britische Stimme beigefügt. Das Ergebnis: der Missbrauch
einer historischen Erzählung. Ohne den Fernsehspaß
der Tagesspiegel-Leser zerstören zu wollen, kann ich einige
der erdichteten Absurditäten enthüllen: Die Filmemacher
erfinden einen abgeschossenen, attraktiven britischen Piloten,
der – schwer verwundet – von Magdeburg nach Dresden
wandert und sich dort versteckt. Niemand merkt, dass er Engländer
ist, auch nicht die von Felicitas Woll gespielte Krankenschwester,
in die er sich verliebt. Der RAF-Pilot findet heraus, dass Felicitas’
Vater und Verlobter, beide Ärzte, krumme Dinge mit Morphium
drehen. Niemandem sonst war das aufgefallen. Unser Held (ein britischer
Held in Dresden?) geht, verkleidet in einer Wehrmachtsuniform,
auf eine Party, um den Skandal aufzudecken. Dann fallen die Bomben.
Was ist wahr, was nicht? Das ist keine verantwortungsvolle Geschichtserzählung,
das ist Gefühlsmanipulation.
Den „Untergang“ begleitete eine
Pseudo-Debatte in „Bild“ und „Spiegel“:
Darf man Hitler als sympathischen verrückten Mann darstellen
statt als Monster? Dabei hätte die wahre Debatte fragen müssen:
Stimmen Eichingers Fakten? Eine ähnliche Farce wird sicher
auch jetzt folgen: Können wir Liebe in Zeiten des Horrors
darstellen? Dabei ist das Thema: Dürfen Filmemacher historische
Erzählungen sentimentalisieren und eine ausgedachte Liebesgeschichte
so authentisch erscheinen lassen wie den grausamen Tod von zehntausend
Dresdnern? Das ist gefühlte Geschichtserzählung –
und auf ihre Weise viel verführerischer als die Lügen
von Irving, Zündel und Konsorten.
Der Kern des Problems liegt in der Weise,
in der das „Dritte Reich“ unterrichtet wird. Die Schulbücher
sind meistens ausgezeichnet, aber den Schülern wird der Eindruck
einer Geschichte vermittelt, die nicht nur böse, sondern
auch anonym ist, ohne Stimme oder Gesicht. Das ist, sagen Schüler,
langweilig. Filmemacher wissen um diesen Hunger nach Farbe in
der Darstellung jener Zeit. Die Versuchung, Geschichte für
Teenager leichter verdaulich zu machen ist also sehr groß
– warum sonst Felicitas Woll als Heldin in einem Dresden-Epos.
Programmhinweis: Im Ersten läuft wie gewohnt ein Tatort.
Schauen Sie sich lieber den an.
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