Sächsische Zeitung
Dresden, 06. Februar 2005
Gegen Lügen und Missbrauch
Erinnern. Die Dresdnerin Nora Lang hatte die Idee der Rose als
Symbol zum Gedenken an alle Opfer von Terror und Gewalt.
Wie kamen Sie auf das Symbol der Rose?
Nach den Angriffen am 13. und 14. Februar
1945 fanden mein Vater und mein Bruder in den Ruinen unseres Hauses
an der Holbeinstraße einen Stoß Teller. Darauf waren
zwei ursprünglich in roten und grünen Schattierungen
gemalte Rosen abgebildet. Eine Rose war schwarz verbrannt, die
andere jedoch unangetastet. Das Feuer konnte die Teller weder
zerstören noch das Rosenpaar trennen. Für mich waren
diese beiden Blumen nebeneinander wie ein Symbol.
Was bedeuten die Rosen für Sie?
Die verbrannte gehört einer traurigen Vergangenheit an, die
andere symbolisiert die Zukunft und das, was wir daraus machen
können.
Besitzen Sie die Teller noch?
Ich hatte zwei davon. Einen habe ich kürzlich
im Rahmen eines Geschichts-Workshops im Dresdner Bertolt-Brecht-Gymnasium
übergeben. Den anderen hatte ich vor Jahren den Überlebenden
der deutschen Bombardierung von Guernica zur Verfügung gestellt,
die ihn dort in ihrem Museum ausgestellt haben. Dadurch ist der
Teller nicht mehr nur ein Symbol für Dresden, er ist auch
eines für Guernica geworden. Es soll Menschen verbinden,
die die Erinnerung an eine ähnliche Katastrophe teilen.
Wann kam Ihnen die Idee, das Symbol auch
wieder für das Gedenken in Dresden zu nutzen?
Ich gehe jedes Jahr am 13. Februar zur Kranzniederlegung
auf den Heidefriedhof. Dort sind ja viele Tote der Bombenangriffe
bestattet, außerdem stehen dort die Stelen, die an die Kriegsgeschehnisse
in Lidice, Bergen-Belsen, Coventry und anderswo erinnern. Und
ich betrachte es mit großer Besorgnis, dass dieser Friedhof
jedes Jahr missbraucht wird für solche revanchistische Parolen
wie „Keine Vergebung“ oder Lügen über „200
000 Tote“ und ähnlichen Unsinn. Wir Überlebenden
stehen aber ein für Vergebung und Versöhnung und lassen
uns diese falschen Parolen und Lügen nicht unterschieben.
Deshalb wollen wir, dass sich möglichst viele Dresdner auch
in diesem Jahr dorthin begeben und auf Gräbern und an den
Stelen Rosen niederlegen als Zeichen gegen diesen schändlichen
Missbrauch. Dabei hatte ich die Idee, die Rose als Symbol für
alle Opfer von Terror und Gewalt zu nutzen.
Es gibt bereits einige Menschen, die sich
daran stören, dass man ein bereits bestehendes Symbol –
für die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“
um Sophie und Hans Scholl – dafür nutzt.
Ich weiß. Mir ist die Farbe egal.
Für mich persönlich ist vor allem wichtig, dass es sich
um eine Rose handelt. Wer Blumen niederlegen will – egal,
ob auf dem Heidefriedhof, am Altmarkt oder an der Synagoge –,
der muss auch nicht unbedingt weiße Rosen dafür nehmen.
Ich hoffe sehr, dass die Menschen die Rosen in Dresden als eigenständiges
Symbol begreifen und sie nicht mit einem Zeichen der Widerstandsgruppe
verwechseln. Schließlich sind wir, die Überlebenden,
keine Widerstandsgruppe.
Das Gespräch führte Oliver Reinhard
Ab Montag sind künstliche Rosen zum
Anstecken kostenlos in allen Dresdner SZ-Treffpunkten erhältlich.
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